Schmerzhafte Hoffnungslosigkeit

Warum pflegen Leute weltweit alte, hoffnungslos kranke Menschen? Das Schicksal ist eigentlich absehbar. Am Ende wartet der allmächtige Tod.
Dick betreibt unendlichen Aufwand für ihre Mutter. Diese Patientin ist absolut unzurechnungsfähig. Die Schmerzmittel veränderten ihr Denkvermögen. Die meisten der üblicherweise selbstverständlichen Gefühle sind ausgeschaltet. Sie erkennt nicht, wenn sie satt ist. Wenn Dick nicht aufpasst, verschlingt sie beinahe unbesehen alles, bis sie erbricht.
Durch die sorgfältig ausgewählten Speisen legte die die Patientin in vier Monaten zehn Kilogramm zu. Sie ist jedoch mit fünfundvierzig Kilogramm nicht fett. Durch geförderte Bewegung entwickelten sich einige Muskeln.

Dicks Bruder möchte seiner Mutter zusätzlich Freude bereiten. Wir erklärten ihm, die Alte könne nicht mehr alles verzehren, was Herz und Magen begehren. Gut gewürzte Thai-Speisen könnten Blähungen, Blutungen und Schmerzen auslösen. Der Mann weiss alles besser. Er hörte noch nie zu.
Nach knapp fünf stündiger Nachtruhe nickte Dick bei der Betreuung kurz ein. Während dessen brachte ihr Bruder gutes Essen für seine Mutter. Nicht langweiliger Brei oder fast geschmacklose Suppe, sondern bestes Thai Essen mit viel Knoblauch, Kräutern, Fleisch und Chilischoten, getränkt in reichlich Palmöl. Mutter ass die Delikatesse teilweise. Es schmeckte nicht, wie früher üblich. Sie dachte, eventuell müsse sie das Zeug wärmen. Sie stellte den Topf auf den Gasherd und vergass ihn.
Dick wurde durch Rauchschwaden geweckt. Die Kohlereste im Aluminium-Topf begannen zu glühen.
Vor wenigen Wochen verbrannte die Frau Dicks Hand mit kochendem Wasser, weil ihr die Kraft fehlte, die Pfanne irgendwo sicher hinzustellen. Sekundenbruchteile genügen, um Schäden zu verursachen. Ich verstehe nun, warum Psychiatrie-Patienten angekettet werden.
Brüderchen bereitete uns wenig Freude. Ein paar Stunden nach dem gesunden, stärkenden Essen, verlor die Patientin wieder Blut. Das beweist eindeutig: Magenschondiät schwächt den Kreislauf, Darm und Nieren. Unter Umständen fehlte zum Abrunden der Mahlzeit bloss der Lao Khao.

Wenn wir in wenigen Wochen in den Süden verreisen möchten, hat die Patientin mit der verbleibenden Verwandtschaft keine Überlebenschance. In Satun fehlen für sie die Infrastruktur wie Spital, Apotheke und qualifizierte Ärzte. Das Krankenhaus dort ist eine bessere Wartehalle der Krematorien. Wer wirklich Hilfe benötigt, reist nach Hat Yai, Nakhon Si Thammarat oder Bangkok, sofern die Finanzen vorhanden sind.
Die bittere Erfahrung zeigt: Alleine schaffe ich es leider nicht, sei es Chiang Mai oder Satun.

