Endlose Plackerei (mit Rosinen)

Im Dorf an den Reisfeldern versuchte ich, Selbständigkeit zurück zu gewinnen. Physiotherapeuten im Spital, Masseusen aus der näheren Umgebung, unterstützten mich.
Mit der linken Hand konnte ich keine Dart-Pfeile werfen. Die Distanz war zu lang, das Ziel zu hoch. Ich übte während Monaten. Bevor mir die Zielscheibe samt Pfeilen gestohlen wurden, traf ich wieder. Leider keine ausgewählten Ringe.

Im November sass ich im Wohnzimmer bis zu den Knien in den Fluten einer ortsüblichen Überschwemmung. Ernsthaft stellte ich mir die Frage, wie verrichten Damen von Welt, oder Gentlemen, in dieser Situation die Notdurft, denn die ganze Wohnung hat Badezimmer-Pegel. Besitzer eine Flügels von Steinway & Sons könnten ihr Geschäft diskret hinter dem Instrument verrichten. (1)
Einige Wochen zuvor dachte ich daran, das Häuschen auszubauen, ein rollstuhltaugliches Badezimmer und eine kleine Terrasse als Esszimmer zu errichten. Nach der Flut plante ich einen Neubau, mindestens einen Meter über dem Strassenniveau. Ich zeichnete Pläne und konstruierte ein behindertenfreundliches Gebäude mit leichten Steigungen, ohne Schwellen und verkehrsbremsende Türen. Für die Fussgänger gab es unvermeidliche Treppen. Für mich dreissig Meter Umweg. 2004 Haus 141 Das Haus steht und ist seitdem meine bevorzugte Unterkunft, das beste Hotel Asiens.
Weil ich nun fast während des ganzen Jahres in Chiang Mai lebte, litt ich zunehmend unter dem kühlen Winterwetter. Die Temperaturen fallen nachts manchmal im Garten unter zehn Grad Celsius. Mit elektrischen Heizkörpern, konnten wir bloss ein kleines Zimmer wärmen.

Letztes Jahr verreisten wir nach Sabah, bevor es grimmig kalt wurde. Danach wollte ich eigentlich im Raum Singapur – Malaysia überwintern. Kurzfristig konnte ich die notwendige Medizinaltechnik nicht erwerben. Zwangsläufig reisten wir am 19. Januar nach Chiang Mai zurück. Am 20. Januar erlebte ich ein böses Erwachen. Die Kälte lähmte mich. Die Schmerzen waren unerträglich. Ich begann den grössten Fehler meines Lebens: Ich schonte mich. Innerhalb weniger Wochen waren meine Muskeln verschwunden. Ich schaffte die lebenswichtige Strecke vom WC in den Rollstuhl nicht mehr. Ich konnte weder Flaschen noch Getränkedosen öffnen.
Masseusen verschlimmerten meine Leiden, weil sie versuchten, die Gelenke zu behandeln. Die Beste und Teuerste versuchte es mit heissen Umschlägen, bis ich sie in die Wüste schickte. Sechs Monate arbeitete ich daran, die Kraft zurück zu gewinnen und riss mir dabei verschiedentlich den Hintern auf. Zusätzlich waren die Hüften vom Liegen und Anprallen von Dekubitus-Geschwüren dekoriert. (2)
Mein Bruder war schwer krank. Ich wollte ihn besuchen und war unfähig zum Reisen. Ich hasste mich.

Dick arbeitete, nach dem sie mich frisch gepflastert hatte, im Salon. Es war gut so, denn auf diese Weise musste sie sich nicht den ganzen Tag lang mein gequältes Stöhnen anhören. Eine Schwierigkeit war, dass sie um fünf Uhr nachmittags kurzfristig zu abendlichen Sitzungen der Gemeinde aufgefordert wurde. Dort wurden Probleme nur gewälzt, nie gelöst. Anstelle feiner Häppchen gab es geisttötendes Palaver.
Sofern die Gemeinde keine dringenden Anliegen hatte, waren es Nachbarn und endlos die Familie, drei erwachsene Kinder, deren Kinder, Onkel, Tanten, am Häufigsten – die Mutter. Weitere Abwesenheiten waren Geburtstagsfeiern, Hochzeiten und unvermeidlich, unplanbar – Kremationen. Wenn Dick nach zehn bis vierzehn Stunden Abwesenheit ermüdet vom Tagewerk zurückkam, vergass sie die Einkäufe. Es gab kein Futter im Haus.
Mein Ziel war klar: Ich wollte dringend weg. Zwecks Umgehung der neunzig Tage Regel verreisten wir üblicherweise spätestens alle neunzig Tage. Nun war ich seit Januar gefangen, in meinem selbst gebauten Verlies. Ende August war es soweit, ich schaffte den Badezimmer-Transfer und reiste in die Schweiz. Mein Bruder verstarb am Tag der Abreise.2012 Haus  März Seit September suchten wir in Malaysia eine Unterkunft an der Wärme.
Auf Lankawi, Kuah, fasste ich Mitte Oktober einen überflüssigen Dünnpfiff. Der schwächte mich. Erneut fehlte die Kraft zum Stützen. Bei Transfers vom WC in den Rollstuhl riss ich wieder den Hintern auf. Ich war allein. Dick besuchte ihre Mutter in Chiang Mai und litt später an Dengue Fieber.
Meine Wunden eiterten. Dick war zur Stelle. Wattestäbchen, Betadine und sechs Meter Pflaster halfen etwas. Das Zeug ist zugeflickt, nicht ganz dicht, dafür immer noch schmerzhaft. Weil Dick nur dreissig Tage in Malaysia bleiben kann, pendeln wir zwischen Langkawi und Satun.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Steinway_%26_Sons
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Dekubitus

6 Gedanken zu „Endlose Plackerei (mit Rosinen)

    • Danke für die guten Wünsche. Mittlerweile fanden wir im gemäßigten Klima unter extrem freundlichen Menschen ein schönes Haus auf dem Land. Die Leute wirken weniger gestresst, als im Norden.

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