Die Kunst des Karaoke-Nicht-Singens

Erinnerungen an meine Frühzeit im kleinen Dorf inmitten der Reisfelder Nordthailands.
Eine meiner jungen Nachbarinnen war ein bezaubernd aussehendes Sing-a-song-Girl. Ein Manko, sie konnte nicht singen.
Bereits am Nachmittag fuhren grössere Wagen der einstigen Oberklasse vor. Sie verstopften die kleinen Strassen in der Nähe des Nests der stillen Nachtigall.
Ohne eine Note zu singen erarbeitete sich die Frau genügend Bank-Noten für einen gehobenen Lebensstandard. Schönheitssalon, Massagen, letzte Mode gehörten zu ihrem Alltag. Eines Tages heiratete sie einen Herrn aus Singapur. Einige Jahre danach zog das Paar leider weg. Das Haus steht noch. Der einst kleine grüne Garten wurde restlos zu betoniert. Da gedeiht kein Unkraut mehr. Für mich ist es ein Denkmal!

Matthäus und die törichten Jungfrauen

Es döste sich gut in den frühen Morgenstunden in den kühlen Tempelhallen, während aus dunklem Hintergrund ein vergoldeter Buddha ein mildes Lächeln andeutete. Wer nicht döste, hantierte auf dem Boden sitzend mit Smartphones, während Mönche chanteten und der Abt danach vergeblich versuchte, an die abwesend Anwesenden einige weise Worte, einige Körnchen Wahrheit und Ethik mit auf den mit harten Steinen gepflasterten, von Lügen, Drogen, Alkohol und Unmoral verseuchten Weg zu geben.
Das interessiert das Publikum wenig bis gar nicht. Sie kamen bloss, um ihre Opfer, Geld, Weihrauch, Speisen und Geschenke zu bringen. Ihre neuen Kleider, Schmuck und Fahrzeuge klatschsüchtigen Bekannten zu präsentieren.

Nicht alle Einwohner versammeln sich im Tempel. Es gibt mindestens eine Thai-Familie im Dorf, die Jesus Christus verehrt. Die Mutter zeichnete sich durch ungeheure Tatkraft aus. Sie arbeitet von früh bis spät. Keine Tätigkeit ist ihr zu gering oder zu schwer. Wenn sie Zeit hatte, sass sie an ihrer Nähmaschine und kreierte Kleidchen für ihre beiden Töchter. An Feiern und Festen der Nachbarn zeigte sie sich kurz und brachte wie üblich einige Häppchen mit. Sie vergeudete selten Zeit mit sinnlosem herumalbern oder vor den Flimmerkisten.
Wenn ich Freitag abends zu später Stunde vom Feiern mit den Schönen – keine Hühner aus polierter Chromstahlstangenhaltung, sondern naturnahe Wesen aus Bodenhaltung – ins neue Haus zurückkehrte, sang eine kleine Gruppe im christlichen Haus zu Gitarreklängen Hymnen und Lieder. Der gestrenge Reformator Johannes Calvin hätte seine Freude an dieser ausserordentlichen Frau gehabt.
Neben zahlreichen Arbeiten in Haus und Dorf ist sie ein beflissenes Mitglied ihrer Kirchgemeinde. Die reformierten Kirchen in LanNa Land laden selten zum Dösen und Träumen ein. Die geschulten Pastoren predigen, wie es in den USA üblich ist. Ihre sanften Stimmen explodieren plötzlich zu dröhnendem Donner. Ihre Worte sind Waffen gegen Satan und Lethargie. Die Gläubigen geraten durch aufstehen und absitzen ins Schwitzen. Eifriger Gesang versorgt Herz und Hirn mit Sauerstoff – Religion als angewandte Leibesübung.
Die Gemeinde ist zusätzlich engagiert in christliches Liedgut und Laienspiele. Sie kontaktiert mit ihren Programmen regelmässig Gruppen in Indonesien, Malaysia und Singapur.

