Schlangenfrass mit Schädelbruch

Nordthailand, September 2010

Unsere Haushalthilfe im Dorf an den Reisfeldern erschien letzthin wie angekündigt etwas später, dennoch wesentlich früher als erwartet. Sie besuchte kurz eine Kremation und schlich sich dann, wie die meisten Gäste, vorzeitig und möglichst unauffällig davon.
In ihrem Dorf herrscht nach wie vor teilweise bittere Armut und Schmalhans ist oft Küchenmeister. Dort lebte eine ältere Witwe mit ihrer mündigen Tochter. Die Frauen arbeiteten auf ihrem Acker, als eine unvorsichtige Schlange ihren Weg kreuzte. Problemlos fingen die Frauen das Tier.
„Mae, das ist eine höchst willkommene Abwechslung in unserer täglichen Speisekarte, anstelle von Reis mit scharfsaurer Gemüsepampe,“ meinte die Tochter. Das Wasser lief ihr bereits im Gaumen zusammen.

Die Mutter erklärte, der Reis sei alle. Sie müsse leider die Hälfte der Schlange verkaufen und mit dem Erlös Reis und Grünzeug kaufen. Die Tochter maulte, hatte aber das Einsehen, dass die Schlange allein doch nicht längere Zeit satt machen würde.
Das Essen schmeckte hervorragend. Es war so gut, dass die muntere Tochter Lust auf mehr entwickelte. Hungrig attackierte sie ihre Mutter:
„Es war dumm und gemein von dir, einen Teil der delikaten Schlange zu verkaufen. Nun sitze ich mit schmerzend knurrendem Magen da, nur weil du mich, deine eigene Tochter, betrogen hast und rücksichtslos mehr als die Hälfte der Schlange weggabst!“

Das liess die Alte nicht unbeantwortet und die beiden Weiber begannen einen lauten Streit, den einige Anrainer wie ein Hörspiel am Radio mitverfolgten. Nach längerem Gezeter und gellendem Geschrei fielen Hiebe und derbe Schläge.
Offenbar erwischte die resolute Tochter in der Küche einen Stössel, den Stampfer zum Zubereiten des berühmten Papaya Salats Som Tam. Sie liess das Ding unsanft auf Mutters Schädel krachen. Knochen splitterten, ein letzter Aufschrei. Ein kraftloser Körper sackte zuckend zusammen. Einige wenige Schritte, dann Ruhe, wie beim Radio nach einem Stromausfall.

Die junge Frau legte das leicht blutige Tatwerkzeug gedankenlos in den Mörser zurück, wusch sich und eilte zum Dorfobmann. Sie erzählte dort, ihre alte, leicht tattrige Mutter sei offenbar im WC ausgerutscht und habe sich am Keramiksitz den Schädel gebrochen. Möglicherweise sei sie tot. Währenddessen sahen sich neugierige Nachbarn kurz im Haus um.
Der Dorfobmann, die Polizei und ein Arzt inspizierten ohne jeglichen Verdacht den Tatort. Die Hinweise der Anwohner auf einen Streit fanden keine Beachtung. In der Gegend gibt es eine Mörderin mehr, die unbehelligt herum läuft.

Manchmal möchte ich aus dem selbst gewählten, klimatisch angenehmen Gefängnis und Irrenhaus ausbrechen und mich von all den üblen Schandtaten distanzieren. Es gibt niemanden hier, absolut niemanden, der nicht lügt und betrügt!
Das Drama hätte von Friedrich Dürrenmatt inszeniert sein können. Ich mache mehr oder weniger freiwillig auf dieser Bühne mit, bis der letzte Vorhang fällt.

Publiziert im Sep. 2010 im Forum Thailand-tip.com, #1208 – Geschichten aus Hinterindien

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