Lebenszweck

Leider ist es mir kaum möglich, einer schöpferischen Tätigkeit nachzugehen. Ich haderte nicht mit dem Schicksal in totaler Abhängigkeit, bis sich Krampfadern im Hirn entwickelten, sondern ich fragte mich einfach, welchen Lebenszweck ich noch erfülle.
Die Pharma Branche profitiert von mir. Lebensmittel geniesse ich täglich mehrmals, wobei ich darauf achte – Kostbarkeiten wie Termiten, gebratene Kakerlaken, vitaminreiche Bambuswürmer, Ratten vom Grill, gesottene Hühnerkrallen und Ähnliches den Einheimischen zu überlassen.
Wir leben im Zeitalter der Lungenkrankheiten. Tuberkulose ist relativ selten. Sofern die Patienten die Medikamente regelmäßig einnehmen würden, könnte das Übel ausgerottet werden. Lungenkrebs ist in Chiang Mai häufiger. Weltweit ist gegenwärtig Corona ein häufiger Killer.

Im Norden Thailands gibt es geistig Unterbelichtete, welche während der Trockenzeit Busch- und Wald-Brände entfachen. Der Feinstoffgehalt in der Luft betrug letzte Woche bis 600 Mikrogramm pro Kubikmeter. Das Tageslicht wurde krankhaft fahl. In Europa gelten Werte über 30 Mikrogramm als Gefahr.
Wenn ich im Hause eine Zigarette anzünde und mich jemand verzeigt, bezahle ich 5000 Baht. Wenn ich einen ganzen Hügel in Brand setze, gehe ich straffrei aus.
Meine letzte Tätigkeit ist, ich bin ein lebender Luftreiniger. Das ist relativ anstrengend und verursacht Atemnot, Brustschmerzen und Hustenreiz. Das geht so weit, dass ich zwischendurch an einer kubanischen Zigarre saugen muss, um etwas Luft zu kriegen.

