Ein Zeitgemäss aromatisierter, schiefhängender Haussegen

Warum die Luftfeuchtigkeit in Satun geringer ist als in Chiang Mai begreift man rasch. Der Wind bläst zu neunundneunzig Prozent vom Südchinesischen Meer Richtung Andamanensee. Die hundert Kilometer über Land fressen allfällig hohe Feuchtigkeit weg. Die gemessene Feuchtigkeit im Haus liegt zwischen angenehmen fünfzig bis sechzig Prozent. Es fehlt nur noch ein Kohlekraftwerk im Raum Songkhla. Dann würden sich die Feinstaubwerte den Werten in Chiang Mai automatisch angleichen. Von der Andamanensee dagegen stammen unsere frischen Fische und Meeresfrüchte.

Dick bemerkte das Preisgefälle für getrocknete Garnelen. In Satun kostet ein Kilogramm ungefähr hundertvierzig Baht, während man in Chiang Mai fast das Zehnfache bezahlt. Sie kaufte getrocknete Goong und sandte sie per Post gewinnbringend in den Norden. Der Nachschub in Satun war beschränkt und stotterte.
Die Volksbefreiungsarmee ging unzimperlich mit den alteingesessenen Fischerfamilien um. Die uniformierten Würdenträger behaupteten, die Meerestiere würden durch die Fischer dezimiert. Sie beschlagnahmten Boote. Sie zerstörten einfache Garnelentrockner. Diese Fischer liefern ihre bescheidenen Erträge nicht in industrielle Tierfutterfabriken.
Menschen in Thailand, inklusive Buddhisten, haben bekanntlich nie genug. Dick überlegte kurz, wenn sie die Dinger selbst trocknen würde, könnte sie noch mehr Baht generieren. Sie übersah das kleine Problem beim Trocknen. Von einem Kilogramm verdunsten siebenhundertfünfzig Gramm unter Abgabe von Garnelendampf.

Ich war gegen eine Fischfabrik mit Geruchsbelästigung im Wohnhaus. Sie liess meine Einwände nicht gelten und brachte von Märkten Kiloweise Goong ins Haus. Wir sind nicht verheiratet. Meine Empfehlungen sind unverbindlich. Ich konnte sie dazu überreden, wenigstens die Kocherei vor dem Haus auszuüben.
Davonlaufen kann ich als Rollstuhlfahrer nicht. Hie und da mag ich einen bunt gemischten Crevetten-Cocktail mit schönen grossen Tieren. Dick brachte zwecks hoher Rendite, nur Kleinzeug ins Haus. Es roch so gewaltig, dass ich längere Zeit auf die Delikatessen verzichten kann. Sie gab zu, dass unsere Kühlboxe für Getränke während Reisen und sogar das Auto streng nach Goong riechen. Sie zeigte die Einsicht, dass bei einem Verkaufspreis von tausend Baht, kein grosses Geschäft winkt. Aber die Qualität, meinte Dick, sei unübertrefflich. Der Geruch auch, erwiderte ich.

Tip: Bei einem Todesfall liesse sich allfälliger Leichengeruch mit Garnelengeschmack oder Sambal Belacang, Malaysia – Singapur, ausmerzen. „When toasting belacan, be sure to open the windows and turn on the range hood or kitchen exhaust fan. The scent can be a little funky if trapped in the house. I usually toast my belacanin the summer when I can open the windows. A little peppermint and eucalyptus oil in a small candle lamp diffuser helps freshen up the place very effectively after the toasting.”

