Dorfleben

Dieses Dorf und seine Frauen sollten teilweise mein Schicksal und meine Zukunft bestimmen. Glücklicherweise war ich ahnungslos über die bevorstehenden Ereignisse. Seit meinem Unfall und Spitaleintritt 1957, erlebte ich in den nächsten Jahren die turbulenteste Zeit meines Lebens.
Am Hofeingang zu den Laboratorien in Bern wurde ich durch einen rückwärts fahrenden Wagen aus dem Rollstuhl auf die Strasse geschleudert. Die neu entstandene schwere Schulterverletzung schmiss mich augenblicklich aus dem Erwerbsleben. Zusätzlich verlor ich meine Selbständigkeit. Mich vom Boden in einen Rollstuhl zu heben, wurde unmöglich. Im Schlafzimmer in der Schweiz schaffte ich nicht einmal die vierzig Zentimeter vom Boden auf die Matratze. Morgens um vier half mir die Sanitätspolizei für vierhundert Franken! Sportliche Aktivitäten, wie das Schwimmen, musste ich abschreiben und vergessen, ebenso feine Arbeiten mit beiden Händen.Reisernte PhonPhat

Reisernte am Dorf 2002

Es ging mir noch gut, als ich begann, mich in der neuen Wohnung gemütlich einzurichten. Meine Haushälterin brachte gleich einen elektrisch beheizten Topf, um Trinkwasser warm zu halten. Einen Kühlschrank für kalte Getränke fand ich weitaus besser. Mein Freund und Nachbar fuhr mit mir los, um so ein Gerät zu erwerben.
„Two doors“, meinte mein Freund.
Ich verstand: „Tudor – Dynastie, Henry VII, 1457–1509!“
Ernsthaft fragte ich mich: „Ein spätgotischer, grüner Kühlschrank? Na ja, vielleicht in Nordthailand.“

Als der Verkäufer nach der Lieferadresse fragte, telefonierte mein Helfer seiner Frau, welche unseren Wohnort kannte und in Landessprache instruierte.
„Ein leerer Kühler hilft dir nicht“, sagte mein Fahrer. „Wir benötigen Getränke und ordentliche Humpen.“ Als wir im Dorf eintrafen, wartete unser Lieferant bereits vor der Türe. Bald darauf feierten wir mit dem ersten Bier.
Bereits an einem der folgenden Tage, wurde mein Glück leicht getrübt. Die Schwester der Haushälterin verstarb in Bangkok. Die Köchin sagte:
„Ich muss zur Trauerfeier nach Bangkok“. Weg war sie.
„Nun benötige ich einen Kochherd“, sagte ich zu meinem Freund. „Dann kann ich im Notfall Suppen oder Pasta mit Sugo kochen.“
Eine knappe Stunde später war der Handel erledigt. Zwecks Lieferadresse rief er wieder seine Frau an. Darauf druckte ich Adress-Kärtchen in Thai und Englisch.
Die nächsten Abende war ich bei den Nachbarn eingeladen oder wir gingen zusammen aus. Damals war es einfach, in der näheren Umgebung gute und preiswerte Verpflegung zu finden. Ich kochte kaum. Für Notfälle war ich vorbereitet.

Ich lernte einige Nachbarn kennen und beobachtete, wie mein Freund und andere Farang lebten. Die meisten seiner Abende waren verplant mit Kartenspiel und Kegeln mit Landsleuten. Speziell englische Fussballspiele am Fernsehen wurden in Gesellschaft mit viel Bier begossen. Jeweils am Freitag standen gemeinschaftliche Barbesuche, Region Loi Kroh, auf dem Programm. Selten nur beteiligte sich seine quirlige Frau an solchen Exkursionen. Während ihrer ausgedehnten Freizeit spielte sie Bingo und andere Glücksspiele. Sie tröstete sich schnell mit zusätzlichen Liebhabern. Dies war der Anfang seines bitterbösen Endes.
Mein lieber Freund und Helfer kümmerte sich nicht im geringsten um Thai-Belange. Er kannte keine örtlichen Feiertage mit Alkoholverboten. Feste und lokale Anlässe interessierten ihn nur am Rande. Er beharrte auf englischem Frühstück, möglichst mit Nieren und wenn immer realisierbar, auf englischem Dinner. Meine Verdauung akzeptiere weder die kulinarischen Spezialitäten der Insel, noch all die Menge Bier.
Die Barbesuche ödeten mich an. Ich zog mich von den englischen Gentlemen zurück. Während sie die käufliche Ware in Bars aus Stangenhaltung eingehend studierten und kritisierten, zwitscherte ich mit vernachlässigten Landhühnern aus Bodenhaltung im Dorf, trostspendend Wein.
So viele Freundinnen hatte ich nie zuvor. Diese mandeläugigen Wesen, die Meisten verheiratet, suchten beinahe hemmungslos Körperkontakt.

Meine Haushälterin klärte mich auf:
„Du benötigst dringend einen Fernseher“. Die Häuser sind zusammengebaut. Die dünnen Wände dämpfen Geräusche kaum. Bedingt durch die Bauweise verbreiten sich sogar Dämpfe aus den Küchen in den Wohnungen.
„Ohne Flimmerkiste wirst du nie Besuch im Schlafzimmer empfangen.“
Regelmässig wenn ihr Freund und Liebhaber meine Köchin besuchte, ging ihr Fernseher an. Das darauf folgende Programm konnte ich mir vorstellen. Landwirtschaft: Pflügen und Ackern. Handwerk: Bohren und Nageln.

Einen Fernseher benötigte ich nicht. Die Stereo-Anlage genügte. Beispielsweise Bolero von Maurice Ravel! (2)

(1) https://en.wikipedia.org/wiki/Tudor_period
(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Tudorstil
(2) https://en.wikipedia.org/wiki/10_(film)

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