Die beiden hübschen Töchter besuchen eine teure Schule in der Stadt. Als sie grösser und reifer wurden, klagten die Mädchen, der Schulweg sei zu lang und zu beschwerlich. Anstelle der täglichen Ausgaben für den Schulbus möchten sie in der Nähe der Schule eine kleine, bescheidene Unterkunft mieten. Was die jungen Damen nicht sagten … war, die christlichen Lieder behagten ihnen nicht. Sie zogen Karaoke in schummrig düsteren Kaschemmen vor.

Als die Mutter neulich von einer Auslandstournee nach Hause kam, war die eine Tochter nicht in der Schule, sondern im Spital. Sie schenkte einem gesunden Baby das Leben.
Der Vater war ein stimmgewaltiger Karaokesänger. Nur welcher es genau war, wussten die törichten Jungfrauen nicht. Sie vergassen, wie in Matthäus 25,1-13 genau beschrieben, das Öl für ihre Lampen. (1)

Ode an schummrige Karaoke Schuppen, entlang den Lan Na Landstrassen:

Wo besoffene Kerle schräge Lieder lallen,
lassen LanNa Frauen Hemmungen und Hüllen fallen!
Nach dem kurzen Liebesschwur
Fehlt der DUREX – Natur pur. (2)

(Ähnlich wie bei der Thai-Immigration gilt dann die 9 Monate Frist.)

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Gleichnis_von_den_klugen_und_t%C3%B6richten_Jungfrauen
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Durex

Tücken der Bewegungsmelder

Beim Kauf der Heizplatte packte ich ebenfalls einen Bewegungsmelder in den Warenkorb.
Von Chiang Mai her wusste ich, klingeln am Haus-Eingang überfordert die meisten Einheimischen. Sie hupen, rufen, schreien, klopfen, klatschen, nur klingeln vermeiden sie. Vor Niederschlägen geschützte Klingelknöpfe wurden missbraucht, bepinkelt, zerstört und gestohlen. Was bringt ein Klingelknopf mit eingebautem Sender, ohne den dazugehörigen Empfänger? Hochgerechnet eine Batterie, die in kein anderes System passt.

Bewegungsmelder mit Infrarot-Detektoren erfassen jeden Besucher, dazu Hunde und Katzen, die eigentlich nur schnell einen kegelförmigen Gruss absetzen wollen und durch die unerwartete Begrüssung in ihrer Geschäftstätigkeit gestört werden. Die Folge sind global frustrierte Arschklemmer!

Zu Hause setzte ich mit klingelndem Tinnitus in den Ohren, die Lärmbelastung in den Hallen des Grossmarktes übertraf den Pegel sämtlicher Karaoke Bars, Batterien in das neue Gerät.
Es blieb still und stumm. War es ein Gehörschaden?
Dick erzählte erst nach meinem Kommentar:
„Die Kassiererin liess beim Scannen des Codes den Bewegungsmelder fallen“.
Sie meldete diese ausserordentliche Bewegung nicht sogleich. Ich hätte ein neues Gerät verlangt oder die Einheit mindestens prüfen lassen.
Thieve1
Dick wollte zur Beschaffung einiger Kleidungsstücke, am Tag darauf ohnehin in diesen Konsumtempel zurück. Zwecks Schonung meines Gehörs verzichtete ich gerne darauf, gab Dick aber den stummen Melder zum Austausch mit.
Keiner der Verkaufsspezialisten wusste, was das Ding war und wie es funktionieren sollte. Vier Mann beschäftigten sich mit dem unbekannten Spielzeug. Einer holte den Chef.
Dick zeigte dem Herrn das zweideutige Bild eines Einbrechers auf der Verpackung mit englischem Text. Er begriff nicht sofort, was es war, kriegte einen knallroten Kopf und dachte, Dick hätte schlechte Absichten.
Sie wartete eine Stunde geduldig, während die Herren Spezialisten haufenweise Geräte testeten. Keines funktionierte. Dick bot ihre mitgebrachten Batterien an.
„Als kompetentes Unternehmen haben wir eigene Batterien!“
Nach einer Weile fand ein Schlaumeier heraus, die Batterien der Prüfer waren erschöpft.
„Ohm haben sie noch, aber Volt keine mehr“, erklärte mir vor vierzig Jahren eine, mit einem Multimeter hantierende Verkäuferin. Sie kannte knapp die Hälfte des Ohm’schen Gesetzes.
Dann erschrak die ganze Bande, als mit frischen Batterien – aus einem Gerät plötzlich:
„Ding Dong, … Hallo, welcome“, erschallte.
Alle die geprüften Gerätchen arbeiteten, bis auf unseres.

