Frittierter Transformator

Hier im milden Süden Thailands können die Einwohner kaum genug Kalorien zu sich nehmen. Deshalb wird alles stark gezuckert. Die Speisen, Fleisch jeder Art, Gemüse aller Gattungen, verschiedene Meeresfrüchte, werden in Fett und Oel schwimmend zubereitet. Damit all das Zeug richtig trieft und kräftigen Palmöl-Geschmack verbreitet, wird es zusätzlich paniert.
Eine weitere bekannte Zubereitungsart, besteht in den als Benzpyren-Schleudern konzipierten einheimischen, mit Holzkohle befeuerten, Grillgeräten. Die Holzkohle wird verbotenerweise aus Mangrovenholz hergestellt, während die See die ungeschützten Küstenlandschaften zernagt.
In Sonderangeboten verkaufen Grossmärkte in China gefertigte Elektrogrillgeräte, Stromfresser der Hochleistungs-Sonderklasse. Der Hit des Tages war: Beim Erwerb von zwei Geräten wird ein Drittes geschenkt.

Ich erklärte Dick, dass sie ihr Bügeleisen mit 2400 Watt Leistung und den Staubsauger mit 1600 Watt nicht an dieselben Steckdosen anschliessen könne. Die Sicherung würde die Stromlieferung sogleich unterbrechen. In diesem Land kennt man vor allem Wat, gleich Tempel. Der Ingenieur James Watt dagegen ist unbekannt.
Unsere Waschmaschine arbeitet an einer zusätzlichen Kabeldose mit Sicherung. Sie schaltet Ströme über 10 Ampere aus. Weil die Spannung am Netz zwischen 220 und 240 Volt schwankt, ist es möglich, dass die Sicherung beim sechzig Grad Waschprogramm und hoher Spannung ausschaltet. Das ist unangenehm, aber eher preisgünstig. Ein kurzer Blick auf mein Messgerät zeigt, ob die Spannung eher zu hoch ist.
In PhonPhat schwankte die Spannung zwischen 180 bis 240 Volt, mit zwei bis drei Totalausfällen pro Woche.

Ich sass in Satun im Raum, wo der Bügeltisch steht und betrachtete die Pflanzen im Garten. Einzelne Blätter erreichten eine Höhe von zweieinhalb Metern. Zahlreiche Schachteln sind dort gelagert, um Garantieausfälle zu verpacken und zurück zu senden. Dann roch ich es: Nachbarn frittierten einen Transformator. Von meinem Arbeitsort in Bern, war mir der Geruch vertraut. Schnell schaltete ich meine eigenen Elektronik-Einheiten aus. Es war eindeutig, der Gestank war importiert.

Noch am selben Abend lieferte mir Dick die Geschichte. Nachbarn benutzten eine Batterie von Grillgeräten. Die Isolationen der Leitungen in der Decke brannten. Die ganze Strom-Verteilerbox fing Feuer. Da musste zuvor ein sogenannter Fachmann, ein tüchtiger Spezialist, die Sicherungen überlistet haben, ganz ähnlich, wie die ihre Mopeds und andere Motoren frisieren.
Einzig den Grillgeräten passierte nichts. Die wurden nicht einmal heiss genug, um das Grillgut zu garen. Da war der Herr Professor Paul Scherrer an der ETH in Zürich vor sechzig Jahren wesentlich erfolgreicher. Mit zwei Kabeln, Bananensteckern und Krokodilklemmen, erhitzte er erfolgreich Würste an der Steckdose.

https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Scherrer

Gedanken zu Würsten: Philosophie zwischen zwei Zipfeln

Üblicherweise verspeisen Menschen Nahrungsmittel mehr oder weniger Gedankenlos. Einheimische werden bei der Fütterung durch Fernseher oder Smartphones abgelenkt.
Farang dagegen versuchen beim Kauen tiefsinnige Gespräche zu führen, oder sie studieren Börsenkurse und Intelligenzblatt. Nur selten wird die Qualität der Speisen erwähnt.
Der einzige Thai, der seine Beurteilung des Futters lautstark in die Umgebung krähte, war der kleine Goon. Der sagte jedem: „Du kannst nicht Pasta kochen. Ich mag Nudeln und Spaghetti von Ta-Taa!“

In Chiang Mai war es relativ einfach, hervorragenden Wurstwaren zu kaufen – unter Meidung einer Anzahl von Anbietern.
Mit Salami aus Italien hatten wir nie Probleme. Die Ware aus Bangkok schmeckte mir nicht. In Satun gibt es keine Importware.
Zum frisch gebackenen Brot wäre eine Auswahl an Charcuterie willkommen gewesen. In Satun lagen im Gestell bloss zwei Stück Salami aus Bangkok. „PEPPERONI“ stand auf dem ein Kilogramm schweren fünfzehn Zöller. Haltbar bis nächsten Februar. Ich rechnete und überlegte, fünfundsiebzig Gramm pro Woche sollten machbar sein.
Zusätzlich war das Würstchen, wie in Italien, mit Salamigarn bewickelt. Zu Hause sah ich, die Schnur war nur auf die Kunststoffhülle gedruckt.
Ich schnitt die Wurst an. Ein fast aufdringlicher Paprikaduft verbreitete sich. Das Fleisch wies zahlreiche Pfefferkörner auf und war rot vom Peperoni. Ich biss vorsichtig ein Stücklein ab und kaute. Geschmacklos langweilig war das Fleisch nicht, aber nicht vergleichbar mit italienischen, spanischen oder ungarischen Würsten.
Als annähend achtzig Prozent des Anschnitts verspiesen waren, meldete mein Magen: „Nichts für mich!“ Die nächste halbe Stunde sass ich hustend, spuckend, teilweise atemlos würgend im Badezimmer.

