Tücken der Bewegungsmelder

Beim Kauf der Heizplatte packte ich ebenfalls einen Bewegungsmelder in den Warenkorb.
Von Chiang Mai her wusste ich, klingeln am Haus-Eingang überfordert die meisten Einheimischen. Sie hupen, rufen, schreien, klopfen, klatschen, nur klingeln vermeiden sie. Vor Niederschlägen geschützte Klingelknöpfe wurden missbraucht, bepinkelt, zerstört und gestohlen. Was bringt ein Klingelknopf mit eingebautem Sender, ohne den dazugehörigen Empfänger? Hochgerechnet eine Batterie, die in kein anderes System passt.

Bewegungsmelder mit Infrarot-Detektoren erfassen jeden Besucher, dazu Hunde und Katzen, die eigentlich nur schnell einen kegelförmigen Gruss absetzen wollen und durch die unerwartete Begrüssung in ihrer Geschäftstätigkeit gestört werden. Die Folge sind global frustrierte Arschklemmer!

Zu Hause setzte ich mit klingelndem Tinnitus in den Ohren, die Lärmbelastung in den Hallen des Grossmarktes übertraf den Pegel sämtlicher Karaoke Bars, Batterien in das neue Gerät.
Es blieb still und stumm. War es ein Gehörschaden?
Dick erzählte erst nach meinem Kommentar:
„Die Kassiererin liess beim Scannen des Codes den Bewegungsmelder fallen“.
Sie meldete diese ausserordentliche Bewegung nicht sogleich. Ich hätte ein neues Gerät verlangt oder die Einheit mindestens prüfen lassen.
Thieve1
Dick wollte zur Beschaffung einiger Kleidungsstücke, am Tag darauf ohnehin in diesen Konsumtempel zurück. Zwecks Schonung meines Gehörs verzichtete ich gerne darauf, gab Dick aber den stummen Melder zum Austausch mit.
Keiner der Verkaufsspezialisten wusste, was das Ding war und wie es funktionieren sollte. Vier Mann beschäftigten sich mit dem unbekannten Spielzeug. Einer holte den Chef.
Dick zeigte dem Herrn das zweideutige Bild eines Einbrechers auf der Verpackung mit englischem Text. Er begriff nicht sofort, was es war, kriegte einen knallroten Kopf und dachte, Dick hätte schlechte Absichten.
Sie wartete eine Stunde geduldig, während die Herren Spezialisten haufenweise Geräte testeten. Keines funktionierte. Dick bot ihre mitgebrachten Batterien an.
„Als kompetentes Unternehmen haben wir eigene Batterien!“
Nach einer Weile fand ein Schlaumeier heraus, die Batterien der Prüfer waren erschöpft.
„Ohm haben sie noch, aber Volt keine mehr“, erklärte mir vor vierzig Jahren eine, mit einem Multimeter hantierende Verkäuferin. Sie kannte knapp die Hälfte des Ohm’schen Gesetzes.
Dann erschrak die ganze Bande, als mit frischen Batterien – aus einem Gerät plötzlich:
„Ding Dong, … Hallo, welcome“, erschallte.
Alle die geprüften Gerätchen arbeiteten, bis auf unseres.

Die neue Einheit meldet jetzt hauptsächlich nächtliche Bewegungen schwarzer Katzen und dient als Wetterstation. Tropische Wolkenbrüche werden freundlich begrüsst mit:
“Hallo, welcome!“

Einige Unterschiede zwischen PhonPhat und Malaka

Die Distanz PhonPhat – Malaka entspricht etwa der von Bern nach Stockholm. In Nordthailand sind kühle Winternächte um 10 °C (November, Dezember, Januar) mit extrem heissem April und Mai bei Temperaturen über 40 Grad Celsius, üblich. In Malaka liegt im Jahresdurchschnitt die Temperatur bei 26.7 °C. Die Schwankungen sind im Bereich von 20 bis 30 °C, mit durchschnittlichen Regenmengen von 2878 mm innerhalb eines Jahres. Die Niederschlagsmenge in Chiang Mai beträgt zirka die Hälfte.

Mit den Jahren war ich im Dorf an den Reisfeldern kein Fremder mehr. Bis auf die letzten Monate, wo ich gesundheitshalber ans Haus gefesselt war, nahm ich regen Anteil am Dorfleben. Ich kannte die Menschen und ihre Tugenden. Sie lieferten fast täglich Stoff für unglaubliche Geschichten.

Das historische Malaka kenne ich seit etwa vierzig Jahren. Damals lebte ich im Gouvernment Rest House. (1) Es wurde vor hundert Jahren errichtet. An Stelle des schlichten Gebäudes im Kolonialstil, mit Deckenventilatoren und Malariaschutznetzen über den Betten, steht nun das Hotel Equatorial mit einundzwanzig Stockwerken.
Etwa dreihundert Meter entfernt plätscherten die Wellen der Malaka-Strasse an den Strand. Abends wurden dort Imbissbuden aufgestellt. Der Duft köstlicher Krabben bleibt in Erinnerung. Es waren grosse Krustentiere mit breiten Panzern, Stielaugen und fünf Beinpaaren. Das erste Paar wurde zu Zangen umgeformt. Meine einstigen Freunde, wir genossen zusammen das Essen im abendlich angenehmen Wind, leben nicht mehr.

