Kein Stuhl und dennoch hundert Pfeifer

Vor allem auf dem Land suchen wir in Häusern der Einheimischen vergeblich Stühle. Das ganze Leben findet auf dem Boden statt. Schlafen, trinken, essen, kochen, zeugen, gebären und sterben. Stühle sind für die Katze – Hundeschutz.
Beim Bechern mit Lao Khao und anderen geistigen Getränken in Bodennähe, wirken sich die Fallgesetze der bösartigen Farang Galilei und Newton weniger krass aus. (1) Apfelbäume um das Haus gibt es ohnehin keine.
An heissen Tagen räkelten sich früher meine hübschen und die weniger reizvollen Besucherinnen mehr oder weniger entblösst auf den kühlen Fussböden. Die waren anfänglich aus Teakholz, später aus Keramik. Sofa, Seiden-Kissen und Stühle fanden keine Beachtung.
Auf manchen Märkten, ausgenommen sind Grossstädte, sitzt die Mehrzahl der AnbieterInnen auf dem Boden. Eine weitere Ausnahme ist in unserer Nähe der Kad Farang. Da wird seit zehn Jahren gebaut, abgerissen und erneut aufgebaut. Meine eingebaute, bauernschlaue, schnapsgeschädigte Sensibilität meldete: Geldwäsche pur.

Kad Farang  -  Teilansicht 2007

Kad Farang – Teilansicht 2007


In der anfänglichen Blütezeit gab es sechs Restaurants, Thai, Italienisch, Französisch, alles was verwöhnte Mägen begehrten. Bloss ein einziger Betrieb überlebte. Die anderen wurden abgerissen. Es gab museumsartige Ausstellungshallen für gestohlene und gefälschte Kunstobjekte, vorwiegend im Thai oder Khmer Stil. Die grosszügigen Räume, sowie die schwergewichtigen Luxusobjekte, verschwanden praktisch über Nacht. Jetzt wird wieder gebaut, protzig, zweistöckig, ein neuer Kad Farang.
Wo gebaut wird braucht es Arbeiter. Einer der Vorarbeiter lebt mit seiner gesamten Truppe in einem grösseren Haus im Dorf.
Es könnte zehn Tage her sein und es war aussergewöhnlich heiss. Der Mann kam  kurz nach siebzehn Uhr von der Arbeit zurück. Er betrat Khun Poos ‘Tante Emma Laden‘. Poo war vor vielen Jahren meine geschätzte Haushälterin. Er verlangte trockenen Halses mit brüchiger Stimme eine Flasche `hundert Pfeifer`. 100 Pipers ist ein populärer, äusserst preisgünstiger Scotch. Ich empfehle ihn speziell zum Entfernen von Öl- und Fettspuren an Fahr- und Motorrädern. Auf dem bunten Etikett der Flasche prangen Dudelsackpfeifer, nicht ganz hundert, wie der Name vortäuscht.

In Thailand wurden um 1921 auf Wunsch des Königs Rama VI in Grossbritannien Dudelsäcke bestellt. Er wollte damit seine marschierende Sua Pa, das `Wilde Tiger Korps` ausrüsten. Sua Pa war eine königliche Garde Einheit, die bisher die Oboen-artige ‘Pi Chawa‘ benutzte.
Die Dudelsäcke wurden prompt und inklusive Bedienungsanleitungen geliefert. Aber keiner der wilden Tiger war fähig, ein fremdartig kompliziertes Instrument zu benutzen. Der Fagottist Khun Saman Siang-prajak besuchte die Britische Gesandtschaft und lernte von anwesenden Soldaten das Sack-pfeifen. Danach wurde er Pfeifen-Instruktor der Truppe. Sie existiert noch heute, spielt Thai und Schottische Melodien und übt an der Rama VI Hochschule, auch ‘Vachiravuth High School‘ in Bangkok.

Die hundert Pfeifer begleiteten den Arbeiter nach Hause. Weil es keine Stühle im Hause gab, setzte sich der Mann im ersten Stock zum Trinken auf die Balustrade des kleinen Balkons. Er liess die Füsse und die Seele baumeln und war mit sich und der Welt im Reinen.
Gegen zweiundzwanzig Uhr erschien er wieder bei Khun Poo. Er verlangte eine weitere Flasche Scotch Hochland Saft auf anschreiben. Als guter Kunde erhielt er einen günstigen Kredit für ein hochprozentiges Destillat.
Er wanderte zurück zum Balkon mit Balustrade und Aussicht auf das Sternenmeer. Mit genügend Scotch im Kopf vernahm er Dudelsack-Klänge und in weiter Ferne sah er, sich im Wind wiegende Palmen am Meer. Die feinen Musikklänge vermischten sich mit dem Rauschen der Wellen. Dann knallte es gewaltig. Ein Paukenschlag!
Er fiel von der Balustrade auf ein geparktes Fahrzeug. Arbeiter erwachten, gestikulierten und brachten den Vorgesetzten ins Bezirksspital. Er wurde kurz angeschaut, geröntgt und ohne Befund, höchstens mit Paracetamol versehen, wieder nach Hause entlassen.
Am nächsten Morgen konnte er sich nicht erheben. Das Bezirkskrankenhaus sandte den Verletzten an die Universitätsklinik in Chiang Mai. Die Ärzte diagnostizierten immerhin zwei gebrochene Wirbel. Der Mann liegt noch im Krankenhaus. Möglicherweise besucht ihn Khun Poo und bringt ihm zur Genesung eine Pulle 100 Pipers.

(1) http://www.mahag.com/buch/sch.php
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Balustrade
(Amazing Grace) http://www.youtube.com/watch?v=0syjecXN_no

7 Gedanken zu „Kein Stuhl und dennoch hundert Pfeifer

    • Grossartig ist, der Mann erlitt keine bleibenden Schäden. Er war einer Zukunft im Rollstuhl sehr nahe. Das wäre ein speziell hartes Schicksal in Thailand.

  1. Pingback: „Bestell nochmal, Du wirst schon wieder hässlich“ | wahnsinnausdemwok

  2. Hi Low,
    eine tolle Nummer über das allgegenwärtige “Eutertröten-Syndrom”. Habe mit Verlaub auf meiner Alkoholgeschichte- „Bestell nochmal, Du wirst schon wieder hässlich“ einen Link hierher gesetzt.

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