Die neue Einheit meldet jetzt hauptsächlich nächtliche Bewegungen schwarzer Katzen und dient als Wetterstation. Tropische Wolkenbrüche werden freundlich begrüsst mit:
“Hallo, welcome!“

Einige Unterschiede zwischen PhonPhat und Malaka

Die Distanz PhonPhat – Malaka entspricht etwa der von Bern nach Stockholm. In Nordthailand sind kühle Winternächte um 10 °C (November, Dezember, Januar) mit extrem heissem April und Mai bei Temperaturen über 40 Grad Celsius, üblich. In Malaka liegt im Jahresdurchschnitt die Temperatur bei 26.7 °C. Die Schwankungen sind im Bereich von 20 bis 30 °C, mit durchschnittlichen Regenmengen von 2878 mm innerhalb eines Jahres. Die Niederschlagsmenge in Chiang Mai beträgt zirka die Hälfte.

Mit den Jahren war ich im Dorf an den Reisfeldern kein Fremder mehr. Bis auf die letzten Monate, wo ich gesundheitshalber ans Haus gefesselt war, nahm ich regen Anteil am Dorfleben. Ich kannte die Menschen und ihre Tugenden. Sie lieferten fast täglich Stoff für unglaubliche Geschichten.

Das historische Malaka kenne ich seit etwa vierzig Jahren. Damals lebte ich im Gouvernment Rest House. (1) Es wurde vor hundert Jahren errichtet. An Stelle des schlichten Gebäudes im Kolonialstil, mit Deckenventilatoren und Malariaschutznetzen über den Betten, steht nun das Hotel Equatorial mit einundzwanzig Stockwerken.
Etwa dreihundert Meter entfernt plätscherten die Wellen der Malaka-Strasse an den Strand. Abends wurden dort Imbissbuden aufgestellt. Der Duft köstlicher Krabben bleibt in Erinnerung. Es waren grosse Krustentiere mit breiten Panzern, Stielaugen und fünf Beinpaaren. Das erste Paar wurde zu Zangen umgeformt. Meine einstigen Freunde, wir genossen zusammen das Essen im abendlich angenehmen Wind, leben nicht mehr.

Wie in Singapur wurde die See an die fünfhundert Meter zurück gedrängt. Auf diesem Gelände stehen nun das Einkaufszentrum Mahkota Parade, das Hatten Hotel und die Geschäfte des Dataran Pahlawan. Ganze Quartiere wurden in den letzten zehn Jahren auf diesem Land gebaut. Dem Meer wurde danach zusätzlich ein weiterer Kilometer Land abgetrotzt. Landmalaka
Als Hotelgast fehlt mir die Nähe zur Bevölkerung. Die tiefen Einblicke in den Alltag wie in PhonPhat gibt es noch nicht. Ich erlebe die Stadt oberflächlich, wie ein durchschnittlicher Tourist und benötige keine Reiseführer. Aber ausser in Speiselokalen fehlt doch das Salz in den Suppen der Gerüchteküchen.

