Die Anfänge eines relativ bewegten Lebens

Meine Finger spielen wieder einmal verrückt. Tippen ist, wie in den vergangenen Wochen, schlecht möglich. Deshalb kopierte ich altes Material. Es ist das erste Kapitel meiner gesammelten Erinnerungen: „Während fünfundzwanzig Jahren ohne Plattfuss Rollstuhl fahren“. Wer hätte damals gedacht, dass ich meinen Lebensabend in Thailand verbringen würde?

Am 18. November des Jahres 1957 gab es im Spital zum Mittagessen Kuchen. Obwohl ich Kuchen mag, erhielt ich keinen. Ich lag im Gang in einem Bett, wartete auf einen Arzt und überlegte nüchtern im doppelten Sinne des Wortes, ich sei offenbar ein schwieriger Fall und müsse mit einem längeren Spitalaufenthalt rechnen. In einer Woche, stellte ich mir voller Vertrauen in die ärztliche Kunst vor, sei mein Leiden kaum zu kurieren, aber spätestens bis Weihnachten sei ich wieder zu Hause.
In der vergangenen Nacht hatte ich für kurze Zeit unheimliche, heftige Atembeschwerden. Während ich um Luft kämpfte, dachte ich sogar ans Sterben. Doch danach schlief ich benommen wieder ein. Am Morgen fühlte sich die Hose beim Anziehen an meinen Beinen merkwürdig warm an. Das Frühstück schmeckte mir nicht. Als ich das Fahrrad aus dem Keller trug, schien es tonnenschwer. Ich setzte mich schwunglos auf den Sattel, trat die Pedale für einige Minuten, kam jedoch kaum voran. Dabei fühlte ich, wie ich von Sekunde zu Sekunde müder und kraftloser wurde. „Mir ist übel,“ sagte ich zu mir, „fahren wir nach Hause zurück.“ Dann vermochte ich nicht mehr zu fahren, darum schob ich das Rad. Nach wenigen Schritten fiel mir das Gehen so schwer, dass ich mich doch wieder fürs Fahren entschied.

Etwas später hielt ich mich am Gartenzaun fest und liess das Fahrrad zwischen den Beinen wegrutschen. Kriechend gelangte ich ins Haus. Kriechend schaffte ich die Treppen in den ersten Stock, dann klingelte ich.
Ob die Mutter staunte oder erschrak, als sie mich am Boden liegen sah, weiss ich nicht mehr. Sie holte eine Nachbarin zu Hilfe. Die beiden Frauen brachten mich ins Bett. Mehrmals versuchte ich aufzustehen. Meine Beine gehorchten mir nicht und klappten jedesmal kraftlos zusammen.

Die besorgte Mutter telefonierte einem Arzt. Ohne grosse Untersuchung und ohne viele Worte verabreichte er mir einige Pillen. Sie wirkten nicht. Ich wusste ganz genau, dass ich ins Spital musste. Kurz vor Mittag holte mich der Krankenwagen ab. Die Sanitäter desinfizierten das Badezimmer.
Die Lähmung traf mich nicht als Schock. Vorerst fühlte ich mich nicht einmal krank. Über den Sachverhalt konnte ich keine Erklärung geben.
Der Arzt stellte viele Fragen. Er tappte ebenfalls im Dunkeln über die Ursache meines Zustandes. Vielleicht würden Röntgenbilder und Blutuntersuchungen den Fall klären helfen.
Auf der Absonderungsabteilung des Spitals würde ich vorderhand wenigstens niemanden anstecken. Mein Bettnachbar hatte Kinderlähmung. Bei mir war dies nicht auszuschliessen.

An diesem schicksalsträchtigen Tag erinnerte ich mich nicht an einen Abend, der ungefähr fünfeinhalb Wochen zurück lag. Damals spielten wir in der Turnhalle Korbball. Der Kampf war hitzig, wild und ich hatte Spass und fühlte mich in Form. Ich sprang sehr hoch, um einen gefährlichen Ball abzufangen. Irgendwie vermutete ich einen Gegner hinter mir. Um den Spieler nicht zu verletzen, streckte ich beide Beine nach vorne. Es krachte fürchterlich, als ich mit dem Gesäss auf den Boden prallte. Für einige Zeit verlor ich das Bewusstsein. Meine Kameraden grinsten, als ich blinzelnd die Augen öffnete und bald danach weiter spielte.
Am nächsten Morgen konnte ich mich zum Frühstück nicht setzen. Das Steissbein war offenbar verstaucht und mein Hinterteil schmerzte jämmerlich. Unwillkürlich wurde ich an das Korbballspiel erinnert.
Meine Körperbeherrschung war unvollkommen, kleine Verletzungen ein Dauerzustand. Deshalb mass ich dem schmerzenden Hintern keine grosse Bedeutung zu. Zudem war dieser Körperteil während der Jugendzeit mit Regenschirmen und ähnlichen Gebrauchsgegenständen entsprechend vorbehandelt worden.
(Vergleiche: Sprüche Salomos, 19.Kapitel, 18.Vers.)

Einige Tage später ging ich wieder turnen. In der Nacht erwachte ich keuchend, schweissgebadet. Während wenigen Minuten, sie erschienen mir stundenlang, konnte ich kaum atmen. Danach war der Spuk wie weggeblasen.
Eine Woche darauf trainierte ich erneut. Diesmal hing ich an den Ringen, als mir die Puste ausging. Ich musste mich fallen lassen und lag dann japsend und heulend am Boden. Der ratlose Leiter versuchte mich zu trösten, worauf ich mir Mühe gab, das Schauspiel zu beenden und raschmöglichst wieder aufzustehen.
Nach einer weiteren Woche erlebte ich im Bett erneut, wie eine stählerne Bettdecke den Brustkasten zusammenquetschte und das Atmen behinderte.

Mittlerweile heilte das Steissbein so weit, dass ich mich ohne Schmerzen setzen konnte. War das nicht ein Grund, Sonntags ins Kino zu gehen?
Giulietta Masina spielte in: „Die Nächte der Cabiria“. Als der Film zu Ende war und das Publikum mehr oder weniger gerührt dem Ausgang zustrebte, konnte ich mich nicht mehr erheben. Ich sass da, wie wenn ich Wurzeln geschlagen hätte und der Masina während den weiteren Vorstellungen in die ausdrucksvollen Augen blicken wollte.
Zwei ältere, nicht mehr ganz so schnelle Damen halfen mir freundlicherweise auf die Beine.
Zu Hause spielte ich mit meinem Bruder Fussball, nicht ahnend, dass dies meine Abschiedsvorstellung im Fussball war.

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