Vom tiefen Teich in den seichten Morast

Nach ein paar Tagen erfreuten wir uns an den Fortschritten, welche die Zwillinge machten. Schreien um etwas zu erreichen war nicht mehr üblich. Phoy tanzte zu Kinderliedern.
Dann kam der erste Stolperstein in Form des thailändischen Kindertages. Die Armee zeigt zu Gunsten des Nachwuchses jährlich ihre Waffen. Kinder dürfen auf Panzern klettern und an verschiedenen Geräten herum fummeln. Die Luftwaffe verlor in den letzten Jahren regelmäßig Kampf-Jets bei Flug-Demonstrationen am Kinderfest.
Mutter und Großmutter wollten an diesem Wochenende die Kinder betreuen. Wir waren naiv und stellten keine Fragen. Am Morgen besuchten die Kinder einen Anlass im Dorf. Sie erhielten chinesischen Plastik-Plunder. Die zwei absolut rücksichtslosen Weiber brachten danach die Zwillinge in einen preisgünstigen Baby-Care, um ungehindert ihren persönlichen Geschäften nachgehen zu können.
Sonntagabend brachte die Großmutter die geschockten, heulenden und schreienden Kinder kommentarlos zurück. Die Frau ließ die quengelndene Kinder mit ihren Spielsachen wie Lego, Autos und Puppe Fußball spielen. Aggressivitäten übersah sie geflissentlich und reagiert nicht.
Wir assen zu zweit. Die Reste würden ein schmackhaftes Frühstück ergeben. Die Zwillinge zeigten keinen Hunger. Die Großmutter war zu faul um zu erklären, dass sie bereits gegessen hätten. Im Badezimmer bereitete sie die Kinder für die kommende Nacht vor. Sie gab weisses Pulver in die Trinkflaschen und schüttete heißes Wasser dazu. Bevor sie die Flaschen an die schreienden Kleinen weitergeben konnte, prüfte ich die Temperatur in meine Armbeuge. Die Pulver-Milch war viel zu heiß. Sie war bereits als Mutter ein totaler Versager und lernte seitdem nichts dazu.
Großmutter machte es sich im Schlafzimmer bequem. Am Morgen brachte sie nach dem Frühstück die Kinder in den Hort. Gegen 17 Uhr holte Dick die Kleinen ab. Nach einer Zwischenverpflegung machten die Beiden die Straße mit ihren zwei Drei-Rädern unsicher. Während Phoy gemütlich herum radelte, riss ihr Bruder bei jedem Start nach Spezialisten-Manier das Vorderrad hoch. So schnell lernen Zweijährige Dummfug.
Ohne Heulen und Geschrei genossen wir das Abendessen. Die Zwillinge fanden die Cervelat-Wurst köstlich. Ich erinnerte mich an meine Kindheit und dachte an meinen Vater, zu dem ich sagte:
„Papi, wenn du eine weitere Wurst isst, verzehre ich gerne die Haut,“ denn Fleisch war in den Nachkriegs-Jahren rar und relativ teuer.
Als ich einmal im Schlafzimmer leicht hungrig ein für mich unbekanntes, gebrauchtes Kondom entdeckte, fragte ich mich: „Hat er die Wurst allein gefressen?“
Zurück zum Heiland, ich meinte nach Thailand.- Die Spracheingabe versteht mich öfters nicht!
Nach dem Abendessen zeigte uns Phet, was er übers Wochenende gesehen hatte. Er entriss seiner Schwester die Puppe, legte sie auf den Boden und wälzte sich eindeutig zweideutig darauf. Die Kinder durften sich ins Schlafgemach zurückziehen.
Wieder litt das Mädchen unter Angstträumen. Dick war beschäftigt.
Am Mittwoch besuchte mich meine Tochter aus der Schweiz für einige Tage. Die Zwillinge hatten sofort vertrauen.
Es störte sie, dass der Bengel sein Spielzeug herum kickte. Leider hatten wir keine leere, rostige Konservendose, wie in Entwicklungs-Ländern üblich. Es fehlten ebenfalls Stühle zum Essen. Sie waren bestellt, aber nicht lieferbar. Die Kinder saßen auf Hockern am Boden an kleinen Tischen. Wenn ihre Reisschalen leer waren, rannten sie zu Dick und holten neue Nahrung. Ein zweiter Besuch kam aus der Schweiz, ein lieber Freund und Wohltäter. Er brachte mir gegen die schlechte Luft in Chiang Mai kubanische Zigarren erster Güte und freundete sich sogleich mit den Kindern an.
( Meine schlechteste Luft-qualitäts Messung lag für PM 10 bei 600. Übliche Werte am Nachmittag lagen bei 350. Für PM 2,5 entspricht das etwa 250. Ein formschönes Gerät von Samsung reinigt die Luft im geschlossenen Haus in einigen Stunden auf einen Wert unter 20. )
Als eines Abends die Großmutter wieder erschien, heulten die Kinder gleich los und fielen in ihre hergebrachte Konversation zurück. Ihre Mutter verlor mittlerweile ihre Anstellung. Sie hing tagelang ohne jegliche Aktivitäten im Hause ihrer Schwiegermutter herum.
Wenn ich diese Weiber sehe, denke ich an Schillers Fritz. Er schrieb in seiner Jungfrau von Orleans: „Mit (der) Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.“
Selbst die Ärzte in Phoys Spital empfanden die Eltern als hoffnungslosen Fall.