Wie in Singapur wurde die See an die fünfhundert Meter zurück gedrängt. Auf diesem Gelände stehen nun das Einkaufszentrum Mahkota Parade, das Hatten Hotel und die Geschäfte des Dataran Pahlawan. Ganze Quartiere wurden in den letzten zehn Jahren auf diesem Land gebaut. Dem Meer wurde danach zusätzlich ein weiterer Kilometer Land abgetrotzt. Landmalaka
Als Hotelgast fehlt mir die Nähe zur Bevölkerung. Die tiefen Einblicke in den Alltag wie in PhonPhat gibt es noch nicht. Ich erlebe die Stadt oberflächlich, wie ein durchschnittlicher Tourist und benötige keine Reiseführer. Aber ausser in Speiselokalen fehlt doch das Salz in den Suppen der Gerüchteküchen.

Am Holiday Inn Hotel gab es für betuchte Yachtbesitzer eine lange Bootsanlegestelle, genannt Jetty. Sie führte etwa dreihundert Meter hinaus ins tiefere Wasser. Von der Jetty aus liessen sich im seichten Wasser Schlammspringer beobachten. Schlammspringer sind eine amphibisch lebende Gattung von Fischen aus der Familie der Gobionellidae. Diese Fische halten sich gerne im Brackwasser und an Land auf. Sie nutzen ihre Brustflossen als Beine. Wie Chamäleons, können sie jedes Auge einzeln drehen.
Die Jetty-Erbauer liessen sich von den Stadtvätern und ihren Plänen überraschen. Die Regierung lässt weiterhin Land aufschütten. Die Jetty liegt jetzt in einer Sandwüste und dient als Karaokehalle. Es hallt von ferne und stört nicht wie in PhonPhat, wo durch die Bässe gepanschter Wein sauer wurde.
Potentielle Sängerinnen und Sänger werden nicht mit Motor-Booten, sondern mit Elektromobilen zu ihren Auftritten gefahren, damit ihre oft bescheidenen Luftvorräte nicht bei langen Fussmärschen verpuffen.

(1) http://cdm15466.contentdm.oclc.org/cdm/ref/collection/p15466coll5/id/184
Neue Quartere Neue Quartiere
Jetty1 Jetty
Jetty Sand Jetty in den Sand gesetzt

Ältere Beiträge:
(l) https://hinterindien.com/2013/08/24/geisterspuren-in-melaka/
(l) https://hinterindien.com/2012/10/07/melaka-malaysia/
(l) https://hinterindien.com/2013/09/18/die-briten-in-hinterindien-malaca/
(l) https://hinterindien.com/2013/08/27/mondkuchen-und-hungrige-geister/

Fest im Dorf, Dorffest

Nach über sechs Monaten Enthaltsamkeit, suchte ich an diesem Fest vergeblich Ermunterung und Inspiration. Da war nichts anderes als Transpiration vorrätig. Wenige Tage zuvor versprach ich dem planenden Geburtstag Organisator, sofern das Gelände nicht überflutet sei, würde ich teilnehmen.
Die Musikanlage plärrte seit Stunden, als wir in der Dunkelheit die Strasse betraten.
Dick trug eine Flasche Merlot in der Hand. Wir wurden freudig begrüsst. Auf einem Stein-Tisch brodelte eine Wasserbüffelsuppe. Grüner Curry, Gaeng, dampfte neben aufgeschnittenen Guave-Früchten, ฝรั่ง, Farang. Es roch nach angebranntem Reis und parfümiertem Schweiss. Hungrige Köter quetschten sich schwanzwedelnd ins Getümmel.
Die Gastgeber brachten uns voller Stolz eine Flasche eines zwölf Jahre alten, teuren Rothschild Gewächses und einen Korkenzieher. Dick war wenig erfolgreich im Kampf gegen die Tücken des Korkens. Sie gab mir die Flasche. Bei der feinsten Berührung bewegte sich der Korken nur in einer Richtung, nach unten. Deshalb erwartete ich oxydierte, ungeniessbare Brühe und genehmigte mir – nur wegen des exorbitanten Preises – einen Schluck. Sogleich suchte ich einen stillen Ort zum fröhlichen Spucken. Die Zunge brannte. Glücklicherweise verschonte ich die Kehle.
Von allen Seiten wurde mir Essen angeboten. Ich benötigte Zeit, um mich zu erholen.
Da mir ausser Zeit alles gegeben wurde, duschte ich den Mund mit unserem Merlot.
Danach prostete ich dem Gastgeber zu: „Happy Birthday!“ Er zog eisgekühlte Mischungen des Hauses ‘Still going strong‘ vor.

