Liebe ist ein seltsames Spiel

Möglicherweise verreisen wir in zwei Tagen in den Süden. Unsere vermeintliche Pflegerin verabschiedete sich, wie in Thailand üblich, ohne Vorankündigung. Die Frau kam rechtzeitig von Indonesien zurück. Sie arbeitete dort. Ihre Ruhe verbrachte sie während der Regenzeit in einem Zelt. Eine muffig miefende Bambushütte wäre ein Luxus gewesen. Die ersten Tage investierte danach die Frau ihren Verdienst in Chiang Mai in einem Krankenhaus mit Intensiv-Pflege. Sie hustet immer noch. Ihre rührige Schwester lud eine pflegebedürftige ältere Verwandte und deren gebrechlichen Farang-Gatten, Australier, nach Chiang Mai ein. Das ist die neue Herausforderung für das christlich orientierte Wesen.

Die letzten sechs Monate waren die härteste Zeit, die ich im Dorf erleben durfte. Ich war nicht unvorbereitet und wusste bereits in Satun, was mir bevorstehen könnte. Dicks Mutter hat fünf Kinder. Aber nur Dick ist in der Lage, korrekte Pflege zu leisten.
Mutter erkrankte, weil die eine Tochter unfähig oder zu faul war, Beutelsuppen wie MAMA oder WAI WAI zu kochen. Sie kaufte billige Gammelsuppen auf der Strasse. Ihr Mann, ein Amerikaner, verstarb trotz studierter Ärzte im Krankenhaus daran. Himmel und Hölle benötigen dringend Nachschub. Mutter überlebte knapp, wenn man dieses erbärmliche Leben mit Medikamenten zwischen Erbrechen und anderen unkontrollierten Ausscheidungen noch Leben nennen will. Die familiären Leichenfledderer erkundigen sich, wie gehabt, höchstens nach der zu erwartenden Erbschaft. Da gibt es leider nur eine Menge nichts. Mutters neueres Haus, von mir entworfen und finanziert, steht auf Dicks Land.
Dick bezahlte während Monaten ihrem Bruder die Miete für ein Haus in der Nachbarschaft. Sie dachte, diese Familie würde sich um Mutter kümmern. Die alte Frau schwebte dauernd in Lebensgefahr, weil keine Leistungen erbracht wurden, ausser dass der schwachsinnige Kerl, sie wöchentlich, jeweilen kurz vor dem zu erwartenden Abkratzen, ins Krankenhaus brachte.

Dick versuchte, für mich eine geeignete zusätzliche Partnerin zu finden. Die Eine sagte sofort zu. Die einzige Bedingung: Heirat. Für mich wäre die wichtigste Voraussetzung für eine Ehe ewige Liebe. Die Frau, dank Botox und täglichem intensiven Training relativ hübsch, hat einen Intelligenzquotienten, der von jedem Smartphone übertroffen wird. Ich mag sie nicht, denn Smartphone und Telefon sind vorhanden. Sie wäre nicht in der Lage, im Ernst-Fall Hilfe anzufordern oder zu erbringen. Sie gehört in die Kategorie gelebter Seifen-Opern.
Ein anderes Weiblein wollte mich ganzheitlich übernehmen. Sie strahlte viel Wärme und enorme spürbare Herzensgüte aus. Ihr Motto: „Ich bin gut zu Vögeln“, meinte nicht, dass sie Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar fütterte. Sie hatte jederzeit unbändige Lust auf intimen Körperkontakt. Ich als Pseudo-Vegetarier, bin nicht abgeneigt. Jedoch sind meinerseits noch andere unbedeutende Bedürfnisse, beispielsweise Speisen und Getränke, nicht nur Viagra, vorhanden.

Sofern das Schicksal gnädig ist – und im Horoskop die Sterne an der richtigen Stelle stehen – wird Dick nach einigen Tagen Erholung beide Damen problemlos ersetzen.

Feine Verwandtschaft

29. April 2011

Ich blätterte in den Archiven und fand lesenswerte Aufzeichnungen. Sie helfen, die Gegenwart zu verstehen.

