Die verzwickt verzweifelte Flucht vor einer unerkannten unbekannten Krankheit

Mehrheitlich hatte ich aussergewöhnlich gute Ärzte. Ihnen verdanke ich als Paraplegiker Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Die Herren Professoren G.Riva und sein Nachfolger H. Keller vom Tiefenauspital Bern nahmen sich immer Zeit für meine Anliegen.
Nach erfolgter Physiotherapie besuchte ich Herrn Keller öfters in seinen Arbeitsräumen. Einmal hatte er ein Treffen mit anderen Medizinern. Trotzdem durfte ich mein Anliegen vorbringen:
„Zeitweise habe ich Gefühlsstörungen in meiner linken Hand.“
Einer der Mediziner klaubte in seinem Geldbeutel und sagte zu mir:
„Halten Sie ihre Hand auf den Rücken.“ Dann legte er eine Münze darauf und fragte:
„Was ist es?“
„Ein Zwanziger!“
Grinsend zeigte er das „Zwänzgi“. Die Anwesenden, ganz in weiss, schmunzelten. Meine Sitzung war beendet.

Einige Monate darauf besuchte ich Doktor Keller und meldete mich erneut wegen dieser Hand. Diesmal überwies er mich an die Neurologen des Inselspitals. Es gab einige Untersuchungen. Darunter eine sehr schmerzhafte Serie mit elektrischen Stimulationsimpulsen in die Hand. Wegen der in Kinderschuhen steckenden neuen Digital-Technologie waren nur Serien mit 32, 64 oder 128 Impulsen möglich. Die Signale wurden am Kopf und am Rücken erfasst. Die Spezialisten entdeckten mit verschiedenen Methoden keine verräterischen Symptome.

Während Jahren konnte ich danach trotzdem beinahe ungestört hochsensible Arbeiten verrichten. Ich spielte mit unberührbaren Ionenquellen. Demontieren, Reinigen, Zusammensetzen und im Gerät erneut anschliessen benötigten fünf Tage höchster Aufmerksamkeit. Die Quelle arbeitete im Ultra-Hochvakuum. Die Maschine musste entsprechend dicht sein.
In den USA benötigte ein Texaner im Labor eines Nachts unbedingt frischen Prärieduft, (green green grass of home 1). Ungeachtet des offenen Quellenraums, riss er ein Fenster auf. Wir schlossen das Gerät und starteten die Vakuumpumpen.
Bei 10E-4 Torr (Zehn hoch minus vier Torr), stand die Anzeige still. Mein Freund sagte: „Da ist sicher ein Insekt im Quellenraum.“ Nach dem er die gefriergetrocknete Präriefliege entfernte hatte, wanderte der Zeiger gegen 10E-8 Torr. Anstatt Uran-Isotope zu messen, ermittelten wir den Dampfdruck einer Fliege.
Das Laden von Substanzen wie Strontium oder Uran im Nanogramm-Bereich ohne Schlottern und Zittern führte ich problemlos aus. Heutzutage gehört das Verspeisen von Kuller-Erbsen zu den unmöglichen Tätigkeiten.

Gegen Ende des Jahrtausends wurden die Wintermonate in Europa problematisch. Vor allem die Schmerzen in den Handgelenken wurden unerträglich. Meine Tätigkeiten wurden eingeschränkt. Reparaturen, inklusive Lötarbeiten, erledigte ich meist rasch. Bundesordner, gefüllt mit Zeichnungen und Informationen, konnte ich den Gestellen nicht mehr entnehmen.

Anstatt mehr oder weniger nutzlos herumzusitzen, versuchte ich mein Glück mit einer Reise nach Chiang Mai. Das milde Wetter wirkte innerhalb weniger Tage. Da ich nur noch zu fünfzig Prozent arbeitete, dachte ich daran, in Zukunft einige kalte Wintermonate in Thailand zu verbringen und in der warmen Periode mein Pensum in der Schweiz entsprechend zu erhöhen.

Soweit kam es nicht mehr. Ich wurde in Bern im Rollstuhl von einem Auto angefahren. Ende der Berufstätigkeit. Ende der Selbständigkeit, erstmaliges Übernachten in der Badewanne und ähnliche Spässe waren vorprogrammiert.
Ich überlebte in Thailand. Viel Physiotherapie im Spital, Massagen zu Hause, Köchinnen, Raumpflegerinnen, Schamlippenvirtuosinnen beziehungsweise Seniorenentsafterinnen, halfen mir, das Beste aus der verzwickten Situation zu holen. Fast Alles war erträglich.
2005 lernte ich Dick kennen. Sie zog für bloss einen Tag zu mir. Wir kannten keine Langweile.
Nach unserer abenteuerlichen Rund-Reise in Borneo, schlug die Kälte in Chiang Mai im Januar 2014 unbarmherzig zu. Anstatt mich in den nächsten Flieger nach Singapur zu setzen, legte ich mich ins warme Bett und litt wie selten zuvor. Meine Armmuskulatur schmolz dahin, wie Butter an der Sonne.
Da waren sie wieder, die Gefühlsstörungen in der linken Hand. Diesmal sehr ausgeprägt. Die Temperaturempfindlichkeit war gestört, die Hand schien in einer Art Schlafzustand mit ausgeprägtem Zittern, vor allem bei oder nach Anstrengungen.
Die rechte Hand zittert wacker mit. Die Kraft in den Armen pfiff weg, wie die Luft in einem defekten Reifen. Dafür spreizt sich der Gesellschaftsfinger, wie bei englischen Tee-Tanten üblich, weit ab. (2) Zum Ausgleich wandert der kleine Finger der linken Hand langsam unter den Ringfinger.

