Selbst schlechte Träume haben Preise

Die schlimmsten Ereignisse trafen schneller als erwartet ein. Am 18. Oktober riss mich ein Angestellter des Spitals derart brutal über die Matratze, dass er mich erneut am, durch Windeln und Verbände geschützten, Hintern verletzte. Ein ungeheurer Schmerz durchflutete mich. Meine spastischen Beine zuckten vielleicht zehn Mal in die Höhe. Am Tag danach sah die Chirurgin beim Pflasterwechsel die Bescherung. Sie nahm an, ich sei zu lange im Rollstuhl gesessen.
Wütend sagte ich, dass ich das Spital schnellstmöglich verlassen möchte. Drittklassige Pflege mit Schäden sind zu Hause preisgünstiger möglich. Noch vor einer Woche hätte ich das Dorf im Mitsubishi sitzend erreichen können. Nach dem Vorfall benötigte ich eine Ambulanz.
Der Abreise Termin war am Montag um 16 Uhr.Dazu wurde ich auf eine schlecht gepolsterte, fahrbare Bahre geschnallt. Dick schützte meine Füße zusätzlich mit Tüchern. Im Inneren des Fahrzeuges befanden sich medizinische Geräte wie Defibrilator, Blutdruck-Messgeräte und dergleichen. Der Fahrer startete das mangelhaft gefederte Fahrzeug. Ich wurde über den Schlaglöchern geschüttelt wie kein Cocktail von James Bond. Dazu raste der Gelegenheits-Pilot wie an einem klimaneutralen Grand Prix. Er verfehlte natürlich das angeschriebene Dorf Phon Phat und wendete erst am Sportplatz.
Zum Entladen des Fahrzeugs legte Dick Hand an. Sie entdeckte, dass die schützenden Tücher um die Füße fehlten. Dafür wies die grosse Zehe links einen neuen Klack auf. Die schlimmste Feststellung erfolgte beim Verbandwechsel. Der Schaden am Hintern wurde durch die unfähige Besatzung des Lieferwagens zusätzlich vergrößert. Ich hätte diese Sendung nicht angenommen, sondern als Muster ohne Wert, franko zurückgesandt.
Aber welch ein Luxus erwartete mich! Die Geräuschkulisse war
messbar um zwanzig Dezibel geringer als im Krankenhaus. Das Bett war grösser und weicher. Die flüsterleise Klimaanlage, ohne grau-schwarzen Pilzbefall, blies nicht in Orkanstärke. Behutsam wie selten, wurde ich aus dem Rollstuhl ins Bett gehoben.

Die Hebe-Mannschaft wechselte in 3 Tagen dreimal. Einmal versuchte Dick die Herren auszutricksen. Mit der Hilfe eine zarten Dame, sollte ich in den Rollstuhl gesetzt werden. Als Dick mein Gewicht praktisch alleine in den Armen trug, sank sie schreiend aufs Bett zurück. Ich vermutete, der Schmerz sei durch den Ischiasnerv ausgelöst worden und befahl, die sinnlose Übung abzubrechen.
Am Nachmittag durfte Dick zur Immigration, um die 90 Tage Erlaubnis für mich zu erlangen. Dort konnte sie nicht mehr aufstehen. Sie ließ sich zum Chiang Mai RAM Hospital fahren. Die Herren Ärzte sahen auf den Röntgenbildern, dass ein Lendenwirbel angerissen war. Ich war verzweifelt, weil Dick einem Dasein im Rollstuhl ausgeliefert sein könnte. Sie hatte einen guten Arzt. Er gab ihr Medikamente und eine Spritze, die sie wieder gehen liess.
Ein erleichterter Atheist dankte sämtlichen Göttern, Jesus Christus, Re, Buddha, Allah, Vishnu, Manitou, Zeus und wie sie alle heißen mögen.