Eigentlich war meine Idee, Geschichten zum Schmunzeln oder zum lächelnd Nachdenken zu schreiben. Als unabhängiger Beobachter der Szene bemühte ich mich, über den Ereignissen zu stehen. Doch nun schleuderte ich selbst in Bedrängnis. Diese Begebenheiten könnte ich grosszügig schweigend übergehen. Doch zum Spiel gehört eine Portion Fairness, obwohl es bedeutend einfacher wäre, Mitmenschen durch den Kakao zu ziehen.
Die Frage ist, ob wir die Klippen gemeinsam umschiffen, oder ob es Einzelaktionen gibt. Werde ich in absehbarer Zeit Einsiedler?
Nach vielen unerfreulichen Erfahrungen, über welche mutige Kollegen und ich berichteten, bin ich mehr als gewarnt und ziehe täglich neue Schlüsse. reclining-buddha
Die teilweise erfolgreichen Einbrüche in unser Paradies machten mich nachdenklich. Wir versuchten seit Jahren, unsere Privatsphäre zu schützen.
Für Besucher steht in etwa 200 Metern Entfernung ein komfortables Gästehaus. Für Feste und Gartenparties diente der Beautysalon als Küche und Toilette.
Nur noch wenige ausgewählte Personen gelangen in unser Heim, nachdem wir ärgerliche Erfahrungen mit taktlosen und aufdringlichen Besuchern aus dem Abendland samt einheimischem Gefolge machten.

Der Trick mit der Nagelburg war ein absoluter Volltreffer. Dick fehlte das Rückgrat, den Sohn aus dem Salon zu verbannen. Der eigentliche Fehler geschah vor Monaten, als sie ihm dort Gastrecht für seine Elektronikverkäufe im Dorf gewährte. Für wenige Tausender setzte sich der Schmarotzer fest und breitete sich in Windeseile aus.
Mit dem Einkommen seiner drei Tage-Arbeitswoche kann er mit den unerwarteten Schulgeldern für seine Tochter natürlich keine Darlehen zurückzahlen. Andererseits hindere ich ihn nicht, zusätzlich zur Elektronik, Frauen- und Hundehaltung, eine weitere lukrative Tätigkeit auszuüben.

Dick lernte im Spital noch wesentlich feinere Verwandte kennen. Mir war bekannt, dass zwei der Schwestern und der älteste Bruder immer wieder Mühe mit Besitzverhältnissen und fremdem Eigentum zeigten. Als arbeitsscheue Hohlköpfe bestahlen sie sich gegenseitig und lebten auf Kosten des Rests der Familie auf grossem Fuss, bis kaum mehr etwas zu holen war.
Während Dicks zweiter Sohn kürzlich im eigenen Haus seine Notdurft verrichtete, erleichterte ihn Tantchen zusätzlich um hart erarbeitete zwanzigtausend Baht. Als er sich die Summe durch deren Moped zurückholen wollte, bemerkte er, dass es bereits verpfändet war.

Eine der Frauen verlor mit ihrem Mann zusammen, einem grossmäuligen Golfer und Besserwisser in sämtlichen Lebenslagen, innerhalb weniger Jahre zwei spektakulär erschlichene Häuser, zwei Mittelklassewagen und Schmuck im Wert von einer halben Million Baht. Sie fanden immer wieder Dumme, welche für sie gratis arbeiteten und kassierten deren Löhne.
Die Kinder eines ausgeschlossen, erbten diese fast krankhaften Veranlagungen und sind Schurken und Vaganten von Buddhas Gnaden, die für ihre unbezahlten, teils gestohlenen Mopeds sogar den Treibstoff aus Autos, inklusive Fahrzeuge der Familie, klauen. Deren fragwürdige Zukunft liegt in Diebstahl, Drogen, Hehlerei und Zuhälterei. Mit ganz grossen Anstrengungen landet vielleicht einmal einer bei der TukTuk Mafia, oder einer anderen wichtigen, für den Tourismus unentbehrlichen Organisation.
Wie sich Dick aus dem Gemetzel heraushallten konnte, weiss ich nicht bestimmt. Es ist nicht auszuschliessen, dass sie mindestens zeitweise erpresst wurde.