Ich versuchte etwas Reis, tröpfelte Wasserbüffel-suppe darauf. Sie stank nach überlagerten Tierknochen. Ich teilte mit Dick einen Hühnerschenkel aus der Wüste. Er war staubtrocken. Dann wurden leckere Seidenraupenpuppen angeboten. Gebannt betrachtete ich Chiang Mai Würste. Die sind üblicherweise grob gehackt, rassig gewürzt und enthalten Reiskörner. Diese Würste hier wiesen feine Strukturen auf. Keine Spuren von Reis oder Zitronengras. Sie rochen verführerisch. Leider würzte die Herstellerin hundert Gramm Fleisch mit der zehnfachen Menge Chili. Zum Löschen des Brandherdes war zu wenig Mehrlot vorhanden. Hilfreich wurde zusätzlich von oben gelöscht, es regnete.
Ich schrie: “Fontok, Regen!“
Dick sagte: “Unmöglich, ich sehe den Mond.“
Wasser floss aus meinen Socken, als ich wünschte: “Deck den Wein zu, bitte.“
Sie nahm einen Teller und legte ihn auf ihr Glas, während die Flasche ungeschützt blieb.
Alle strömten von der Strasse ins Haus. Ich benutzte die Gelegenheit und ergriff die Flucht. Fünf Minuten später war ich zu Hause und zog das triefende Zeug aus. Nach neun Uhr ging Dick beschirmt zum Festgelände zurück.
Ich bat sie: „Komm nicht zu spät. Mir ist übel.“
Freudige Partystimmung An Schlaf war nicht zu denken, als nach dem rettenden Regenguss die Karaokemaschinerie wieder angeworfen wurde. Kurz vor eins stand ich wieder auf und suchte wichtige Reise-Dokumente, wie Geburtsurkunde.
In den letzten Wochen lernte ich aus der Presse: Mit blauem Licht emittierenden Dioden, LED, bleibt Gemüse im Kühlschrank länger frisch. Fürs Nibbana benötigt Kundschaft nun Geburtsscheine. So schützt sich die Ewigkeit vor Retortenbabys und genveränderten Organismen.
Später kam Dick wortlos zurück. Noch später übergab sie sich wie üblich. Zur Frühstückszeit ersetzten Kopfschmerzen das Bauchgrimmen. Fürwahr, ausnahmslos ein gelungenes Fest, genau wie die anderen neunundneunzig pro Jahr.

Alles Gute – Segen, Regen und Stahlträger – kommt von oben

Arbeiten an Bauten sind in der Regel schludrig ausgeführt. Türen schliessen nicht. Fenster klemmen. In Dunstabzugshauben in Küchen fehlen Abluftrohre. Das bemerken versierte Köchinnen erst nach Monaten, wenn ranziges Fett und Öl auf raffiniert gewürzte Speisen tropfen. Grobe Bausünden werden reichlich mit Füllstoffen getarnt und mit bunten Farben übertüncht.
Aber fertig sind Häuser erst, nachdem Mönche Segen spendeten und milde Gaben einheimsten. Das gilt nicht nur für Gebäude. Fahrzeuge aller Art, Flugzeuge, sogar Panzer werden mit Weihwasser bewedelt und an unmöglichen Stellen mit hauchdünnen Goldfolien verziert.
In Westasien, Europäer sprechen vom mittleren Osten, schneiden Geistliche dagegen bei Fahrzeugen ein Stücklein vom Auspuff ab!
Hier kommen die Mönche um neun Uhr. Sie chanten, essen danach, kassieren und verreisen. Nach den Gelbröcken fällt das gemeine Volk über die Futtertröge her. Lao Khao, Bier und hochgeistige Getränke fliessen in Strömen. Karaokemaschinen dröhnen mindestens bis Mitternacht. Die wuchtigen Bässe hinterlassen in flüchtig erstelltem Mauerwerk Haarrisse. Dick erlebte eine besonders geistreiche Woche mit drei Segnungen.

Am Anfang des Jahres wurde die Nagelburg verkauft. Sie steht vier Meter neben unserer Küche. Die Parzelle ist so winzig, dass man bis an die Grundstücksmauern baute. Ein Dachteil ragt in unseren Garten. Regentraufen gibt es nicht. Für Gemeinde- und Staatsangestellte galten gesetzliche geregelte Bauabstände nie.
Die Nagelburg ist ein planlos zusammengenagelter Kaninchenstall für Menschen. Einer der frühen Mieter war ein Sohn von Dick. Er benutzte das Haus für seine Hundezucht. (1) Treppen brachen ein. Die Pfähle stehen schief. Das Dach leckte. Fenster und Türen quietschten und klemmten, eine ideale Kulisse für Gespensterfilme.
Dennoch bezahlte ein Insektenfreund und Liebhaber genagelten Holzes zum Jahresbeginn dreiviertel Millionen Baht für die schiefwinklige LanNa Rarität. Danach wurde während zwei Wochen von Freestyle Schlagzeugliebhabern beflissen hart gehämmert, bevor eines schönen Morgens ein Trupp geschorener Mönche anrückte.
Nach dem eintönigen klösterlichen Chanten begann ein Volksfest mit Jubel, Rülpsen, frohen und lauten Gesängen, welche meinen Tinnitus zum Läuten erweckten. (2)
Der neue Eigentümer lebte bis zum ersten kräftigen Regenguss im Haus. Dann verliess er durchnässt die eingesegnete Burg, weil sich zwei Dachhälften vom Firstbalken entfernt hatten. (3) Auslöser waren vermutlich die Erdstösse im Mai. (4) Nageln half nicht mehr. Mit langen, dicken Schrauben, Unterlagscheiben im Bierdeckelformat und entsprechenden Muttern, spannten Spezialisten den lebensgefährlichen Pfusch zusammen.
Fast täglich höre ich den Eigentümer im Badezimmer würgen und kotzen. Ob sein Leiden von übermässigem Alkoholgenuss oder vom Ärger mit seiner Fehlinvestition herrührt, weiss ich nicht.

