Wolkenbrüche, Wohnungsnot und Gesang

Tropische Regenfälle sind spektakulär. In Nordthailand, im Dorf am letzten Reisfeld warnen stürmische Windstösse vor bevorstehenden Schauern. Alte, oft stark geschminkte Weiber versuchen dann, herumwirbelnde Wäschestücke zu retten, während bösartige Böen bunte Röcke schamlos anheben. Sogar wenig betagte Säufer bemerken nichts von allem und starren teilnahmslos in ihre Schnapsgläser oder auf die Glasfronten der Fernseher.
Plötzlich prasselt der Regen. Während Minuten weigern sich heisse Dächer und asphaltierte Flächen nass zu werden. Das zischt und dampft zusätzlich wie Wasser auf heissen Herdplatten. Doch dann siegen die Fluten. Es kommt vor, dass die Teiche überlaufen. Unsere Fische weiden wie Kühe im Garten unter Sträuchern und im Gras.

Aussergewöhnlich starke Regenfälle erlebten wir erst in Langkawi und im Haus in Satun. Die Gewalt des Wassers ist mächtig. Sie lässt jede Sprache verstummen. Die Blitze jagen sich, der Donner kracht. Es trommelt auf den Dächern. Die relative Luft-Feuchtigkeit im Haus steigt schnell auf achtzig Prozent. Zeitungen kleben an Armen und Händen. Falschgeld-Drucker wie ich, müssen pausieren. Das gesamte Wirtschaftsleben erlahmt. Keiner besucht Kneipen.
Nur die Fische wandern aus ihren überbevölkerten, mit Wasser-Hyazinthen verstopften Rinnsalen und Teichen. Die Tiere suchen neue Gewässer. Beim ersten grossen Regen trafen wir auf Strassen und in Gärten zahlreiche Kletterfische, Anabas testudineus. (1) Wasser-Hyazinthe
Nach der zweiten Sintflut besuchte Dick den Markt in Klong Khut. Sie kaufte Grünzeug und einen Fisch. Während des Rückmarsches von ungefähr hundertfünfzig Metern erfolgte ein weiterer Wolkenbruch. Sie sah im Wasser am Strassenrand einen Fisch von etwa einem Kilogramm. Er kämpfte um sein Leben. Motorradfahrer sahen das Tier in der Dämmerung nicht. Dick fing den Fisch von Hand und brachte ihn in einem Plastik-Beutel nach Hause. Die Beute einer Nachbarin waren vierzig Fische. Sie bot das Fleisch in ihrem Restaurant an.

Ums Haus quakten wie gewohnt die Frösche. Da setzte zusätzlich in der linken Ecke ein Bass einen Akzent. Nur Sekunden später erfolgte die Antwort eines gewaltigen Basses von rechts. Aus der Mitte, jenseits der Mauer, erschallte für drei Sekunden ein Kontra A. (2) Der erste Bass hatte Spass und wiederholte seinen Beitrag. Die Runde quakte wechselnd munter weiter. Jenseits der Mauer warteten hunderte von teilnehmenden Sängern. Die Lautstärke wurde überwältigend. Sie übertraf die Schlusstakte eines grossen Symphoniekonzerts. (3) Die meisten Frösche arbeiteten bis Sonnenaufgang. Dann wurde es ruhig, bis zur Nacht des nächsten Wolkenbruchs. Mit voller Lautstärke gab der Chor der Bassisten seine Anwesenheit bekannt.
Ich erwog den Ankauf von Ohrenpfropfen, um in Zukunft ruhig schlafen zu können. Nach einem weiteren kräftigen Regenguss blieb in der dritten Nacht der Chor stumm. Die Mitglieder waren inzwischen wohl alle verheiratet, mit häuslichen Pflichten beschäftigt und durften nicht in den Ausgang.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Kletterfische_und_Buschfische
(2) https://www.youtube.com/watch?v=iNKSEctlLfs
(3) https://www.youtube.com/watch?v=GvyJZoqzw-8

(mp3)

Die Aufnahme mit einem Smartphone enttäuschte mich. Die Höhen sind überbewertet. Die Bässe fehlen. Zur Korrektur fehlte mir ein leistungsfähiger Equalizer.

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