Sie und einer ihrer Brüder kümmerten sich diese Tage rührend um den operierten Vater. Später stellte sich die Frage, ob er noch einmal unters Messer müsste.
Das Ärztegremium beriet lange. Die Herren waren unsicher und schlossen grössere Probleme ein. Die Erfolgsquote lag bei knapp fünfzig Prozent. Die Ärzte waren der Meinung, die Angehörigen müssten mit ihrer Unterschrift entscheiden.
Da stellte sich heraus, dass die zwei missratenen Töchter mit Sohn bereits in der Stadt anwesend waren, ohne den Patienten je zu besuchen. Sie erschienen in Begleitung eines Juristen mit vorbereiteten Erbschaftsdokumenten im Spital!
Der Vater hatte eine (nun lebensbedrohende) Todesfallversicherung über dreihunderttausend Baht bei seiner Bank.
Die drei Hungerleider waren selbstverständlich für die riskante Operation, denn je riskanter, desto Nibbana.
Dick, ihr helfender Bruder und Mutter waren dagegen. Der Stichentscheid lag beim Patienten, welcher einen erneuten Eingriff ebenfalls ablehnte.
Dann log er frei von der Leber weg, er habe seine Bank bereits beauftragt, den Betrag an Dick zu überweisen, welche seit Jahren seine Spitalaufenthalte bezahlte.
Die drei drolligen Kinder verloren ihre Beherrschung und bedachten Dick noch im Krankenhaus mit Morddrohungen. Dick brachte ihre Eltern nach Hause und machte sich auf den Weg nach Chiang Mai.

Sie war kaum weg, als die Geldbeschaffungsfraktion vorfuhr. Die wussten, Mutter hatte zwei Baht Goldschmuck. Das sind dreissig Gramm.
Frech verlangten sie nach dem Gold. Ein Schuss von Dicks zweitem Sohn in einen Reifen des Fahrzeuges vertrieb die schlechte Gesellschaft. Sie rollten zur Polizei und wollten hunderttausend Baht Schadenersatz. Der Beamte grinste und erklärte, dass sei kein Schuss, sondern ein legaler Nagel und überliess die Schlaumeier ihrem Schicksal.

Sie reisten des Nachts hundertfünfzig Kilometer zurück nach Phitsanulok und besuchten Verwandte. Unter dem Vorwand, sie müssten Vater für eine dringende Operation nach Bangkok bringen, verlangten sie nach Gold. Als Sicherheit würden sie ihr (gemietetes) Fahrzeug an Ort stehen lassen. Ein Telefonanruf zu Dick in Chiang Mai wirkte klärend und vereitelte den fiesen Plan.

Am 28. April überzeugten sie sich persönlich vor Mutters Haus, ob Vater doch nicht lieber in ein Krankenhaus nach Bangkok gebracht werden möchte. Sie quengelten den ganzen Tag und meinten: “Dicks Farang sollte es möglich machen!“

Innerlich kochte ich aus ohnmächtiger Wut. Dick hatte Magenprobleme.
Sollte die Bande hier erscheinen, sind zwei Kilogramm zauberhaftes Feuerwerk vorbereitet. Danach wären nicht nur die Reifen des Fahrzeuges frisch vulkanisiert!

Blüten eines jungen Notenfälschers

Meistens fälschen junge Menschen beim Lernen eines Instrumentes unfreiwillig klassische Kompositionen. Das Notenpapier hat eine jedoch derart aussergewöhnliche Qualität, dass die Werke sämtliche Torturen von Generationen übender Musikanten unbeschadet überstehen.
Erste Werksverzerrungen erlebte ich mit annähernd zehn Jahren, als der Knabe des Nachbarn den Schneewalzer auf einer Handharmonika in Schneematsch verwandelte. (1) Später zerhackte eine Freundin, sie hiess nicht Elise, auf einem Piano Beethovens „für Elise“. (2) Solche Musikanten beginnen ihre Karrieren nicht nur als Notenfälscher, sondern auch als Falschspieler. Meine Kinder machten als geborene Künstler beim Üben keine Fehler, oder ich erinnere mich schlecht daran.