https://www.malaysianchinesekitchen.com/sambal-belacan/

Lüfte und Düfte

Ludwig Uhland:
26.4. 1787 Tübingen – 13.11. 1862 Tübingen
Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Nach Satun mit viel frischem Wind, erzeugt durch mächtige Adlerschwingen, ist die Luft in Chiang Mai schwer. In Satun gibt es mehr Adler als Sperlinge in Chiang Mai. Die Verschmutzung ist auch ohne das Abfackeln von Feldern und Hügeln hoch. In Spitzenmonaten können die Schadstoffkonzentrationen dreihundert Mikrogramm erreichen. Fünfzig Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft sind üblich. In der Schweiz gilt dieser Wert länger als fünfunddreissig Tage pro Jahr als unzulässig und extrem gesundheitsschädigend. (1) Thais vertragen offenbar mehr. Gelbe Gardenie
Es gibt erfreulichere Düfte, wenn die goldgelben Gardenien oder der Jasmin blühen. Die Aromen sind süss und schwer. Bei hoher Luftfeuchtigkeit wirken diese Blüten noch intensiver. Ich mag die erdigen Gerüche, wenn im Lan Na Dorf die ersten Regen einsetzen. Wir riechen den Regen, bevor er fällt. Frisch geschnittenes Gras gibt ein besonderes Bukett ab.
Ich erinnere mich an die Wohlgerüche von besonntem Heu in den Voralpen. Als Kind roch ich die eisenhaltige Luft in Bahnhöfen. Besonders eindrücklich war der abgestandene kalte Rauch in den Wartsälen der dritten Klasse. In den Wintermonaten mischten Heizungen den Mief feuchter Mäntel und Kleider dazu. Ein echter Höhepunkt war der Geruch nach Mottenkugeln im Gewimmel. Motten sind sehr genügsame und umweltfreundliche Tiere, denn sie fressen nur Löcher.

Den Grund dieses Beitrages lieferte unser Nachbar Kleptomanewitsch. Er besitzt eine neue Grasschneidemaschine. Ob er sie kaufte oder bloss mietete, ist uns nicht bekannt. Vielleicht fand er sie verlassen und einsam, ganz ohne Besitzer an einem Strassenrand.
Jeden Sonntag frühmorgens schnallt er sich Benzinkanister und Motor auf den Rücken. Dann hören wir den ganzen Tag die Symphonie für zweitaktgetriebene Propellermesser, vom scheppernden Leerlauf bis zum röhrenden Vollgas. Synkopen setzen geschleuderte Steine. Als Kesselpauken dienen getroffene Fensterscheiben. Die Duftentfaltung ist kolossal. Die solide Grundlage liefert der katalysatorfreie Auspuff. Dazu kommen Schwaden von unverbranntem Benzin. Das geschnittene Gras riecht fantastisch. Neuerdings benutzt der Gärtner sein Werkzeug zum Entlauben von Bäumen und Sträuchern mit mir unbekannten Duftnoten, wie Bambus und Mango. Aber – ohne Rizinusöl schafft der Kerl die Olympia-Qualifikation nie.
Gegen den Gestank des Treibstoffes setze ich im Haus erfolgreich Surya ein. Das sind indonesische Zigaretten des Hauses Gudang Garam, verfeinert mit Zucker und Gewürznelken. Wenn es nicht zu feucht ist, knattern und prasseln die Glimm-Stengel (Batang rokok) mit dezentem Feuerwerk.

Ebenfalls des Nachts im Bett, ohne Freundin Jasmin oder andere Blüten im Garten, werden wir von exotischen Düften überrascht. Die Nachbarin röstet jederzeit Knoblauch in Palmöl. Je später die Stunde, desto verbrannter der Knoblauch. In der abendlichen Stille hören wir die fliegenden Fische, wenn sie aus den Pfannen an die Decke knallen.
Letzte Nacht gegen drei Uhr dachte Dick, Mowgli verkohle seine Pasta und damit das ganze Haus. Ich konnte sie beruhigen, das sei nicht Pasta mit Pesto, die ich abends lieferte. Das müsse der hustende Koch von Sizzler sein, der seine Nudeln à l’américaine flambiere. Vom Strässchen her wehen, gefiltert durch das Badezimmer, zahlreiche stinkende Grüsse ungewarteter Dieselmotoren.