Wieder kam ein Wochenende, das die Kinder mit den Eltern verbringen mussten. Am späteren Abend besuchte Dick ihre Unterkunft. Es war verdächtig still im Haus. Die Kinder lagen im Bett. Jedes hatte ein Smartphone in der Hand. Die Eltern haben kein Geld für Miete, Möbel, Elektrizität, Windeln, Kinderhort und anständiges Essen. Aber für Alkohol, Zigaretten, Drogen und technisches Spielzeug sind immer ein paar Baht verfügbar. Am Sonntag Nachmittag, es war 27 Grad Celsius, machten die Zwillinge ihren Mittagsschlaf im Beauty Salon. Sie schwitzen, weil sie zu warm bekleidet waren. Die Mutter stellte einen Ventilator in die Nähe. Das Gerät blies unter Volllast.
Großmutter schlief mit den Kindern in unserem Haus. Nachts, gegen 11 Uhr meldete sie sich aufgeregt:
„Phet hat Fieber!“
„Wie viel?“ wollte ich wissen.
„27°,“ sagte sie.“
„Dann ist er tot,“ erwiderte ich und sagte Dick:
„Nimm das Fieber-Thermometer.“
Der Wärmeschub lag etwas über 38 Grad. Nach knapp einer Stunde mit Essigwickeln, war der Bub wieder gesund.
Am Montag in der Frühe stellte Dick Eltern und Großmutter ein Ultimatum. Sofern sie an Wochenenden weiterhin keine Sorgfalt und Vernunft anwenden würden, sei am 28. Februar Schluss mit unserer Betreuung.
Am Abend litt Phoy unter Verstopfung. Die überaus weise Großmutter sagte:
„Das ist wegen eurer Ovomaltine.“
Beim nächsten Verstopfungs-Unfall stellte sich heraus, dass die Mutter gekaufte, gegrillte Fleisch-Kugeln verfütterte.
Während der Woche geben wir uns Mühe, die Kinder zu erziehen. Am Wochenende gibt es jeweils für uns Prügel.
An einem Samstagabend inspizierte Deck die Wohnung erneut. Mutter lag betrunken, schlafend in einer Ecke des Hauses, nach dem Genuss einiger Flaschen Spy Win Cooler. Das ist eine überteuerte, sprudelnde Brause von Fruchtsäften, versetzt mit Alkohol. Davon werden pro Jahr über 180 Millionen Flaschen verkauft. Der Verkaufs-Hit ist das Aroma Wassermelone. Es wird in Champagner-Flaschen nachempfundenen Behältnissen an die Frau gebracht.
Phet setzte sich kühn ein Fläschchen an die Lippe. Ich hätte es kaum geglaubt, hätte ich nicht eine unscharfe Fotografie des Geschehens gesehen. Das ist das harte Gesetz des Dschungels: keine Gläser, sondern Flaschenzug. Weil die Großmutter unfähig war, an ihrem Smartphone den Blitz einzuschalten, war das Bild verwackelt.
Am nächsten Tag zogen die Zwillinge samt Mobiliar aus dem Haus, wo bisher Milch und Honig floss. Als KiNiao, Geizkragen, stehen keine Spy Flaschen in meinem Kühlschrank.
Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus, wog Phoy bloß 9 Kilogramm. Gegen Ende Januar zeigte unsere Waage 12 Kilogramm. Brüderchen wog 13 Kilogramm.
Zehn Tage nach dem Auszug rief eine Pflegerin des Hortes Dick an und fragte, was geschehen sei. Beide Kinder hätten 1.5 Kilogramm an Gewicht verloren.

Ein Zeitgemäss aromatisierter, schiefhängender Haussegen

Warum die Luftfeuchtigkeit in Satun geringer ist als in Chiang Mai begreift man rasch. Der Wind bläst zu neunundneunzig Prozent vom Südchinesischen Meer Richtung Andamanensee. Die hundert Kilometer über Land fressen allfällig hohe Feuchtigkeit weg. Die gemessene Feuchtigkeit im Haus liegt zwischen angenehmen fünfzig bis sechzig Prozent. Es fehlt nur noch ein Kohlekraftwerk im Raum Songkhla. Dann würden sich die Feinstaubwerte den Werten in Chiang Mai automatisch angleichen. Von der Andamanensee dagegen stammen unsere frischen Fische und Meeresfrüchte.

Dick bemerkte das Preisgefälle für getrocknete Garnelen. In Satun kostet ein Kilogramm ungefähr hundertvierzig Baht, während man in Chiang Mai fast das Zehnfache bezahlt. Sie kaufte getrocknete Goong und sandte sie per Post gewinnbringend in den Norden. Der Nachschub in Satun war beschränkt und stotterte.
Die Volksbefreiungsarmee ging unzimperlich mit den alteingesessenen Fischerfamilien um. Die uniformierten Würdenträger behaupteten, die Meerestiere würden durch die Fischer dezimiert. Sie beschlagnahmten Boote. Sie zerstörten einfache Garnelentrockner. Diese Fischer liefern ihre bescheidenen Erträge nicht in industrielle Tierfutterfabriken.
Menschen in Thailand, inklusive Buddhisten, haben bekanntlich nie genug. Dick überlegte kurz, wenn sie die Dinger selbst trocknen würde, könnte sie noch mehr Baht generieren. Sie übersah das kleine Problem beim Trocknen. Von einem Kilogramm verdunsten siebenhundertfünfzig Gramm unter Abgabe von Garnelendampf.

