Wege zum Ruhm

Rum beschaffen wir uns in Flaschen. Durch Wiederholungen werden meine Beiträge nicht besser. Aber kopieren entlastet mich und meine Finger. Der Aufsatz #1562, mit leichten Korrekturen, stammt vom 18. August 2011. (t)

Im Buch `Der Rolltreppeneffekt`, verriet der Autor Felix R. Paturi, daß Schriftsteller ihre Arbeiten auf möglichst dickem Papier mit großer Schrift veröffentlichen sollten. (1) Nur auf diese Weise seien großformatige, umfangreiche und eindrückliche Folianten möglich.
Als ich mein Büchlein aus Phuket betrachtete, sah ich den sauberen Druck und bemerkte die aufwendige Typographie der Titel.
Doch die Wucht eines großen, ledernen Einbandes fehlte. Äußerlich wirkte es, wie eine alte, mißratene Ausgabe eines Monatsheftes von Readers Digest!

Im Fernsehen verfolgte ich vor Jahren öfters ein witziges, kontroverses Programm, das literarische Quartett, betreffend Bücher und Autoren mit seiner Hoheit, dem Literaturpapst, Marcel Reich-Ranicki, MRR, selbst. (2)
Der Herr der Bücher donnerte los wie eine Artilleriestellung. In kürzester Zeit zerriß er ein Werk, in welchen unbescholtene Schreiberlinge die schönsten Jahre ihres Lebens, genüßliche Fortpflanzung, einen lukrativem Lebenserwerb im Topmanagement und ungezählte Freundschaften opferten.
MRR klaubte rein rhetorisch schöne, glaubwürdige Sätze zusammen, die er theatralisch in die Mikrofone geiferte, während sein Gesicht und seine Gestik Bände des Unglaubens, der schieren Verzweiflung und der absoluten Verständnislosigkeit demonstrierten.
Der nicht unbestrittene MRR hatte zeitweise ein schwieriges, abenteuerliches Leben, genug Stoff für ein mehrbändiges Werk.
MRR arbeitete als Übersetzer, Lektor, Schriftsteller und Publizist. Er hatte die Gnade der Gabe der rasier-messerscharfen Kritik. Diese praktizierte er als gehobene Unterhaltung in einer eher kulturarmen, kommerzialisierten Fernsehwelt.

Neulich demontierte mich MRR im Traum. Ich war Gast in seiner Sendung und nippte leicht nervös an meinem Selters, während ich gespannt das Schlachten erster Opfer verfolgte. Bedaure, ich meinte natürlich die Besprechung der neuen Bücher.

MRR:
„Am heutigen Abend begrüßen wir einen Gast aus den fernen Reisfeldern Nordthailands, Herrn Low.“
Bescheidener, freundlicher Applaus.
„Guten Abend.“
„Herr Low verfaßte Erzählungen aus einem gänzlich unbedeutenden Dorf und schilderte Land und Leute. Dies tat er erst im Internet und nun in diesem, glücklicherweise bescheidenen kleinen Band.“ Fitze Hinterindien
MRR fuchtelte ein Sekunde mit der Lektüre in der Luft herum, als wäre sie mit Blitzen geladen.
„Herr Low, das ist kein Buch, das ist kein Büchlein. Das ist bereits vom Aussehen her vergleichbar mit Schund in Reinkultur. Namen nenne ich keine, oder kennt jemand von ihnen John Kling oder Jerry Cotton?“
Applaus.
MRR wandte sich gnädigst an mich:
„Herr Low, hatten sie und ihre Gattin, welche nicht ihre Gattin ist, eine angenehme Reise?“
„Ja, danke Herr MRR.“
„Herr Low, Sie sind überheblich und verglichen ihre Erlebnisse in den Reisfeldern mit den Erzählungen eines Autors vom Format eines Albert Bitzius, Gotthelf genannt, aus dem schweizerischen Emmental.“
„Die Ähnlichkeit der Geschehnisse waren frappant, Herr MRR. Die Mentalität der Menschen entsprach etwa Gotthelfs Schilderungen der Zustände vor hundertfünfzig Jahren. Sie werden zusätzlich zu Alkoholika und Drogen von den meisten technischen Errungenschaften materiell und geistig dauernd überfordert.“
„Herr Low, sie scheuten sich nicht, sogar Friedrich Dürrenmatt …“
Dürrenmatt – der Name zerfloß MRR richtiggehend auf der Zunge.
„ – …Friedrich Dürrenmatt, einen Autor von Weltklasse, einen der ganz Grossen, – zu zitieren.“
„Das ist richtig, Herr MRR. Dürrenmatt liegt zeitlich näher. Seine angepaßte Sprache zeigt Spuren der Rhetorik eines Seelsorgers. Sein Vater war, wie Gotthelf selbst, Pfarrherr im Emmental. Dürrenmatts Sohn Peter ist Pfarrer.“
„Herr Low, versuchen sie nicht, sich in die Theologie zu flüchten. Ihre teilweise gewagten Aufsätze beweisen das Gegenteil.“
„Danke, Herr MRR. Die einfachsten und schönsten Predigten von Dürrenmatt sind meines Erachtens `Der Verdacht`und `Der Richter und sein Henker`. Sein Psalm auf das Leben heißt `Grieche sucht Griechin`.“
„Herr Low, sie sind nicht hier, um das Werksverzeichnis eines bedeutenden Autors wie Friedrich Dürrenmatt vorzutragen. Sie erklärten am Anfang ihrer Geschichten, sie schreiben, um ihre Sprachkenntnisse nicht zu verlieren?“
„Das ist richtig, Herr MRR.“
„Herr Low, da hätten sie aber nicht viel zu entbehren! Ich überflog ihre Texte kurz. Nicht alle. Einige wenige genügten mir.“
Er betrachtete mich furchterregend, eindringlich.
„Und ich weiß, daß sie inmitten von Reisfeldern wohnen. Deshalb hege ich folgenden begründeten Verdacht:
In den Reisfeldern leben und arbeiten diese urtümlichen, gewaltigen Tiere, genannt Wasserbüffel.“
„Richtig, Herr MRR.“
„Nun, diese Wasserbüffel, wie auch die Reisfelder selbst, produzieren das Klimagift Methan.“
„Richtig, Herr MRR.“
„Herr Low, dieses Giftgas namens Methan stieg ihnen in den Kopf. Anstatt es einfach durch einige Flatulenzen entweichen zu lassen, vermüllen sie Literatur und unsere Umwelt mit ihrem Krempel. Guten Abend, Herr Low.“
Stürmischer Applaus.
Wem galt der Applaus? Der Kenntnis der Chemie? Dem geschickt eingefädelten Abgang?
Ich blieb anständig, dachte an die teure, durch MRR finanzierte Reise und sagte:
„Danke sehr, Herr Reich-Ranicki. Guten Abend,“ und trollte mich, wie vom Winde verweht.
In Wirklichkeit rollte ich mich in Chiang Mai schnarchend im Bett von einer Seite zur anderen.

(t) http://forum.thailandtip.info/index.php?topic=1225.msg1015570;topicseen#msg1015570
(1)
Der Rolltreppeneffekt, Felix R. Paturi
• Verlag: Rowohlt TB-V., (Januar 1985)
• ISBN-10: 3499168995
(2)
http://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Reich-Ranicki

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