Zwei Stunden später wachte ich beduselt auf. Ein unbekannter Anrainer verwandelt Hustensaft mit Pseudoephedrin in Methamphemine. (2) Es stank, wie zur Zeit fast jede Nacht, nach Ethanol. Die durchschnittliche Geruchsschwelle liegt bei Konzentrationen von 93 ppm, das sind Teile pro Million. Explosionsgefahr besteht erst ab 35‘000 ppm, das sind 3.5 Prozent.(3) Ab welchem Grenzwert Leber und Lunge geschädigt werden, weiss ich nicht. Wir desensibilisieren vorsichtigerweise unsere Körper mit Destillaten aus der Karibik, gemischt mit veganem Kokoswasser.
Nun muß sich alles, alles wenden.
Kaum. – An den Frühling glauben ohnehin nur einige Heimweh-Europäer. Hustensaft feiert im LOS ungebrochen Hochkonjunktur!

(1) http://www.bafu.admin.ch/luft/00575/00578/index.html?lang=de
(2) https://hinterindien.com/2015/07/11/gefahren-in-schlafzimmern-2/
(3) http://www.swisseduc.ch/chemie/schwerpunkte/ethanol/docs/ethanol.pdf

Wahrnehmungsunfähigkeiten

Der Leser und Denker Illuminati weckte mich mit seinem Kommentar erneut aus Träumen und Tiefschlaf. Was kann er nur gemeint haben? Zweifelt er gar die verheerende Luftbelastung durch Feinstaub in Nordthailand an?
Zugegeben, mein zynischer Vorschlag, Särge mit Warnschildern zu versehen, grenzte an Leichenfledderei. Er war so sinnvoll, wie Aufforderungen, Dieselfahrzeuge regelmässig zu warten, oder Krematorien mit Filteranlagen auszustatten. Das ist bei Feuerbestattungs-Anlagen ohne Kamine, wie ich sie in LanNa Land antraf, unmöglich.

Dazu gesellt sich unsere subjektive Wahrnehmung, beziehungsweise die Wahrnehmungsfähigkeit. Einige tragen rosarote Brillen. Sie erkennen aus Selbstschutz nichts, was sie nicht mögen.
Für solche Mitmenschen gibt es keine schlechten Gerüche, weniger freundlich als Gestank bezeichnet. Sie sind gierige Allesfresser, die sogar neben stinkenden Abfalleimern oder auf schwelenden Müllhalden picknicken.

Unglücklicherweise habe ich einen empfindlichen Riechkolben. Er lässt mich jedoch die Feinheiten edler Weine erkennen, ohne sie zu trinken. Dieselbe Nase warnt mich vor verdorbenen Speisen. Auf deren Genuss verzichte ich gerne, weil ich die meisten Toiletten wegen baulicher Hindernisse, Treppen und zu schmale Türen, im Notfall nicht aufsuchen kann.
Dick kennt da weniger Skrupel. Sie isst, mit wenigen Ausnahmen fast alles, was aufgetischt wird. Danach generiert sie neue Welt-Bestzeiten im Schittathlon auf glitschigen Slaloms zu Toiletten, sofern sie sich nicht vorher übergibt. Sie tut dies mit beneidenswerter Leichtigkeit, während ich mich jeweils stark schwitzend, ergebnislos fast zu Tode würge.

