Teures Nibbana

Zwei Wochen Vorbereitungen für sechs Tage fragwürdiges Mönchstum empfand ich als krass. Gäste reisten zusammen gezählt zehntausende von Kilometern mit Bahn und vorwiegend Automobilen. Das bedeutet nicht Stickoxyde und Luftverschmutzung, sondern Karma! 

Der Wunsch einer verstorbenen alten Frau wurde mit immensem Aufwand erfüllt. Die geglückte Inszenierung mit all den Spenden, Geschenken, Kleidern, Haartrachten und sonstigen Kleinigkeiten dürfte einige Hunderttausend Baht gekostet haben.
Dabei hatten lebende Mumien wie ich, eindeutig das Nachsehen. Das Theater ist nicht vorbei.
Anstatt sich mit kalten, frühmorgens eingesammelten Nahrungsmitteln zu begnügen, lud sich der Abt zum frisch zubereiteten Mittagessen bei seinem ehemaligen Mönch ein.
Die Safrangewandeten kriegten in den letzten Wochen mehr warme Mahlzeiten als ich. Aus reiner Notwehr griff ich zu Kochtöpfen.

Vielbeschäftigte Mönche segnen Häuser, Banken, Einkaufszentren, Neugeborene, Schüler, Verstorbene, Fahrzeuge, Flugzeuge, Panzer, Schiffe und Kanonen. Da ist jeweils ein opulentes Mahl verbunden mit grosszügiger Geldspende vor Mittag inbegriffen.
Während die geistlichen Herren nach der Ausübung ihrer heiligen Riten tafeln, wartet das gewöhnliche Publikum, um sich anschliessend gierig auf reichlich Reste zu stürzen.

“Weck mich bitte um sechs“, sagte Dick am Sonntagabend: “Ich muss früh auf den Markt.“  Während Wochen wurden Einkäufe fürs Haus vergessen und vernachlässigt. Aber für Hochwürden mit Anhang ist ausgiebig Zeit, Musse und Geld vorhanden. Da gelten für verwirrte Farang plötzlich neue, unbekannte Massstäbe.

Fünfzehn fettleibige Schwätzer(innen) meldeten sich nach eingehender Befragung als Mitesser an, als sie den einstigen Mönch beim erneuten Frühjahrsputz innerhalb von zwei Wochen beobachteten. So sorgt tiefer Glaube für intensive Reinlichkeit, hochgradige Hygiene und überflüssige Kalorien.

Im Land des ohne Socken Lächelns stehen über dreissig Tausend Tempel. Dreihunderttausend Mönche beten darin. Die für Touristen attraktivsten Wat wurden durch zahlungskräftige Monarchen errichtet. Zahlreiche Bauten entstanden durch Spenden der Bevölkerung. Es gab und gibt immer wieder Personen, welche in kürzester Zeit immense materielle Werte anhäuften. Wenn plötzlich die selbsterschaffene Glitzerwelt durch Leid, Krankheiten und unvermeidlichen Tod getrübt wurde, flossen und fliessen riesige Summen für Tempelerweiterungen oder Neubauten. Irgendwo im Kleinhirn versteckt lauert das Wort Karma!

In der Umgebung zerfallen leider ältere, durchaus sehenswerte Anlagen mit erlesenem Handwerk lokaler Künstler. Dagegen schiessen neue Wat industrieller Fertigung, wie in Europa einst Banken und Tankstellen, wie Pilze aus dem Boden. Niemand kann sich erlauben, gegen (profane) sakrale Bauten Einspruch zu erheben. Das Kasikorn Research Center ermittelte, dass allein in der Mönch-Versorgungs Branche pro Jahr ungefähr 10 Milliarden Baht umgesetzt werden.

Die Firmenpolitik entzieht sich diesen Einflüssen nicht. Es gibt keine Einkaufszentren und Fabriken ohne Geisterhäuser. Ein Teil des Profits tröpfelt in die Tempel. In meiner Sammlung fehlen nur noch Bilder christlicher Kirchen oder Moscheen mit gepflegten Geisterhäusern.

Der Lebensstandard Angestellter staatlicher Betriebe im Dorf übertrifft deren Lohnsummen bei weitem. Die Direktoren solcher Unternehmen scheffeln ganz nebenbei Millionen. Um günstiges, leicht zerbrechliches Karma zu fördern und zu schmieren, fliessen gewaltige Summen der Vorgesetzten und der Belegschaften in die Tempel.
Kein distinguierter Herr Direktor würde einem ehrwürdigen Abt einen Scheck zustellen lassen. Spenden will zelebriert sein. Diskretion und Bescheidenheit wären Todsünden.

Geldstaude

Geldstaude

Spezialisten verwandeln Bananenstauden in Geldbäume. Eine präparierte Staude könnte locker eine Million tragen. Aber es ist eindrücklicher, mehrere Geldbäume in langen Prozessionen zu den Tempeln zu bewegen.
Eine Brigade kräftiger Schlagzeuger sorgt mit durchdringendem Lärm für Aufmerksamkeit. Auf Schwerhörige wirken Fahnen, Banner und buntgekleidete Tänzerinnen. Ausserhalb der Wahlkämpfe sind Laster mit Lausprecherwänden und Popmusik preiswert. Sie provozieren, selbst in krankhaft wirkenden Fetthaufen unter den Zusehern, rhythmisches Muskelzucken. Danach folgen auffällig dekorierte Kleinlaster mit den Geldbäumen.
Dahinter fahren all die Angestellten samt Familien in sauber gewaschenen, auf Hochglanz polierten Fahrzeugen. Verschämt versteckt surrt eine Luxuskarosse. Neben einer unter schwerem Goldschmuck unsäglich leidenden Schönheit, sitzt selbstbewusst der erfolgreiche Buchhalter des Unternehmens am Steuer. Karma. Ich war dabei, mit gebügeltem Anzug, Krawatte und leerem Geldbeutel.

Gebeutelt
Low

http://de.wikipedia.org/wiki/Stickoxide

2 Gedanken zu „Teures Nibbana

  1. Hallo Low, herzlichen Dank für die detaillierten Einsichten in die Social Responsibility. Du hast ja offensichtlich keinen Ressourcenaufwand gescheut, um für diesen Beitrag zu recherchieren. Das Lächeln ist im Land des Lächelns nicht nur hinterhältig, sondern auch arrogant.
    Beim Lesen des Beitrages kam mir die Idee, den Hausputz mit Trommelspiel zu unterstützen. Die Idee kam bei meiner Frau leider nicht gut an. Dass sie sich jetzt ihr Karma vergeigt hat, ist ihr egal. Was tun?
    Grüße
    Leo

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