Neulich belästigte der kleine Goon mein Gehör. Er beschwatzte mich während eines lieben langen Nachmittags. Er sah beim Big C ein Lego Haus. Das sei mindestens einen halben Meter hoch und die Farbe: Lila! Kein Mensch kümmere sich um seinen Wunsch und würde dieses Haus für ihn kaufen. Er kniff und tätschelte mich.
Seine Aussagen stimmen. Seine Mutter ist Karrierefrau und kümmert sich nicht um ihre Knaben. Sie lebt nur für ihre Geschäfte.
Tischmanieren kannte der Kleine nicht mehr. Er stopfte sich den Mund voll. Danach begann er irgend etwas zu erzählen, während er, wie van Gogh in Frankreich, mit einem Messer aus rostfreiem Stahl, sein Ohr bearbeitete. Kein Wunder, weil die vorbildliche Mutter als Multitalent mit einem halben Hamburger zwischen den Zähnen, ihre teuren Smartphones der Extraklasse, kauend sprechend mit gehacktem Fleisch und Zwiebeln garniert.
Der knapp Sechsjährige brät sich Eier ganz alleine, wenn seine Betreuerin keine Zeit findet, nach Hause zu gehen und gesunde Mahlzeiten auf den Tisch zu stellen. Mama Beutelsuppen isst der Bedauernswerte mittlerweile als Trockenfutter. Das sind üble Zustände. Nicht vorhandene Behörden sollten rasch schützend eingreifen und solche Spiele verunmöglichen.​

Nach einigen Recherchen fanden wir heraus, Goon sah sein Traumhaus im Central Festival. Ich überlegte, sobald das lila Haus gebaut ist, wäre das Spiel leider zu Ende und verstaubt unbenutzt.
Dann erzählte ich dem Knaben, ich sei knapp bei Kasse. Ich hätte ihn zu einem bewaffneten Banküberfall überreden können. Aber ich war bescheiden und begnügte mich mit der Aufforderung, ein paar Scheinchen zu zeichnen, möglichst mit Werten in Millionenhöhe. Tags darauf übergab er mir fünf Scheine zu tausend Baht.
Seine Banknoten sind unzweifelhaft gut geraten. Jeder durchschnittlich ausgebildete Banker erkennt den erlauchten, heute leider verstorbenen Herrscher mit Brille. Einzig das ungewöhnliche Format, A4, verrät den Fälscher als Anfänger. Das gesammelte Papier investierten wir in Lego. note2

Den wichtigsten Arbeitsschritt unterliessen wir. Professionelle hinterindische Notenfälscher patinieren ihre Erzeugnisse mit schmutzigen Schweissfüssen. note1

(1) https://www.youtube.com/watch?v=a-G9DakCe5M
(2) https://www.youtube.com/watch?v=hsi0i1jIzIM

Wie Goon Onkels Besucherin sabotierte

Ende August berichtete ich, wie Goons Onkel, Dicks Moped, an eine angeblich per Smartphone gefundene „Dame“ verlor. (1) Seine erlogenen Erklärungen dazu entsprachen nicht einmal der halben Wahrheit. Grösseres Ausmisten brachten nicht nur trübe, sondern belustigende Tatsachen ans Licht. Trotz seines mehrjährigen dösens in Tempeln, im Fachjargon Meditation genannt, standesgemäss in gelben Roben, scheint der Mann den Begriff Lüge nicht zu kennen! Er war der Einzige der Verwandtschaft, dem ich vertraute. Nun verstehe ich, warum Buddha zuweilen den Kopf verliert. BuddhaPhan
Zur Zeit des Besuchs der zweifelhaften Line-Unbekannten, hatte Onkel eigentlich eine wichtigere Aufgabe. Er hatte bereits einen Besucher. Goon lebte bei seinem Onkel, weil die Mutter öfters nicht in der Lage ist, speziell während Schulferien, Kinder zu betreuen, oder zu verköstigen. Goons Bruder lebte allein in einem Internat in Chiang Mai. Bei Schulschluss zog der einsame Kleine es vor, wieder zu den Grosseltern nach Nan zu ziehen. Sie haben nicht nur Zeit für ihn, sondern etwas Liebe übrig, die seine Mutter nur für Bewunderer und Verehrer verschwendet.
Der kleine Goon freute sich gar nicht über den unerwarteten Frauenbesuch, mit dem er nun seinen Onkel teilen sollte. Schon bei seiner Mutter musste er dauernd widerwärtige Kerle vertreiben. Beim Onkel waren es neuerdings Weiber. Sogleich begann er mit gezielter Sabotage. Er setzte gezielt ihr Smartphone unter Wasser. Madame zeigte wenig Freude daran.
Dann besetzte er für zwei Stunden das Badezimmer. Erst verrichtete er ausgiebig die Notdurft, flüssig, fest und gasförmig. Danach putzte er die Zähne, ja, er polierte sie auf Hochglanz. Er legte Wert auf Körperpflege, duschte, wusch sich die Haare.
Draussen vor der Tür rief eine Frauenstimme:
„Bitte, öffne die Türe, ich muss dringend ….“
Goon entdeckte einen dunklen Fleck auf seinem rechten Fuss. Er duschte erneut und wusch sich zur Sicherheit die Haare noch einmal. Vor der Türe wechselte die Stimme von freundlichem Bitten auf hassvolles Schimpfen. Goon freute sich am Sieg und liess das Wasser fröhlich rauschen, bis es draussen endgültig still wurde.

