Der Schutzumschlag

Eine Beschreibung des Schutzumschlags der Geschichten aus Hinterindien:

Professor ‚triple u‘ sandte mir einst ein Foto aus Wettingen. Einen Schnappschuß, durch ein Schaufenster geblitzt. Trotz kleiner Mängel faszinierte mich das Bild. Die Arbeitsweise erinnerte an Arbeiten von Henri de Toulouse- Lautrec. (1)  Die Vergrößerung am Bildschirm zeigte, es ist eine Lithographie. Den Titel: “Odeon“ konnte ich entziffern. War es Abzug 142 von 300? Der Name des Künstlers blieb ein Rätsel.

Eine attraktive Frau im rückenfreien Schwarzen prägte sich sogleich ins Auge. Die herausfordernde, schwungvolle Darstellung regte meine Phantasien an. Vier bescheuerte Typen, sie lungern mit trockenen Lebern im Odeon herum, erfaßte ich erst später. Links neben der Frau, etwas im Hintergrund an der Theke, sitzt ein sich entwickelnder Glatzkopf – mit Säufernase, Schnauz und rotweissen Ringelsocken – am Abgrund. Sein Glas hält er krampfhaft am Kelch fest, nicht am Stiel. Hat er, verursacht durch reichlichen Alkoholgenuß, waren es dämliche Weibergeschichten – ebenfalls denkbar wäre eine Kombination von Bräuten und hochprozentigem Alkohol, ein übles Leiden und muß nun diskret sein Getränk aufwärmen? In Hinterindien würde ich keine Gedanken darüber verschwenden.

Zwei Herren stehen auf der rechten Seite, einer davon mit augenbeschattendem Fedora. (2) Der Hut kombiniert mit Mantel könnten auf einen Schnüffler oder Zuhälter hindeuten. Sie diskutieren wie professionelle Viehhändler am Langnauer Markt im Emmental. Thema: Vorzüge und Mängel des Objekts. Erlernte Körperkonditionsbeurteilung wie Euter, Milchleistung und Gebärfreudigkeit des Beckens. Nur der sitzende Gast rechts, läßt sich außer dem Genuß eines Glimmstengels, zwischen hinterindischem Joint bis ‚Villiger* mild‘ ist alles möglich, durch nichts ablenken. Es ist aber offen, ob er durch die Brille getarnt, gebannt auf ihr bemerkenswertes Fahrwerk starrt.

Ein flüchtiger Blick auf den Kellner, er hantiert kaltblütig am heißen Kaffeeautomaten, erinnerte mich an einen Herrn, welchen wir von Briefmarken und Banknoten kennen. Nur seine Kamera fehlt. Die Ähnlichkeit fiel mir erst beim Schutzumschlag auf, weil diese Person durch den Buchrücken vom Rest getrennt wird. (3)

Ganz rechts auf einem Tischchen steht ein Cocktailglas, in Seitenansicht ein dreieckiger Kelch, mit einer typisch grell-roten Flüssigkeit. Es löste in unserer Zweisamkeit eine Campari-Soda-Manie aus. Wir besorgten uns den Low-Alkohol-High-Preis Aperitif und fanden die entsprechenden Gläser in Chiang Mai. Auf youtube entdeckte ich die Campari Hymne mit Stephan Eicher. (4) Der minimale Unterschied:  durchs Fenster sehe ich keine zwei Turbinen, sondern die heiße Biene auf der unglaublichen Litho.

Bei der Durchsicht einiger Bilder meinte hmh, das sei der ideale Schutzumschlag für die Geschichten. Die Suche nach dem Künstler war nicht einfach. Profuuu wanderte auf meine Bitte zur einstigen Galerie. Er fand sie nicht mehr. Anstelle ewig währender Werke, bot man kurzlebige Schnittblumen, Rosen und Orchideen an. Bevor ihr teures Geld in welkendes Gemüse investiert, kauft wohlfeil ein Gemälde – wie van Goghs Sonnenblumen. Die halten erstens lange und gewinnen bereits während des Betrachtens an Wert. (5)

Ich suchte im Internet nach Galerien und Künstlern in Wettingen. Einige Adressen, darunter der unbekannte Gesuchte, sandte ich an hmh in Deutschland, der die Künstler brieflich anfragen wollte. Das war nicht mehr nötig. Nompang kannte das Bild, kannte den Künstler und war uns außerordentlich wohlgesinnt. Für mich wurde die Korrespondenz schwierig, weil ich in der Angelegenheit plötzlich drei mal Hans unterscheiden mußte, nämlich Fitze, hmh, und Nompang. (6)

Besten Dank an Hans Fitze,  Profuuu,  nompang und Hans M. Hensel.