Ich war gegen eine Fischfabrik mit Geruchsbelästigung im Wohnhaus. Sie liess meine Einwände nicht gelten und brachte von Märkten Kiloweise Goong ins Haus. Wir sind nicht verheiratet. Meine Empfehlungen sind unverbindlich. Ich konnte sie dazu überreden, wenigstens die Kocherei vor dem Haus auszuüben.
Davonlaufen kann ich als Rollstuhlfahrer nicht. Hie und da mag ich einen bunt gemischten Crevetten-Cocktail mit schönen grossen Tieren. Dick brachte zwecks hoher Rendite, nur Kleinzeug ins Haus. Es roch so gewaltig, dass ich längere Zeit auf die Delikatessen verzichten kann. Sie gab zu, dass unsere Kühlboxe für Getränke während Reisen und sogar das Auto streng nach Goong riechen. Sie zeigte die Einsicht, dass bei einem Verkaufspreis von tausend Baht, kein grosses Geschäft winkt. Aber die Qualität, meinte Dick, sei unübertrefflich. Der Geruch auch, erwiderte ich.

Tip: Bei einem Todesfall liesse sich allfälliger Leichengeruch mit Garnelengeschmack oder Sambal Belacang, Malaysia – Singapur, ausmerzen. „When toasting belacan, be sure to open the windows and turn on the range hood or kitchen exhaust fan. The scent can be a little funky if trapped in the house. I usually toast my belacanin the summer when I can open the windows. A little peppermint and eucalyptus oil in a small candle lamp diffuser helps freshen up the place very effectively after the toasting.”

https://www.malaysianchinesekitchen.com/sambal-belacan/

Lüfte und Düfte

Ludwig Uhland:
26.4. 1787 Tübingen – 13.11. 1862 Tübingen
Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Nach Satun mit viel frischem Wind, erzeugt durch mächtige Adlerschwingen, ist die Luft in Chiang Mai schwer. In Satun gibt es mehr Adler als Sperlinge in Chiang Mai. Die Verschmutzung ist auch ohne das Abfackeln von Feldern und Hügeln hoch. In Spitzenmonaten können die Schadstoffkonzentrationen dreihundert Mikrogramm erreichen. Fünfzig Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft sind üblich. In der Schweiz gilt dieser Wert länger als fünfunddreissig Tage pro Jahr als unzulässig und extrem gesundheitsschädigend. (1) Thais vertragen offenbar mehr. Gelbe Gardenie
Es gibt erfreulichere Düfte, wenn die goldgelben Gardenien oder der Jasmin blühen. Die Aromen sind süss und schwer. Bei hoher Luftfeuchtigkeit wirken diese Blüten noch intensiver. Ich mag die erdigen Gerüche, wenn im Lan Na Dorf die ersten Regen einsetzen. Wir riechen den Regen, bevor er fällt. Frisch geschnittenes Gras gibt ein besonderes Bukett ab.
Ich erinnere mich an die Wohlgerüche von besonntem Heu in den Voralpen. Als Kind roch ich die eisenhaltige Luft in Bahnhöfen. Besonders eindrücklich war der abgestandene kalte Rauch in den Wartsälen der dritten Klasse. In den Wintermonaten mischten Heizungen den Mief feuchter Mäntel und Kleider dazu. Ein echter Höhepunkt war der Geruch nach Mottenkugeln im Gewimmel. Motten sind sehr genügsame und umweltfreundliche Tiere, denn sie fressen nur Löcher.

Den Grund dieses Beitrages lieferte unser Nachbar Kleptomanewitsch. Er besitzt eine neue Grasschneidemaschine. Ob er sie kaufte oder bloss mietete, ist uns nicht bekannt. Vielleicht fand er sie verlassen und einsam, ganz ohne Besitzer an einem Strassenrand.
Jeden Sonntag frühmorgens schnallt er sich Benzinkanister und Motor auf den Rücken. Dann hören wir den ganzen Tag die Symphonie für zweitaktgetriebene Propellermesser, vom scheppernden Leerlauf bis zum röhrenden Vollgas. Synkopen setzen geschleuderte Steine. Als Kesselpauken dienen getroffene Fensterscheiben. Die Duftentfaltung ist kolossal. Die solide Grundlage liefert der katalysatorfreie Auspuff. Dazu kommen Schwaden von unverbranntem Benzin. Das geschnittene Gras riecht fantastisch. Neuerdings benutzt der Gärtner sein Werkzeug zum Entlauben von Bäumen und Sträuchern mit mir unbekannten Duftnoten, wie Bambus und Mango. Aber – ohne Rizinusöl schafft der Kerl die Olympia-Qualifikation nie.
Gegen den Gestank des Treibstoffes setze ich im Haus erfolgreich Surya ein. Das sind indonesische Zigaretten des Hauses Gudang Garam, verfeinert mit Zucker und Gewürznelken. Wenn es nicht zu feucht ist, knattern und prasseln die Glimm-Stengel (Batang rokok) mit dezentem Feuerwerk.