Unerwartete Besucher bereiten doppelte Freuden

Eines Morgens um 8 Uhr dreißig, sagte Dick: „Ich gehe mal kurz nach unten. Jemand besucht mich.“
Weil meine Morgenstunden ziemlich ausgebucht sind mit Arztbesuch, Frühstück und Physiotherapie, wollte ich genaueres wissen.
„Wohin gehst du denn ?“
„Zur Busstation, es dauert nur 30 Minuten.“
Einige Kilometer entfernt vom Krankenhaus liegt eine Busstation mit Verbindungen nach Chiang Rai, Pizza new look, so versteht mich mein Smartphone, Phitsanulok, Nakhon Sawan und Bangkok. Städtische Buslinien verkehren hier nicht. Fünf Viertelstunden später, das sind dreissig Lanna-Minuten, kam Dick zurück. Sie erzählte:
„Freunde sandten mir per Line eine Mitteilung. Sie fuhren letzte Nacht von Nakhon Sawan nach Chiang Mai. Sie wollten mich als Reiseführerin in Chiang Ma und mit mir Frühstücken. Sie dachten, ich könne sie verpflegen und ihnen Unterkunft bieten. Ich habe diese Leute 10 Jahre lang nicht mehr gesehen.“
Auf diese günstige Art, last minute booking ohne Kreditkarten, reist man in Thailand, möglichst ohne Voranmeldung.

Aber auch im Krankenzimmer haben wir öfters unerwünschten Besuch. Noch vor wenigen Wochen lagerten Heftpflaster und Verbände in einem Körbchen in Griffweite des Bettes. Dick bemerkte, dass Heftpflaster verschwanden. Seitdem bewahren wir die teuren Medikamente, etwa 25 € das Stück, in meiner Reisetasche auf.
Sofern Dick einkaufte und ich in die Physiotherapie rollte, liessen wir das Zimmer von einer Pflegerin abschließen. Vor einigen Tagen bemerkte Dick, dass eine ganze Packung mit vier Pflastern verschwand. Selbst nach buddhistischer Logik, wirft der Zugriff auf eine Packung einen höheren Brutto- oder Netto-Ertrag ab, als ein Einzelstück. Wenn wir sparen wollen, muss also immer jemand im Zimmer sein.

Einen Höhepunkt thailändischer Schlaumeierei erlebte ich, als eine Bekannte von Dick anrief und erklärte, sie würde uns im Spital besuchen. Sie schleppte einen Kerl mit Hemd im China Look mit sich. Er erzählte uns, er habe als Architekt gearbeitet. Im Ruhestand baue er nun biologisches Obst an. Sein Bruder liege mit Wasser in der Lunge im Spital. Er würde mich gerne wiedersehen und verschwand.
Zwei Wochen später erschien er alleine und sagte:
„Gegenüber meinem Haus ist ein Krematorium. Das Dach leckt. Die Sanitär-installationen sind in einem desolaten Zustand.“
Der Besucher zeigte mir farbige Illustrationen. Es waren nicht technische Grund- oder Seiten-Risse, sondern Bilder, wie man sie in Büchern für Kinder findet. Seine Ideen waren nicht besonders behindertenfreundlich. WC und Lavabo waren auf Sockeln montiert, 15 cm erhöht über dem Boden vorgesehen, für einen Rollstuhlfahrer unerreichbar.
Er wollte von mir 50’000 Baht, um die WCs instand zu stellen. ∆
Leck mich doch am Alzheimer!

Seltener, aber oft genug erlebe ich live TV soap operas. Es klopfte an der Türe, aber nicht wie Vogel Specht oder ein übermütiger Holzwurm, nein , das tönt nach Schauspielerinnen. Dann erscheinen sie, meist zu zweit und flöten:
„Savas di kaaaa.“
Sie sagen im Chor: „Du siehst besser aus als letztes mal“.
Als freundlicher Mensch biete ich den Damen Platz an. Synchron setzen sie sich. Dann nesteln sie in ihren Handtaschen. Beide ziehen gleichzeitig ein Smartphone aus ihrem Ballast-Beutel. Danach fingern sie eine halbe Stunde auf ihren Bildschirmen herum, versorgen ihre Handys und verabschieden sich mit besten Wünschen für gute Besserung.