Kulinarische Köstlichkeiten in Thailand

Von Koch-Künstlern erschaffene Delikatessen in Hinterindien gehören zum Besten, was rund um den Globus an Speisen zubereitet werden kann.
Aber neunzig Prozent der Menschen sind mit sehr bescheidenen Produkten zufrieden. Bei ausgedehnten Reisen durch das Land lernten wir die überdurchschnittlich anspruchslosen Angebote kennen. Überall fanden wir zerkratzte Kunststoff Schalen und Teller. Die Zinken der dünnen Blechgabeln waren meist total verbogen. Formschöne Qualitätsbestecke aus rostfreiem Stahl würden einheimische Gäste als Souvenirs mitlaufen lassen. Wir nahmen auf ausgedehnten Reisen oft unsere eigenen Werkzeuge mit. Wackelnde Tische und beschädigte Stühle lenkten von der desolaten Qualität des Reises ab. Die Küchenbrigaden benutzten an Stelle von Motivation und Inspiration farbenfrohe Saucen aus unzähligen Flaschen, neben Unmengen von Zucker und noch mehr Ajinomoto, Mononatriumglutamat, MSG. Meine Küchenphilosophie, mein Motto lautet: Kein Ajinomoto!

Die Köchinnen und Betreuerinnen im Dorf kochten anfänglich gut und vor allem sauber. Ich hatte nie Bauchgrimmen nach den frisch zubereiteten Häppchen. Anders war die Verpflegung an Feiern und Festen. Die Frauen kochten und bruzzelten den ganzen Tag lang. Die sehenswerten Speisen an den sorgfältig aufgebauten Ständen waren alle kalt und verloren teilweise ihre Aromen. Die auswählenden Gäste waren wenig zimperlich bis gänzlich unerfahren. Süsspeisen wie Panettone und grüner Curry landeten im selben Teller! Schokolade paarte sich mit eisgekühltem Gemüse. Ausnahmen existierten. Zwei Kilogramm Schweinebraten, frisch von unserem Grill, überlebte jeweils knapp fünf Minuten.

Backpacker, deren kulinarischer Standard meist auf Currywurst und Verpflegung aus Schnellimbissketten beruht, finden die Garküchen an Strassenrändern als grossartige Höhepunkte menschlicher Ernährung in Thailand. (2) Unzählige Blogger beschreiben ihre Erfahrungen in Bangkok hemmungslos, Zitat:
… besuchten wir erneut einen Wok-Stand an der nächsten Strassenecke mit Blick auf einen Abfallberg, streunende Katzen, Ratten und den Geruch von Kanalisation und Abgasen. Das Essen war trotzdem super lecker.

Wenn wir zum Essen ausgehen, möchten wir mindestens so gut tafeln, wie es zu Hause üblich ist. Diese Ansprüche werden zunehmend schwieriger zu befriedigen, weil die angebotene Qualität unter den steigenden Lebensmittelpreisen leidet und viele Betriebe Preissteigerungen fürchten. Kunden könnten abgeschreckt werden.
Moo Manao, gegrilltes zartes Schweinefleisch an einer duftigen Limonen-Salatkreation – wie ein Blumengarten – reduzierte sich in einer unserer ehemaligen Stammkneipen zu gebratenen Hackfleischbällchen mit Chili und reichlich Dosen-Mayonnaise an welkem Grünzeug.

In unserer unmittelbaren Nähe gab es einige vorzügliche Restaurants. Die meisten mussten mangels Gästen aufgeben.
Kürzlich hatte Dick einen hervorragenden Lunch mit aussergewöhnlich schmackhaftem Reis, gebratenem Schweinefleisch, etwas Gemüse und ein halbes Ei mit wuchtig nuanciertem Eigelb, eher Eiorange, alles für vierzig Baht. Ich erklärte, für vierzig Baht könnten wir so etwas nicht herstellen und zur Strafe müssten wir zusätzlich abwaschen. Anstatt selbst zu kochen, sollten wir von diesen Angeboten profitieren. Beim nächsten Besuch war der Betrieb geschlossen. Bei zehntausend Baht Miete und zusätzlich vier Monatslöhnen für die Angestellten konnte der Besitzer mit seinen verkauften Speisen kein Geld verdienen. Wir hätten für diese Mahlzeit problemlos und gerne hundert Baht oder mehr bezahlt.

