Überbordende Geselligkeit

In Singapur genossen wir unbekannte Cocktails in einer Art Biergarten. Ein heftiger Wind zerrte Blätter von den Bäumen und deponierte sie gefährlich nahe der Getränke.
Neben uns sassen vergnügt vier Touristen aus Japan. Hie und da verlor einer ein unverständliches Wort. Mein Wortschatz beschränkt sich auf Sayonara, Sukiyaki und Toyota. Die restlichen Begleiter antworteten grinsend mit einem kurzen “Ha…“ und beschäftigten sich emsig weiter mit transportabler Elektronik, wie wenn die Geräte in wenigen Minuten eingesammelt und vernichtet würden.
Die Bedienung brachte vier Halbliter Weissbier. So war es wenigstens angeschrieben.
Jeder einzelne am Tisch nahm sein ureigenes Smartphone ans Auge und machte ein Bild versammelter Weiss-Biere in Singapur. Die Telefone wurden noch smarter, weil sie jetzt Bier im Speicher hatten.
Danach schluckten die Japaner etwas Flüssigkeit und versanken nicht nur in Gedanken wieder in den Untiefen des Internet.
Wir waren wahre Exoten im Restaurant, die einzigen Gäste ohne Kommunikations-Elektronik.

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Die alten Chinesen erfanden den Kompass, das Porzellan, die Druckkunst und das Schiesspulver. Heutige kommunistische Chinesen lassen sich durch blutsaugende Kapitalisten ausbeuten und bauen für den Rest der Welt billig teure intelligente Mobiltelefone. Die Folge ist: in Kneipen und Biergärten herrscht nur noch Geflüster, es sei denn, ein Chinese kommuniziert lautstark mit dem weit entfernten China!

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Ich machte kein Foto der Japaner. Eine eindrückliche Handy-Werbung ging von Wien aus um die Welt. In seiner Loge hielt Opern-Ball Mörtel ein Telefon am Ohr. Gleichzeitig befingerten geliehene Gespielinnen – gerissene Gunstgewerblerinnen, gelangweilt gediegene Smartphones.

(b) http://www.blick.ch/people-tv/bellers-am-ball-der-eitelkeiten-id2706508.html
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Die teuerste Telefonzelle der Welt: Kim Kardashian (r.) und ihre Mama Kris Jenner (l.) mit Richard Lugner. ORF

Kota Kinabalu Sunset

Ein ungeschützt kleinkarierter Mittelständler fühlte sich durch grosskotziges Fressverhalten einer (gefälschten?) Blondine in seiner geistigen und körperlichen Integrität beeinträchtigt. (1) Vielleicht vertraute er der Irrlehre, attraktive Frauen verfügen automatisch über gute Manieren.
Zusätzlich brachten ihm seine Vorfahren falsche Tischsitten mit wenig Toleranz für Andersdenkende bei.

Effektiv effiziente und rasche Nahrungsmittelaufnahme ist im Reich der pseudokapitalistischen Mitte weit verbreitet. Wer nicht schmatzt, rülpst, furzt, spuckt, mit Speisen und Abfällen weiträumig Böden und Teppiche reichlich garniert, Laptops und Smartphones mit Flüssigkeiten wie Tee, Suppe und Bier bekleckert, zeigt Anzeichen einer ernsthaften Erkrankung.
Noch ungesitteter als bei Tisch, ist nach abendländischem Empfinden, das Verhalten in  Waschräumen – in Europa schamlos als Toiletten bezeichnet. In Obamas verarmten Reich heissen solche Orte verschämt Restroom, oder Bathroom, obwohl die dringenden Geschäfte eher selten in Ruhe, unter der Dusche, oder in einer Wanne verrichtet werden.Sunset5

Die zuständige Fotografin vergass in der Eile, eine kunstvoll dekorierte, Geschmack erwähne ich absichtlich nicht, Entsorgungsanlage in Sabah zu knipsen. Angehende Kakteenerzeuger(innen) aus dem asiatischen Raum, besteigen üblicherweise den WC Sitz mit Schuhen, bevor sie Druck auf die Schliessmuskel ausüben. Wasserspülungen kennen versierte Plumpsklo-Artisten nicht.
Zwecks Schonung des Schuhwerks benutzen spätere Kunden bei randvollem WC diskret die Ecken der Räume. Der Nachteil ist, es gibt bloss vier.
Durch zunehmende Touristenströme sind innovative Architekten gefordert, zur  Kapazitätserweiterung, fünf oder sechseckige Toilettenzellen zu entwickeln, sowie runde Räume für durchfallkranke, reisende Masochisten.

Vertraut mit all diesen negativen Eindrücken, verstehen Leser(innen) nun die Empörung des Beobachters am Anfang der Geschichte. Der Idiot hätte ja wegschauen können. Er besass keine Konzession, um das Verhalten weiblicher Wesen bei Sonnenuntergang zu studieren.
Aber Yin und Yang des Gepeinigten mussten wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. (2) Dies besorgte eine am Tatort entwickelte Medizin, rein von der Bemessung her, der grösste Cocktail Nordborneos. Sein persönliches Bargirl mischte einen der Abendstimmung farblich angepassten

Kota Kinabalu Sunset
1/3 Campari
1/3 Gin
1/3 Sodawasser, Mineralwasser mit Gas
1/3 Eis

Je höher das Unbehagen, desto reichlicher die Drittel.

(1)
http://wp.me/p2ljyL-Tg
(2)
http://de.wikipedia.org/wiki/Yin_und_Yang

Ein stimmungsvolles Lied dazu: Wenn bei Capri die rote Flotte im Meer versinkt
http://www.youtube.com/watch?v=0pvPbgjY5S0