Weitere Besuche sind Lebensmittel-Inspektoren und Inspektorinnen. An Küchenschränken sind sie kaum interessiert. Sie sind versessen auf Kühlschränke. Dort locken Aufschnitt, Parmaschinken und Schokolade. Das Verspeisen meiner Vorräte gibt ihnen genügend Kraft, um mir gute Besserung zu wünschen und möglichst schnell zu verschwinden.

Ehrenmitglied der globalen Wegwerfgesellschaft

Als Spital Patient im Entwicklungsland wurde ich Mitglied der extremen Umweltverschmutzer. Täglich liefere ich indirekt zwischen 5 bis 8 Plastiksäcken mit Wegwerf-Artikeln aller Arten. Das beginnt ganz bescheiden bei den Medikamenten. Die Hersteller Packungen werden von der Apotheke in Plastiksäcklein mit ein bis zwei Pillen abgefüllt, beschriftet und an die verschiedenen Stationen verteilt. Eine diplomierte Pflegerin öffnet die Verpackungen und gibt die Pillen in einen 30 ml Kunststoff-Becher. Je nach Verordnung erhalten die Patienten täglich bis zu drei Becher.
Mahlzeiten werden auf einem Kunststoff-Tablett serviert. Der Teller kommt nicht direkt mit dem Kunststoff in Kontakt, sondern liegt auf einer Papierunterlage. Das Besteck, eine Serviette und zwei Zahnstocher sind in einer Papierhülle versteckt. Möglicherweise findet sich eine Beschreibung des Essens mit Kalorienangaben. Butter, Konfitüre und Margarine sind einzeln verpackt, ebenso Salz, Pfeffer und Ketchup. Die Messer sind nicht scharf genug zum Schneiden von Fleisch oder für einen Selbstmord. Zum Streichen von Butter sind sie zu gross.

Pro Monat liefere ich zusätzlich 45 Wegwerf-Spritzen mit Nadeln. Dazu gibt es 120 Spezial-Heftpflaster. 30 Mal wird die Bettwäsche gewechselt. Nicht vergessen sollte ich Salben, Kochsalzlösung, Desinfektionsmittel, 60 bis 90 Urinkatheter und sechzig Pampers.

Neugeborene und Kleinkinder können noch keine Urteile über Wegwerfwindeln abgeben. Sie lallen lächelnd höchstens: „Mama… Gagi“.
In meinem Bildungsweg fehlten Kindergarten und Wegwerfwindeln. Möglicherweise aus Glaubensgründen wurde mir bisher der Zutritt ins Nirvana, Nibbana, verwehrt. Stattdessen wurde ich im hohen Alter Pampers-Tester, denn Hierzulande heißen alle Windeln Pampers.
Die Erfinderin von Wegwerf-Windeln war Marion Donovan anno 1949. Sie konnte ihre ersten Windeln nicht vermarkten. 1956 ärgerte sich Direktor und Chemiker Victor Mills von Procter & Gamble beim Wechseln herkömmlicher Windeln bei seinem Grosskind. Er und sein Team arbeiteten an einer Wegwerfwindel, die 1961 auf den Markt kam. 10 Jahre später wurden die Sicherheitsnadeln durch Klebeband ersetzt. Ab 1986 nahm ein Geliermittel mehr Flüssigkeit auf. Gleichzeitig konnten 50 % Material eingespart werden. Seit 2018 werden hautfreundliche Windeln produziert, ohne Chlorbleichmittel, Duftstoffe und 26 weitere Allergene.
Bisher hatte ich keine Möglichkeit die Pampers mit den Produkten aus Thailand zu vergleichen.
Ich bemerkte, dass die Pflegerinnen den richtigen Umgang mit Wegwerfwindeln nie eingehend gelernt haben. Auf der Bauchseite haben die Windeln eine Zielvorrichtung. Die Windel-Größen S,M,L, sollte auf den Bauchnabel gerichtet sein, oder der Nabel sei seitlich verschoben.