Am Sonntag wurde Dick in der Nachbarschaft erneut zum Fest geladen und gleich als Küchenhilfe beschäftigt. Der Bauherr in Staatsdiensten ergänzte sein Haus durch einen Anbau, der mehrheitlich auf öffentlichem Grund, wie Strasse und Bach, steht.
Die Geister zeigten sich ob des Frevels erzürnt. Beim ersten Bautrupp trennten sich zwei Arbeiter mit ungewohnten, modernen Maschinen gleich mehrere Finger ab.
Eine weitere Firma war mit dem Dachaufbau beschäftigt. Ein Handwerker wurde von einem durch die Lüfte schwirrenden Stahlprofil am ungeschützten Kopf getroffen. Noch immer liegt er bewusstlos im Spital.
Der Leiter der Gruppe, die das Werk vollendete, verlor bei einem Autounfall ein Bein.
Als der Bauherr selbst zum Hammer griff, traf er daneben und brach sich zwei Finger.
Bevor weiteres Unheil entstehen konnte, wurden eiligst Mönche aufgeboten.

Unsere Gebäude, Wohnhaus, Gästehaus und Schönheitssalon – sind alle noch in der Konstruktionsphase, denn wir luden bisher keine Gelbröcke zur Weihe ein. Die ortsüblichen Geisterhäuser – san phra phum, ศาลพระภูมิ – sucht man vergeblich. Unter dem Mangobaum in der Nähe des Teiches, sitzt mit offenen Ohren, geheimnisvoll schweigend, ein zwei Meter grosser Sukothai Buddha. Er kennt sämtliche Geschichten aus Hinterindien.
Sukothai Buddha
(1) https://hinterindien.com/2012/04/15/die-hohe-kunst-des-verappelns-zwecks-selbstverwirklichung/
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Tinnitus
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Dachfirst
(4) https://hinterindien.com/2014/05/08/schwere-erdbeben-erschutterten-lan-na-land/

Zwei Schlafzimmer wegen Brasilien

Vor einem Jahr erfreuten wir uns an einem grösseren Heuschreckenüberfall. Besuch aus dem ganzen Königreich sang und trank wacker an Dicks dörflichen Karaoke-Gelagen. Einige Gäste schafften trotz reduziertem Blutpegel im Alkoholkreislauf den Weg zum Tempel. Der eigentliche Grund der Festlichkeiten war: ein Sohn trat für einige Augenblicke in Buddhas Dienste ein. (1) Es wurde wenigstens so aufgefasst.
In meiner Hütte, ich entwarf sie – die Eigentümerin ist Dick, gibt es zwei Schlafzimmer. Eine Matratze musste für Gäste geopfert werden. Lieber die Matratze weg, als unbekannter Schrecken im Haus, flüsterte ich mir mutig selbst zu.
Es wurde schwierig, geeigneten Ersatz zu besorgen. Dick kaufte nach Monaten ein teures Ding. Unbrauchbar, zu hart, zu dick, – fanden wir nach der ersten Nacht gemeinsamen Testens heraus. Es wäre günstiger gewesen, die Gäste im Luxus-Resort einzuquartieren. Aber nein, die Herrschaften mussten im Dorf feiern und schlafen. Deshalb blieb das angenehm grosse, luftige, reichlich mit Bildern von Klimt, Chalermchai Kositpipat und anderen Künstlern dekorierte Schlafzimmer, während eines Jahres für uns ohne Bettinhalt unbenutzbar. Drei Monate verbrachten wir auf Borneo. Nach der Rückkehr im Januar war der Riesen-Raum mit unserem bescheidenen elektrischen Radiator nicht beheizbar. Während der Hitze-Monate April und Mai benötigten wir eine kühlbare Kammer.

Im kleineren Schlafzimmer mit Klimaanlage steht Dicks Computer mit Bildschirm. Er kann ebenfalls als Fernseher genutzt werden. Als ich vernahm, dank General Prayuth Chan-ocha würden die Fussballspiele aus Brasilien in Thailand gratis ausgestrahlt, verkabelte ich gedankenlos – FIFA-Sepp persönlich vernebelte mein Hirn – diesen Bildschirm mit einer Antenne.
Mit der Einführung des digitalen Fernsehens in der Schweiz wurde das leistungsfähige Produkt mit eingebautem Verstärker unbrauchbar. Ich schmiss es seinerzeit in den Koffer. Es lagerte hier in einem Schrank. Bloss die verharzten Teleskopstangen benötigten Öl. Dank dem Fussball konsumiert das Ding endlich wieder elektrischen Strom.