Nun suche ich nur eines, etwas mehr Kraft im rechten Arm. Sobald ich die Transfers vom WC in den Rollstuhl schaffe, könnten wir wieder reisen. Überschwemmungen und Kraftmangel behindern unseren Wegzug nach Satun. Es wird kalt in Chiang Mai. Am 31. Oktober war es am frühen Morgen draussen nur 16 °C. Meine Gelenke reagierten. Kennen sie ein Mittel wie: Dr. Armstrong macht ihren Arm strong? Mein Schwiegervater, Zahnarzt in Singapur, hiess Armstrong. Der erste Mensch auf dem Mond war ein Armstrong. Der grosse Trompeter aus New Orleans hiess Louis Armstrong.

Low Armweak, Chiang Mai

(1) https://www.youtube.com/watch?v=nYjBpgz2lus
(2) http://blogs.faz.net/stuetzen/2009/08/06/der-gesellschaftsfinger-lob-eines-aussterbenden-distinktionsmerkmals-590/

Valentinstag und Makha Bucha

Blumen für alle meine Leser-innen!

Gleichzeitig ist in Thailand Makha Bucha Tag. (1)
Makha Bucha ist ein Feiertag der Theravada-Buddhisten. Der Tag erinnert an eine Versammlung von 1‘250 Schülern des Buddha. Sie kamen, um Buddha predigen zu hören. Der Vollmond des dritten Mondmonats, im Februar oder Anfang März, bestimmt den Feiertag.
Nach Einbruch der Dunkelheit leiten Mönche die Gläubigen zu einer Kerzenprozession, wobei der “Chedi“, das “Ubosot“-Gebäude oder eine Buddha-Statue dreifach umrundet wird. Die Teilnehmer tragen drei Opfergaben: eine brennende Kerze, drei brennende Räucherstäbchen und einen Blumenkranz oder eine frische Blüte.
Dieses Jahr werde ich keine Heiligtümer umrunden.

1957 erlitt ich einen heftigen Sturz beim Korbballspiel. Ganz langsam, schleichend lähmte mich eine Blutung im Rückenmark. Nach schweren Nächten mit Atemnöten fühlte ich eines kalten Morgens auf dem Fahrrad, wie meine Beine kraftlos wurden. Knapp schaffte ich den Rückweg zum Eltern-Haus. Kriechend gelangte ich in den ersten Stock.
Paraplegie.
Wegen des unüblichen Verlaufes und fehlender Geräte wie Computer Tomographie und MRI konnte die Diagnose nicht sofort gestellt werden.
Fast sieben Jahre verbrachte ich im Krankenhaus, begann bereits im Bett eine Ausbildung, lernte Autofahren und fand Arbeitsstellen. Trotz der Behinderung arbeitete ich in Amerika und reiste zum Vergnügen nach Südostasien.
Ich heiratete, baute ein Haus, pflanzte Bäume und wurde Vater von zwei Kindern. Das Schicksal machte keine Ausnahmen. Eine Scheidung würzte mein Dasein.

Mit der Zeit zeigten sich Ermüdungserscheinungen. Nach etwa dreissig Jahren konnte ich neben dem Haushalt die Erwerbstätigkeit nicht mehr voll ausüben. Vor allem die winterliche Kälte wirkte sich übel auf die Gelenke aus. Später flüchtete ich nach Chiang Mai und sah eine Möglichkeit, dort zu überwintern. In der warmen Jahreszeit wollte ich in der Schweiz arbeiten.
Der Plan wurde nicht umgesetzt, weil ich im Rollstuhl in der Nähe des Forschungslabors von einem Auto umgenietet wurde. Die resultierende Schulterverletzung beendete mein Erwerbsleben und schränkte meine Möglichkeiten als Rollstuhlfahrer weiter ein.
Zu Hause fiel ich aus dem Bett. Morgens um drei die bat ich die Sanitätspolizei telefonisch um Hilfe. Die 40 Zentimeter vom Boden ins Bett kosteten 400.00 Franken. Die Selbständigkeit in der Schweiz war jäh zu Ende.
Glücklicherweise hatte ich ein Häuschen von knapp sechzig Quadratmetern und Freunde in Chiang Mai. Mit Hilfe von Haushälterinnen, Masseusen und hartem Training eroberte ich wieder kleine Freiheiten und Möglichkeiten zu reisen.
Unsere Reise in Sabah war Raubbau am angeschlagenen Schultergelenk. Nach der Rückkehr setzte mich die aussergewöhnliche Kälte in Chiang Mai durch den praktisch unbenutzbaren Arm fast endgültig matt.
Im Krankenhaus lernte ich 1958 drei junge Menschen kennen, Fritzli, Heidi und Heini. Sie waren durch Poliomyelitis, Kinderlähmung, vollständig gelähmt und mussten grösstenteils beatmet werden. (2) Trotz schweren Einschränkungen erlebten sie viele glückliche Stunden mit der Nutzung verbliebener Fähigkeiten. Sie sind meine Vorbilder. Wegen ihnen verzichtete ich bisher auf eine Anmeldung bei EXIT. (3)

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Makha_Bucha#Weitere_Bezeichnungen
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Poliomyelitis
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Exit_(Schweiz)

Anstelle eine Bildes ein Link: http://tageszettel.wordpress.com/2014/02/14/art-in-paradise/