Aber ganz in der Nähe gab es ein Thai Restaurant mit einer Empfehlung von Trip Advisor.
Die Preise sind besser kalkuliert und wesentlich höher. Wir bestellten dort Reis, eine Hühnersuppe an Kokosnuss, Frühlingsrollen und frische hausgemachte Chiang Mai Wurst.
Die Suppe enthielt für meinen Gaumen zu viel Zwiebeln und Zucker. Die Frühlingsrollen, tiefgekühlt, vom Grossverteiler, wurden in heissem Öl getränkt, dann mit einer Schere geteilt. Ich ass schon Besseres. Diese frittierten Pergamentrollen fanden wir von Satun in Südthailand bis an den Mekong an der Nordgrenze. Die geschnittene fettriefende Wurst war nicht geniessbar. Dick entwickelte augenblicklich starken Brechreiz. Ich hatte einen widerlichen Geschmack im Mund und Angst vor einer Magenverstimmung. Wahrscheinlich war der Chef krank oder hatte einen Moped-Unfall. In der Not stellte man kurzerhand die Kloputzfrau in die Küche. Anders kann ich mir die Advisor Empfehlung nicht vorstellen.

Wir gingen einige Minuten, genossen die Abendbrise nach einem erfrischenden Regen und beschlossen, den üblen Geschmack mit einer Flasche Negro Amaro aus Apulien zu bekämpfen. (3) Weil ich selten trinke, ohne einen Bissen zu essen, bestellten wir dazu eine Portion Rauke, Rucola, mit geräucherter Entenbrust, Parmesan, Baumnüssen und Brot.

(1) http://www.tripadvisor.de/
(2) https://wahnsinnausdemwok.wordpress.com/2012/02/20/grund-nr-5-lebensmittelhygiene/
https://wahnsinnausdemwok.wordpress.com/2013/08/13/kambodscha-gourmet-teller-aus-der-veterinar-abtreibungsklinik/
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Negroamaro

Herz-, vor allem Schmerz-Polka

Meine neueren Beiträge widmeten sich biologischen, medizinischen und technischen Problemen.
Das Herz, das eigentlich fruchtbare Leben, das seelenlose Treiben in den Häusern des Dorfes, die starken thai-familiären Bindungen und Beziehungen, all die Unglücksfälle und Verbrechen, gerieten ohne übliche starke Schnäpse in den Hintergrund und allgemeine Vergessenheit.

Da war dieser vielversprechende Bursche im Nachbarhaus. Seine Schwester agierte als verführerische Amateur-Schauspielerin vor unserem Garten in einem vom cleveren Jungen selbst einstudierten Porno-Video. (1) Mit knapp siebzehn Jahren wurde er vor einem Jahr Vater.
Seit unserer Rückkehr von Satun atmet er gesiebte Luft. Zu fünft vergewaltigten gedankenbefreite Rüpel in der Schule ein Mädchen, Gang Bang, wie es die Fachsprache verharmlosend nennt. Die Vorgehensweisen zeigt jedes Smartphone. Nach buddhistischer Ethik müsste gesucht werden.

Als wäre nichts geschehen, roch ich von draussen, hart angebratenen Knoblauch. Der Wind drehte etwas. Ein Hauch Tom Yum, Duft von Zitronengras, Galanga, Ingwer und Chili lag in der Luft. (2) Plötzlich wurde der angenehme Eindruck durch eine Spur Dieselabgas verdorben.