(1) https://hinterindien.com/2016/08/31/smartphones-an-hohlkoepfen/

Irrungen und Verwirrungen

Als wir von Satun in den Norden aufbrachen, war ich auf etliche Überraschungen vorbereitet. Der Garten war verwahrlost. Im grossen Teich war der reiche Pflanzenteppich weg. Niemand kümmerte sich darum. Zusätzlich leckte das Mauerwerk. Der Rambutan Baum hatte keine Früchte. Die Blätter waren vergilbt. Die unerträgliche Hitze forderte ihren Tribut. Andere Früchte als Kokos, Bananen und Pomelo gab es dieses Jahr offenbar nicht.
In den letzten Wochen lagen in der Nähe des Sitzplatzes am Morgen runde Kugeln am Boden. Dick klagte, all die Früchte seien von Eichhörnchen und Vögeln angefressen. „Was ist es denn?“
„Saowaros.“
„Gönnen wir unseren Haustieren das Vergnügen“, sagte ich. Ein fetter Wels von siebzig Zentimetern Länge, landete nach der Besichtigung des Gartens und des Fallobstes in verschiedenen Kochtöpfen.
Danach fielen täglich unversehrte Beeren auf den Boden. Bisher kochte Dick davon bereits sechs Liter unverdünnten Sirup. Alle waren schneller als ich, beim Geniessen der Früchte. Überfluss an Passionsfrucht erlebte ich noch nie. Die Ernte geht weiter!

Es ist Ende September. Eigentlich wäre die Zeit reif, um in den Süden zu reisen.
Dick hatte eine zuverlässige Frau als Pflegehelferin. Die letzten drei Wochen musste Dick auf diese Hilfe verzichten. Die Frau reiste nach Indonesien und Singapur. Dicks Pflege-Dienst begann um sieben Uhr, wenn Mowgli zu Schule ging. Dann blieb sie weg, oft bis gegen Mitternacht.
Die Aufsichtspersonen aus der Familie, ausser Mowgli, taugten nichts. Wiederholt sah ich unsere Patientin mit einem Besen als Krücke im Garten herum irren, sofern wir unfähigen Trotteln vertrauten. Die Damen und Herren konnten oder wollten sich die Möglichkeit eines gefährlichen Sturzes nicht vorstellen. Dabei kracht die Frau fast jede Woche auf den Boden des Hauses, wenn sie in Eile ist. Sie ist immer in Eile. Sie mag keine Sekunde warten. Gegen diese senile Fallsucht könnte man uneinsichtige Personen höchstens auf dem Boden festschnallen. buddha-s
Ich versuchte, Dick wenigstens in unserem Haus zu helfen und kochte Abendessen für uns und ebenfalls für die Kranke. Trotz den Problemen mit den Armen wusch ich Teller und Besteck. Nur Gläser berührte ich bloss zum Trinken. Deren Abwasch ist zu delikat ohne Gefühl und Feinmotorik.
Eigentlich sollte Dicks Helferin zurück sein. Aber sie beschloss, bis Ende Oktober in Indonesien oder Malaysia zu bleiben. Das bedeutet, Dick kann gegenwärtig nicht weg. Wenn es kalt wird, beim ersten Schmerz, muss ich verreisen. Vielleicht könnte mir Mowgli helfen. Wir könnten Malaysia bereisen. Für ernsthafte Probleme müsste ich Instruktionen mit Telefonnummern vorbereiten.

