Erwachen im Morgengrauen

Zikaden zirpen. Versteckt im welken, nass-feuchten Laub quaken vergrämt wenige Frösche. * Erste Vögel zwitschern. Tauben gurren. Aus der Ferne krähen Hähne. Kleptomanewitsch hustet sich vernehmbar Gummipartikel seiner Stahlproduktion aus der Lunge. (1) Grosse Wassertropfen aus Bambus und Bäumen platschen in den Teich.
Erstes Licht wird von Metallteilen gespenstisch reflektiert. In den Fenstern zeichnen sich
tausend zarte Grüntöne ab. Davor ruht der Schatten eines stehenden Buddhas, mit leichtem Strahlenschein über dem Haupt, Mystik pur.
Ich überlegte, nicht alle Menschen haben das Glück, so zu erwachen. Kranke quälen sich durch endlose, schlaflose Nächte. Weltweit herrscht Habgier, Gewalt, Mord und Totschlag. BambooBird Gestern begann in Bangkok das grosse Gratis-Strassen-Fest “Thailand Happiness“.
Ist Glück organisierter, bis zur Schmerzgrenze elektronisch verstärkter Lärm, produziert durch lässig oder möglichst schrill bekleidete junge Leute, auf mehreren Bühnen gleichzeitig?
Anstelle von Pop, Hip Hop und Rap würde ich einen Walzer, wie „Am duftig braunen Chao Phraya“ oder den „Original Krung Thep Maha Nakhon One Step“ vorziehen.
Das Thailändische Fremdenverkehrsamt TAT meldete lakonisch, es erwarte zu den Veranstaltungen 200‘000 Besucher. Wenn jeder Teilnehmer eintausend Baht ausgebe, würden 200 Millionen Baht generiert. Happiness lässt sich von gewieften Unternehmen auch in Mega-Baht beziffern!
Der TAT Gouverneur Tawatchai Aranyik erklärte, das Festival würde der thailändischen Gesellschaft das Glück wieder zurückbringen und gleichzeitig den Tourismus stimulieren. Glück muss ansteckend sein. Man stelle sich vor, zweihunderttausend Nasen sind vor Ort und hundert Millionen Augen werden glücklich. Ach ja, ich Depp vergass das Fernsehen.

Es wurde heller, ich erkannte Gegenstände. Mein stehender Buddha entpuppte sich als eine Flasche Körper-Creme, bestehend aus Wasser, Glyzerin, Petrolatum, Isohexadekan, Mineral-Öl, Synthetischem Bienenwachs … etc. Damit kann sich jeder selbst anschmieren.

*vergrämt ist Jägersprache. Die Fröschlein sind die Gejagten. Die behäbigen alten Schwergewichte, die wenig zu befürchten haben, meldeten sich nicht.

(1) https://hinterindien.com/2014/01/21/kleptomanewitsch-wird-reich/
(Carling Family Original Dixiland Onestep) http://www.youtube.com/watch?v=B8uFf7pKomc

Vorbildlicher Kundendienst 2

„Ich muss mich den Verlockungen und Formen deines Leibes für kurze Zeit entziehen. Mein Blut wird dringend im Hirn benötigt und nicht in den Genitalien. (Der Wein stammt aus Italien.) Nur strengste Meditation in der Ruhe eines Tempels oder eines aussergewöhnlich stillen Örtchens kann meine drängende Frage beantworten.“
Sie antwortete wenig verständnisvoll:
„Du alter Schwerenöter suchst doch nur einen triftigen Grund, um ein saftiges, zartes Steak zu verspeisen. Ich bin dabei. Aber erst geht’s zur Sache.“
Später verschwand sie in den Salon, wo eine Kundin wartete.

ScratchAls ASA, Amateur-Schmalspur-Asket, traf ich bedeutsame Vorbereitungen. (1) Irgendwie muss man die himmlischen Heerscharen auf sich aufmerksam machen. Mit den Göttern, die wir verehren, verhält es sich ähnlich, wie mit den Frauen, die wir begehren.
Von schweren Geldbeuteln, Brieftaschen, Uhren, Schmuck, besonders Goldkettchen und Amuletten trennte ich mich leicht. Gold und Amulette habe ich nicht. Ich erwähnte sie nur für Nachahmer.
Hochfrequente Schwingungen des Telefons könnten empfindliche Gedankenflüsse negativ beeinflussen. Weg damit.

Danach entleerte ich Harnblase und Darm, mindestens teilweise. Nach ausgiebigem schneuzen der Nase, polierte ich die Zähne. Ich putzte die Ohren und duschte. Als Enthaltsamer nahm ich keine Nahrung zu mir. Auf der Suche nach letzter Wahrheit und Gewissheit verzichtete ich sogar auf schnödes Wasser. Mein Problem lag ja beim Wein.
Dann brannte ich einen Weihrauch an und setzte mich in Lotosposition, (2) Sie ist leicht würdevoller als der gemeine Türken-, oder Schneidersitz. Anfänglich konzentrierte ich mich auf Atmung und Entspannung.
Wie schon oft im Leben, erkannte ich die geheimnisvolle Botschaft bald:
„Buddha, der Erleuchtete, sandte in seiner unermesslichen Güte einen Schutzengel, der die vom Alter geschwächte Leber vor den fruchtigen Säuren des Frascati bewahren soll.“
Leber? – Mit dem Weisswein spülen wir die Nieren, zwecks Steinbekämpfung.
Darf ich einen perversen Schutzengel mit einem bescheidenen Geldgeschenk bestechen?
Doch die Kraft des Geistes wirkte Wunder. Die Geschäftsleitung rief zwei Tage später an und meldete: „Ihr Frascati ist eingetroffen.“
Es waren, wie beim letzten Mal, sechs Flaschen! Besser sechs als gar keinen Sex.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Askese
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Lotossitz

http://www.sheng-fui.de/

Chirurgischer Ratschlag

Vor langer Zeit rieb ich mir den Rücken wund. Vier Wochen europäisches gemässigtes Klima halfen nicht. Die Wunde vergrösserte sich. Ich bekleckerte den Rücken mit Heftpflastern in der Grösse von Briefumschlägen. Weil mir am Hinterkopf das Auge fehlte, waren nicht alles Volltreffer. Zudem roch an wenigen warmen Tagen das Geschwür unangenehm, manchmal stank es.

Zurück in Thailand verbreitete die Wunde trotz reichlicher Desinfektion kein blaues Veilchenaroma. Die benutzten Heftpflaster stimmten mich durch intensive Farbgebung nachdenklich. Ich mied das schöne Geschlecht, trank mir einen Schluck Mut an und liess mich ins Spital bewegen.

Der Chirurg steckte eine Wäscheklammer auf seine Nase, begutachtete den Schaden eingehend und empfahl mir, die Wunde gleich zu operieren. Die Hinterbacken würden dabei etwas geliftet, aber das sei der Trend und sexy. Er hätte Zeit und ein gut geschärftes Messer.

Wenige Spritzen machten mich unempfindlich. Der Spezialist griff zu Skalpell, Zwirn und Nadel. Als er sich mit dem reinseidenen Schlips den Schweiss abwischte, sagte er: „Ihr Blut ist sehr dickflüssig. Sie sollten zwecks Verdünnung täglich etwas Mae Khong einnehmen.“