Am Holiday Inn Hotel gab es für betuchte Yachtbesitzer eine lange Bootsanlegestelle, genannt Jetty. Sie führte etwa dreihundert Meter hinaus ins tiefere Wasser. Von der Jetty aus liessen sich im seichten Wasser Schlammspringer beobachten. Schlammspringer sind eine amphibisch lebende Gattung von Fischen aus der Familie der Gobionellidae. Diese Fische halten sich gerne im Brackwasser und an Land auf. Sie nutzen ihre Brustflossen als Beine. Wie Chamäleons, können sie jedes Auge einzeln drehen.
Die Jetty-Erbauer liessen sich von den Stadtvätern und ihren Plänen überraschen. Die Regierung lässt weiterhin Land aufschütten. Die Jetty liegt jetzt in einer Sandwüste und dient als Karaokehalle. Es hallt von ferne und stört nicht wie in PhonPhat, wo durch die Bässe gepanschter Wein sauer wurde.
Potentielle Sängerinnen und Sänger werden nicht mit Motor-Booten, sondern mit Elektromobilen zu ihren Auftritten gefahren, damit ihre oft bescheidenen Luftvorräte nicht bei langen Fussmärschen verpuffen.

(1) http://cdm15466.contentdm.oclc.org/cdm/ref/collection/p15466coll5/id/184
Neue Quartere Neue Quartiere
Jetty1 Jetty
Jetty Sand Jetty in den Sand gesetzt

Ältere Beiträge:
(l) https://hinterindien.com/2013/08/24/geisterspuren-in-melaka/
(l) https://hinterindien.com/2012/10/07/melaka-malaysia/
(l) https://hinterindien.com/2013/09/18/die-briten-in-hinterindien-malaca/
(l) https://hinterindien.com/2013/08/27/mondkuchen-und-hungrige-geister/

Fest im Dorf, Dorffest

Nach über sechs Monaten Enthaltsamkeit, suchte ich an diesem Fest vergeblich Ermunterung und Inspiration. Da war nichts anderes als Transpiration vorrätig. Wenige Tage zuvor versprach ich dem planenden Geburtstag Organisator, sofern das Gelände nicht überflutet sei, würde ich teilnehmen.
Die Musikanlage plärrte seit Stunden, als wir in der Dunkelheit die Strasse betraten.
Dick trug eine Flasche Merlot in der Hand. Wir wurden freudig begrüsst. Auf einem Stein-Tisch brodelte eine Wasserbüffelsuppe. Grüner Curry, Gaeng, dampfte neben aufgeschnittenen Guave-Früchten, ฝรั่ง, Farang. Es roch nach angebranntem Reis und parfümiertem Schweiss. Hungrige Köter quetschten sich schwanzwedelnd ins Getümmel.
Die Gastgeber brachten uns voller Stolz eine Flasche eines zwölf Jahre alten, teuren Rothschild Gewächses und einen Korkenzieher. Dick war wenig erfolgreich im Kampf gegen die Tücken des Korkens. Sie gab mir die Flasche. Bei der feinsten Berührung bewegte sich der Korken nur in einer Richtung, nach unten. Deshalb erwartete ich oxydierte, ungeniessbare Brühe und genehmigte mir – nur wegen des exorbitanten Preises – einen Schluck. Sogleich suchte ich einen stillen Ort zum fröhlichen Spucken. Die Zunge brannte. Glücklicherweise verschonte ich die Kehle.
Von allen Seiten wurde mir Essen angeboten. Ich benötigte Zeit, um mich zu erholen.
Da mir ausser Zeit alles gegeben wurde, duschte ich den Mund mit unserem Merlot.
Danach prostete ich dem Gastgeber zu: „Happy Birthday!“ Er zog eisgekühlte Mischungen des Hauses ‘Still going strong‘ vor.

