Absaufende Pfahlbauten und Raumpflegerinnen

Herrschaftliche Holz-Häuser auf Pfählen sehen wir je länger, desto seltener. Die meisten Häuser auf dem Land sind aber nach dem alten Muster errichtet, auch wenn man die Pfähle auf den ersten Blick nicht mehr sieht. stahl-pfahlbauer

Grundlagen der Baupläne, sofern es sie überhaupt gibt, ist der Talang wa. Das sind vier Quadratmeter. Die Raumgrössen betragen drei bis vier Talang wa. Bei zwölf Quadratmetern für ein Schlafzimmer mit Doppelbett kann es für Rollstuhlfahrer eng werden. Wenn noch ein Kleiderkasten, Karaokemaschinen mit Bildschirmen, 1500 Watt Verstärker mit Leisesprechern hineingequetscht werden, werden Schuhlöffel und Geburtshilfezangen wichtige Instrumente für den Weg ins Bett. Die kleinsten Räume in den Wohnhäusern sind effektiv die wichtigsten – die Duschgelegenheiten mit WC. Für sie müssen üblicherweise ein halber Talang wa, zwei Quadratmeter genügen. Ich entfernte zuerst die für mich unschliessbaren Kunststofftüren und montierte in solchen Miniatur-Bedürfnisanstalten stattdessen Duschvorhänge. Gegen allfällige störende Geräuschentwicklung hilft die Karaokeanlage.
Die thailändischen Hauskonstrukteure planen für Raumgrössen von drei, maximal vier Talang wa vier Pfähle ein. Der nächste Raum benötigt zusätzlich zwei weitere Pfähle. Unser Häuschen steht auf dreiundzwanzig Pfählen. Da ist ein Schlafzimmer von annähernd dreissig Quadratmetern und ein Badezimmer mit stolzen drei Talang wa, meine bescheidenen Entwürfe, inbegriffen.
Die Löcher für die Pfähle wurden in der Trockenzeit auf Grundwassertiefe ausgehoben. Der Statiker empfahl für das relativ grosse Gebäude als Basis für die Pfähle Platten von einem Quadratmeter. Sie wurden an Ort mit viel Stahl versehen gegossen. Inmitten der Quadrate stehen die filigranen Pfähle. meine-pfahlbauspezialisten Die kleineren Häuser im Dorf haben preisgünstigere Träger von bloss einem halben Meter Seitenlänge. Für Spekulations-Bauten gibt es vorfabrizierte Teile. Die werden auf den Boden gestellt und später mit dreissig Zentimeter Erde gekonnt zu dekoriert.
Ich bin überrascht von der Stabilität unserer Konstruktion. Wir erlebten mehrere Erdbeben. Das kräftigste wurde mit 6.3 registriert. (1) In Italien oder der Türkei stürzt bei Beben dieser Grössenordnungen bereits alles zusammen. Im Gebäude gab es nicht einmal neue Risse. Nur die alten Tempel in der Stadt litten und verloren zusätzliche Backsteine.

Wir haben einen lieben Nachbarn. In einem Experiment fand er heraus, dass Schränke hinter Fenstern lichtundurchlässig sind. Vor dieser wichtigen Erkenntnis bat er uns, unsere Bäume zu fällen. Der Schildbürger reklamierte, er hätte kein Tageslicht im betreffenden Zimmer. (2)
Vor wenigen Jahren wurde sein Haus durch eine ortsübliche Überschwemmung geflutet. Er bewohnt das Haus nur zeitweise, beispielsweise wenn er eine neue Mia Noi hat. Deshalb stellte er eine Spezialistin für gepflegte Wohnräume, eine Raumpflegerin an. Er war nicht erfreut, als er die Bescherung, das durch Schmutzwasser, inklusive Fäkalien, beschädigte Eigentum sah. Er fragte seine Hilfskraft um einen guten Rat. Guter Rat ist teuer. Die Dame überlegte kurz und verkaufte folgende Expertise:
„Der Wasserstand im Haus betrug fünfzig Zentimeter. Wenn sie fünfzig Zentimeter Zement auf die Böden auftragen lassen, könnte kein Wasser eindringen. Sie werden alt. Am Eingang müssen sie deshalb zwei zusätzliche Treppenstufen anfertigen lassen.“