Da war diese, von fehlender Intelligenz und exotischem Schicksal gebeutelte, ältere Frau, Mutter, Grossmutter und unbekannterweise durchaus mögliche Urgrossmutter. Die Leere des Gehirns, der fehlende Verstand wurde durch ein unermüdliches Mundwerk mehr als kompensiert. Obwohl ihre lebenslangen Ansprüche und Ausgaben Millionen verschlangen, blieb ihr nichts in Truhen und Schränken oder in ihren blossen Händen, als ihr unbeugsamer Wille, ihre Nachkommenschaft bis ins zwölfte Glied an ihren Irrungen und Verwirrungen teilhaben zu lassen.
Die Frau vergiftete sich in den letzten Jahren mehrmals mit verdorbenen Speisen oder sichtbar und riechbar schlechtem Wasser. Leber und Nieren überlebten. Unsichtbare Schäden entstanden höchstens im Schädel. Weil keine Substanz vorhanden war, bemerkte niemand nichts. Die taprige Vergesslichkeit prügelte sich um nichts mit streitbaren Nachbarinnen oder wurde verschiedentlich Opfer der Schwerkraft sämtlicher Fallgesetze, ich meine nicht Genitiv, Dativ, Akkusativ – sondern Newtons Apfel – ohne sich bei all diesen Krankheiten und Unfällen endlich endgültig zu verabschieden. Im Krankenhaus vierhundert Kilometer südlich von Chiang Mai retteten die Ärzte erfolgreich kostbares Leben und brachten die Reste jeweils mit Ambulanzen zu den Töchtern in den Norden – zwecks Rekonvaleszenz.

Eine der Töchter lebte zwar in unmittelbarer Nachbarschaft der Mutter. Die junge Frau kümmerte sich, ausser dass sie sich selbst gelegentlich gratis mit Lebensmitteln versorgte, nie um das Wohl der leicht Angegrauten.
Das muntere Töchterlein litt an chronischem Reissen zwischen ihren prallen Oberschenkeln. Deshalb war sie dauernd angespannt auf der Suche nach kräftigen Kerlen, von welchen sie Linderung und Wohlgefühle erhoffte. Weil dieses Reissen so intensiv war, konnte die Frau und Mutter sich nicht um die Belange ihrer drei Knäblein kümmern. Die drei haben komplett verschiedene Interessen, genauso wie ihre diversen Väter. Einer klaut Fahrzeuge und Treibstoffe. Ein Halbbruder ist Spezialist für Einbrüche. Der dritte handelt mit Drogen. Es verwunderte nicht, dass diese unerzogenen Bengel und Tagediebe, dank endloser Gaunereien, verschiedentlich Verpflegung und Unterkunft bei den Hütern des Gesetzes genossen.

Fortsetzung aus dem nördlichen Irrenhaus folgt.

(1) https://hinterindien.com/2012/08/01/verheisungsvoller-nachwuchs/
(2) http://www.eatingthaifood.com/2014/08/tom-yum-soup-recipe/

(Herz-Schmerz Polka) https://www.youtube.com/watch?v=CluYL5BSqdI

Traktat über Flaschen, Kürbisse und Melonen

Die Früchte der Flaschenkürbisse, Lagenaria siceraria, sind vielfältig in Formen und Grösse. (1) Die Beschaffenheit reicht von breit, kugelig, birnen-, keulen- und kellenförmig bis zylindrisch. In Deutschland werden die Früchte oft Herkuleskeulen genannt.
Die kleineren Sorten haben Durchmesser von fünf Zentimetern. Grössere Kaliber erreichen drei Meter Länge. Die Farbe reicht von hellgrün mit weissen Sprenkeln bis zu weiss. Das Fruchtfleisch unreifer Früchte ist weiß und wässerig. Die Rinde wird im Alter häufig hellbraun. Wie beim männlichen Homo Sapiens, sind junge Früchtchen behaart, zur Reife werden sie kahl. (2) Die Rinde ist dicht und verholzt. Sie ist haltbar und wasserdicht.
Reife, ausgehölte Früchte dienen als Kalebassen zum Aufbewahren von Nahrung. In Kenia verwenden die Massai sie als Melkeimer.
Mehr als sechzig verschiedene Blas-, Zupf- und Schlaginstrumente werden aus Flaschenkürbissen hergestellt.
In Neuguinea, Südamerika und Afrika wurden Flaschenkürbisse als Penisfutterale verwendet. Das wäre für echte Gartenfreunde eine willkommene Alternative zu langweiliger Baumwolle als Unterwäsche. Modebewusste Herren dekorieren diese Reizwäsche zusätzlich mit Feigenblättern.Feige In Thailand sind Kürbisse seit 7’000 v. Chr. bekannt. Melonen und kürbisartige Gewächse heissen öfters Fak mit Zusätzen, wie beispielsweise Fak Thong, Goldkürbis. (3) Kenner könnten aus Fruchtfleisch Maischen möglicherweise Lao Fak destillieren. (4) Schon der Name tönt vielversprechend: Nahm Fak Thong.