Ich versuchte etwas Reis, tröpfelte Wasserbüffel-suppe darauf. Sie stank nach überlagerten Tierknochen. Ich teilte mit Dick einen Hühnerschenkel aus der Wüste. Er war staubtrocken. Dann wurden leckere Seidenraupenpuppen angeboten. Gebannt betrachtete ich Chiang Mai Würste. Die sind üblicherweise grob gehackt, rassig gewürzt und enthalten Reiskörner. Diese Würste hier wiesen feine Strukturen auf. Keine Spuren von Reis oder Zitronengras. Sie rochen verführerisch. Leider würzte die Herstellerin hundert Gramm Fleisch mit der zehnfachen Menge Chili. Zum Löschen des Brandherdes war zu wenig Mehrlot vorhanden. Hilfreich wurde zusätzlich von oben gelöscht, es regnete.
Ich schrie: “Fontok, Regen!“
Dick sagte: “Unmöglich, ich sehe den Mond.“
Wasser floss aus meinen Socken, als ich wünschte: “Deck den Wein zu, bitte.“
Sie nahm einen Teller und legte ihn auf ihr Glas, während die Flasche ungeschützt blieb.
Alle strömten von der Strasse ins Haus. Ich benutzte die Gelegenheit und ergriff die Flucht. Fünf Minuten später war ich zu Hause und zog das triefende Zeug aus. Nach neun Uhr ging Dick beschirmt zum Festgelände zurück.
Ich bat sie: „Komm nicht zu spät. Mir ist übel.“
Freudige Partystimmung An Schlaf war nicht zu denken, als nach dem rettenden Regenguss die Karaokemaschinerie wieder angeworfen wurde. Kurz vor eins stand ich wieder auf und suchte wichtige Reise-Dokumente, wie Geburtsurkunde.
In den letzten Wochen lernte ich aus der Presse: Mit blauem Licht emittierenden Dioden, LED, bleibt Gemüse im Kühlschrank länger frisch. Fürs Nibbana benötigt Kundschaft nun Geburtsscheine. So schützt sich die Ewigkeit vor Retortenbabys und genveränderten Organismen.
Später kam Dick wortlos zurück. Noch später übergab sie sich wie üblich. Zur Frühstückszeit ersetzten Kopfschmerzen das Bauchgrimmen. Fürwahr, ausnahmslos ein gelungenes Fest, genau wie die anderen neunundneunzig pro Jahr.

Alles Gute – Segen, Regen und Stahlträger – kommt von oben

Arbeiten an Bauten sind in der Regel schludrig ausgeführt. Türen schliessen nicht. Fenster klemmen. In Dunstabzugshauben in Küchen fehlen Abluftrohre. Das bemerken versierte Köchinnen erst nach Monaten, wenn ranziges Fett und Öl auf raffiniert gewürzte Speisen tropfen. Grobe Bausünden werden reichlich mit Füllstoffen getarnt und mit bunten Farben übertüncht.
Aber fertig sind Häuser erst, nachdem Mönche Segen spendeten und milde Gaben einheimsten. Das gilt nicht nur für Gebäude. Fahrzeuge aller Art, Flugzeuge, sogar Panzer werden mit Weihwasser bewedelt und an unmöglichen Stellen mit hauchdünnen Goldfolien verziert.
In Westasien, Europäer sprechen vom mittleren Osten, schneiden Geistliche dagegen bei Fahrzeugen ein Stücklein vom Auspuff ab!
Hier kommen die Mönche um neun Uhr. Sie chanten, essen danach, kassieren und verreisen. Nach den Gelbröcken fällt das gemeine Volk über die Futtertröge her. Lao Khao, Bier und hochgeistige Getränke fliessen in Strömen. Karaokemaschinen dröhnen mindestens bis Mitternacht. Die wuchtigen Bässe hinterlassen in flüchtig erstelltem Mauerwerk Haarrisse. Dick erlebte eine besonders geistreiche Woche mit drei Segnungen.