Als ich erneut vom Einfallsreichtum der Frau hörte, grinste ich. Ihre geistigen Fähigkeiten bildeten sich zu Gunsten eines überdimensionierten Plapperapparates zurück. Ein zierliches Weib ist wie ein Smartphone. Da muss jeder Kubikzentimeter möglichst effizient genutzt werden. Dann überlegte ich:
„So lange der Kerl keine Korbballspielerin zur Freundin nimmt und zusätzlich keinen dekorativ kitschigen, böhmischen Kristallleuchter an die Decke hängt, kann das gehen. Dennoch sind die Flächen der Trägerplatten der Pfähle dem zusätzlichen Gewicht kaum gewachsen. Während jeder Regenzeit wird das Haus langsam absaufen.“ Ich schätzte, das Haus wurde mit den zusätzlich vierzig Kubikmetern Material zwischen 90‘000 und 100‘000 Kilogramm schwerer.
Wie erwartet, sinkt das Haus. Als erstes barsten vor wenigen Wochen die Wasserleitungen! Glücklicherweise kommt die Elektrizität von oben. Diese Kabelstrippen könnten das Gebäude vor dem endgültigen Untergang retten.

(1) https://hinterindien.com/2014/05/08/schwere-erdbeben-erschutterten-lan-na-land/
(2) http://www.internet-maerchen.de/maerchen/schild02.htm

Verwerfliche Verwerfungen

Thailands Wetterfrösche vermitteln ebenfalls Erdbebeninformationen. Die Wetterprognosen waren und sind wenig informativ und detailliert. So gelten für die nächsten sieben Tage in Chiang Mai folgende Voraussagen:
Temperaturen von 24°C bis 37 °C mit täglicher Neigung zu Gewittern.
In der kalten Jahreszeit gibt es keine Gewitter. Da dekoriert stattdessen ein Nikolaus mit Mantel und Kapuze die täglichen Fensterchen, bei Angaben: kalt, 26 °C.
Diese ausserordentlichen Informationsfluten überzeugten mich, am Anfang des Jahrtausends eine luxuriöse Wetterstation mit mehreren Aussensensoren zu erwerben und zu importieren. Weitere antike Geräte ergänzen die Elektronik: Ein mechanisches Dosen- oder Aneroidbarometer, sowie ein Haarhygrometer. Wann knabbert ein bösartiges Insekt das Haar an? Im Prinzip müsste ich das gefährdete Instrument unter eine Käseglocke stellen.
Meine Warnungen: „Waschmaschine nicht benutzen, in zwei Stunden regnet es“, verhallten trotzdem oft ungehört in Windstürmen. Schamanen und Wahrsagern wird eher Vertrauen geschenkt, als technischen Geräten wie Barometer, Hygrometer und Thermometer.
Sofern ich bei dreissig Prozent Luftfeuchtigkeit giessen des Gartens und der Kehle empfahl, wurde bloss das persönliche Wohl berücksichtigt.
Die besten Wetterprognosen liefern mir die Norweger. (1)

Torricelli erfand das Quecksilber-Barometer

Torricelli erfand das Quecksilber-Barometer

Die Informationen des Amtes über Erdbeben dürfen angezweifelt werden. Muss ich demnächst einen eigenen Seismometer beschaffen?
Die thailändischen Angaben weichen von den Werten des USGS ab. (2)
Am 5. Mai 6,3 Thailand, USGS 6,0,
am 12. Mai 5,0 Thailand, USGS 4,2.
Der Direktor des Nationalen Disaster Warnungs Centers, NWDC, Suebsak Khaosuwan, erklärte am Samstag, den 10. Mai:
„Die Häufigkeit und die Stärke der Nachbeben haben seit dem 5. Mai wesentlich abgenommen. Die Menschen können nun in ihre Häuser zurückkehren.“ (3) Ich zählte täglich 16 Erdstösse.
Als es zwei Tage später im Distrikt Phan, in der Nähe des kopflosen Buddhas, in der Phayao Verwerfung (4), wieder kräftig schüttelte, dozierte Herr Direktor Suebsak Khaosuwan gegen Gesichtsverlust:
„Das ist kein Nachbeben, das ist ein neues Erdbeben!“ (5)

Eine Zusammenfassung der Erdstösse bis am 12. Mai, Angaben ohne Gewähr – NWDC, seit dem 5. Mai zeigt:
Es gab 6 grössere Nachbeben, 5,0 bis 5,9.
28 Erdstösse hatten Intensitäten zwischen 4,0 und 4,9.
Im Bereich 3,0 bis 3,9 wurden 116 Beben registriert.
Mit kleineren Amplituden als 3,0 wurden über 560 Erschütterungen registriert.

