Pech

Khun Ding erhob sich üblicherweise im Morgengrauen. Er hing seine ausgebleichte, verwaschene, dünne Decke an einen krummen, rostigen Nagel in einem Balken und schaute als erstes nach seinen Tieren.
Die Nachbarn kochten bereits aromatische Süppchen aus Knochen, Zitronengras, Chili und Galanga. Es roch in der feuchten Luft nach verbranntem Gummi. Holzkohle war fast unbezahlbar. Auch beim Gas musste man sparen. Reis und Gemüse waren kaum noch gefragt am Markt. Billige Importwaren zerstörten die Preise. Sprachfetzen aus den Fernsehgeräten vermischten sich mit dem Gegacker der Hühner, dem Heulen der Hunde und dem Knattern der Motorräder.

Heute war alles anders. Ding lag leise stöhnend am Schlafplatz. Wiederholt versuchte er sich zu erheben. Röchelnd brach er kraftlos zusammen. Frau und Kinder bemühten sich vergeblich, den Alten irgendwie aufzustellen. Suppen, Reis oder Lao Khao mochte er nicht.
Nach einigen Stunden dämmerte die Gewissheit im Letzten der wenig gebildeten Köpfe des Dorfes: Ding war ernsthaft krank. Ein Phi schlug verborgenerweise in den dunklen Schatten der Nacht zu. Der Zauberer und Hexenmeister des Weilers wurde gerufen.
Er prüfte den Puls des Darniederliegenden. Er blies ihm Schnapswolken ins bleiche Gesicht. Er ölte die Stirn des Kranken. Er opferte Weihrauch und feuerte riesige Dampfschwaden. Dann schlitzte er unter starken Zaubersprüchen und mit magischen Gesten einem schwarzen Huhn die Kehle auf. Ding blieb liegen.

Die verstörten Kinder starrten mit Rotz in den Nasen und mit verweinten Augen auf den schmierigen Bildschirm des halbblinden Fernsehers, während sich eine emsige Spinne über eine Fliege im Netz hermachte.
Später holten Verwandte Ding mit einem revisionsbedürftigen, russenden Kleinlaster. Sie brachten ihn ins Krankenhaus nach Phitsanulok. Hunderfünfunddreissig harte Kilometer ohne weiche Unterlage oder Schatten auf der Ladefläche.

Ding war nicht der einzige Hilfsbedürftige. Ein riesiges Gedränge versperrte den Zugang. Immer wieder versuchten verzweifelte Menschen einen kleinen Vorteil auszunutzen und zu den Göttern in weiss vorzudringen.
Die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, als Ding endlich auf eine matratzenähnliche, dünne Unterlage gelegt wurde. Die medizinischen Abklärungen hatten angefangen. Dings Frau schätzte sich glücklich und dankbar. In wenigen Tagen wären sie wieder zu Hause, bei Klebreis und Papaya Salat.

Das Krankenhaus war ein Bienenstock mit vielen Waben. In all den weissen Waben standen Apparate und Maschinen mit hunderten von Lämpchen. Die Geräte summten, brummten und spuckten Papiere aus. Bebrillte Leute diskutierten ernsthaft die langen Papierstreifen, als wären es Zeitungen. In diesem Labyrinth wurde Ding hunderte von Metern geschoben und immer wieder aufs Neue untersucht. Die holten die letzten Blutstropfen aus Armen und Fingern, injizierten Flüssigkeiten aus Spritzen und Flaschen in sämtliche Körperteile. Dazu gab es Pillen in allen Formen und Farben des Regenbogens. Da wurde geschmiert und geölt. Keine einzige, noch so winzige Stelle des Körpers ging vergessen.

Dings Erkrankung blieb ein Rätsel. Der Oberdoktor, der Herr aller Doktoren, sprach langsam  und hart drei Buchstaben:“ MRI!“
Einer der Ärzte unterhielt sich mit Dings Frau. In Chiang Mai stehe eine ganz neue Maschine. Nichts im Körper bleibe damit unentdeckt. Allerdings sei die Untersuchung nicht ganz gratis. Fünfzehn bis zwanzigtausend Baht müsste man schon rechnen. „Hat die Familie Geld? Hat die Verwandtschaft Geld?“
“Geld, in diesen Mengen?“ Sie schüttelte den Kopf: “Nein.“
Der letzte höhere Betrag sei ein Schulgeld gewesen und dann kleine Raten fürs Motorrad.

Im Dorf diskutierte man eifrig über das Suan Dok, oder Maharaj Spital in Chiang Mai. Die könnten dort alles. Neues Herz, bitte! Frische Niere zum Frühstück, kein Problem. Die Ärzte seien so erstaunlich gut, die Krematorien wären arbeitslos. Aber Geld, lausiges Geld, war keines aufzutreiben.

Dennoch legte man Ding eines frühen Morgens in einen Minibus. Sechs Stunden lang harrte der Kranke aus. Er ertrug das Schütteln, das banale Geschwätz, den Gestank nach Esswaren, Schweiss und schmutzigen Füssen im vollgestopften Bus. Er wartete geduldig auf sein persönliches Wunder.
Dann lag er lag voller Hoffnung in einer Reihe anderer Patienten. Die Stunde der Wahrheit kam in Form einer fülligen Kassiererin. Und als keine Scheine die Besitzer wechselten, bettete man den Schwerkranken, er war nicht der Einzige, zurück in die Warteschlangen für die Minibusse.

http://www.leckerbisschen.de/thailand-typisch/lachende-werbung.html

3 Gedanken zu „Pech

  1. Es schüttelt mich, wenn ich solche Geschichten lese. Bei Deinen Beiträgen ist mir schonmal der Widerspruch zwischen der lachenden Werbung und der traurigen Wirklichkeit aufgefallen. Bei uns in D gucken die Models zwar gerne gelangweilt, damit sie nicht von den Produkten ablenken. Aber die Lücke zwischen Werbung und Wirklichkeit läßt schaudern. Vor allem wenn es ums Überleben geht. Ansonsten mal wieder danke für die Infos aus der Ferne. Leo

    • Danke Leo
      Diese Berichte stammen aus dem Land des Lächelns. Das Leben ist endlose Show. Sie lässt die Realität vergessen. Nur ein Trottel trampelt dauernd in den Kulissen und sieht all die leeren Schminktöpfe und die verrottenden Dekorationen.

  2. fantastic publish, very informative. I wonder why the other specialists of this sector do not notice this. You should proceed your writing. I am sure, you’ve a huge readers‘ base already!

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