Lüfte und Düfte

Ludwig Uhland:
26.4. 1787 Tübingen – 13.11. 1862 Tübingen
Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Nach Satun mit viel frischem Wind, erzeugt durch mächtige Adlerschwingen, ist die Luft in Chiang Mai schwer. In Satun gibt es mehr Adler als Sperlinge in Chiang Mai. Die Verschmutzung ist auch ohne das Abfackeln von Feldern und Hügeln hoch. In Spitzenmonaten können die Schadstoffkonzentrationen dreihundert Mikrogramm erreichen. Fünfzig Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft sind üblich. In der Schweiz gilt dieser Wert länger als fünfunddreissig Tage pro Jahr als unzulässig und extrem gesundheitsschädigend. (1) Thais vertragen offenbar mehr. Gelbe Gardenie
Es gibt erfreulichere Düfte, wenn die goldgelben Gardenien oder der Jasmin blühen. Die Aromen sind süss und schwer. Bei hoher Luftfeuchtigkeit wirken diese Blüten noch intensiver. Ich mag die erdigen Gerüche, wenn im Lan Na Dorf die ersten Regen einsetzen. Wir riechen den Regen, bevor er fällt. Frisch geschnittenes Gras gibt ein besonderes Bukett ab.
Ich erinnere mich an die Wohlgerüche von besonntem Heu in den Voralpen. Als Kind roch ich die eisenhaltige Luft in Bahnhöfen. Besonders eindrücklich war der abgestandene kalte Rauch in den Wartsälen der dritten Klasse. In den Wintermonaten mischten Heizungen den Mief feuchter Mäntel und Kleider dazu. Ein echter Höhepunkt war der Geruch nach Mottenkugeln im Gewimmel. Motten sind sehr genügsame und umweltfreundliche Tiere, denn sie fressen nur Löcher.

Den Grund dieses Beitrages lieferte unser Nachbar Kleptomanewitsch. Er besitzt eine neue Grasschneidemaschine. Ob er sie kaufte oder bloss mietete, ist uns nicht bekannt. Vielleicht fand er sie verlassen und einsam, ganz ohne Besitzer an einem Strassenrand.
Jeden Sonntag frühmorgens schnallt er sich Benzinkanister und Motor auf den Rücken. Dann hören wir den ganzen Tag die Symphonie für zweitaktgetriebene Propellermesser, vom scheppernden Leerlauf bis zum röhrenden Vollgas. Synkopen setzen geschleuderte Steine. Als Kesselpauken dienen getroffene Fensterscheiben. Die Duftentfaltung ist kolossal. Die solide Grundlage liefert der katalysatorfreie Auspuff. Dazu kommen Schwaden von unverbranntem Benzin. Das geschnittene Gras riecht fantastisch. Neuerdings benutzt der Gärtner sein Werkzeug zum Entlauben von Bäumen und Sträuchern mit mir unbekannten Duftnoten, wie Bambus und Mango. Aber – ohne Rizinusöl schafft der Kerl die Olympia-Qualifikation nie.
Gegen den Gestank des Treibstoffes setze ich im Haus erfolgreich Surya ein. Das sind indonesische Zigaretten des Hauses Gudang Garam, verfeinert mit Zucker und Gewürznelken. Wenn es nicht zu feucht ist, knattern und prasseln die Glimm-Stengel (Batang rokok) mit dezentem Feuerwerk.

Ebenfalls des Nachts im Bett, ohne Freundin Jasmin oder andere Blüten im Garten, werden wir von exotischen Düften überrascht. Die Nachbarin röstet jederzeit Knoblauch in Palmöl. Je später die Stunde, desto verbrannter der Knoblauch. In der abendlichen Stille hören wir die fliegenden Fische, wenn sie aus den Pfannen an die Decke knallen.
Letzte Nacht gegen drei Uhr dachte Dick, Mowgli verkohle seine Pasta und damit das ganze Haus. Ich konnte sie beruhigen, das sei nicht Pasta mit Pesto, die ich abends lieferte. Das müsse der hustende Koch von Sizzler sein, der seine Nudeln à l’américaine flambiere. Vom Strässchen her wehen, gefiltert durch das Badezimmer, zahlreiche stinkende Grüsse ungewarteter Dieselmotoren.

Zwei Stunden später wachte ich beduselt auf. Ein unbekannter Anrainer verwandelt Hustensaft mit Pseudoephedrin in Methamphemine. (2) Es stank, wie zur Zeit fast jede Nacht, nach Ethanol. Die durchschnittliche Geruchsschwelle liegt bei Konzentrationen von 93 ppm, das sind Teile pro Million. Explosionsgefahr besteht erst ab 35‘000 ppm, das sind 3.5 Prozent.(3) Ab welchem Grenzwert Leber und Lunge geschädigt werden, weiss ich nicht. Wir desensibilisieren vorsichtigerweise unsere Körper mit Destillaten aus der Karibik, gemischt mit veganem Kokoswasser.
Nun muß sich alles, alles wenden.
Kaum. – An den Frühling glauben ohnehin nur einige Heimweh-Europäer. Hustensaft feiert im LOS ungebrochen Hochkonjunktur!

(1) http://www.bafu.admin.ch/luft/00575/00578/index.html?lang=de
(2) https://hinterindien.com/2015/07/11/gefahren-in-schlafzimmern-2/
(3) http://www.swisseduc.ch/chemie/schwerpunkte/ethanol/docs/ethanol.pdf

4 Gedanken zu „Lüfte und Düfte

  1. Hi Low,

    grossartiger Beitrag!
    Für Ludwig Uhland hätten diese nordthailändischen Attacken auf Nasen- und Lungenflügel wohl nach kurzer Zeit eine letale Wirkung gehabt. Thailand und Uhland – das hat schon was, wie Du das zusammen gebracht hast.

    Also, alles Gute für Dich & Dick, wenn Du aus CNX verduftest und in Satun ein paar fliegen lässt. Adler natürlich.

    Gruss, kmr.

    • Uhlands Frühling ist jedes Jahr einzigartig, mehr oder weniger kühl und meist verregnet.
      In den Tropen werden wir mehrmals jährlich von Blüten mit sagenhaften Duftwolken überrascht. Es ist für die Einheimischen selbstverständlich und wird kaum geschätzt. Sterben und Wiedergeburt folgen zu rasch aufeinander.
      Düfte erwirbt man heutzutage in einschlägigen, reich dekorierten Boutiquen und Salons von hochhackigen Beauties, mit maskenartigen Botox-Gesichtern und überlangen Fingernägeln.

      Schade, Leser(innen) berichteten nicht über zahlreiche Dufterlebnisse. Weder über störende Schweissfüsse, noch über betörendes Backwerk.

  2. >Schade, Leser(innen) berichteten nicht über zahlreiche Dufterlebnisse.

    Dem kann ich abhelfen:
    Bei mir hängen unter dem Terrassendach zahlreiche duftende Orchideen. Erstaunlich, wie viele unterschiedliche Duftnoten die einzelnen Arten hervorbringen – von Zitrone über Vanille bis Kokos, jede duftet anders – manchmal ein Bouquet, welches man keinem bekannten Duft zuordnen kann. Ab 8 Uhr am Morgen erwachen die Pflanzen und betören einen mit ihren Wohlgerüchen. Von der Schönheit der Blüten möchte ich gar nicht erst reden.

    • Danke für den duftigen Kommentar.
      Besucht man europäische Foren, stechen bei den exotischen Düften vor allem Bier, Hering, Wurst und Käse hervor.

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