Geschichten aus mehr als 6‘000 Nächten in Hinterindien

1. Teil

Wer kennt sie nicht, die wunderbaren Geschichten aus „Tausendundeine Nacht“. Arabische Träume wie „Aladins Wunderlampe“ oder „Ali Baba und die vierzig Räuber“. (1)

Als ich mit den Aufzeichnungen exotischen Lebens begann, schrieb ich Märchen, Schnurren, Schwänke und grinste selbst zufrieden darüber. Da bestand doch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Reisberg, durch den man sich ins Schlaraffenland frisst.
Mittlerweile futterte ich genügend Reis samt Beilagen. Das Schlaraffenland ist immer noch unerreichbar fern. Ich stecke vollgefressen mitten in einem Berg von Betrug, Lügen und Skandalen fest. Ich habe eigentlich genug, bin übersättigt von all den Feen und Märchen. Davon laufen, flüchten kann ich nicht.

Als wir in der Schule in das klassische Griechenland und dessen Götterwelt eingeführt wurden, war ich vernarrt in „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“. Eine Sammlung antiker Mythen des deutschen Schriftstellers Gustav Schwab. (2)

„Himmel und Erde waren geschaffen: das Meer wogte in seinen Ufern, und die Fische spielten darin; in den Lüften sangen beflügelt die Vögel; der Erdboden wimmelte von Tieren. Aber noch fehlte es an dem Geschöpfe, dessen Leib so beschaffen war, daß der Geist in ihm Wohnung machen und von ihm aus die Erdenwelt beherrschen konnte. Da betrat Prometheus die Erde, ein Sprößling des alten Göttergeschlechtes, das Zeus entthront hatte, ein Sohn des erdgebornen Uranossohnes Iapetos, kluger Erfindung voll. Dieser wußte wohl, daß im Erdboden der Same des Himmels schlummre; darum nahm er vom Tone, befeuchtete denselben mit dem Wasser des Flusses, knetete ihn und formte daraus ein Gebilde nach dem Ebenbilde der Götter, der Herren der Welt. Diesen seinen Erdenkloß zu beleben, entlehnte er allenthalben von den Tierseelen gute und böse Eigenschaften und schloß sie in die Brust des Menschen ein. Unter den Himmlischen hatte er eine Freundin, Athene, die Göttin der Weisheit. Diese bewunderte die Schöpfung des Titanensohnes und blies dem halbbeseelten Bilde den Geist, den göttlichen Atem ein.“

Ich verschlang die Bücher. Doch die Übersättigung mit den Göttern, es gibt zu viele im Olymp, danach war derart, dass ich die schlechteste Prüfungs-Arbeit meines jungen Lebens schrieb.

Gegenwärtig geht es mir ähnlich. In der Küche können wir von Reis auf Kartoffeln oder Teigwaren wechseln. Hinterindien ist nicht nur voller Geister und Götter. Die belasten mich nicht. Aber die Ausreden, Flunkereien und Lügen, täglich neu erfunden und aufgetischt, gehen mir allmählich auf den Wecker. Sie wiegen schwerer, als die gesamte Götterwelt aus dem Olymp.

Der Nachbarschaft blieb es nicht verborgen, dass wir ein weiteres Tischblatt suchen. Ausgerechnet ein Ordnungshüter sollte uns dazu verhelfen. Wir kennen sie aus Chiang Mai bestens, die auf Holz spezialisierten, uniformierten Wegelagerer.
Der unbekannte Kerl soll im Besitze eines grossformatigen Holzstückes mit dem mir unbekannten Namen Hlumpha sein. Der Preis scheint mit 15‘000 Baht angemessen. Aus Erfahrung möchte ich mir aber das edle Stück erst ansehen.
Das sei unmöglich, wurde mitgeteilt. Das Objekt befinde sich in neunzig Kilometern Entfernung im Dschungel. Es müsse erst mit einem Elefanten, (warum nicht zwei?) zur Strasse transportiert werden. Dann funktionierten meine vom Alkohol nur teilweise betäubten Gehirnwindungen. Ich fragte mich, wie sägten die Arbeiter dort ein einziges Blatt von annähernd zwei auf einen Metern Grösse. So ein Riesenbaum von mindestens hundert Jahren liefert weit mehr Holz. Wo blieb der bescheidene Rest?
Dick erhielt Bilder. Schlechter kann selbst ein preisgünstiges Smartphone nicht fotografieren. Das Holz, praktisch farblos, erdige Grautöne, wies grosse Risse auf und war mit Schmutz, Kieseln, Blättern und Aststücken bedeckt. Wieder fragte ich nach dem Namen. „Ist es Hua Li?“
„Ja, ja, Hlumpha ist Huali.“
Mit Hua Li, Rosenholz, englisch Brazilian Tulipwood, wird die Holzart Dalbergia decipularis aus der Gruppe der Palisanderhölzer bezeichnet. Dieses seltene Holz wird üblicherweise nach Gewicht gehandelt. Der Preis liegt gegenwärtig bei etwa dreihundert Dollar pro Kilogramm! Neunzig Prozent der alten Bäume sind hohl. So hohl wie die Lügen der Händler. Ausgerechnet der Polizist erzählte, aus Furcht vor den Ordnungshütern, wurde das Brett vor vier Jahren eingegraben.

Die Basler haben einen Spruch für unglaubwürdige Geschichten:
„Verzell du das em Fährimaa!“ Der Fährimann steuerte früher seine Fähre über den Rhein. (3)

Fortsetzung folgt

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Tausendundeine_Nacht
(2)
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_sch%C3%B6nsten_Sagen_des_klassischen_Altertums
(Hörbuch) https://www.youtube.com/watch?v=Sy0AJLt7ZQo
(Holzfällerteller nach Otto) https://wordpress.com/read/post/id/732973/36950
(3) http://www.srf.ch/sendungen/hoerspiel/verzell-du-das-em-faehrimaa-3

5 Gedanken zu „Geschichten aus mehr als 6‘000 Nächten in Hinterindien

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