Ebenfalls des Nachts im Bett, ohne Freundin Jasmin oder andere Blüten im Garten, werden wir von exotischen Düften überrascht. Die Nachbarin röstet jederzeit Knoblauch in Palmöl. Je später die Stunde, desto verbrannter der Knoblauch. In der abendlichen Stille hören wir die fliegenden Fische, wenn sie aus den Pfannen an die Decke knallen.
Letzte Nacht gegen drei Uhr dachte Dick, Mowgli verkohle seine Pasta und damit das ganze Haus. Ich konnte sie beruhigen, das sei nicht Pasta mit Pesto, die ich abends lieferte. Das müsse der hustende Koch von Sizzler sein, der seine Nudeln à l’américaine flambiere. Vom Strässchen her wehen, gefiltert durch das Badezimmer, zahlreiche stinkende Grüsse ungewarteter Dieselmotoren.

Zwei Stunden später wachte ich beduselt auf. Ein unbekannter Anrainer verwandelt Hustensaft mit Pseudoephedrin in Methamphemine. (2) Es stank, wie zur Zeit fast jede Nacht, nach Ethanol. Die durchschnittliche Geruchsschwelle liegt bei Konzentrationen von 93 ppm, das sind Teile pro Million. Explosionsgefahr besteht erst ab 35‘000 ppm, das sind 3.5 Prozent.(3) Ab welchem Grenzwert Leber und Lunge geschädigt werden, weiss ich nicht. Wir desensibilisieren vorsichtigerweise unsere Körper mit Destillaten aus der Karibik, gemischt mit veganem Kokoswasser.
Nun muß sich alles, alles wenden.
Kaum. – An den Frühling glauben ohnehin nur einige Heimweh-Europäer. Hustensaft feiert im LOS ungebrochen Hochkonjunktur!

(1) http://www.bafu.admin.ch/luft/00575/00578/index.html?lang=de
(2) https://hinterindien.com/2015/07/11/gefahren-in-schlafzimmern-2/
(3) http://www.swisseduc.ch/chemie/schwerpunkte/ethanol/docs/ethanol.pdf

Wahrnehmungsunfähigkeiten

Der Leser und Denker Illuminati weckte mich mit seinem Kommentar erneut aus Träumen und Tiefschlaf. Was kann er nur gemeint haben? Zweifelt er gar die verheerende Luftbelastung durch Feinstaub in Nordthailand an?
Zugegeben, mein zynischer Vorschlag, Särge mit Warnschildern zu versehen, grenzte an Leichenfledderei. Er war so sinnvoll, wie Aufforderungen, Dieselfahrzeuge regelmässig zu warten, oder Krematorien mit Filteranlagen auszustatten. Das ist bei Feuerbestattungs-Anlagen ohne Kamine, wie ich sie in LanNa Land antraf, unmöglich.

Dazu gesellt sich unsere subjektive Wahrnehmung, beziehungsweise die Wahrnehmungsfähigkeit. Einige tragen rosarote Brillen. Sie erkennen aus Selbstschutz nichts, was sie nicht mögen.
Für solche Mitmenschen gibt es keine schlechten Gerüche, weniger freundlich als Gestank bezeichnet. Sie sind gierige Allesfresser, die sogar neben stinkenden Abfalleimern oder auf schwelenden Müllhalden picknicken.

Unglücklicherweise habe ich einen empfindlichen Riechkolben. Er lässt mich jedoch die Feinheiten edler Weine erkennen, ohne sie zu trinken. Dieselbe Nase warnt mich vor verdorbenen Speisen. Auf deren Genuss verzichte ich gerne, weil ich die meisten Toiletten wegen baulicher Hindernisse, Treppen und zu schmale Türen, im Notfall nicht aufsuchen kann.
Dick kennt da weniger Skrupel. Sie isst, mit wenigen Ausnahmen fast alles, was aufgetischt wird. Danach generiert sie neue Welt-Bestzeiten im Schittathlon auf glitschigen Slaloms zu Toiletten, sofern sie sich nicht vorher übergibt. Sie tut dies mit beneidenswerter Leichtigkeit, während ich mich jeweils stark schwitzend, ergebnislos fast zu Tode würge.