Das sind ideale Wohngebiete für Cocktailliebhaber. Sie mischen die Getränke, geschüttelt wird gratis und automatisch.

(1) http://www.yr.no/place/Thailand/Chiang_Mai/Hang_Dong/hour_by_hour.html
(2) http://www.tmd.go.th/en/earthquake_report.php
(3) http://www.bangkokpost.com/news/local/409084/earthquake-risk-declared-over
(4) http://de.wikipedia.org/wiki/Verwerfung_(Geologie)
(5) http://www.bangkokpost.com/news/local/409635/chiang-rai-suffers-fresh-earthquake
(Blog) http://wp.me/p2ljyL-1p5

Unbezahlbare Kultur

Erinnerungen an ein Erdbeben. Ich grub eine gut zehnjährige Geschichte aus, die ich im Dezember 2008 ins Forum stellte.

Jährlich werden für Hunderte von Millionen Dollar Artefakte aus Tempeln gestohlen und ins Ausland verfrachtet. Der Handel blüht. (*) Die Polizei ist fast machtlos oder selbst beteiligt. Daneben gibt es gerissene Fälscher-Syndikate.

Letzthin entdeckte ich in einer Schuttsammlung an einer trockengelegten Lieblingskneipe einen Kopf im Khmerstil. Es war mir nicht möglich, nah heranzugehen. Ich machte ein Foto mit dem Teleobjektiv. Das Bild sah im PC vielversprechend aus.
Ich zeigte die Aufnahme Khun Poo und bat sie, einen Preis auszuhandeln. Bleichgesichter mit Langnasen wirken in solchen Fällen preistreibend.
Poo und Mad fuhren mit dem Motorrad hin und erstanden das Ding ohne lange Umschweife für 350 Baht.KhmerK
Sie legten den Brocken von etwa 15 bis 20 Kilogramm auf einen Gartentisch. Ich spritzte mit einem Schlauch den schlimmsten Dreck, inklusive weisse Acrylfarbspritzer weg, denn in der Nähe waren Maler am Werk.
Dann war ich enttäuscht, denn zahlreiche Löcher waren von erfahrenen Spezialisten und einheimischen Restauratoren fachmännisch mit grünem Kitt oder Kaugummi gefüllt. Der Kopf war teilweise grausig mit bräunlicher Farbe überschmiert. Mit Wasser und einer Zahnbürste konnte ich die billige Dispersion fast mühelos entfernen. Doch dann wurde ich plötzlich vorsichtig, denn durch die Farbreste schimmerten Goldfragmente. Wie alt der Kopf ist, lässt sich kaum sagen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wurde er aus einem Tempel geklaut, gestohlen oder entwendet. (Zutreffendes bitte ankreuzen).
Seit einem Erdbeben in Chiang Mai ist er noch wertvoller geworden, denn das Ding stürzte um und ein Teil der Nase brach weg.

(*) Buch: The lost heritage, Masayuki Nagashima, Bangkok Post Books, 2002

Quelle:
Geschichten aus Hinterindien: Unbezahlbare Kultur
« Antworten #46 am: 19. Dezember 2008, 12:53:07 »

Low, Geschichten aus Hinterindien, Zenos Verlag, Segnitz bei Würzburg, 2011

Schwere Erdbeben erschütterten Lan-Na Land

Am Montagabend, 5. Mai 2014, um 18 08 bestand unser Haus in der Nähe von Hangdong eine echte Zerreissprobe. Wir hielten uns im Badezimmer auf, als das Haus zu schütteln und schaukeln begann. Ich schrie Dick an:
„Lauf hinaus in den Garten, schnell, Erdbeben!“
Als nicht italienischer oder koreanischer Kapitän trug ich für meine Passagierin eine gewisse Verantwortung.

