Feine Verwandtschaft

29. April 2011

Ich blätterte in den Archiven und fand lesenswerte Aufzeichnungen. Sie helfen, die Gegenwart zu verstehen.

Eigentlich war meine Idee, Geschichten zum Schmunzeln oder zum lächelnd Nachdenken zu schreiben. Als unabhängiger Beobachter der Szene bemühte ich mich, über den Ereignissen zu stehen. Doch nun schleuderte ich selbst in Bedrängnis. Diese Begebenheiten könnte ich grosszügig schweigend übergehen. Doch zum Spiel gehört eine Portion Fairness, obwohl es bedeutend einfacher wäre, Mitmenschen durch den Kakao zu ziehen.
Die Frage ist, ob wir die Klippen gemeinsam umschiffen, oder ob es Einzelaktionen gibt. Werde ich in absehbarer Zeit Einsiedler?
Nach vielen unerfreulichen Erfahrungen, über welche mutige Kollegen und ich berichteten, bin ich mehr als gewarnt und ziehe täglich neue Schlüsse. reclining-buddha
Die teilweise erfolgreichen Einbrüche in unser Paradies machten mich nachdenklich. Wir versuchten seit Jahren, unsere Privatsphäre zu schützen.
Für Besucher steht in etwa 200 Metern Entfernung ein komfortables Gästehaus. Für Feste und Gartenparties diente der Beautysalon als Küche und Toilette.
Nur noch wenige ausgewählte Personen gelangen in unser Heim, nachdem wir ärgerliche Erfahrungen mit taktlosen und aufdringlichen Besuchern aus dem Abendland samt einheimischem Gefolge machten.

Der Trick mit der Nagelburg war ein absoluter Volltreffer. Dick fehlte das Rückgrat, den Sohn aus dem Salon zu verbannen. Der eigentliche Fehler geschah vor Monaten, als sie ihm dort Gastrecht für seine Elektronikverkäufe im Dorf gewährte. Für wenige Tausender setzte sich der Schmarotzer fest und breitete sich in Windeseile aus.
Mit dem Einkommen seiner drei Tage-Arbeitswoche kann er mit den unerwarteten Schulgeldern für seine Tochter natürlich keine Darlehen zurückzahlen. Andererseits hindere ich ihn nicht, zusätzlich zur Elektronik, Frauen- und Hundehaltung, eine weitere lukrative Tätigkeit auszuüben.

Dick lernte im Spital noch wesentlich feinere Verwandte kennen. Mir war bekannt, dass zwei der Schwestern und der älteste Bruder immer wieder Mühe mit Besitzverhältnissen und fremdem Eigentum zeigten. Als arbeitsscheue Hohlköpfe bestahlen sie sich gegenseitig und lebten auf Kosten des Rests der Familie auf grossem Fuss, bis kaum mehr etwas zu holen war.
Während Dicks zweiter Sohn kürzlich im eigenen Haus seine Notdurft verrichtete, erleichterte ihn Tantchen zusätzlich um hart erarbeitete zwanzigtausend Baht. Als er sich die Summe durch deren Moped zurückholen wollte, bemerkte er, dass es bereits verpfändet war.

Eine der Frauen verlor mit ihrem Mann zusammen, einem grossmäuligen Golfer und Besserwisser in sämtlichen Lebenslagen, innerhalb weniger Jahre zwei spektakulär erschlichene Häuser, zwei Mittelklassewagen und Schmuck im Wert von einer halben Million Baht. Sie fanden immer wieder Dumme, welche für sie gratis arbeiteten und kassierten deren Löhne.
Die Kinder eines ausgeschlossen, erbten diese fast krankhaften Veranlagungen und sind Schurken und Vaganten von Buddhas Gnaden, die für ihre unbezahlten, teils gestohlenen Mopeds sogar den Treibstoff aus Autos, inklusive Fahrzeuge der Familie, klauen. Deren fragwürdige Zukunft liegt in Diebstahl, Drogen, Hehlerei und Zuhälterei. Mit ganz grossen Anstrengungen landet vielleicht einmal einer bei der TukTuk Mafia, oder einer anderen wichtigen, für den Tourismus unentbehrlichen Organisation.
Wie sich Dick aus dem Gemetzel heraushallten konnte, weiss ich nicht bestimmt. Es ist nicht auszuschliessen, dass sie mindestens zeitweise erpresst wurde.

Sie und einer ihrer Brüder kümmerten sich diese Tage rührend um den operierten Vater. Später stellte sich die Frage, ob er noch einmal unters Messer müsste.
Das Ärztegremium beriet lange. Die Herren waren unsicher und schlossen grössere Probleme ein. Die Erfolgsquote lag bei knapp fünfzig Prozent. Die Ärzte waren der Meinung, die Angehörigen müssten mit ihrer Unterschrift entscheiden.
Da stellte sich heraus, dass die zwei missratenen Töchter mit Sohn bereits in der Stadt anwesend waren, ohne den Patienten je zu besuchen. Sie erschienen in Begleitung eines Juristen mit vorbereiteten Erbschaftsdokumenten im Spital!
Der Vater hatte eine (nun lebensbedrohende) Todesfallversicherung über dreihunderttausend Baht bei seiner Bank.
Die drei Hungerleider waren selbstverständlich für die riskante Operation, denn je riskanter, desto Nibbana.
Dick, ihr helfender Bruder und Mutter waren dagegen. Der Stichentscheid lag beim Patienten, welcher einen erneuten Eingriff ebenfalls ablehnte.
Dann log er frei von der Leber weg, er habe seine Bank bereits beauftragt, den Betrag an Dick zu überweisen, welche seit Jahren seine Spitalaufenthalte bezahlte.
Die drei drolligen Kinder verloren ihre Beherrschung und bedachten Dick noch im Krankenhaus mit Morddrohungen. Dick brachte ihre Eltern nach Hause und machte sich auf den Weg nach Chiang Mai.

Sie war kaum weg, als die Geldbeschaffungsfraktion vorfuhr. Die wussten, Mutter hatte zwei Baht Goldschmuck. Das sind dreissig Gramm.
Frech verlangten sie nach dem Gold. Ein Schuss von Dicks zweitem Sohn in einen Reifen des Fahrzeuges vertrieb die schlechte Gesellschaft. Sie rollten zur Polizei und wollten hunderttausend Baht Schadenersatz. Der Beamte grinste und erklärte, dass sei kein Schuss, sondern ein legaler Nagel und überliess die Schlaumeier ihrem Schicksal.

Sie reisten des Nachts hundertfünfzig Kilometer zurück nach Phitsanulok und besuchten Verwandte. Unter dem Vorwand, sie müssten Vater für eine dringende Operation nach Bangkok bringen, verlangten sie nach Gold. Als Sicherheit würden sie ihr (gemietetes) Fahrzeug an Ort stehen lassen. Ein Telefonanruf zu Dick in Chiang Mai wirkte klärend und vereitelte den fiesen Plan.

Am 28. April überzeugten sie sich persönlich vor Mutters Haus, ob Vater doch nicht lieber in ein Krankenhaus nach Bangkok gebracht werden möchte. Sie quengelten den ganzen Tag und meinten: “Dicks Farang sollte es möglich machen!“

Innerlich kochte ich aus ohnmächtiger Wut. Dick hatte Magenprobleme.
Sollte die Bande hier erscheinen, sind zwei Kilogramm zauberhaftes Feuerwerk vorbereitet. Danach wären nicht nur die Reifen des Fahrzeuges frisch vulkanisiert!

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