Schmerzhafte Hoffnungslosigkeit

Warum pflegen Leute weltweit alte, hoffnungslos kranke Menschen? Das Schicksal ist eigentlich absehbar. Am Ende wartet der allmächtige Tod.
Dick betreibt unendlichen Aufwand für ihre Mutter. Diese Patientin ist absolut unzurechnungsfähig. Die Schmerzmittel veränderten ihr Denkvermögen. Die meisten der üblicherweise selbstverständlichen Gefühle sind ausgeschaltet. Sie erkennt nicht, wenn sie satt ist. Wenn Dick nicht aufpasst, verschlingt sie beinahe unbesehen alles, bis sie erbricht.
Durch die sorgfältig ausgewählten Speisen legte die die Patientin in vier Monaten zehn Kilogramm zu. Sie ist jedoch mit fünfundvierzig Kilogramm nicht fett. Durch geförderte Bewegung entwickelten sich einige Muskeln.

Dicks Bruder möchte seiner Mutter zusätzlich Freude bereiten. Wir erklärten ihm, die Alte könne nicht mehr alles verzehren, was Herz und Magen begehren. Gut gewürzte Thai-Speisen könnten Blähungen, Blutungen und Schmerzen auslösen. Der Mann weiss alles besser. Er hörte noch nie zu.
Nach knapp fünf stündiger Nachtruhe nickte Dick bei der Betreuung kurz ein. Während dessen brachte ihr Bruder gutes Essen für seine Mutter. Nicht langweiliger Brei oder fast geschmacklose Suppe, sondern bestes Thai Essen mit viel Knoblauch, Kräutern, Fleisch und Chilischoten, getränkt in reichlich Palmöl. Mutter ass die Delikatesse teilweise. Es schmeckte nicht, wie früher üblich. Sie dachte, eventuell müsse sie das Zeug wärmen. Sie stellte den Topf auf den Gasherd und vergass ihn.
Dick wurde durch Rauchschwaden geweckt. Die Kohlereste im Aluminium-Topf begannen zu glühen.
Vor wenigen Wochen verbrannte die Frau Dicks Hand mit kochendem Wasser, weil ihr die Kraft fehlte, die Pfanne irgendwo sicher hinzustellen. Sekundenbruchteile genügen, um Schäden zu verursachen. Ich verstehe nun, warum Psychiatrie-Patienten angekettet werden.
Brüderchen bereitete uns wenig Freude. Ein paar Stunden nach dem gesunden, stärkenden Essen, verlor die Patientin wieder Blut. Das beweist eindeutig: Magenschondiät schwächt den Kreislauf, Darm und Nieren. Unter Umständen fehlte zum Abrunden der Mahlzeit bloss der Lao Khao.

Wenn wir in wenigen Wochen in den Süden verreisen möchten, hat die Patientin mit der verbleibenden Verwandtschaft keine Überlebenschance. In Satun fehlen für sie die Infrastruktur wie Spital, Apotheke und qualifizierte Ärzte. Das Krankenhaus dort ist eine bessere Wartehalle der Krematorien. Wer wirklich Hilfe benötigt, reist nach Hat Yai, Nakhon Si Thammarat oder Bangkok, sofern die Finanzen vorhanden sind.
Die bittere Erfahrung zeigt: Alleine schaffe ich es leider nicht, sei es Chiang Mai oder Satun.