In reiferen Jugendjahren konnte ich defekte Elektrogeräte dank der hohen Sensibilität der Geruchsempfindlichkeit ohne Messgeräte reparieren. Defekte Gleichrichter aus Selen, es gibt sie heute nicht mehr, rochen für mich ähnlich, wie Neugeborene mit vollen Windeln. Die „Déformation professionelle“ liess mich Jahrzehnte später bei meinen Kindern ausrufen: „Es riecht nach Selen!“ (1)

Es mag zwei Wochen her sein. Ich lag bereits im Bett und wartete auf Dick. Ihre Mutter beanspruchte ihre Anwesenheit grenzen- und zeitlos. Als Dick endlich kam, füllte sie das Haus mit stechend durchdringendem, scharfem Gestank. Sie selbst bemerkte nichts.
Die dicke Luft liess mich nicht einschlafen. Ich suchte nach einer Erklärung. Fuchs und Marder waren es nicht. Katze! Ich verliess das Bett und suchte.
Wahrhaftig – da pisste doch ein verliebter Kater in einen auf der Veranda wartenden, mittlerweile im Schlafzimmer anwesenden, flauschigen Pantoffel.

Bei Rauch differenziere ich. Gartenabfälle und Qualm toter Tiere miefen, sind jedoch in geringen Mengen unbedenklich. Gummi und Autopneus, die ich von Kleptomanewitschs Stahlwerk her kenne, hinterlassen schwerer verdauliche Spuren. Wolken von PVC, PolyVinylChlorid, gehören für mich zur Giftklasse. Weniger vorsichtige Menschen garen über diesen glimmenden Wohlgerüchen Würste und Fleisch. Die Gase riechen nach Chlorwasserstoff. Es entstehen gesundheitlich bedenkliche chlororganische Verbindungen. (2)

Bereits beim Landeanflug in Bangkok anfangs Februar tauchte die Maschine in bunte Farbkombinationen von Luft. In Bangkok ist die Luftqualität weitaus besser als im Norden des Landes.
Tags darauf besorgten wir in Hangdong Nahrungsmittel bei einem Grossverteiler. Als ich mich danach ins Auto setzte, bemerkte ich schwarz gefärbte Hände. Ich erinnerte mich nicht, dass ich dunkle Gegenstände, Apparate oder Isan-Frauen, angefasst hätte. Meine Handflächen blieben während drei Wochen in Chiang Mai mehr oder weniger dunkel. Waschen half nur kurzzeitig.
In Nakhon Sawan verminderte sich die Einfärbung. Drei Tage später, in der Gegend des Mae Tha Chin, Distrikt Sam Phran, Provinz Nakhon Pathom, verschwand die Verfärbung allmählich. Ich nehme an, es handelte sich um chemische Reaktionen, ausgelöst durch Luftverschmutzung, feuchte Hände und die metallenen Greifringe des Rollstuhls. Mae Tha Chin
Heute vernahm ich telefonisch aus Satun und las in Zeitungen, dass sogar Chiang Mais Gouverneur Suriya Prasanbanthit nach reiflichem Nachdenken (ca. 3 Wochen) über die Luftqualität im Norden besorgt sei. Vermutlich werden dieselben Massnahmen ergriffen wie üblich: Ausser leerem Gerede – gar nichts.
Seit fünfzehn Jahren liegt ein neuer Feinstaub-Rekord in der Luft, denn so etwas erlebte ich nie zuvor.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%A9formation_professionnelle
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Polyvinylchlorid
(3) http://www.wochenblitz.com/nachrichten/61359

Bild: Paddler kämpft gegen treibende Wasserhyazinthen am Mae Tha Chin.

Rauchzeichen aus Nakhon Sawan

Mein Programm für Chiang Mai war klar. Warten auf die nächste Infektion, Spital, Bakteriologie, Befunde, Labor, Medikamente, dann zurück in den Süden. Daneben wollten wir einige Einkäufe, wie einen elektrischen Moskitokiller, Computerkabel und wenige Lebensmittel, besorgen.
Drei Wochen lang passierte nichts. Am 24. Februar erfolgte eine Todesnachricht aus Bangkok. Die Stadt lag gleich links am Weg nach Satun, kein Problem für Dick, am geplanten Feuerspektakel teilzunehmen. Am 25. wollten wir nach Nakhon Sawan aufbrechen. Ein Zimmer war für eine Nacht reserviert.