Links und rechts der Größenangabe sind Streifen mit Nummern. Sofern die Windel richtig sitzt, werden die Kleber beispielsweise auf beiden Seiten auf 1,5 angebracht. Im Extremfall könnte der Kleber rechts auf die Windelgröße, links auf die Nummer 3,5 zu liegen kommen. Diese Methode wird nur bei Sopran-Flatulenzern empfohlen.
Ich bedauere außerordentlich, dass ich im hohen Alter zum Umweltsünder stilisiert wurde. Kehricht- oder Müllverbrennungsanlagen gibt es in Chiang Mai noch nicht. Die einzigen Verbrennungsanlagen sind die Krematorien. Sie geben Rauch ab, wie Zigarren — ohne Filter!

Fortsetzung: Harte Zeiten fuer Weicheier

Freude bereitete mir mein Zustand nicht. Aber ich konnte  Ziele setzen. Die Finger mussten biegsam  werden. Die Arme sollten stark genug sein, um im Rollstuhl zu sitzen. Das linke Bein wies Kontraktionen auf. Mit einem Sarong und einer Wasserflasche bauten Dick und ich eine automatische Zugmaschine.
Mit Dicks Hilfe versuchte ich die Finger zu bewegen, denn  ich wollte wieder im Rollstuhl sitzen. Der, wie Buddha immerzu lächelnde Chef der Rehabilitationsklinik, sandte darauf abwechselnd zwei Damen, um die Arme und Hände zu trainieren.  Dieser Herr Doktor wirkte als Reizfigur auf mich. Seine Fratze war einer Türe der Volkswagen-Generation  meiner Kindheit ähnlich und flüsterte: „Kick mich! “

Der Übermut wich einem Tiefdruckgebiet, als ich endlich im Rollstuhl saß und bemerkte, dass ich mich wie ein Tetraplegiker bewegte.
In Panik informierte ich telefonisch die Versicherung. Ich kannte behinderte Einheimische, denn ich arbeitete vor 20 Jahren als Freiwilliger in einem Behindertenzentrum in Chiang Mai. Junge Rollstuhlfahrer konnten mit viel Glück eine Arbeit als Losverkäufer ergattern. Die Anderen waren den Launen  und der Willkuer  Angehöriger ausgeliefert.
DWW
Ich fragte mich vor wenigen Monaten, Bekannte erwähnten es, ob man mir in der Schweiz wirklich besser helfen könnte. Die Faktoren Zufälle und Zuverlässigkeit spielen eine große Rolle. In Chiang Mai bin ich auf Dick angewiesen. Sollte sie aus irgendwelchen Gründen ausfallen, sitze ich mit meinen Wunden hilflos in der Tinte.

Meistens liege ich im Bangkok Hospital, selten gepeinigt von frischen Pflegehelferinnen aus dem Dschungel. Dabei achte ich darauf, dass keine neuen Druck-Geschwüre entstehen. Der Sensemann streikt und lässt sich nicht sehen.

Bilder von Druck-Geschwüren googeln Sie unter den Stichworten:
Decubitus, Dekubitus

Micropore Windows

Jetzt ist mir endlich ein Licht aufgegangen. Ich schrieb früher: „Low erzählt Geschichten aus Südostasien.“
Das ist wahr geworden. Ich tippe nicht mehr. Ich erzähle mühsam. Wenn über dem Zimmer die Bohrhämmer die Wände erzittern lassen, versteht mein Fingerphone chinesisch.
Sofern sie meine Berichte aus dem Krankenhaus gelesen haben, werden sie sich sicher Gedanken gemacht haben, der arme Kerl ist in einem drittklassigen Krankenhaus abgestiegen. Dies entspricht nicht den Tatsachen.