Meiner bescheidenen Meinung nach ist der echte Fak, zumindest hier in LanNa Land, die Wintermelone (Benincasa hispida). Dieser Wachskürbis ist eine Pflanzenart aus der Familie der Kürbisgewächse (Cucurbitaceae), deren Früchte in ganz Asien als Gemüse verwendet werden. Sie ist die einzige Art der Gattung Benincasa. (5) Wintermelonen können bis zu einem Jahr gelagert werden. Im Spalieranbau werden rund zwei Kilogramm Samen pro Hektar ausgesät, die rund 8000 Pflanzen ergeben. Die Ernte beträgt dann bis zu 20 Tonnen.

Wenn die Leiterin meines Ernährungsdezernats fragt: „Liebling, stehst du heute auf Fak“, bin ich immer ganz heiss darauf. Dazu gibt es einige sehr schmackhafte Rezepte oder strikt vegetarisch. (7)

Im Dorf schneiden die Frauen die gurkenähnliche Frucht in ungefähr zwei Zentimeter dicke Scheiben und entfernen die Kerne großzügig. Das Loch wird mit Glasnudeln und Hackfleisch gestopft. Die Scheiben werden danach in einer mehr oder weniger feurigen Brühe zusammen mit Kräutern und Gewürzen gegart.

Dick schneidet je nach Grösse eine halbe Frucht in Stücke und gart sie in einer Fleischbrühe mit vorhandenen Kräutern und Gewürzen. Die Brühe kann mit Fingern unvorsichtiger Hausangestellter angereichert werden. (Isan Fak) Während dessen machen wir Hackfleischbällchen mit Salz, Chili, Knoblauch, Koriander, Pfeffer, Paprika, Oregano, Rosmarin, Thymian und möglicherweise einem gut gelagerten, gelangweilten Ei aus Bodenhaltung. Sollte die Mischung eher trocken geraten, helfen einige Tropfen Nahm Fak Thong, Sang Som oder Lao Khao. Wir braten die Bällchen kurz an. Sie könnten mit den erwähnten Destillaten flambiert werden. Danach baden wir sie in der Suppe, die je nach Lust und Laune mit Glasnudeln oder gekochten Bandnudeln ergänzt wird. Nachher geht’s zur Sache.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Flaschenk%C3%BCrbis
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Homo_sapiens
(3) http://www.geo-reisecommunity.de/bild/93300/Thailand-Fak-Thong-Goldkuerbis
(4) http://de.wikipedia.org/wiki/Maischen
(5) http://de.wikipedia.org/wiki/Wachsk%C3%BCrbis
(7) http://derstandard.at/3173214/Rezept-Buddhistischer-Gemuesetopf
Vegetarier scheinen sich vorwiegend aus Dosen zu ernähren. Kürbisse wurden in Thailand bereits 5’000 Jahre vor Buddha gegessen.

Für Liebhaber alter Weisheiten fand ich eine Arbeit von Johannes-Sigismund Elsholtz von 1690
(b) http://books.google.co.th/books?id=LvITAAAAQAAJ&pg=PA54&lpg=PA54&dq=Flaschen,+K%C3%BCrbisse+und+Melonen&
source=bl&ots=KKJ9nQfElx&sig=3h7sBT6u4myj2VXwQcJm

Gaeng Hunglay

Als Ruheständler leiste ich neben der Schreibarbeit täglich Küchendienst. Hie und da stolpere ich über ein Rezept, das wir gemeinsam verwirklichen: Sie kocht, ich esse. Neulich entdeckte ich im Internet ein Rezept von Madame Tomatenblüte. Welch wunderschöner Name voller Poesie. Sie beschrieb in Wort und Bild einen lackierten chinesischen Schweinebauch. (1) Die Abbildungen allein lösten gewaltige Speicheleruptionen aus. Wir arbeiteten uns durch das Rezept. Das Resultat war fantastisch anzusehen und duftete voll exotisch orientalisch, von Indien bis China.