Nakhon Sawan liegt 390 Kilometer südlich von Chiang Mai und ungefähr 250 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bangkok am Zusammenfluss des Mae Nam Ping und des Mae Nam Nan. Die beiden Flüsse bilden den Mae Nam Chao Phraya.
Nakhon Sawan ist eine alte Gründung. Bereits während der Sukhothai-Zeit spielte der Ort eine wichtige Rolle als Tor zum Norden. Seit Ende des 19. Jahrhunderts lebt eine bedeutende chinesisch-stämmige Bevölkerung hier.
Der Holzhandel ist eine wesentliche Einnahmequelle, obwohl 1989 ein totales Verbot für das Fällen von Tropenholz ausgesprochen wurde.
Sehenswürdigkeiten sind Khao Woranat Banphot, Khao Kop, eine buddhistische Tempelanlage an einem Hügel. Oben, nach einem Aufstieg über 450 Stufen, bieten sich Ausblicke auf die Provinzhauptstadt und die Sümpfe Bung Boraphet an. Der Tempel wurde im 13. Jahrhundert von König Li Thai von Sukhothai gegründet. NakhonSawanHill
Am 25. Februar kurz nach Mitternacht, meldeten sich meine Bakterien zurück. Anstatt mit dem voll gepackten Wagen in den Süden zu reisen, fuhren wir gegen 11 00 ins Spital. Der Spezialist hatte frei. Ein freundlicher und kompetenter Allgemein-Praktiker kümmerte sich nach 13 00 Uhr um mich. Er hatte keine Einwände gegen die Reise. Weitere Befunde, wie Resistenzprüfung, etc. würden mir nach drei Tagen per Email zugestellt.

Wir verliessen am späteren Nachmittag, zusätzlich mit fünf Pillen, die grau-bräunliche Dreckluft von Chiang Mai. Ich sagte mir, in Lampang oder spätestens in Thoen, würde die Feinstaubbelastung geringer. Aber nach Thoen brannten die Feuer an den Hängen sichtbar. Auf dem Weg nach Tak querte Rauch öfters wie Nebelschwaden die Strasse. Schwarz verbrannte Bäume standen verloren in versengten Stoppeln. Der Gestank der Brandrodungen begleitete uns die ganze Strecke, bis in unser einzigartiges Hotel in Nakhon Sawan.
Die tollste Überraschung erwartete mich im Badezimmer. Der schneeweisse Waschlappen verfärbte sich beim Reinigen des Gesichts schmuddelig grau.
Wie sehen die Lungen der Bewohner dieser Landstriche aus?
Regierungen verlangen eindrückliche Warnungen mit Bildern bösartiger Missbildungen und Geschwüren – vor Gesundheitsschäden auf Verpackungen von Raucherwaren. Zigaretten haben Filter.
Für Thais spielt das keine Rolle. Grösstenteils werden sie kremiert – ohne Filter. Das dürfte am kommenden Dienstag in Bangkok ähnlich sein. Bitte tief einatmen, noch sind auf Särgen entsprechende Hinweise nicht notwendig. lionhead

Mond – S c h e i n – Romanze

26. März 2013

Fahl und bleich stand die Sonne um die Mittagszeit im Zenit am grau braunen Himmel. Am frühen Morgen vermochten die Strahlen nur schlecht die Dreckluft in und um Chiang Mai zu durchringen.
Gestern abend leuchtete ein fast runder Mond in Rot- und Brauntönen. Sterne waren keine zu erkennen. Einen Abend später vermissten wir händchenhaltend erneut die Sterne. Der Mond erinnerte an eine braune Vergangenheit  Ein Korrektor interpretierte meine Aussage, die Gedanken sind frei: „Die braune Vergangenheit empfinde ich etwas zu bemüht.“
Woran behakenkreuzigte er sich?
Unbekümmert sah ich im dritten Auge, von Windeln entblätterte, vollmondförmige – – – verschmutzte Babyhintern. Rein theoretisch könnte man die Schichten eintrocknen lassen, um sie dann mit einem Haartrockner, für dickeres Geröll empfehle ich eher einen Laubbläser, (1) als Staub wegzublasen. In diesem Sinne haben wir alle, die Heiligen inbegriffen, eine schmutzige Vergangenheit. Hirnlose, teils uniformierte Herrenmenschen, sind immer noch ein globales Problem – auch in Asien.

