Betrug 2

Girl1Langsam wurde ich vom Blinden zum Sehenden und bemerkte etliche Abgründe menschlichen Daseins. Die Reinheit der Lehre Buddhas und der wunderbaren Tempel wurde getrübt durch das äusserst raffgierige Verhalten der Menschen. Sie kannten die einfachsten – nur fünf – Gebote ihrer Religion nicht. Sofern sie Kenntnisse davon hatten, vergassen sie diese möglichst schnell. Sie besassen die Gewissheit, die Äbte der Klöster, selbst Buddha – liessen sich kaufen, wie korrupte Staatsangestellte, Polizisten und Politiker. Die heiligen Stätten der Andacht mutierten zur theatralischen Selbstinszenierung, Selbstbefriedigung und zu Nummern-Kiosken für Lotterien. Die überwiegende Mehrheit der Einheimischen sind keine Buddhisten, sondern Geisterhausverwaltungsangestellte. Die überragenden Vorteile dieser Glaubensrichtung sind: Es gibt weder Gebote noch Moral. Freiheiten und Dummheit werden dimensionslos.

Trotzdem halfen wir, sofern wir konnten. Hilfsbereitschaft wurde im Lande von Pestalozzi, Henri Dunant und der ewig dudelnden Glückskette ja bereits mit der Muttermilch eingesogen.
Immer wieder wurden wir belogen. Ein kleiner Knabe war halbblind. Uns und hilfsbereiten Ärzten wurde brutal verheimlicht, dass das Leiden durch einen Motorradunfall ausgelöst wurde – nur um einige Baht zusammen zu raffen.
Mir tat der Mann aus Phitsanulok, der vergeblich nach Chiang Mai für ein MRI reiste, unendlich leid. Ihm hätte ich helfen können. Aber da waren noch Dutzende weiterer bedürftiger Patienten und ich musste statt des Geldbeutels die Notbremse ziehen.
Die Millionen, welche zur Selbstverwirklichung in Tempeln gespendet werden, könnten unzähligen Kranken und Kindern helfen. Der herrschende Egoismus lässt differenziertes Denken nicht zu. Deshalb ist Hilfe ausserhalb von Familien praktisch ausgeschlossen.

Die dreissig Baht Versicherung deckt bei ernsthaften Gesundheitsstörungen nur einfachste Behandlungen. Dennoch gibt es Farang, welche sich die Versicherungskarte unbeirrt zulegen. Farang Ferien-Alterssiedlungen mit streng kommerziellem Hintergrund empfehlen ihren gutgläubigen Kunden diese Versicherung. Jeder Baht an Leistungen, der in die Pflege ausländischer Gäste fliesst, fehlt dann für die wirklich notleidenden Einheimischen. (2)

Unser Fahrzeug ist sieben Jahre alt. Die Versicherungsgesellschaft teilte uns mit, bei einem Unfall sei eine Reparatur des alten Fahrzeuges in einer Werksgarage, einer offiziellen Vertretung, ausgeschlossen. Solche Arbeiten würden (zur Hebung der allgemeinen Verkehrssicherheit) nur noch in Hinterhofbetrieben vergütet!
Entweder bringe ich demütig Rauchopfer in einem berühmten Tempel mit einhundertacht Mönchen, oder kaufe ein neues Fahrzeug. (3) Wie heisst doch das schlichte deutsche Wort für solches Verhalten? Erpressung.

(2) http://www.bangkokpost.com/learning/learning-from-news/322038/hospital-budget-freeze 
(3) http://machshell.de/108-neundutzend-die-heilige-zahl/

Damit schliesse ich dieses Kapitel. Der tägliche Betrug läuft gnadenlos, grenzenlos weiter.