Rund um den heissen,  Aromen verströmenden Backofen versammelten sich die Geier, die mitfeiern wollten. Zum Glück, denn im warmen Klima Thailands, die Temperaturen sanken in den letzten Tagen um etwa zehn Grad, genügte wenig der Delikatesse, um uns ältere Leute zu sättigen. Die jungen Leute verschlangen den Rest des Schweinebauches in Rekordzeit.
Eine etwas leichtere, burmesisch-, nordthailändische Zubereitungsart von Schweinebäuchen ist Gaeng Hunglay, oder Hanglee Curry.

Hunglay Currypaste für ein Pfund Fleisch:
einige Knoblauchzehen, je nach Grösse * erst am Schluss beigeben
3-4 Thai Zwiebeln oder Schalotten          * erst am Schluss beigeben
1 1/2 TL Ingwer
1 1/2 TL Galanga
1 Stengel Zitronengras, wenige cm sehr fein schneiden, den Rest in etwa 4 cm langen Stücken beigeben
1/2 TL Koriandersamen
1-2 Korianderwurzeln
1-2 TL frischen Kurkuma
2-3 Kaffir Zitronenblätter, ungeschnitten
3-6 getrocknete Chili, frisch geht auch
1/2 TL Zimt
1/2 TL Sternanis
1/2 TL Garnelenpaste, Kapi, leicht angeröstet

Die zerkleinerten Gewürze mit 250 bis 500 ml Wasser verrühren, je nachdem sie eine eher dicke Sauce oder her eine suppenartige Brühe möchten. Ich mische die Suppe in Teller und Schalen mit vergnügen mit Reis oder Nudeln.
Kein Schweinebauch

Wer Mühe hat, die Zutaten zu finden, erspart sich die Arbeit und kauft einen Beutel Hunglay Curry Paste von Lobo.

Das Fleisch in ca. 20 mm Würfel schneiden und anbraten. Ob sie den Bauch mit oder ohne Schwarte zubereiten, entscheiden sie. Diverse Köche empfehlen eine halbes Pfund Schweinelende und ein halbes Pfund Bauch zu mischen. Wir suchen uns einen nicht zu fetten Bauch, opfern unter Umständen die Schwarte und vergessen die Lende.

Das Schweinefleisch in die Tunke geben und 1 1/2 bis 2 Stunden zugedeckt auf kleiner Hitze schmoren lassen. Wir geben üblicherweise in Würfel geschnittene Kartoffeln dazu, Topinambur (2) eignet sich auch – und vielleicht eine einsame Tomate. In der Dorfversion kann der Kari mit etwas Apfel oder frischer Kleinst-Banane aus dem Garten, beides fein geschnitten, angereichert werden. Je nach Laune – etwa eine Viertelstunde vor dem Anrichten die Schalotten (ganz), Knoblauchzehen (ganz), eventuelles Grünzeug und Ingwerstreifen beigeben.

Gaeng Hunglay eignet sich zum Verzehr mit Reis, oder mit feinen Nudeln.
Ob es dazu geröstete Erdnüsse und feingeschnittenen, eingelegten Ingwer nebst anderen Beilagen braucht, überlasse ich ihrer Phantasie.
Als Dank für das gelungene Essen, entlassen wir jeweilen einen Geist aus einer verkorkten Flasche. Wir vernichten die für Kinder ungeeignete Flüssigkeit während des Essens schluckweise.

(1) http://tomatenbluete.wordpress.com/2012/12/04/schweinebauch/
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Topinambur

Anmerkung Bild: Die Frau mit den zwei Köpfen ist eher dick. Sie heisst aber nicht so.