In reiferen Jugendjahren konnte ich defekte Elektrogeräte dank der hohen Sensibilität der Geruchsempfindlichkeit ohne Messgeräte reparieren. Defekte Gleichrichter aus Selen, es gibt sie heute nicht mehr, rochen für mich ähnlich, wie Neugeborene mit vollen Windeln. Die „Déformation professionelle“ liess mich Jahrzehnte später bei meinen Kindern ausrufen: „Es riecht nach Selen!“ (1)

Es mag zwei Wochen her sein. Ich lag bereits im Bett und wartete auf Dick. Ihre Mutter beanspruchte ihre Anwesenheit grenzen- und zeitlos. Als Dick endlich kam, füllte sie das Haus mit stechend durchdringendem, scharfem Gestank. Sie selbst bemerkte nichts.
Die dicke Luft liess mich nicht einschlafen. Ich suchte nach einer Erklärung. Fuchs und Marder waren es nicht. Katze! Ich verliess das Bett und suchte.
Wahrhaftig – da pisste doch ein verliebter Kater in einen auf der Veranda wartenden, mittlerweile im Schlafzimmer anwesenden, flauschigen Pantoffel.

Bei Rauch differenziere ich. Gartenabfälle und Qualm toter Tiere miefen, sind jedoch in geringen Mengen unbedenklich. Gummi und Autopneus, die ich von Kleptomanewitschs Stahlwerk her kenne, hinterlassen schwerer verdauliche Spuren. Wolken von PVC, PolyVinylChlorid, gehören für mich zur Giftklasse. Weniger vorsichtige Menschen garen über diesen glimmenden Wohlgerüchen Würste und Fleisch. Die Gase riechen nach Chlorwasserstoff. Es entstehen gesundheitlich bedenkliche chlororganische Verbindungen. (2)

Bereits beim Landeanflug in Bangkok anfangs Februar tauchte die Maschine in bunte Farbkombinationen von Luft. In Bangkok ist die Luftqualität weitaus besser als im Norden des Landes.
Tags darauf besorgten wir in Hangdong Nahrungsmittel bei einem Grossverteiler. Als ich mich danach ins Auto setzte, bemerkte ich schwarz gefärbte Hände. Ich erinnerte mich nicht, dass ich dunkle Gegenstände, Apparate oder Isan-Frauen, angefasst hätte. Meine Handflächen blieben während drei Wochen in Chiang Mai mehr oder weniger dunkel. Waschen half nur kurzzeitig.
In Nakhon Sawan verminderte sich die Einfärbung. Drei Tage später, in der Gegend des Mae Tha Chin, Distrikt Sam Phran, Provinz Nakhon Pathom, verschwand die Verfärbung allmählich. Ich nehme an, es handelte sich um chemische Reaktionen, ausgelöst durch Luftverschmutzung, feuchte Hände und die metallenen Greifringe des Rollstuhls. Mae Tha Chin
Heute vernahm ich telefonisch aus Satun und las in Zeitungen, dass sogar Chiang Mais Gouverneur Suriya Prasanbanthit nach reiflichem Nachdenken (ca. 3 Wochen) über die Luftqualität im Norden besorgt sei. Vermutlich werden dieselben Massnahmen ergriffen wie üblich: Ausser leerem Gerede – gar nichts.
Seit fünfzehn Jahren liegt ein neuer Feinstaub-Rekord in der Luft, denn so etwas erlebte ich nie zuvor.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%A9formation_professionnelle
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Polyvinylchlorid
(3) http://www.wochenblitz.com/nachrichten/61359

Bild: Paddler kämpft gegen treibende Wasserhyazinthen am Mae Tha Chin.

Rauchzeichen aus Nakhon Sawan

Mein Programm für Chiang Mai war klar. Warten auf die nächste Infektion, Spital, Bakteriologie, Befunde, Labor, Medikamente, dann zurück in den Süden. Daneben wollten wir einige Einkäufe, wie einen elektrischen Moskitokiller, Computerkabel und wenige Lebensmittel, besorgen.
Drei Wochen lang passierte nichts. Am 24. Februar erfolgte eine Todesnachricht aus Bangkok. Die Stadt lag gleich links am Weg nach Satun, kein Problem für Dick, am geplanten Feuerspektakel teilzunehmen. Am 25. wollten wir nach Nakhon Sawan aufbrechen. Ein Zimmer war für eine Nacht reserviert.