Smartphones an Hohlköpfen

Es ist vollbracht. Smartphones sind intelligenter als die Benutzer – zumindest in der Region, in der ich mich gegenwärtig aufhalte. Seit Monaten finde ich wenig schmeichelhafte Worte für die Menschen in meiner Umgebung. Entweder sind die Leute wirklich am Verblöden, oder meine Kriterien wurden härter.
Dicks Sohn erwählte unglücklicherweise eine Diebin, Spielerin, Lügnerin, Nutte und Drogenabhängige zur Gefährtin. Diese Frau wurde kürzlich zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Der jüngere Mann hat offenbar eine spezielle Begabung, denkbefreit die schlimmsten Weiber aufzugabeln.

Er hatte neulich Damenbesuch in seiner relativ einsamen Hütte im Dorf. Trotz der anwesenden Frau fühlte er sich müde und schlief. Verabreichte sie ihm etwa ein Pülverchen in Speise oder Trank? Als er erwachte, war die Frau weg, ebenso Dicks Moped.
Sohnemann wartete zwei Tage, bis er Dick endlich mitteilte, ihr Moped sei leider verschwunden. Sie benötigte einige Überredungskünste, bis der Kerl endlich erzählte, was geschah.
Er lernte die Frau vor einigen Wochen über Line am Smartphone kennen. Sie besuchte ihn. Er kannte bloss ihren Nicknamen und hatte angeblich eine Telefonnummer, die nach dem Verschwinden niemand beantwortete.

Weil es Dicks Moped war, das verschwand, musste sie – anstatt ihre Mutter zu betreuen, auf der Polizeiwache eine Anzeige erstatten.
Der zuständige Beamte für Internetkriminalität und Geschlechtsverkehr war sehr beschäftigt. Dick stand geduldig in einer Schlange und hörte während des Wartens witzige Geschichten betrogener Opfer.
Da war ein neunundsechzig jähriger Lustgreis. Er lernte über Line eine liebes- und lebenslustige Frau, wie er sagte, unter zwanzig Jahren kennen. Sie techtelten und mechtelten. Saft- und kraftlos lieh er ihr danach seinen Wagen. Beide, Frau und noch jüngeres Automobil, wurden nicht mehr gesehen.
Eine stattliche zweiundsechzig jährige Frau lernte über Line einen heissen Liebhaber um die Dreissig kennen. Nach lustvollen Nächten verschwand der junge Mann samt ihrem Fahrzeug.
Eine weitere Schönheit um die Dreissig vermisste nach liebevollen Wochen ihren Freund samt ihrem Tablett Computer inklusive Line. Sie darf Buddha dankbar sein, dass sie weder Auto noch Moped besitzt. Nach dem Saft-Entzug, sind sie alle nicht nur Hohlköpfe, sondern Hohlkörper.

Line ist ein von der thailändischen Regierung nicht geliebter Instant-Messaging-Dienst des japanischen Unternehmens Line Corporation. Die Gesellschaft gehört zur koreanischen Naver Corporation. Mitte 2014 hatte der Dienst über 400 Millionen registrierte Kunden unter den Betriebssystemen Android, iOS, Blackberry, Windows Phone 8, Win 10 Mobile, Firefox OS, Windows, OS X.
Die meisten Thais wissen nicht, was ein Betriebssystem ist. Aber Line kennen sie umso besser. Viele Smartphone-Besitzer betrachten Filme, fotografieren, telefonieren und benutzen Line als einzige Anwendungen der eigentlich vielseitig nutzbaren Geräte.
2014 besassen 67 Millionen Einwohner 96 Millionen registrierte mobile Telefone. 24 Millionen benutzten Line. (2)

Dick erhält neben freien Anrufen über Line täglich ungefähr hundertzwanzig Nachrichten mit Bildern. Das Netz leidet unter der meist sinnlosen Kommunikations-Flut. Die Speicher der Telefone sollten beinahe täglich vom Massen-Müll befreit werden!

Vorsichtige Mediziner hegen den Verdacht, die Mikrowellenstrahlung könnte sich negativ auf das Hirn auswirken. Zumindest in Nordthailand hätte ich wenig bedenken. Drogen und Lao Khao zerstörten eventuelle Überbleibsel bereits.

https://de.wikipedia.org/wiki/Line_(Instant_Messaging)
(2) http://www.slideshare.net/alrat/thailands-mobile-market-information-2014-39075136