Vorbildlicher Kundendienst

Anfangs Dezember 2012

Beinahe eine Adventsgeschichte

Wir benötigten zum Schutz gegen winterliche Grippeerkrankungen Vitamine. B wie Basilikum, C wie Chili, K wie Koriander, P wie Petersilie und S wie Salat. Seit vier Wochen liefert Lunge lauter lästigen Auswurf.
Wir speichern unser Grünzeug nicht in Gläsern oder Beuteln, sondern kaufen es möglichst frisch. Nicht immer Garten-, jedoch Ladenfrisch. Folglich sandte ich das durch hohe Luftfeuchtigkeit und tropische Hitze leicht angegraute, durch kunterbunte Klamotten und Stoffetzen eines Stardesigners verhutzelt wirkende Kräuterweiblein, nur das Lebkuchenknusperhaus fehlte, zwecks Beschaffung vitaminisierter Ballaststoffe in den Kad Farang. (1)
„Vielleicht schaust du dich bei der Gelegenheit um und du entdeckst letzte edle Tropfen von Pavarotti *“, gab ich ihr als Ratschlag – nebst genügend Kleingeld auf den Weg.

Sie legte die Kräutlein ins Körbchen und betrachtete danach lange die Gestelle mit frisch polierten Weinflaschen. Traubensaft aus Torgiano fand sie keinen. Aber sie entdeckte einen anderen Bekannten und meinte:
„He, du Herumtreiber, du hast dich aber gut versteckt,“ und schleppte ihn wenig zarthörig und schwerfühlend gleich ins traute Heim.

Vor annähernd zwei Monaten bestellte ich anlässlich einer eher bizarren Weinparty in einem Luxushotel einen Karton zu zwölf Flaschen. Dieser Wein wurde uns nie angekündigt, nie ausgehändigt. Nun verkaufen diese lieben, neunmal klugen Leute wieder täglich ein einziges bescheidenes Fläschchen meines Frascatis!RatiLanNa

Diese wenig kommerzielle Geisteshaltung war vollkommen unverständlich für einen Farang. Deshalb sprach ich am nächsten Morgen mit der reizenden Verführerin und blaublütigen Lan Na Krautsachverständigen des Hauses und sagte:

Fortsetzung folgt

(1) Seit wann verkauft Jaspal Kostüme für Halloween?
http://de.wikipedia.org/wiki/Halloween 
* Name von der Redaktion zum Schutz des Konsumenten Low geändert.

Pech

Khun Ding erhob sich üblicherweise im Morgengrauen. Er hing seine ausgebleichte, verwaschene, dünne Decke an einen krummen, rostigen Nagel in einem Balken und schaute als erstes nach seinen Tieren.
Die Nachbarn kochten bereits aromatische Süppchen aus Knochen, Zitronengras, Chili und Galanga. Es roch in der feuchten Luft nach verbranntem Gummi. Holzkohle war fast unbezahlbar. Auch beim Gas musste man sparen. Reis und Gemüse waren kaum noch gefragt am Markt. Billige Importwaren zerstörten die Preise. Sprachfetzen aus den Fernsehgeräten vermischten sich mit dem Gegacker der Hühner, dem Heulen der Hunde und dem Knattern der Motorräder.

Heute war alles anders. Ding lag leise stöhnend am Schlafplatz. Wiederholt versuchte er sich zu erheben. Röchelnd brach er kraftlos zusammen. Frau und Kinder bemühten sich vergeblich, den Alten irgendwie aufzustellen. Suppen, Reis oder Lao Khao mochte er nicht.
Nach einigen Stunden dämmerte die Gewissheit im Letzten der wenig gebildeten Köpfe des Dorfes: Ding war ernsthaft krank. Ein Phi schlug verborgenerweise in den dunklen Schatten der Nacht zu. Der Zauberer und Hexenmeister des Weilers wurde gerufen.
Er prüfte den Puls des Darniederliegenden. Er blies ihm Schnapswolken ins bleiche Gesicht. Er ölte die Stirn des Kranken. Er opferte Weihrauch und feuerte riesige Dampfschwaden. Dann schlitzte er unter starken Zaubersprüchen und mit magischen Gesten einem schwarzen Huhn die Kehle auf. Ding blieb liegen.