Das Krankenhaus wurde vor fünf Jahren eröffnet. Es ist vielleicht nicht das beste, aber wohl das teuerste Krankenhaus in Chiang Mai.
Die Katarakt-Operation kostete zweieinhalb mal so viel, wie in der eigentlich teuren Schweiz. Der Kostenvoranschlag belief sich auf 80’000 Baht. Die eigentlichen Kosten übertrafen 160’000 Baht.
„Deine Sehschwäche ist die Ursache falscher Ernährung,“ erklärte ein aufgeklärter Mensch. „Anstelle von Wachteleiern solltest du Straußeneier fressen. Das erspart jegliche Seh-Prothesen.“

Mit der Ärztin und der Chirurgin bin ich außerordentlich zufrieden. Ein besonderer Glücksfall ist, dass sich Dick nicht vom sinkenden Dampfer schweigend verabschiedete, sondern sich um mich kümmert. Wer sonst würde Tee und Speisen zubereiten? Danach füttert sie gekonnt das Raubtier.
Dies sollten doch die Pflegerinnen übernehmen, denken sie. Nicht hierzulande. Diese Arbeiten übernimmt die Familie. Die uniformierten Pflegerinnen verpflegen sich und schlucken meine Ricola und Toblerone. Bei seltenem Hustenreiz ist die Dose leer.

Wenn die Herren immer noch mit Bohrmaschinen arbeiten, zeigt das nur, dass vor 5 Jahren zu viel Zement verarbeitet wurde. Die Patientenzimmer müssen alle paar Wochen renoviert werden. Ähnlich patiniert sehen nach kürzester Zeit auch Mietwohnungen aus. Die Farbschichten sind mittlerweile fast dicker, als die Wände selbst. Hoffentlich warten Thais ihre Flugzeuge nicht wie ihre Gebäude.

Eine Fensterscheibe hatte einen Riss in einer Ecke. Die Aussicht ist wenig spektakulär: etwas Kies, damit das Regenwasser abfließen kann. Weiter oben gedeiht Grünzeug, darüber ist je nach Wetter blauer bis grauer Himmel.
Der Riss wurde repariert. Fachgerecht, wie in einem kranken Haus üblich, benutzten die Spezialisten Micropore-tape von 3M (Scotch).
Negativ für ein Krankenzimmer würde ich die Fungus-spuren in der Ecke beurteilen. Fungus fanden wir auch im Badezimmer, in der Kochnische und nicht auszuschließen, in der Klimaanlage.
Gibt es eine App für die allgemeine Anwendung von Micropore, speziell für Fenster, Micropore Windows?
In mir schlummert eine geniale Idee, etwas für sparsame Schotten. Mit Hilfe von 3M Klebern ließen sich verschmutzte Pampers einfach umkehren und wiederverwenden. Auslöser meines Tatendranges war die Mitteilung der Versicherung, dass Pampers, Windeln, nicht bezahlt würden.

Dachschäden sind ordentliche Funktionsstörungen und nie ganz auszuschließen

Zu Beginn der Geschichte überspringe ich den Schädel. Es war Ende der 50er Jahre, als in Bern der leitende Professor seinen Assistenten erklärte, bei jedem Krankenhaus-Eintritt müsse eine Rektaluntersuchung durchgeführt werden.
Ein Mann mit Wespenstich wurde eingeliefert.
Der gehorsame Doktor befragte den Patienten, zog Gummihandschuhe an und untersuchte den Darmausgang. Ein kranker Freund erzählte mir die Geschichte und meinte trocken:
„Der Herr Doktor wollte offenbar die Tiefenwirkung des Stichs erforschen.“

Im Lande bettelnder Elefanten und schwerreicher Mönche sind die Bräuche nicht so streng. Patienten erzählen dem Arzt ihre Leiden und erhalten ohne weitere Untersuchungen ein Pfund bunte Pillen.
„Je größer und farbiger die Menge der Pillen ist, desto qualifizierter ist der Arzt,“ weissagte bereits Lord Buddha.