Bisher stand ein Fernseh- und Karaoke-Gerät im Beauty-Salon. Wenn Dick am späteren Abend erklärte, ich gehe noch ein bisschen bügeln, bedeutete das meistens Fernsehen.
Ich testete die importierte Antenne im Schlafzimmer. Ohne schrauben, installieren und speichern, empfingen die Geräte von sich aus sogleich sechs Sender. Fortan bügelte Dick abends kaum. Sie legte sich aufs Bett, schaltete die Klimaanlage ein und liess sich von thailändischen Opern einseifen. Ich verrate kein Geheimnis: Einem Fischer, der nichts fängt, einer strickenden Frau oder einer hurtig schleimenden Schnecke im Garten zusehen, ist wesentlich interessanter, als die meisten der hinterindischen Fernsehproduktionen.

So gegen Mitternacht legte ich mich ebenfalls aufs Ohr und versuchte, trotz elektronisch übermitteltem Gekreische zu schlafen. Manchmal gelang es. Früher oder etwas später, eher später, schaltete Dick meine Installation freiwillig aus. Bisher sah ich noch kein einziges Fussballspiel.
Vor einigen Tagen kaufte ich notfallmässig eine annähernd passende Matratze. Mit den beschädigten Handgelenken, liess sich die Härte nicht prüfen.
Das angenehm grosse, luftige Schlafzimmer wurde dank Brasilien wieder fluchtartig mit schlaftrunkenem Leben erfüllt. Versteckt hinter einem Nachttisch, gibt es einen Antennenanschluss. Bitte nicht weiter sagen.

Im Wohnzimmer hängen diese fast vergessenen Gegenstände

Im Wohnzimmer hängen diese, durch Erdbeben geschüttelt, fast vergessenen Gegenstände

(1) http://wp.me/p2ljyL-10Y

Lotterien

HäsliOstern, Bern, Kornhaus. Vor einem viertel Jahrhundert kämpfte ich mit meinen Kindern gegen fremde Osterpföteler, um gekochte, bunt gefärbte Ostereier zu gewinnen. Wir verloren nicht, wir gewannen nicht. Aber es war eine unvergessliche Erfahrung. Gibt es diesen Brauch (Eier tütsche) noch? Die Zeitung „Der Bund“ berichtete einen Tag später darüber. (z)

Nach drei Neujahrsfeiern, Farang, China und Songkran, sind in Thailand manche Budgets ruiniert. Zu den Kosten der Feierlichkeiten und den zahlreichen Vorbereitungssitzungen mit reichlich Karaoke und dem Stimmförderer Schnaps, addieren sich die Schulgelder. Die Schulen beginnen frühestens Ende Mai. Kassiert wurde wie üblich, bereits vorgestern vor Songkran.
Da hilft nur eines: Lotto – als Sozialversicherung. Die Ziehung war gestern. Es galt. rechtzeitig die Gewinnnummern zu kaufen. Für Weissagungen gibt es um die Tempel die Wahrsager. Würden diese gewissenlosen Absahner für hundert Baht die Gewinn-Nummern verkaufen, wenn sie damit Millionen schöpfen könnten?
In Tempeln stehen Lotterie-Nummern-Maschinen. Für zwanzig Baht spucken sie Hoffnung. Thais sind dauernd auf der Suche nach Nummern. Die finden sie selbstverständlich seitenweise im Internet.

Freundin Phet, Kasse klamm, hatte knapp vor der Ziehung einen Verkehrsunfall. Ach, die Fahrzeugnummer muss es sein, dachte sie beglückt.
„Sawas dee khaa – Khun Phet, sawas dee pi mai khaa … . Ihre Fahrzeug Nummer bitte, “
fragte sie lächelnd den Unfallverursacher. Ein Hauch von Sang Som, Lao Khao, oder doch eher Regency, bereicherte die Luft.
Der Befragte lächelte nicht. Eher griesgrämig antwortete er:
„Der Wagen ist neu. Keine Nummer.“
„Ihre Telefonnummer, bitte“, wollte die nummernsüchtige Phet wissen.
„Mein Smartphone wurde diesen Morgen geklaut.“
„Haus Nummer, bitte.“
„Ich wohne vorübergehend bei Freunden.“
„Sollten wir nicht die Polizei rufen?“ fragte nun die allmählich besorgte Phet.
„Bitte nicht, ich borgte den Wagen und vergass, meinen Freund um Erlaubnis zu bitten.“

Dick fand die Nummer wesentlich einfacher. Sie träumte von zwei eifrig an der Wand kopulierenden Geckos. (*) Das Männchen hatte zwei Schwänze. Mit dem einen zeichnete es schwungvoll die Gewinn-Nummern an die Wand.
Die Zahl wurde sogleich telefonisch an eine Tante übermittelt. Beim letzten Tip gewann Tantchen tausend Baht. Waren es gestern die Millionen?

Einige bauen auf Jesus Christus, andere begnügen sich mit Millionen.

