Technik stellt Regeln ins Abseits

Mein Grossvater hatte vor sechzig Jahren eine Kamera, ein optisches Wunderwerk.
Der Hinterteil entsprach ungefähr einem dicken, aufgedunsenem sechs Zoll Smartphone. Vorne war ein langer Faltenbalg, wie bei einer eine Ziehharmonika. Daran war eine Qualitätsoptik mit Compur-Zentralverschluss montiert. (1) Der Name hatte nichts mit Computer zu tun, sondern setzte sich aus den Begriffen Compound und Uhr zusammen.
Die Möglichkeit der Selfies von heute war bereits damals gegeben. Eine mechanische
Zeitverzögerung, ein kleines Uhrwerk, löste Aufnahmen verzögert aus. Einstellen, in den Aufnahmebereich hüpfen, lächeln und das Selfie mit Familie stand.
Heutige Smartphoneselfieenthusiasten laufen mit ein- bis zweimeterlangen Teleskopstangen um den Globus, um sich in jeder Gegend selbst zu beweisen, was man bequem mit Software wie Photoshop vom Schreibtisch aus erledigen könnte. Die lange Stangen-Hardware ist an sich sinnlos. Die meisten Smartphones haben einen elektronischen Selbstauslöser eingebaut. Als Stativ könnten Tische, Stühle, Mauern und leere Bier- oder Spirituosenflaschen dienen. Wer aus religiösen Gründen oder wegen Allergien weder Bier- noch anderes Glas berühren darf, könnte Aluminiumdosen, tote Katzen oder Steinbrocken verwenden. Die Steinbrocken sollten aus persönlichen Sicherheitsgründen nicht von antiken sakralen Bauwerken stammen.

Für meine ersten Reisen in den Osten oder nach Nordafrika erhielt ich Warnungen. Im Islam gilt ein Bilderverbot. Bedingt durch das islamische Bilderverbot entwickelte sich im vorderen Orient unter spätantikem Einfluss eine für die islamische Kunst typische, flächig stilisierte Ranke aus sich gabelnden Blättern, Arabesken oder Mauresken genannt. (2,3) Arabesken unterscheiden sich von Mauresken, von denen sie nicht immer eindeutig auseinandergehalten werden können, durch größere Naturnähe und geringeren Abstraktionsgrad. Sie füllen in schwingender Bewegung Felder gleichmäßig. Eindrucksvolle Arabesken fand ich in den Sälen der Alhambra in Granada.
Viele Menschen fürchten sich noch heute vor Fotografen. Sie denken, sie verlieren ein Stück Seele, sofern ein Bild geknipst würde. Steinwürfe waren und sind üblich, sofern Fremde mit Kameras hantieren. Compur- oder Schlitzverschluss unterscheiden die sich sträubenden Opfer nicht. In Afrika lernte ich, dass viele Menschen Abbildungen, wie Fotos, nicht erkannten. Einfache Strichzeichnungen dagegen identifizierten sie.

Wenn strenggläubige Menschen neuzeitliche Technik erwerben, dringen plötzlich Teufel in eine an sich abgeschirmte, heile Welt. In Smartphones sind bösartige Kameras eingebaut. Kopftuchtragende, tiefverhüllte Damen knipsen gedankenlos Bilder der Familien im Urlaub. Nicht nur das. Auch im intimen Rahmen der Familien wird eifrig fotografiert. Drei- oder vierjährige Knirpse bedienen diese amerikanischen Höllenmaschinen “Made in China“. Sofern sie bloss knipsen, ist bis morgens um sechs die Welt in Ordnung. Wenn diese Kinder dann in der Öffentlichkeit Bildchen anschauen, die das hochgeheime Liebesleben im häuslichen Harem zeigen, erblassen und erröten sogar abgebrühte, schielend zuschauende Pfadfinder. So mancher Schuss mit diesen Spielzeugen ist unbeabsichtigt und ging total daneben, wie das Beispiel zeigt.Daneben

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Compur-Verschluss
(1) http://www.kl-riess.dk/compur.html
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Bilderverbot_im_Islam
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Arabeske

4 Gedanken zu „Technik stellt Regeln ins Abseits

  1. Auch bei den strenggläubigen Muslimen zieht die Moderne ein. Technik macht vor Religion kein Stopp. Das ist eben der Lauf der Zeit.
    Liebe Grüße
    Nasenbär

    • Danke!
      Technik macht vor Religion kein Stopp. Das kennen wir doch irgendwie.
      Anstelle von Kameras könnten es ebenfalls Kalaschnikow sein. Gebrauchsanweisungen zu Waffen jeglicher Art liefert die Filmindustrie frei Haus.
      Das ist eben der Lauf der Zeit.

  2. Der erste Teil hat mich herzlich lachen lassen. Danke dafür. Sehr spannend fand ich auch diesen Satz: „In Afrika lernte ich, dass viele Menschen Abbildungen, wie Fotos, nicht erkannten.“

    • Der Kommentar ist interessant. Danke. In Thailand bemerkte ich fast ungläubig, Chaplins Stummfilme !!! werden kommentiert, damit die Betrachter wissen, wenn sie lachen müssten.
      Ich grinse bereits, wenn ich sehe, wie behende die Einheimischen ihre Phones fingern.

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