Der Feinstaubanteil in der Luft ist beängstigend und bedrückt die Atmung.
Werte von 200 ug/Kubikmeter sind üblich. In Mae Hong Son wurde das Doppelte an Dreck gemessen! Aber die sortenreinen Einheimischen lassen sich nicht beirren. Sie feuern Tag und Nacht munter weiter. Sie sind überzeugt davon; die schlechte Luft kommt nur von ungebildeten Nachbarn aus Burma und Laos. Die feuern natürlich auch, wie man anhand der eindrücklichen NASA Karten beweisen kann. (2)  Jeder Brand ist einer zuviel.

Wir waren am frühen Morgen eine Stunde weg. Als wir zurückkehrten roch es im Haus wie in einer Müllhalde mit mottendem, glimmendem Schwelbrand. Als fast Nichtraucher blieb mir nur eines übrig: Zur Luftverbesserung eine Zigarette anzuzünden!
Schwelbrand: Durch Pyrolyse  entstehen brennbare Gase und Dämpfe sowie un- oder teilverbrannte Folgeprodukte. Viele von ihnen sind giftig oder krebserregend. Als bekanntes,  berüchtigtes Brandfolgeprodukt des Kohlenstoffes entsteht giftiges, brennbares Kohlenstoffmonoxyd, CO. Bei vollständiger Verbrennung mit ausreichendem Sauerstoff würde Kohlendioxyd, CO2 entstehen, welches zwar erstickend wirkt, jedoch nicht so toxisch wie CO und zudem unbrennbar ist. Einem Toten könnte es eigentlich egal sein, ob er erstickte oder vergiftet wurde!MauMoh1

Dreckschleuder: Lignit Kraftwerk in Mae Moh, Lampang

Die Zukunft sieht noch trostloser aus. Der Feinstaub könnte zusätzlich durch radioaktives Caesium, Strontium und weitere wissenschaftlich interessante strahlende Zerfallsprodukte ergänzt werden. Der nationale Elektrizitätserzeuger plant, in den nächsten Jahren Atomenergie in Mai Pen Rai Technologie zur Stromerzeugung zu nutzen.

Während der weltweiten oberirdischen Kernwaffenversuche von 1954 bis 1966 wurde auf dem Boden der alten Bundesländer 2500 Bequerel pro Quadratmeter für 90Strontium gemessen. Für 137Cäsium waren es 4000 Becquerel pro Quadratmeter. Ein Großteil der Ablagerungen tickt heute noch. Als neue Lieferanten von zusätzlichem Fallout erlebten wir Tschernobyl:
In Neuherberg bei München maß die Gesellschaft für Strahlenforschung am 26. April 1986 19’000 Becquerel pro Quadratmeter für 137Cäsium, fast fünfmal so viel wie durch die Kernwaffentests. Pro Quadratmeter lagerten sich 210 Becquerel 90 Strontium ab. 90Sr ist ein Betastrahler und zerfällt mit einer Halbwertzeit von 28,78 Jahren.
Fukushima: Trotz Riesenmengen von Publikationen waren genaue und vergleichbare Zahlen nicht zu finden.
Eigene, gut gewartete Reaktoren abzuschalten – und gleichzeitig preisgünstigen Strom aus Risikoanlagen zu importieren bringt wenig, weil radioaktive Verschmutzung grenzenlos ist!