Nakhon Sawan liegt 390 Kilometer südlich von Chiang Mai und ungefähr 250 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bangkok am Zusammenfluss des Mae Nam Ping und des Mae Nam Nan. Die beiden Flüsse bilden den Mae Nam Chao Phraya.
Nakhon Sawan ist eine alte Gründung. Bereits während der Sukhothai-Zeit spielte der Ort eine wichtige Rolle als Tor zum Norden. Seit Ende des 19. Jahrhunderts lebt eine bedeutende chinesisch-stämmige Bevölkerung hier.
Der Holzhandel ist eine wesentliche Einnahmequelle, obwohl 1989 ein totales Verbot für das Fällen von Tropenholz ausgesprochen wurde.
Sehenswürdigkeiten sind Khao Woranat Banphot, Khao Kop, eine buddhistische Tempelanlage an einem Hügel. Oben, nach einem Aufstieg über 450 Stufen, bieten sich Ausblicke auf die Provinzhauptstadt und die Sümpfe Bung Boraphet an. Der Tempel wurde im 13. Jahrhundert von König Li Thai von Sukhothai gegründet. NakhonSawanHill
Am 25. Februar kurz nach Mitternacht, meldeten sich meine Bakterien zurück. Anstatt mit dem voll gepackten Wagen in den Süden zu reisen, fuhren wir gegen 11 00 ins Spital. Der Spezialist hatte frei. Ein freundlicher und kompetenter Allgemein-Praktiker kümmerte sich nach 13 00 Uhr um mich. Er hatte keine Einwände gegen die Reise. Weitere Befunde, wie Resistenzprüfung, etc. würden mir nach drei Tagen per Email zugestellt.

Wir verliessen am späteren Nachmittag, zusätzlich mit fünf Pillen, die grau-bräunliche Dreckluft von Chiang Mai. Ich sagte mir, in Lampang oder spätestens in Thoen, würde die Feinstaubbelastung geringer. Aber nach Thoen brannten die Feuer an den Hängen sichtbar. Auf dem Weg nach Tak querte Rauch öfters wie Nebelschwaden die Strasse. Schwarz verbrannte Bäume standen verloren in versengten Stoppeln. Der Gestank der Brandrodungen begleitete uns die ganze Strecke, bis in unser einzigartiges Hotel in Nakhon Sawan.
Die tollste Überraschung erwartete mich im Badezimmer. Der schneeweisse Waschlappen verfärbte sich beim Reinigen des Gesichts schmuddelig grau.
Wie sehen die Lungen der Bewohner dieser Landstriche aus?
Regierungen verlangen eindrückliche Warnungen mit Bildern bösartiger Missbildungen und Geschwüren – vor Gesundheitsschäden auf Verpackungen von Raucherwaren. Zigaretten haben Filter.
Für Thais spielt das keine Rolle. Grösstenteils werden sie kremiert – ohne Filter. Das dürfte am kommenden Dienstag in Bangkok ähnlich sein. Bitte tief einatmen, noch sind auf Särgen entsprechende Hinweise nicht notwendig. lionhead

Mond – S c h e i n – Romanze

26. März 2013

Fahl und bleich stand die Sonne um die Mittagszeit im Zenit am grau braunen Himmel. Am frühen Morgen vermochten die Strahlen nur schlecht die Dreckluft in und um Chiang Mai zu durchringen.
Gestern abend leuchtete ein fast runder Mond in Rot- und Brauntönen. Sterne waren keine zu erkennen. Einen Abend später vermissten wir händchenhaltend erneut die Sterne. Der Mond erinnerte an eine braune Vergangenheit  Ein Korrektor interpretierte meine Aussage, die Gedanken sind frei: „Die braune Vergangenheit empfinde ich etwas zu bemüht.“
Woran behakenkreuzigte er sich?
Unbekümmert sah ich im dritten Auge, von Windeln entblätterte, vollmondförmige – – – verschmutzte Babyhintern. Rein theoretisch könnte man die Schichten eintrocknen lassen, um sie dann mit einem Haartrockner, für dickeres Geröll empfehle ich eher einen Laubbläser, (1) als Staub wegzublasen. In diesem Sinne haben wir alle, die Heiligen inbegriffen, eine schmutzige Vergangenheit. Hirnlose, teils uniformierte Herrenmenschen, sind immer noch ein globales Problem – auch in Asien.

