Fortsetzung: Harte Zeiten fuer Weicheier

Freude bereitete mir mein Zustand nicht. Aber ich konnte  Ziele setzen. Die Finger mussten biegsam  werden. Die Arme sollten stark genug sein, um im Rollstuhl zu sitzen. Das linke Bein wies Kontraktionen auf. Mit einem Sarong und einer Wasserflasche bauten Dick und ich eine automatische Zugmaschine.
Mit Dicks Hilfe versuchte ich die Finger zu bewegen, denn  ich wollte wieder im Rollstuhl sitzen. Der, wie Buddha immerzu lächelnde Chef der Rehabilitationsklinik, sandte darauf abwechselnd zwei Damen, um die Arme und Hände zu trainieren.  Dieser Herr Doktor wirkte als Reizfigur auf mich. Seine Fratze war einer Türe der Volkswagen-Generation  meiner Kindheit ähnlich und flüsterte: „Kick mich! “

Der Übermut wich einem Tiefdruckgebiet, als ich endlich im Rollstuhl saß und bemerkte, dass ich mich wie ein Tetraplegiker bewegte.
In Panik informierte ich telefonisch die Versicherung. Ich kannte behinderte Einheimische, denn ich arbeitete vor 20 Jahren als Freiwilliger in einem Behindertenzentrum in Chiang Mai. Junge Rollstuhlfahrer konnten mit viel Glück eine Arbeit als Losverkäufer ergattern. Die Anderen waren den Launen  und der Willkuer  Angehöriger ausgeliefert.
DWW
Ich fragte mich vor wenigen Monaten, Bekannte erwähnten es, ob man mir in der Schweiz wirklich besser helfen könnte. Die Faktoren Zufälle und Zuverlässigkeit spielen eine große Rolle. In Chiang Mai bin ich auf Dick angewiesen. Sollte sie aus irgendwelchen Gründen ausfallen, sitze ich mit meinen Wunden hilflos in der Tinte.

Meistens liege ich im Bangkok Hospital, selten gepeinigt von frischen Pflegehelferinnen aus dem Dschungel. Dabei achte ich darauf, dass keine neuen Druck-Geschwüre entstehen. Der Sensemann streikt und lässt sich nicht sehen.

Bilder von Druck-Geschwüren googeln Sie unter den Stichworten:
Decubitus, Dekubitus

Gedanken über das Wohnen

Meine Eltern machten sich wenig Gedanken übers Wohnen. Der Vater freute sich vor dem nächsten Umzugstermin jeweilen auf die Eckbank in der Küche, seiner einzigen Bankverbindung. Das Kriterium war: Wohnungen mussten genügend Zimmer haben und preisgünstig sein. Aussicht, Lage, Nachbarn waren Nebensache.
In den Schulen wurde wohnen nicht diskutiert.
Deshalb fiel ich mit meiner ersten Wohnung voll auf die Nase. Das Gebäude hatte einen Lift. Er war eigentlich zu klein für einen Rollstuhl. Die Fussstützen mussten entfernt werden. Die Aussicht auf die Berner Altstadt war grossartig und unbeschreiblich. Dafür konnte ich mit dem Rollstuhl nicht ins Badezimmer. Da setzte ich mich erst auf einen Stuhl, dann aufs WC. Vom WC wieder auf den Stuhl, dann in die Badewanne. Während fast zehn Jahren machte ich mir keine Gedanken darüber.

Erst als ich selbst bauen liess, änderte ich den Entwurf des Architekten. Aus zwei kleinen Badezimmern schuf ich ein grösseres, befahrbares. Weil ich nicht durch Schnee und Eis im Garten rollen wollte, gab es von der Garage eine Türe direkt in die Küche. Die Dame reklamierte lautstark, weil sie deswegen einen Wand-Schrank verlor.

Seitdem ich in Thailand lebe, denke ich über Wohnungen und Raumgestaltung nach.
Die Häuser, die meisten gedankenlos kopiert, sind wenig freundlich für kranke, ältere oder gar behinderte Menschen. Die Duschräume mit WC sind mit Flächen von anderthalb Quadratmetern äusserst knapp bemessen. Bei Beschaffungen auf kleinformatige Zahnbürsten achten. Dabei ist die Besucherfrequenz dieser Kleinstabteile eher hoch.
Schlafzimmerchen von zwölf Quadratmetern mit Doppelbett und Kleiderschrank lassen ein Umrunden der Liege mit dem Rollstuhl nicht mehr zu. Darum sind die kleinen Thai Resorts für Rollstuhlbenutzer kaum geeignet. Das luxuriöseste Zimmer der Häuser ist als Repräsentationsstätte mit Elektronikschrott, Karaoke-Utensilien und Lautsprecherboxen derart zugemüllt, dass zusätzlich höchstens einige Eiswürfel und ein paar Flaschen Johnnie Walker Senior Platz finden. Für besonders prekäre Verhältnisse wurde von der Schnapsindustrie der Flachmann erfunden. Selbst Küchenschaben, Kakerlaken, müssen sich in solcher Umgebung anpassen und schlank machen.