(1) http://www.echo-motorgeraete.de/produkte/laubblaeser/
(2) http://firms.modaps.eosdis.nasa.gov/firemap/

Koordinaten für Nordthailand:
http://firms.modaps.eosdis.nasa.gov/firemap/?x=99.75937499999998&y=18.590625000000003&z=7&g=g&v=2&r=0&i=er&l=ad,ct&s=2013-03-26&e=2013-03-27
Am 30. 3. 2013 wurden insgesamt 15900 Punkte registriert. Das könnten natürlich auch Teenies und Bar-Girls in heissen Höschen auf Bergwanderungen gewesen sein.
Am 1. April waren es (ohne die Wanderer) nur noch knapp 800.

Luftkurort Chiang Mai

Die Provinz leidet regelmässig in der Trockenzeit unter extremer, hausgemachter Luftverschmutzung. (1) Feinstaubwerte um hundert Mikrogramm sind die Regel. Deshalb wurde der Grenzwert für die Schädlichkeit auf Hundertzwanzig gesetzt. (2) Bei über 200 Mikrogramm verteilten Regierungsangestellte hilflos zehntausende von Papiermasken. Nach zwanzig Minuten sind diese nur noch nutzlose Dekoration.  Polizisten erkennen die feuernden Brandstifter und Wilddiebe den Strassen entlang nicht. Dafür wird lauthals erklärt, die dicke Luft stamme aus den anrüchig schmutzigen Nachbarländern Burma und Laos.

In der EU gilt seit dem 1. Januar 2005 der einzuhaltende Tagesmittelwert für PM10 50 µg/m³ bei 35 zugelassenen Überschreitungen im Kalenderjahr.
http://www.umweltbundesamt.at/aktuell/presse/lastnews/newsarchiv_2009/news090710_1/
http://de.wikipedia.org/wiki/Feinstaub
Die Richtwerte der WHO liegen deutlich unter den rechtswirksamen Grenzwerten der EU.

Einige Stunden Wartezeit an der Immigration in Chiang Mai inspirierten zum Nachdenken. Die wenigen Parkplätze dort sind dauernd besetzt. Wir stellten wohlweislich unseren Truppentransporter an der Chiang Mai Airport Plaza ab und erreichten das Ziel in kurzer Zeit, ohne unterwegs in einer Kneipe hängen zu bleiben.

Dreissig Kopien unterschreiben lösten Krämpfe aus. Dann begann die Reifezeit der gewünschten Stempel und ich wartete auf diese Früchte. Währenddessen beobachtete ich intensiv den Verkehr im Hof des Immigrationstempels, wo Gläubige suchend ihre Runden drehten. Die Fahrzeuge boten wenig Reize, ausser zwei, drei, ungefähr tausend Wochen jungen Importmodellen mit gaumenkitzelnden, erregenden Antriebshaxen und einladend ausladenden Frontspoilern.

Das Thema Luftverschmutzung und Verkehr wurde unvermeidlich. Ich überlegte krampfhaft, warum es nicht stärker stank. Zur Lösung dieses Problems hatte ich einen so einfachen, wie genialen Einfall.
Moderne Triebwerke, Motor sagte man in der Steinzeit der Automobile, moderne Triebwerke sind mit potenten Luftfiltern ausgerüstet. Diese Dinger saugen Dreckluft an und aus dem Auspuff strömt abgereicherte Stadtluft.

Ein Beispiel illustrierte dies eindrücklich. Ein nikotinabhängiger Zeitgenosse sass rauchend auf einem Mäuerchen vor einem seit Stunden luftreinigendem Fahrzeug. Er schlotzte gierig an seinen Glimmstengeln und blies den unvermeidlichen Rauch Richtung Motorhaube. Den staunenden Lesern versichere ich, am Auspuff stellte ich keinen Tabakgeruch fest.

Meine letzte Frage war: “Himmel, wie entsorgt man die verschmutzten Luftfilter?“
Und wieder sandte Buddha eine Eingebung:
„Man kremiert sie.“

http://www.nationmultimedia.com/2009/02/19/national/national_30096069.php