Zahlen bitte

Eine Ureinwohnerin aus Singapur mit Schweizer Uhr, rief vor einem halben Jahrhundert nach einer Bewirtung in Helvetien die Bedienung, – sie wartet nicht mehr, und fragte: „Kellner, können sie bitte die Rechnung bezahlen?!“
Mir geht es hier dagegen als freidenkender Exhibitionist um fast nackte Zahlen.

Bloggen ist für viele nicht nur eine Sucht, es ist eine Industrie geworden. Täglich kreieren komische Käuze Beiträge. In WordPress allein produziert das Bloggerproletariat gegenwärtig im Monat 31.7 Millionen Artikel. Die wiederum lösen 39.7 Millionen neue Kommentare aus. Nur nicht bei mir. Das ergibt im Monat 384 Millionen Leser für mehr als 3 800 Millionen Seiten. Tendenz steigend. Der deutschsprachige Anteil ist unter 2 Prozent. Spitzenblogs schaffen im Monat 100 000 Zugriffe und mehr. (1) Neben WordPress gibt es Dutzende weitere Bloganbieter. Zum Glück funktioniert der Unfug papierlos, sonst würde sogar Klopapier knapp und teuer.

Hinterindien wird gelesen. Aber bedeutend mehr Klicks gibt es immer noch im TIP Forum. Dort gab es Moderatoren, die behaupteten, Links seien für die Katze. Sie, die Links, würden nicht beachtet und seien unnötige Platz- und Zeitverschwendung. Bei WordPress ist es mir möglich, diese Abrufe zu verfolgen. Es gibt nur sehr wenige unbeachtete Hinweise. Ich sehe in einzelnen Statistiken, welche Beiträge interessant waren. Komischerweise fand Dorfklatsch innert Kürze mehr Leser als seriöse Reiseberichte. Nach längerer Zeit erfolgte ein Ausgleich.

Reiseberichte: Weil ich in Aufsätzen Stichworte verwende, verfolgte ich Orte wie Bangkok, Chiang Mai und weitere Destinationen bei WordPress. Es gibt für sämtliche grösseren Ferienorte, nicht nur in Thailand, unzählige Berichte von Besitzern intelligenter, transportabler Kommunikationsmittel. Diese machen geographische Ortsbestimmung, Fotos, Tonaufnahmen, Filme, Texte und aus einst postkartenschreibenden Touristen Heerscharen gelangweilter Blogger. Die schnellen Seelenergüsse teurer Unternehmungen oder sensibler Rucksacktouristen sind fast standardisiert abgedroschen. Nur die Namen der Teilnehmer, der Orte, Hotels, Bars, die Speisen und die Biersorten sind unterschiedlich. Das TIP Forum bietet wesentlich mehr Informationen, weil meist auf Fragen eingegangen wird, ohne halbe, zudem veraltete Reiseführer zu zitieren.

Die Reiseberichte vorbloggerischer Zeitrechnung wie Goethes Italienische Reise  dürften als eindrückliche Klassiker mit eigener Problematik unsterblich sein. Italien bestand für Goethe aus Landschaften, welche Generationen von Literaten vor ihm als Idyllen- und Arkadienliteratur des 18. Jahrhunderts suchten und herbeischrieben. Goethe glaubte, sie nun in Wirklichkeit gefunden zu haben. (2) Das waren schlicht die damaligen Reiseprospekte, welche ganz ohne Farbfotos Phantasiewelten vorgaukelten.

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn! 

Auf ähnliche Weise bot Kuoni Ende der sechziger Jahre Thailand an. Reiseprospekte, und nur diese, blieben unvergessen im Kopfe eines Freundes http://wp.me/p2ljyL-hm
Er fand sich nur sehr schlecht mit der, zugegebenermassen bitteren, Realität ab.

(1) http://en.wordpress.com/stats/
(2) http://www.reise-nach-italien.de/goethe-italien1.html

5 Gedanken zu „Zahlen bitte

  1. Lieber Low, Qualitaet wird seltener verschlungen als suesses oder wuerziges Sprachgeklingel – das ist ein alter Hut. Mit Deinen treffenden Berichten vom Dorfgeschehen warst Du immer deshalb so erfolgreich, als Du mit ihnen die Maske des immerwaehrenden Laechelns aus dem Gesicht der Thainachbarschaft gezaubert hast. Deine Reisebrichte moegen bisweilen weit mehr Tiefgang gehabt haben, sie interessieren aber eben auch viel mehr diejenigen von uns, die eigentlich immer einen gepackten Rucksack in der Ecke stehen haben. – Deine Berichte werden selten kommentiert? Der Grund dafuer wird sein, Dass Deinen Berichten meist nichts sinnvolles mehr hinzuzufuegen ist. Betrachte es also als Kompliment, wenn nicht jeder seinen Senf hinzufuegen muss, um ein Thema abzurunden. Ich warte auf weitere Geschichten aus Hinterindien. Wolfram

    • Danke Wolfram.
      Johann Wolfgang von Goethe, deutscher Dichter, 1749-1832, sprach:
      “Die guten Leute wissen gar nicht, was es für Zeit und Mühe kostet, das Lesen zu lernen und von dem Gelesenen Nutzen zu haben; ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht.“
      Nach meiner Berechnung ist bei WordPress das Verhältnis Beiträge und Kommentare 1.25.
      Da sollte ich mit 70 zu 100 zufrieden sein. Aber ich lechze nach scharfem Senf. Low

  2. Das mit den Reiseberichten sehe ich ähnlich, und der Vergleich mit den Postkarten von früher gefällt mir gut. Den Goethe habe ich zwar nicht gelesen, dafür vieles andere. Ich versuche aber auch, Erzählungen wie Reiseberichte zu lesen. Dann ist wenigstens noch gute Unterhaltung dabei. Meistens jedenfalls. Grüße. Leo

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