Während zwei Minuten, einer gefühlten Ewigkeit, bewegte sich das Gebäude. Im Schlafzimmer wiegte sinnlos der Schaukelstuhl aus eigenem Antrieb.
Bisher erlebte ich im Dorf drei grössere Beben, jedes Mal im Badezimmer. Das hat den Vorteil, dass bei durch Angst ausgelöster Schliessmuskelschwäche die Bein-Kleidung nicht beschmutzt wird.
Nach zwanzig Minuten fand ich die Bestätigung im Internet. Der amerikanische Erdbeben-Dienst USGS, U.S. Geological Survey, (1) meldete ein Beben mit der Stärke von 6,0. Die Gelogen in Thailand beharren auf 6,3. Diese Erdpissenschaftler eichten ihre Seismographen offenbar nach alter Väter Sitte mit Chang (Bier). Die Erdbewegungen wurden von Hanoi über Bangkok bis Yangon verspürt.

Die meisten Pfahlbauten in Lan Na Land überstanden das heftige Rütteln mit diversen Rissen in den Mauern. Die Strasse von Chiang Mai nach Chiang Rai wurde stellenweise aufgeschlitzt und zerstört.
Ein Buddha am Wat Udom Waree im Bezirk Phan verlor den Kopf. Eine ältere Frau das Leben. BuddhaPhan Der Künstler und Erbauer von Wat Rong Khun im Distrikt Mae Lao, Chalermchai Kositpipat, musste seine weisse Anlage für Besucher und Touristen aus Sicherheitsgründen schliessen. Einige Gebäude, Dächer und Wandmalereien erlitten leider schwere Schäden.(2)

Chiang Rai liegt nur fünfundzwanzig Kilometer vom Epizentrum entfernt. Die Passagiere des Flughafens flüchteten gedankenlos aus dem Abfertigungsgebäude. Sie standen teilweise genau unter Dachrinnen. Sie bemerkten nicht, dass herabfallende Ziegel auf die ungeschützten Köpfe fallen könnten.
Im Flughafen von Chiang Mai schrien Passagiere in Panik das Personal an:
„Wo ist der Schutzraum? Wo zum Teufel sind die Schutzräume?“
Eine hübsche, mandeläugige Angestellte lispelte listig lächelnd: „Es gibt keinen Schutzraum.“
Für die nächsten Reisen nach Thailand empfehle ich: Anstelle von Lümmeltüte – Schutzraum und Valium im Gepäck. (*)

Es schüttelt munter weiter. Bis 7. Mai 07 00 wurden angeblich 180 Nachbeben mit Intensitäten zwischen 3 und 5,9 registriert. USGS zeigt fünf Nachbeben mit Stärken von 4,4 bis 5,0.
Die Epizentren befinden sich in den Bezirken Phan, Mae Lao und Mae Suai in der Provinz Chiang Rai. Geologen beschuldigen die Phayao-Verwerfungslinie. Sie ist 70 Kilometer lang und liegt sieben Kilometer unter der Erdoberfläche. (3)

Bereits holte uns der Alltag ein. Es regnet. Ein ungläubiger Gärtner giesst zusätzlich. In der einen Hand hält er den Regenschirm, in der anderen Hand einen Schlauch. Der letzte Rest des nicht durch Alkohol oder Drogen ausgeschalteten Hirns, ist offenbar erdbebengeschädigt.

(1) http://www.usgs.gov/
(2) http://wp.me/p2ljyL-JW
(3) http://www.wochenblitz.com/nachrichten/51379-erdbeben-sorge-vor-dominoeffekt.html?utm_source=Wochenblitz+Clean+All&utm_campaign=955c217008-Aktuelle+Nachrichten+aus+Thailand&utm_medium=email&utm_term=0_34a48916ce-955c217008-286912533#contenttxt
(*) Diazepam ist ein Medikament aus der Gruppe der Benzodiazepine. Er wird als Psychopharmakon zur Behandlung von Angstzuständen eingesetzt.

Zum Vergleich:
Bei einem Erdbeben mit 4,2 (RS) wurden am 18. Mai in Südhessen im Mühltaler Ortsteil Nieder-Beerbach mindestens 70 Häuser beschädigt. Das sind 14 Prozent. Die Magnitude oder Größenklasse leitet sich aus dem dekadischen Logarithmus der maximalen Amplitude, auch Auslenkung, im Seismogramm ab. Wegen des dekadischen Logarithmus bedeutet der Anstieg der Magnitude um einen Punkt auf der Skala einen etwa zehnfach höheren Ausschlag im Seismogramm. Dies entspricht näherungsweise der 32-fachen Energiefreisetzung im Erdbebenherd.