Die vergebliche Suche nach Glück

Das Tao, das sich mit Worten beschreiben lässt, ist nicht das wahre Tao.“
– LAO TSE: : TAO TE KING, Dàodéjīng, 道德經.

Ein besonderer Markt lockte, der chinesische Frühlingsfest-Markt. Dort wurde neben viel Plunder echtes Glück angeboten. Ein altehrwürdiger Chinese, war er echt – oder wie in Kung-Fu Filmen auf alt geschminkt – erklärte:
„Wenn Du Glück suchst, musst Du erst wissen, was Dein Glück ausmacht. Viele Menschen sagen Glück — und meinen Reichtum, materielle Güter, dazu möglichst viel Geld. Glück transportierst Du nicht im Geldbeutel, sondern im Herzen. Die Meisten suchen ein Leben lang nach den falschen Dingen.“

Der Mann war schmerzhaft Weise. Auch ich unterlag im jugendlichen Alter trügerischen Vorstellungen und Werten — bis ich eines schönen Tages abgeschossen wurde und ausgezockt hatte. Ich durfte mich relativ schnell von meinen Sammlungen materieller Güter wie Bilder, Bücher, Briefmarken, Schallplatten, Sparkonten und Wein, verabschieden. Nicht einmal die alten Freunde blieben mir erhalten.

Das bunte Treiben auf dem exotischen Markt gefiel mir. Kalligrafien und Scherenschnitte schaukelten im Wind. Bilder, gerahmt und ungeschlagrahmt, gab es mit sämtlichen denkbaren Motiven. Künstliche Seidenteppiche, wohl geeignet für sogenannte Teppichetagen, wurden in verschiedenen Preislagen angeboten. Edelsteine, Halbedelsteine und Pflastersteine wurden gehandelt. In Garküchen brodelten und brutzelten Speisen. Um Grillstände roch es teilweise penetrant nach verbranntem Öl. Nur das gut verborgene Glück fand ich nicht.

Eine uralte, dennoch zierliche Dame sprach mich an. War sie die Frau des Kung-Fu Kämpfers?
„Suchen sie etwas? Darf es eine hübsche Begleiterin fürs Frühlingsfest sein?“
Auf Tritte in den Hintern, selbst wenn sie von Lotos-Füssen stammten oder aus einem unerschöpflichen Plappermund, verzichtete ich freiwillig. (1)(2)
„Ich suche das Glück!“
„Das wird schwierig,“ antwortete sie. Sie wies mir den Weg zu einem Marktstand in der näheren Umgebung.
„Diese Leute verkaufen einen speziellen Wachs. Er wird von seltenen Bienen in Neumondnächten aus Pusteblumen gewonnen. Der Wachs ist teuer. Er wird in Gold aufgewogen, ein sicherer Weg zum Glück. Sie bringen den Wachs dann auf das Schiff der Tao-Mönche im Fluss. (3) Die erstellen eine Urkunde. Das Papier bestätigt mit Siegel und Unterschrift, Sie erwarben eine Option auf Glück, was immer es sein mag.“

Mittlerweile wurde es heiss auf dem Markt. Es wurde so warm, dass ich auch jetzt, während des Schreibens, etwas trinken musste. Später fand ich den Bienen-Wachs-Stand und ergatterte ein schönes Stück Wachs. Oben war er bereits angeschmolzen. Unten sah er aus wie steinharter, eiskalter Granit.
In der Ferne sah ich die malerischen Dschunken auf dem Fluss. Dort mussten die Taoisten sein. Der Fluss lag rechts. Als ich endlich dort war, trennte mich eine unüberwindbare Mauer vom Wasser. Ich folgte der Mauer. Irgendwo musste es einen Durchgang geben. Durch die Hitze bedingt, tropfte der Wachs. Der Klumpen wurde spürbar leichter. Anstatt den Weg zum Fluss zu finden, gelangte ich wieder in den unteren Teil des Marktes.

Ich beglückte den ganzen Markt mit meinen Wachstropfen der sehr speziellen Bienen. Für die Mönche blieb nichts mehr übrig. Doch für diese Brüder ist Enthaltsamkeit Ehrensache. Anstelle von Wachs-Kerzen gibt es in Tempeln nun LED-Leuchten. Die Bezeichnung Wachs-Kerzen ist eine Lüge. Sie wachsen nicht, sie brennen – wie unsere Leben, ob weiss, gelb oder rot – kürzer.

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Lotosfu%C3%9F
(2) https://www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=6tk0QsdsOcU
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Daoismus

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