Nur selten berührten mich Mediziner. Einige Tage nach erfolgter Einlieferung besuchte eine neugierige Neurologin mein Zimmer. Sie verhörte mich, wie ein Kriminalkommissar einen Schurken befragt. Sie sprach mit hoher Bitrate einige Stichworte, von welchen ich auswählen durfte, ob sie utreffend seien. Sie lag mit ihrem Fragenkatalog vollständig daneben. Sie benutzte weder Gummihammer, noch machte sie Sensibilitätstests. Dann erklärte sie der assistierenden Pflegerin, sie könne mir nichts glauben. Offenbar hätte ich einen Dachschaden, eine Altersdemenz. Nachher vergaß sie mich wahrscheinlich.

Das Gehirn als modernes Werkzeug einzusetzen, lernen die Menschen hierzulande nicht. Wozu denn wurden Taschenrechner und Smartphones erfunden?
Mowgli war bei mir im Spital-Zimmer. Wir verspürten Hunger. Im Krankenhaus gibt es ein amerikanisches Kaffee. Ich bat den jungen Erwachsenen, im Geschäft eine Portion Garnelen mit Reis zu bestellen. Auf dem Weg vom fünften in den ersten Stock, vergaß der Tölpel, was ich ihm auftrug. Er kam mit einer Schüssel Tom yam goong, Garnelensuppe, zurück.
Seit 2012 lernte der Knabe nichts mehr in der Schule. Die Lehrer versicherten, Mowgli sei einer der Besten, damit wir Schulgeld bezahlten.
Betriebssysteme, Englisch, ohmsches Gesetz, Pythagoras gingen vergessen. Ich zog die Notbremse und zahlte nicht mehr.

Die Pflegerinnen sind stark geschminkte, aber bescheidene Intelligenzbestien. In einer Distanz von etwa vier Metern vom Bett, sind die Schalter der Klimaanlage montiert. Die Frauen vergassen auf dem langen Fußmarsch meinen Wunsch, die Klimaanlage auszuschalten. Peinlich ist es für mich, wenn ich keinen Klingel- Knopf habe. Einen Knopf, um im Bedarfsfall Hilfe anzufordern. In sechs Monaten musste ich sechs mal das Spital anrufen, mit der Bitte um eine Klingel.
Die tägliche Körperpflege weist Schönheitsfehler auf. Nur in Ausnahmefällen wird alles gewaschen. Üblich sind zwischen 50 und 70 Prozent, wobei die Ohren nicht zum Körper gehören. Dies führte zum Wachstum von Ohrenschmalz-Kristallen.
Die Haut mehrerer Pflegerinnen leidet unter den Fett- und Puder-Schichten. Wenig appetitliche Pickel und Pusteln sprießen.
Sie tragen Mundschutz und Latexhandschuhe. Bevor sie die Patienten berühren, fahren sie mit den Fingern durch ihr Haar, betasten Schränke, Mobiliar und kratzen an beißenden Hautunreinheiten.
Die jungen Frauen stammen oft aus bescheidenen bis ärmlichen Familien. Sie kennen weder Badezimmer noch Kühlschränke aus eigener Erfahrung. Als ich um einen Löffel zum Verspeisen des Bananenküchleins bat, öffnete eine Pflegerin den Kühlschrank.
Unter den Frauen gibt es langsame und schnelle, grobe und feine und fleißige und faule.

Dazu ein alpenländisches Gedicht aus dem letzten Jahrhundert:
Bim Ässe ine lige
Bim Trinke hingere lige
Bim Schaffe zrugg schtah,
Un en Angere zueche la

Einer Freundin, die mich besuchen wollte, wurde von den Stars der chinesisch-siamesischen Gauklertruppe erklärt:
„Der Löwe ist nach Hause gegangen worden,“ wobei Loewe die Kurzform von Low und Loeli ist.