Am Anfang des Jahres wurde die Nagelburg verkauft. Sie steht vier Meter neben unserer Küche. Die Parzelle ist so winzig, dass man bis an die Grundstücksmauern baute. Ein Dachteil ragt in unseren Garten. Regentraufen gibt es nicht. Für Gemeinde- und Staatsangestellte galten gesetzliche geregelte Bauabstände nie.
Die Nagelburg ist ein planlos zusammengenagelter Kaninchenstall für Menschen. Einer der frühen Mieter war ein Sohn von Dick. Er benutzte das Haus für seine Hundezucht. (1) Treppen brachen ein. Die Pfähle stehen schief. Das Dach leckte. Fenster und Türen quietschten und klemmten, eine ideale Kulisse für Gespensterfilme.
Dennoch bezahlte ein Insektenfreund und Liebhaber genagelten Holzes zum Jahresbeginn dreiviertel Millionen Baht für die schiefwinklige LanNa Rarität. Danach wurde während zwei Wochen von Freestyle Schlagzeugliebhabern beflissen hart gehämmert, bevor eines schönen Morgens ein Trupp geschorener Mönche anrückte.
Nach dem eintönigen klösterlichen Chanten begann ein Volksfest mit Jubel, Rülpsen, frohen und lauten Gesängen, welche meinen Tinnitus zum Läuten erweckten. (2)
Der neue Eigentümer lebte bis zum ersten kräftigen Regenguss im Haus. Dann verliess er durchnässt die eingesegnete Burg, weil sich zwei Dachhälften vom Firstbalken entfernt hatten. (3) Auslöser waren vermutlich die Erdstösse im Mai. (4) Nageln half nicht mehr. Mit langen, dicken Schrauben, Unterlagscheiben im Bierdeckelformat und entsprechenden Muttern, spannten Spezialisten den lebensgefährlichen Pfusch zusammen.
Fast täglich höre ich den Eigentümer im Badezimmer würgen und kotzen. Ob sein Leiden von übermässigem Alkoholgenuss oder vom Ärger mit seiner Fehlinvestition herrührt, weiss ich nicht.

Am Sonntag wurde Dick in der Nachbarschaft erneut zum Fest geladen und gleich als Küchenhilfe beschäftigt. Der Bauherr in Staatsdiensten ergänzte sein Haus durch einen Anbau, der mehrheitlich auf öffentlichem Grund, wie Strasse und Bach, steht.
Die Geister zeigten sich ob des Frevels erzürnt. Beim ersten Bautrupp trennten sich zwei Arbeiter mit ungewohnten, modernen Maschinen gleich mehrere Finger ab.
Eine weitere Firma war mit dem Dachaufbau beschäftigt. Ein Handwerker wurde von einem durch die Lüfte schwirrenden Stahlprofil am ungeschützten Kopf getroffen. Noch immer liegt er bewusstlos im Spital.
Der Leiter der Gruppe, die das Werk vollendete, verlor bei einem Autounfall ein Bein.
Als der Bauherr selbst zum Hammer griff, traf er daneben und brach sich zwei Finger.
Bevor weiteres Unheil entstehen konnte, wurden eiligst Mönche aufgeboten.

Unsere Gebäude, Wohnhaus, Gästehaus und Schönheitssalon – sind alle noch in der Konstruktionsphase, denn wir luden bisher keine Gelbröcke zur Weihe ein. Die ortsüblichen Geisterhäuser – san phra phum, ศาลพระภูมิ – sucht man vergeblich. Unter dem Mangobaum in der Nähe des Teiches, sitzt mit offenen Ohren, geheimnisvoll schweigend, ein zwei Meter grosser Sukothai Buddha. Er kennt sämtliche Geschichten aus Hinterindien.
Sukothai Buddha
(1) https://hinterindien.com/2012/04/15/die-hohe-kunst-des-verappelns-zwecks-selbstverwirklichung/
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Tinnitus
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Dachfirst
(4) https://hinterindien.com/2014/05/08/schwere-erdbeben-erschutterten-lan-na-land/