Frohe Ostern, Low

Nachtrag vom 19. April. Zweischwänzige Geckos sind empfehlenswert. Die Tante konnte 6’000 Baht abholen und leistet sich damit einen Arztbesuch.
(z) http://www.derbund.ch/bern/stadt/Wo-Fuedle-und-Spitz-sich-treffen/story/12141890
(*) http://wp.me/p2ljyL-EL

Ich schrieb eine Ostergeschichte. Nur Bilder von bunten, mit Speckschwarten polierten Eiern, oder einem glücklichen Hasen fehlten. Der Postmann klingelte genau zur richtigen Zeit. Er übergab das Paket mit dem lustigen Hasen von Alicia Leana. Genauso sah mein Ohr auch aus, nachdem Dick den Scheitel mit dem Nudelholz zog.

http://de.wikipedia.org/wiki/Nudelholz

Harte Hammerschläge aus der Schule

Mowgli fehlte wegen Dengue-Fieber zwei Wochen in der Ausbildungsstätte. Er kündigte seinen erneuten Schulbesuch telefonisch an.
Der Lehrer war glücklich. Der Klassenbestand reduzierte sich am Wochenanfang auf einen Schüler. Andere Jugendliche nahmen offenbar Fieber-Urlaub oder demonstrierten für fünfhundert Baht pro Tag bei freier Fahrt plus Verpflegung in Bangkok. (1)
Zusätzlich gab es drei bis vier abwesende Schüler, welchen ein Ausschluss der weiteren Teilnahme am Unterricht droht.
face
Zwei lebenslustige junge Frauen fielen dem Hammer zum Opfer. Sie feilten, bis sie schwanger wurden. Genau gesagt, sie arbeiteten nicht am Schraubstock. Sie schonten ihre zarten Hände und verreisten mit ihren Kollegen lieber zum Karaoke. Diese Schuppen sind reine Anmach-Biotope. Einige heisse Liebeslieder – und nicht nur die Jugendlichen wenden Texte praktisch an. Latex gibt es in Hinterindien meist nur in Form von Bäumen.

Als ich neu im Dorf im Grossraum Chiang Mai war, fiel mir ein – wie ein Filmstar aufgetakeltes, glitzerndes, Schulmädchen auf. Die reine Verführung in Person. In dieser Aufmachung arbeitete sie gewiss nicht im Reisfeld. Ich sprach die junge Frau an. Hüftenschwingend antwortete sie mit blitzenden Zähnen:
„I’m a sing a song girl”!
“Aber sie kann nicht singen”, sagte Khun Poo im Vorübergehen. Dennoch war die Bezaubernde die unangefochtene Karaoke-Königin heisser Nächte. Die Nächte begannen bereits am Nachmittag, nachdem Masseuse, Frisöse und Visagistin ihre Dienste vollendeten und die ersten Bewunderer ihrer Hingabe in Luxus-Karossen ins Dorf rollten.
Nach unzähligen Liebhabern fand sie einen kapitalkräftigen Verehrer aus Singapur und heiratete ihn.

Das Schicksal traf einen jungen Mann, ebenfalls in einem Karaoke-Etablissement. Als genügend Stoffe sein Hirn umnebelten, kitzelte er zugedröhnt mit einer langen Messerklinge den Bauchraum seines Kollegen. Wie lange er im Knast sitzt, bestimmen nicht die Götter, sondern wie üblich die Währung der Gerechtigkeit, der Baht.
Wegen Drogen holte die Polizei zusätzlich einen Jungen von der Schule ab.

Auf diese Weise reduzierte sich die Anzahl der Schüler seit Semesterbeginn im November von dreizehn auf neun, eventuell zehn. Am Anfang waren es achtzehn verheissungsvolle, junge Leute!
Nun verstehe ich die Aussage des Lehrers im Beitrag “Der Hammer“: … wenn drei Schüler einen erfolgreichen Abschluss schafften, seien sie zufrieden.*

(1) http://www.wochenblitz.com/nachrichten/bangkok/45700-demonstranten-besetzen-finanz-und-aussenministerium.html#contenttxt
(1) http://www.spiegel.de/politik/ausland/bangkok-thailands-machthaber-jagen-anfuehrer-der-revolte-a-935654.html
(1) http://www.blick.ch/news/ausland/demonstranten-in-thailand-dehnen-proteste-aus-id2549717.html
(*) http://wp.me/p2ljyL-1aV

Der Hammer

Kurzfassung für schnelle Überflieger: Die Getroffene liegt seit Wochen im Koma.