Es wäre natürlich wissenswert, was Hans Fitze selbst über sein Werk erzählt. Vor langer Zeit befragte ich als denkfauler Ruheständler einen wortkargen Illustrator über ein Bild. Seine karge Antwort: “Wenn ich reden wollte, würde ich anstatt malen schreiben.“

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Henri_de_Toulouse-Lautrec 
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Fedora_(Filzhut)
(3)
http://www.siamstamp.com/catalogue/index.php?id=962&PHPSESSID=1eb8abb4690ecaec0471559df70bf4b5
(4)
http://www.youtube.com/watch?v=cl9DJNdteGo
(5)
http://www.youtube.com/watch?v=hFxwFGaw4wg
(6)
http://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenblumen_(van_Gogh)
(7)
http://www.hansfitze.ch/

* Familie Villiger, erfolgreiche Stumpenfabrikanten, seit 1888 weltweitem Nikotinhandel, (Die Dinger sind besser als ihr Ruf. Ich rauchte das Zeug und überlebte.) ebenfalls im Fahrradgeschäft tätig. Herr Villiger, ex. Bundesrat, schob danach schweren (Tabak)Nebel im rufgeschädigten Direktorium einer Universellen Bank der Schweiz.

Odeon
http://www.odeon.ch/de/geschichte.php

7 Gedanken zu „Der Schutzumschlag

  1. Dame und Campari Soda – stimmig.
    Eidrucksvolle Bildbetrachtung, lieber Low.

    Muß aber doch ein wenig „meckern“ – nett sein
    kann schließlich jeder ;-) Noch 3 Tage bis zur
    nächsten Geschichte kommen mir lang vor. Und:

    Bei (2) und (5).. keine Info. Phi Bug mal wieder?

    mfg kmr

  2. Werter Kommentator kmr,
    der Name kommt mir bekannt vor. Danke fürs Meckern.
    Phi Bug schlug wieder zu, denn ich soff den Campari by myself. Nr.2, Fedora ist gut. Aber den van Gogh erwischte er voll am Ohr! Ich werde die Links überprüfen und korrigieren, d.h. ich lasse, wenn immer möglich, einen dieser Verschiebungsattentäter wirken.

    Phi Bug ist Sieger!
    Ich wechselte Links, von Deutsch auf Englisch. Keine Abhilfe. Im Gegenteil, Fedora, Nr.2, blieb danach auch stecken.
    Die einzige Empfehlung, klickt selbst weiter. Ihr wisst, nach was ihr siucht. Das Thema werde ich bei Gelegenheit
    weiter verfolgen.

    Drei Tage sind nichts, wenn Du weißt, wir feierten Songkran. Die Schnapsleichen sind am Ausnüchtern. Es regt sich nichts im Dorf, ausser Kakerlaken, Ameisen und einem Farang mit Mäuschen, Tastatur und Campari Soda.
    Eidruck habe ich öfters selbst
    Prost.
    Low

  3. Low, die Lady und ihr knapper Schutzumschlag,
    faszinieren und wenn auch keiner der 4 Milord-Format
    hat, so kam mir doch ein deutliches Stimmungsbild in Er-
    innerung, dass evtl. zu einer ODEON-Atmosphäre passt.

    Die Dame verstehe ich zwar nicht, aber das soll auch
    bei gleicher Muttersprache nicht selten vorkommen.

    Gruß, Rudi.

  4. Fred Tschanz prägte über Jahrzehnte die Zürcher Beizenszene. Zu seiner Firma gehörte ebenfalls das meinen Lesern bekannte Café Odeon am Bellevue. Herr Tschanz verstarb am 20.12. 2012 im Alter von 83 Jahren in einem Zürcher Spital.

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