Kein Ende der Pechsträhnen

Nach unserer sonntäglichen Ankunft im Paradies verleumderischer Mütter und Töchter, gönnte ich meinen Armen etwas Ruhe. Bettruhe wäre ideal gewesen. Aber zwei Frauen setzten die Prioritäten anders, Gecko-Scheisse raus, lautete das Kampfgebrüll, unterstützt vom stromverzehrenden Geheul des Staubsaugers. Fäkalien bedeuten kritiklos Vorrang. Zur Ergänzung der Theorien von Einstein und Hawking hätte ich gerne eine gewichtige Arbeit geschrieben. „Theorie über das Verhalten der Fäkalien im gekrümmten Raum. Könnten sie schwarze Löcher verstopfen?“
Abends blieb ich gerne im Haus. Die Schenkel rechts waren dick geschwollen, wie das Knie, der Fuss, der eher einer Erdbeertorte glich. Am nächsten Tag war ein Krankenhausbesuch programmiert. Erste Fäden durften nach der Operation entfernt werden. Dabei hätten die Spezialisten ebenfalls mein Bein begutachten dürfen.
Frau Doktor veranstaltete eine Riesenschau wegen des roten Fusses. „Ich werde gleich punktieren“, sagte sie. „ Das sieht äusserst gefährlich aus!“
„Sie werden nicht punktieren, sofern keine Röntgenbilder gemacht werden, denn beim Ereignis knallte es gewaltig!“ antwortete der Patient.
Leider gab es nur Verlierer.

Am Dienstag durfte ich die Polizei-Beamten in der Promenada beschäftigen. Trotz angekündigter Digitalisierung, „Thailand 4.0“, waren Fotokopien nicht nur hocherwünscht, eher unverzichtbar. Nach dem üblichen Verwaltungskram suchten wir in einer besseren Filiale von RimPing nach fehlenden Gegenständen für unsere Küche. Zwischen importierten Küchenkräutern und Saucenmischungen, klingelte Dicks Smartphone. Das Gespräch schien intensiv und wichtig. Nach geraumer Zeit drückte sie mir ihr Gerät aufs Ohr. Es war einer der Chirurgen aus Chumphon. Er sagte mir, er hätte leider schlechten Bericht aus der Pathologie in Bangkok. Die Spezialisten entdeckten in der Gewebeprobe Basaliom Zellen. Wegen diesen Zellen, vergass ich den Weich-Käse aus den Vogesen einzupacken. Der besorgte Chirurg empfahl, möglichst rasch eine spezialisierte Klinik aufzusuchen.

Am Samstag besuchte ich einen Chirurgen in einem grösseren Krankenhaus. Nicht wegen des Basalioms, sondern weil mein Klumpfuss zu gross und schwer wurde, um einfach in den Wagen zu steigen. Bei diesen Transfers beschädigte ich erneut die sensible Haut an Arsch und Hüfte. Auch dieser moderne Knochenschlosser kämpfte gegen altmodische Röntgenstrahlen.
Die Radiologie verfügte über ein Ultraschallgerät mit Dopplereffekt. Dieses Verfahren liess die Messung der Strömung in den Venen zu.
Der menschliche Körper kann theoretisch von vier Seiten betrachtet werden. Das Ergab die Gelegenheit, mich bei sibirischen 21°C dreimal falsch zu lagern. Die Schlussfolgerungen der Ergebnisse waren: Oberflächliche Venen-Thrombosen. (Die Erklärung der Rotfärbung). Das Schlimmste für den gepflegten Mann: Cellulitis hinten am Fuss!!!
Der studierte Mann mit drei Skalpellen hinterm Ohr, verschrieb Antibiotika.

Im nachhinein muss ich den Spezialisten gegen die Röntgenaufnahmen recht geben. Der Knaller, der uns während der Reise erschreckte, stammte offenbar nicht vom Bein, sondern aus der Rückengegend des Beckenknochens. Dieses Wissen schenkten uns weitere nächtliche Drehversuche. Woher die Schwellung stammt, wüsste Buddha. Der spricht nicht, sondern er lächelt.

https://krank.de/krankheiten/basaliom/?gclid=EAIaIQobChMIwMXjy7fm2wIVwgaRCh1JwwXaEAAYASAAEgIoXPD_BwE
Das Thema Ausscheidungen beschäftigt mich seit meiner Geburt:
https://hinterindien.com/2012/07/21/fladenforschung/