Die verstörten Kinder starrten mit Rotz in den Nasen und mit verweinten Augen auf den schmierigen Bildschirm des halbblinden Fernsehers, während sich eine emsige Spinne über eine Fliege im Netz hermachte.
Später holten Verwandte Ding mit einem revisionsbedürftigen, russenden Kleinlaster. Sie brachten ihn ins Krankenhaus nach Phitsanulok. Hunderfünfunddreissig harte Kilometer ohne weiche Unterlage oder Schatten auf der Ladefläche.

Ding war nicht der einzige Hilfsbedürftige. Ein riesiges Gedränge versperrte den Zugang. Immer wieder versuchten verzweifelte Menschen einen kleinen Vorteil auszunutzen und zu den Göttern in weiss vorzudringen.
Die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, als Ding endlich auf eine matratzenähnliche, dünne Unterlage gelegt wurde. Die medizinischen Abklärungen hatten angefangen. Dings Frau schätzte sich glücklich und dankbar. In wenigen Tagen wären sie wieder zu Hause, bei Klebreis und Papaya Salat.

Das Krankenhaus war ein Bienenstock mit vielen Waben. In all den weissen Waben standen Apparate und Maschinen mit hunderten von Lämpchen. Die Geräte summten, brummten und spuckten Papiere aus. Bebrillte Leute diskutierten ernsthaft die langen Papierstreifen, als wären es Zeitungen. In diesem Labyrinth wurde Ding hunderte von Metern geschoben und immer wieder aufs Neue untersucht. Die holten die letzten Blutstropfen aus Armen und Fingern, injizierten Flüssigkeiten aus Spritzen und Flaschen in sämtliche Körperteile. Dazu gab es Pillen in allen Formen und Farben des Regenbogens. Da wurde geschmiert und geölt. Keine einzige, noch so winzige Stelle des Körpers ging vergessen.

Dings Erkrankung blieb ein Rätsel. Der Oberdoktor, der Herr aller Doktoren, sprach langsam  und hart drei Buchstaben:“ MRI!“
Einer der Ärzte unterhielt sich mit Dings Frau. In Chiang Mai stehe eine ganz neue Maschine. Nichts im Körper bleibe damit unentdeckt. Allerdings sei die Untersuchung nicht ganz gratis. Fünfzehn bis zwanzigtausend Baht müsste man schon rechnen. „Hat die Familie Geld? Hat die Verwandtschaft Geld?“
“Geld, in diesen Mengen?“ Sie schüttelte den Kopf: “Nein.“
Der letzte höhere Betrag sei ein Schulgeld gewesen und dann kleine Raten fürs Motorrad.

Im Dorf diskutierte man eifrig über das Suan Dok, oder Maharaj Spital in Chiang Mai. Die könnten dort alles. Neues Herz, bitte! Frische Niere zum Frühstück, kein Problem. Die Ärzte seien so erstaunlich gut, die Krematorien wären arbeitslos. Aber Geld, lausiges Geld, war keines aufzutreiben.

Dennoch legte man Ding eines frühen Morgens in einen Minibus. Sechs Stunden lang harrte der Kranke aus. Er ertrug das Schütteln, das banale Geschwätz, den Gestank nach Esswaren, Schweiss und schmutzigen Füssen im vollgestopften Bus. Er wartete geduldig auf sein persönliches Wunder.
Dann lag er lag voller Hoffnung in einer Reihe anderer Patienten. Die Stunde der Wahrheit kam in Form einer fülligen Kassiererin. Und als keine Scheine die Besitzer wechselten, bettete man den Schwerkranken, er war nicht der Einzige, zurück in die Warteschlangen für die Minibusse.

http://www.leckerbisschen.de/thailand-typisch/lachende-werbung.html