Ohne mein Wissen schaffte Mowgli vier Prüfungen gegen jeweils etwa vierhundert Mitbewerber und trat darauf eine technische Ausbildung an. Die seinerzeitige sture, mehrfache Abschreiberei entfiel. Die Lehrer sind offenbar Techniker und Ingenieure. Mowgli freute sich täglich auf den Schulbesuch.
Er kam und stellte Fragen zum Ohmschen Gesetz. (1) Ich entschied mich, ihn wieder zu unterrichten.
Bald ärgerte mich der Lehrplan. Die meisten jungen Herren begriffen die einfachsten Formeln noch nicht, als bereits über Widerstände mit nichtlinearen Eigenschaften, wie Kondensatoren und Spulen doziert wurde. Das brachte die Denkweise der Anfänger komplett durcheinander.
Wenn zwei gleiche Widerstände R in Serie liegen, das heisst hinter einander geschaltet sind, verdoppelt sich der Wert. Bei Kondensatoren C dagegen halbiert sich die Kapazität, während der Widerstand frequenzabhängig ist.Orchid Mit meiner Unterstützung umschiffte er diese Klippen. Die Lehrer wunderten sich und fragten, warum ein solch begabter Schüler keine technische Universität besuche.
Die Schule legt Wert auf praktische Arbeiten. Neben angewandter Messtechnik, übten die Burschen die Stahlbearbeitung. Sie durften pro Woche einen halben Tag an einem Hammer feilen.
Das Feilen von Stahl ist eine beschwerliche Arbeit. Fortschritte sind nicht nach Sekunden sichtbar. Das Abtragen von Material mit gehärteten Werkzeugen, erfordert Kraft, Präzision und Ausdauer. Diese Eigenschaften suchen Farang bei vielen Thais vergeblich.
Von achtzehn Teilnehmern ersetzte die Hälfte das schweisstreibende Feilen durch schummrige Karaoke-Sausen mit Freundinnen in einschlägigen Lokalitäten von Chiang Mai und Umgebung. (Karaoke hiess seiner Zeit: Wein, Weib und Gesang!)
Für wenige Baht machte Mowgli Überstunden und feilte Hämmer für die Konkurrenz.
Einige der Burschen machten ihre Hausaufgaben nie, oder wegen Trunkenheit und Drogen selten. Unverschämt und frech, ihre einzigen Tugenden, bedrohten sie Mowgli und kopierten seine Arbeiten.
Die Kleinklasse von achtzehn Schülern reduzierte sich nach dem ersten Semester auf dreizehn. Ein Lehrer äusserte sich am Telefon, wenn drei Schüler einen erfolgreichen Abschluss schafften, wären sie zufrieden. Würfel Kopftraining. Jeder Widerstand hat 100 Ohm. Gesamtwiderstand?

Nach Wochen fragte ich Mowgli, ob er mir den gefeilten Hammer zeigen würde. Er holte
das edle Stück. Es war in ein Tuch gewickelt. Gegen den Rat seiner Mutter, ölte oder fettete er den Stahl nicht ein. Bedingt durch die hohe Feuchtigkeit, präsentierte er einen Rostklumpen.
Ich zeigte ihm, wie er mit Schmirgeltuch den Rost entfernen und gleichzeitig Kratzspuren vom Feilen auspolieren konnte. Leider waren meine Vorräte begrenzt. Ich bat ihn, er solle einige Bogen im Geschäft an der Hauptstrasse besorgen, während ich sein Werk genau betrachtete. Es war kein Meisterstück, wie sie vor Jahrzehnten in der Schweiz gefertigt wurden. Eigentliche Flächen wiesen gewölbte Verformungen auf, sie waren bombiert. Die Bohrung für den Stiel erfolgte ohne Überlegung. In das Löchlein passte ein grobes Essstäbchen.

Ich sass auf der Veranda, als nach einer halben Stunde ein Moped am Eingang stoppte.
Es war Mowgli. Er lieh sich das Gefährt problemlos und fuhr landesüblich ohne Helm und Ausweis.
Ich wurde stocksauer. Mowgli, der kein Fahrrad unfallfrei benutzen konnte, fuhr Moped.
Ich erklärte ihm mögliche Gefahren, die finanziellen Folgen eines Unfalles und erwähnte, er benötige einen Führerschein.
Meine Hinweise betrachtete er als Schikane. Mein Schüler bestrafte mich und zeigte an unseren gemeinsamen Arbeiten kein Interesse mehr, kam verspätet zum Unterricht und löste keine Probleme mehr. Bereits früher benutzte er zur Machtdemonstration ähnliche Tricks. Darauf beurlaubte ich mich.
Mowgli verbrachte eine Woche seiner Schulferien auf dem Verkehrsamt. Als stolzer Eigentümer eines Ausweises – das halbe Dorf fährt ohne Bewilligungen – wünschte er sich die Fortsetzung meiner Hilfeleistungen. Darauf darf er lange warten.

Das fertige Werkzeug musste er dem Fachlehrer abgeben. In der Schule wird gestohlen. Einige Tage später fand der Herr Lehrer Mowglis Werk nicht mehr. Stahlhart sagte der Lehrer: „Ohne Hammer keine Punkte, Diskussion überflüssig“.
Verzweifelt telefonierte Mowgli seiner Mutter.
„Geh ins Geschäft, kauf einen Hammer ohne Prägung ‘Made in China‘, entferne verräterische Kleber und gib das Ding deinem Lehrer.“
Dieser Hammer wurde akzeptiert. Mowgli erhielt seine Punkte.

An derselben Schule schlug ein 16 jähriges Mädchen ihrer fleissigen und begabten Freundin aus Eifersucht mit einem Hammer auf den Kopf. Die Getroffene liegt seit Wochen im Koma.