Der Feinstaubanteil in der Luft ist beängstigend und bedrückt die Atmung.
Werte von 200 ug/Kubikmeter sind üblich. In Mae Hong Son wurde das Doppelte an Dreck gemessen! Aber die sortenreinen Einheimischen lassen sich nicht beirren. Sie feuern Tag und Nacht munter weiter. Sie sind überzeugt davon; die schlechte Luft kommt nur von ungebildeten Nachbarn aus Burma und Laos. Die feuern natürlich auch, wie man anhand der eindrücklichen NASA Karten beweisen kann. (2)  Jeder Brand ist einer zuviel.

Wir waren am frühen Morgen eine Stunde weg. Als wir zurückkehrten roch es im Haus wie in einer Müllhalde mit mottendem, glimmendem Schwelbrand. Als fast Nichtraucher blieb mir nur eines übrig: Zur Luftverbesserung eine Zigarette anzuzünden!
Schwelbrand: Durch Pyrolyse  entstehen brennbare Gase und Dämpfe sowie un- oder teilverbrannte Folgeprodukte. Viele von ihnen sind giftig oder krebserregend. Als bekanntes,  berüchtigtes Brandfolgeprodukt des Kohlenstoffes entsteht giftiges, brennbares Kohlenstoffmonoxyd, CO. Bei vollständiger Verbrennung mit ausreichendem Sauerstoff würde Kohlendioxyd, CO2 entstehen, welches zwar erstickend wirkt, jedoch nicht so toxisch wie CO und zudem unbrennbar ist. Einem Toten könnte es eigentlich egal sein, ob er erstickte oder vergiftet wurde!MauMoh1

Dreckschleuder: Lignit Kraftwerk in Mae Moh, Lampang

Die Zukunft sieht noch trostloser aus. Der Feinstaub könnte zusätzlich durch radioaktives Caesium, Strontium und weitere wissenschaftlich interessante strahlende Zerfallsprodukte ergänzt werden. Der nationale Elektrizitätserzeuger plant, in den nächsten Jahren Atomenergie in Mai Pen Rai Technologie zur Stromerzeugung zu nutzen.

Während der weltweiten oberirdischen Kernwaffenversuche von 1954 bis 1966 wurde auf dem Boden der alten Bundesländer 2500 Bequerel pro Quadratmeter für 90Strontium gemessen. Für 137Cäsium waren es 4000 Becquerel pro Quadratmeter. Ein Großteil der Ablagerungen tickt heute noch. Als neue Lieferanten von zusätzlichem Fallout erlebten wir Tschernobyl:
In Neuherberg bei München maß die Gesellschaft für Strahlenforschung am 26. April 1986 19’000 Becquerel pro Quadratmeter für 137Cäsium, fast fünfmal so viel wie durch die Kernwaffentests. Pro Quadratmeter lagerten sich 210 Becquerel 90 Strontium ab. 90Sr ist ein Betastrahler und zerfällt mit einer Halbwertzeit von 28,78 Jahren.
Fukushima: Trotz Riesenmengen von Publikationen waren genaue und vergleichbare Zahlen nicht zu finden.
Eigene, gut gewartete Reaktoren abzuschalten – und gleichzeitig preisgünstigen Strom aus Risikoanlagen zu importieren bringt wenig, weil radioaktive Verschmutzung grenzenlos ist!

(1) http://www.echo-motorgeraete.de/produkte/laubblaeser/
(2) http://firms.modaps.eosdis.nasa.gov/firemap/

Koordinaten für Nordthailand:
http://firms.modaps.eosdis.nasa.gov/firemap/?x=99.75937499999998&y=18.590625000000003&z=7&g=g&v=2&r=0&i=er&l=ad,ct&s=2013-03-26&e=2013-03-27
Am 30. 3. 2013 wurden insgesamt 15900 Punkte registriert. Das könnten natürlich auch Teenies und Bar-Girls in heissen Höschen auf Bergwanderungen gewesen sein.
Am 1. April waren es (ohne die Wanderer) nur noch knapp 800.