Zwei Schlafzimmer wegen Brasilien

Vor einem Jahr erfreuten wir uns an einem grösseren Heuschreckenüberfall. Besuch aus dem ganzen Königreich sang und trank wacker an Dicks dörflichen Karaoke-Gelagen. Einige Gäste schafften trotz reduziertem Blutpegel im Alkoholkreislauf den Weg zum Tempel. Der eigentliche Grund der Festlichkeiten war: ein Sohn trat für einige Augenblicke in Buddhas Dienste ein. (1) Es wurde wenigstens so aufgefasst.
In meiner Hütte, ich entwarf sie – die Eigentümerin ist Dick, gibt es zwei Schlafzimmer. Eine Matratze musste für Gäste geopfert werden. Lieber die Matratze weg, als unbekannter Schrecken im Haus, flüsterte ich mir mutig selbst zu.
Es wurde schwierig, geeigneten Ersatz zu besorgen. Dick kaufte nach Monaten ein teures Ding. Unbrauchbar, zu hart, zu dick, – fanden wir nach der ersten Nacht gemeinsamen Testens heraus. Es wäre günstiger gewesen, die Gäste im Luxus-Resort einzuquartieren. Aber nein, die Herrschaften mussten im Dorf feiern und schlafen. Deshalb blieb das angenehm grosse, luftige, reichlich mit Bildern von Klimt, Chalermchai Kositpipat und anderen Künstlern dekorierte Schlafzimmer, während eines Jahres für uns ohne Bettinhalt unbenutzbar. Drei Monate verbrachten wir auf Borneo. Nach der Rückkehr im Januar war der Riesen-Raum mit unserem bescheidenen elektrischen Radiator nicht beheizbar. Während der Hitze-Monate April und Mai benötigten wir eine kühlbare Kammer.

Im kleineren Schlafzimmer mit Klimaanlage steht Dicks Computer mit Bildschirm. Er kann ebenfalls als Fernseher genutzt werden. Als ich vernahm, dank General Prayuth Chan-ocha würden die Fussballspiele aus Brasilien in Thailand gratis ausgestrahlt, verkabelte ich gedankenlos – FIFA-Sepp persönlich vernebelte mein Hirn – diesen Bildschirm mit einer Antenne.
Mit der Einführung des digitalen Fernsehens in der Schweiz wurde das leistungsfähige Produkt mit eingebautem Verstärker unbrauchbar. Ich schmiss es seinerzeit in den Koffer. Es lagerte hier in einem Schrank. Bloss die verharzten Teleskopstangen benötigten Öl. Dank dem Fussball konsumiert das Ding endlich wieder elektrischen Strom.

Bisher stand ein Fernseh- und Karaoke-Gerät im Beauty-Salon. Wenn Dick am späteren Abend erklärte, ich gehe noch ein bisschen bügeln, bedeutete das meistens Fernsehen.
Ich testete die importierte Antenne im Schlafzimmer. Ohne schrauben, installieren und speichern, empfingen die Geräte von sich aus sogleich sechs Sender. Fortan bügelte Dick abends kaum. Sie legte sich aufs Bett, schaltete die Klimaanlage ein und liess sich von thailändischen Opern einseifen. Ich verrate kein Geheimnis: Einem Fischer, der nichts fängt, einer strickenden Frau oder einer hurtig schleimenden Schnecke im Garten zusehen, ist wesentlich interessanter, als die meisten der hinterindischen Fernsehproduktionen.

So gegen Mitternacht legte ich mich ebenfalls aufs Ohr und versuchte, trotz elektronisch übermitteltem Gekreische zu schlafen. Manchmal gelang es. Früher oder etwas später, eher später, schaltete Dick meine Installation freiwillig aus. Bisher sah ich noch kein einziges Fussballspiel.
Vor einigen Tagen kaufte ich notfallmässig eine annähernd passende Matratze. Mit den beschädigten Handgelenken, liess sich die Härte nicht prüfen.
Das angenehm grosse, luftige Schlafzimmer wurde dank Brasilien wieder fluchtartig mit schlaftrunkenem Leben erfüllt. Versteckt hinter einem Nachttisch, gibt es einen Antennenanschluss. Bitte nicht weiter sagen.

Im Wohnzimmer hängen diese fast vergessenen Gegenstände

Im Wohnzimmer hängen diese, durch Erdbeben geschüttelt, fast vergessenen Gegenstände

(1) http://wp.me/p2ljyL-10Y