(a) http://de.wikipedia.org/wiki/Hammer
(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Ohmsches_Gesetz
If I had a hammer
(song) http://www.youtube.com/watch?v=VaWl2lA7968

Programmiertes Chaos

Das Echo der Bevölkerung auf das bevorstehende Tempelfest war überwältigend. Zwei Köchinnen meldeten sich spontan. Als sie nach zwei Tagen bemerkten, dass es sich nicht um eine Feier im engsten Familienkreis und die nähere Dorfgemeinschaft handelte, warfen sie freiwillig verzichtend ihre Küchenschürzen, ähnlich wie beim Boxen Handtücher fliegen.
Von den Marktfrauen in Hangdong wurden Fische, Hühner, Fleisch und Früchte geschenkt. Speiseanstalten, wie ‘Die Sexy Puppe mit der Nudelsuppe‘, machten Gratislieferungen. Die Gemeinde stellte Festzelte, Tische und Stühle zur Verfügung. Khun Puh offerierte die Karaokeanlage und sechs Kisten Bier gegen heisere Stimmen. Die Schneiderin will Erfrischungen in den Tempel liefern. Die Obrigkeit soll den Umzug auf der Strasse sichern. Der Abt des Dorftempels Goh Ha entsendet sein Orchester für den Weg zum Gasttempel. Der Gatte meiner Masseuse ist Leiter einer eigenen Truppe. Er bot die Dienste seiner PhonPhat Vielharmoniker gratis an. Einen Tag später präzisierte er, er würde gratis spielen, aber seine Solisten benötigten zweieinhalbtausend Baht.
Trotz Hilfsmitteln wie Personalcomputer, Smartphone, oder schlicht Papier und Bleistift, gab es für den Anlass weder Gästelisten noch Drehbuch.
Der offizielle Partybeginn war für Freitag um siebzehn Uhr festgelegt. Die ersten Teilnehmer erschienen kurz nach Mittag und heizten die Stimmung emsig mit Schnaps an. Gegen sieben Uhr abends mussten zusätzliche Tische und Stühle angefordert werden. Die erwartete Besucherzahl verdreifachte sich. Das ist bei freier Bewirtung mit Karaoke üblich.

Kurz begrüsste ich einige der Gäste und zog mich dann aus Sicherheitsgründen mit dem Klumpfuss in mein LPLR – Low-Percent-Level-Refugium zurück.
Dick kam nach anstrengender Karaoke Party um ein Uhr ins Haus, schlief eine Stunde, rannte ins Badezimmer, schlief eine weitere Stunde, rannte wieder. Das wiederholte sich bis zur Tagwache um fünf Uhr.
Um sechs Uhr wollten die Musiker den Haarschnitt des Anwärters mit Trommelwirbeln und Schalmeien begleiten. Die Musiker erschienen nicht. Der Mönch mit dem heiligen Rasierzeug war ebenfalls nicht zur Stelle. Das nennt sich LanNa Koordination.

Wir hatten vor, eine Strecke von ungefähr siebenhundert Metern zwischen zwei Tempeln zu marschieren. Erst verlangte der Abt, wir müssten um zehn Uhr morgens im Tempel eintreffen. Ich berechnete die Zeit unter Berücksichtigung lokaler Beinlängen, enger Miniröcke, gerissener Schnürsenkel und phantasiereichem, schmerzhaftem Schuhwerk. Mein Vorschlag lautete, die Teilnehmer sollten sich um neun Uhr im Wat Khon Khao versammeln. Pünktlich um neun Uhr dreissig sollte die Parade starten.

Als alles, inklusive Sicherheitskräfte, organisiert war, verschob der gewitzte Abt unsere Ankunftszeit auf neun Uhr.wat Sala2

Der Beamte für Begleitschutz von Prozessionen war telefonisch nicht erreichbar. Seine gestresste Frau duldete trotz Mandelaugen keine dienstlichen Anrufe. Dick durfte zwecks Terminänderung wieder nach Ban Tawai reisen.

Um sieben Uhr dreissig kam Dicks Sohn mit voller Haarpracht. Er bat für seine Untaten um Verzeihung und empfing meinen Segen mit geweihtem Wasser. Ohne diese Vergebung hätte es keinen Einlass im Tempel gegeben. Danach schlurfte er den Haarschnitt sehnsüchtig erwartend, zurück in sein Haus.

Um acht Uhr erhielt ich die Mitteilung, die Musiker seien irgendwo unterwegs. Ich beschwor Dick, nicht auf das Orchester zu warten. Wir sollten uns alle sofort im Tempel treffen.

Wir hätten bereits eine Viertelstunde marschieren müssen, als wir im Auto endlich zum ersten Tempel aufbrachen. Viele Gäste verpflegten sich immer noch unbekümmert in den Festzelten. Der Abt liess telefonieren, wir sollen auf den Marsch verzichten und uns am Tempeleingang des Wat Sala zu einer Kurzprozession treffen.
Es war eine organisatorische Meisterleistung, als etwa um halb zehn die Trommeln vor Wat Sala dröhnten, um die letzten Meter zum Tempel in lockerer, teilweise tanzender Formation zurück zu legen. Die unmotiviertesten Teilnehmer erschienen zwei Stunden später im Wat, rechtzeitig zum Som Tam.

Als nach drei Stunden im Dorf die Bässe der Karaokemaschine wieder hämmerten, verspätete sich kein einziger Teilnehmer. Es war ein gelungenes Fest. Auf die Zeitverschwendung im Tempel hätte man verzichten können.

Fortsetzung folgt

http://de.wikipedia.org/wiki/Som_Tam