Immerwährender Abschied II

Grossvater mit LowMeine geschätzten Grosseltern verstarben ohne Abschied. Weil ich im Ausland weilte, erlebte ich ihre Bestattungen nicht. Es verging praktisch kein Jahr, ohne dass ich vertraute Bekannte verlor.
Ganz hart traf mich das Hinscheiden meines Reisebegleiters und Freundes am Tobasee auf Sumatra, Indonesien. Mobiltelefone gab es noch nicht. Es war fast unmöglich, später von Medan aus die Botschaft in Jakarta zu verständigen.

Mein Vater erlitt auf Gran Canaria Herzinfarkte. (4) Meine Frau Gemahlin weilte bei ihrem sterbenden Vater in Singapur. Ausgerüstet mit genügend Kleingeld, Windeln und zwei Knirpsen samt ihren Köfferchen, besuchten wir meinen Vater im Spital in Las Palmas und organisierten seine Rückreise. Er war dankbar, nicht im Ausland sterben zu müssen. Einige Jahre danach verstarb meine Mutter.

Böse Schläge in Herz und Magen bedeutete die Trennung von den Kindern nach einer Scheidung. Mein Leben plätscherte danach zwischen hochinteressanter Elektronik im Labor und täglicher Routine im eigenen Haus dahin. Die Arbeiten füllten mich aus. Langeweile kannte ich keine. Das Unbehagen über die Hilflosigkeit der amtlich verordneten Situation mit den Kindern bohrte.
Abrupt verlor ich meinen Arbeitsplatz. Ein unvorsichtiger Automobilist beförderte mich rückwärtsfahrend vom Rollstuhl auf die Strasse. Das schmerzhafte Resultat war eine defekte Schulter und das brutale Ende meiner Erwerbstätigkeit. Es fehlten Gelegenheiten zum Aufräumen des Arbeitsplatzes und zu Abschiedsfeiern.

Malerei Glücklicherweise stand in Thailand, in einem Dorf an Reisfeldern, eine kleine Unterkunft von fünfzig Quadratmetern mit einem bescheidenen Garten. Ich organisierte dort Betreuung rund um die Uhr und besuchte die Physiotherapie im Krankenhaus. Zusätzlich hatte ich privat Massagen von einer liebeshungrigen Frau, die nach einigen Wochen nicht nur Muskeln knetete. Ihre ausserordentlichen Fähigkeiten und ihr täglicher Einsatz schenkten mir unerwartet ungeahnte Lebensqualitäten. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar .
Im damals für mich angenehmen Klima erholte ich mich mit zahlreichen Einschränkungen zufriedenstellen. Ich war nicht mehr dauernd auf Hilfeleistungen Dritter angewiesen.
Als das Dorf an einem Novembertag überflutet wurde, sass ich im Häuschen bis zu den Knien in brauner Brühe. Nach der unwillkommenen Kneippkur liess ich das gemütliche Nest abreissen. (5) Herr Sand errichtete mit seiner Truppe einen Meter über Strassenniveau eine dreimal grössere Hütte nach meinen Plänen.

WZ Schweiz Später verbrachte ich mit einer hilfsbereiten Partnerin einige Sommer in der Schweiz im ehemaligen Heim. Wir besuchten die wesentlich wärmeren Nachbarländer.
Häufige, heftige Demonstrationen in Bangkok zeigten, dass es nicht möglich war, für Dick jederzeit schnell und problemlos ein Visum zu besorgen. Das Haus, mit Sicht auf die Alpen, als Fluchtmöglichkeit aus den Turbulenzen Thailands gedacht, wurde sinnlos und teuer. Unterhalt, Heizkosten, Versicherungen und Steuern für ein leerstehendes Gebäude waren happig.
Innerhalb eines Monats trennte ich mich von der Liegenschaft samt verehrtem Gerümpel. Es war relativ schmerzhaft, all die Erinnerungsstücke zu verschenken oder liegen zu lassen. Aber ich sagte mir: Sobald der Sensemann anrückt, bleibt dir ebenfalls keine Wahl.

Als kleiner Trost blieb mir in Thailand ein komfortabel eingerichtetes, grosszügig gestaltetes Heim.
Hier häuften sich mit der Zeit unglaubliche Kunstwerke an. Auch diesmal bleibt mir die Trennung nicht erspart. Es ist nicht nur die hohe Politik, die mich zum Gehen zwingt. Der Grund sind meine abgenutzten Gelenke. Sie ertragen die winterliche Kälte Nordthailands nicht mehr. Spätestens im November muss ich weg sein. Sofern ich könnte, würde ich das Land bereits heute verlassen. Living1 Die grausame Kälte im Januar lähmte meine Arme. Die Muskeln schmolzen dahin wie Butter an der Sonne während Songkran.
Wegen fehlender Kraft harre ich aus und übe täglich bis an die Schmerzgrenze. Das gibt mir zusätzlich Zeit, mich aus meinem äusserst begrenzten irdischen Paradies, die Grenzen sind die Grundstücksmauern, zu verabschieden.

Wird mir die Gunst gewährt, meine Pläne zu verwirklichen? Zuerst möchte ich meine Kinder, Kindeskinder, Schwester, Bruder und Freunde besuchen. Danach suche ich in Malaysia ein Winterquartier.

(4) http://de.wikipedia.org/wiki/Gran_Canaria
(5) http://de.wikipedia.org/wiki/Kneipp-Medizin

9 Gedanken zu „Immerwährender Abschied II

  1. Ja, langweilig war es selten. In den Berichten „Abschied“ erwähnte ich nur Kummer und Schmerz. Lebenslust und Freude aber gab und gibt es immer wieder. Davon berichten die ‚Geschichten aus Hinterindien‘ und ‚Hinterindien.com‘. Die Situations-Komik empfiehlt dem Schreiber gegenwärtig, auf Lokal-Reportagen eher zu verzichten.

    • Geschätzter Khun Low,
      heute soll es aber auch Freude ohne Mitwirkung der o.g. Organisation geben. Denn: สุขสันต์วันเกิด

      Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
      Ich wünsche Dir aus diesem Anlass ein baldiges Erstarken Deiner Kräfte und das ein gütiges Schicksal Dir die Erfüllung der Gunst schenkt, um die Du oben im Schlußsatz gebeten hast.

      An dieser Stelle nochmal ein Dank für so unglaublich viele und
      sehr informative Beiträge, nicht nur in diesem Hinterindien-Blog.

      khun mai ru

  2. Hallo Low

    Zum Geburtstag wünsche ich Dir noch viele schöne Stunden, angenehme Temperaturen, möglichst wenige Schmerzen und weiterhin einen funkelnden Verstand.

    „Innerhalb eines Monats trennte ich mich von … verehrtem Gerümpel. Es war relativ schmerzhaft, all die Erinnerungsstücke zu verschenken…“
    Dein früheres Haus und unsere jetzige Wohnung haben wegen Deiner Großzügigkeit teilweise eine identische Innenausstattung.
    (Dieses edle „Gerümpel“ nahmen wir natürlich nur deswegen an, um Dein Karma zu erhöhen. Grinse-Smiley)

    Hab vielen Dank dafür und für Deine herrlichen „Geschichten“.

    Herzliche Grüße, Moon und Achim

  3. Hallo Low

    “ Schade, dass Du keinen Sattelschlepper hattest.“
    Das ist einerseits ein typisches Low-Bonmot (555), andererseits wirklich sehr schade.

    Beste Grüße auch an die schlanke Dick, Achim

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