Am Tag darauf wiederholte ich den Selbst-Versuch. Auf ein Stück leicht gebuttertes Roggenbrot legte ich eine dünne Scheiben Salami. Extrem langsam kaute ich am Sandwich. Der Magen liess sich vorerst überlisten. Aber den ganzen Nachmittag lang, rülpste ich unangenehme Paprika-Schwaden.

Wir sahen uns das Angebot an Brüh- und Bratwürsten an. Alle diese Spezialitäten waren dank Zusatzstoffen dreissig Tage haltbar. MSG – Mononatriumglutamat – C5H8NNaO4 – und Zucker ergänzten die undefinierbaren Mischungen. Möglicherweise fanden einige Tropfen Formalin den Weg in den Wurstteig. Schwächliche Individuen geben ihren Geist sofort auf. Starke Persönlichkeiten werden dagegen lebenslänglich unsterblich. Nichts für unseren besch..eidenen Einkaufskorb.
In der Schweiz empfahlen einst versierte Metzgermeister, frische Würste nicht länger als fünfzehn Stunden zu lagern.

Zu unserer „Multione“ Küchenmaschine gehörte als Zubehör ein Fleischwolf. Dick war nicht zu faul, das Gerät zu benutzen. Inspiriert wurden wir vom Koch Sandro Zinggeler, Schweizer LandLiebe TV, Staffel 4, Sendung 2. (1,2) Wir erzeugten erstklassige Schweins-Bratwürste ohne chemische Zusätze. Mein durch deutsch-thailändische Salami (Original Deutsches Rezept) gefolterter Magen vergab meine Sünden und verdaute die hausgemachten Bratwürste.

(1) https://www.schweizerfleisch.ch/gastronomie/la-cuisine-des-jeunes/portraits/2014-sandro-zinggeler.html
(2) https://www.youtube.com/watch?v=L2fj98LqpjI

Bananen und Geissfüsse

Nicht jeder kennt Geissfüsse. Vor allem, weil die Bezeichnung für verschiedene Gegenstände verwendet wird. Wenn Botaniker Geissfuss erwähnen, sprechen sie von der Pflanzenart Aegopodium podagraria, Giersch genannt.
Der Geißfuß kann ein messerartiges Gerät mit einer V-förmigen Schneide sein. Sie werden für Linol- als auch für Holzschnitte verwendet. Sogar Zahnärzte benutzen Geissfüsse.
Der Geißfuß ist ein 1981 Meter hoher Grasgipfel in den Allgäuer Alpen.
Den Geissfuss, den ich meine, ist ein Brecheisen. Die mörderischen Stahlstangen sind etwa neunzig Zentimeter lang. In Thailand werden sie häufig im Garten zum Graben missbraucht.

Während sieben Monaten wollte in Satun kein Nachbar den Briefkasten leeren. Das sei zu persönlich, fremde Post rühre man nicht an. Jeder Umschlag könnte, besonders im Süden, theoretisch Briefbomben enthalten. Die eigenen Briefkästen sind uninteressant. Sie werden selten geleert Damit wurde unsere Sendungen Naturgewalten und Regenfällen ausgesetzt. Irgend eine Mitteilung guckte freudig aus dem Schlitz in die heile Welt und leitete Regen-Wasser in den Behälter. Während Tagen trocknete ich die Briefe, bevor ich sie erfolgreich öffnete.

Ganz anders ist das Verhältnis der Thais zu Früchten und Gemüsen. Sobald das Zeug genussreif ist, wird geerntet. Dabei spielt es keine Rolle, ob im eigenen Garten oder in fremden Gelände mit berstendem Briefkasten. Während unserer Abwesenheit gab es zweimal reife Bananen. Da wurde jeweils schnell zugegriffen.
Im August holte sich der Abnehmer nicht nur reife Bananen. Er langte ebenfalls bei den jungen Stauden zu. Offenbar benutzte die Person zum Graben einen Geissfuss und beschädigte unsere Wasserleitung. Zweihundert Kubikmeter Wasser ergänzten die reichlichen Niederschläge, bevor ein mu-Tiger Angestellter der Wasserversorgung den Hahn schloss.

Die verzwickt verzweifelte Flucht vor einer unerkannten unbekannten Krankheit

Mehrheitlich hatte ich aussergewöhnlich gute Ärzte. Ihnen verdanke ich als Paraplegiker Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Die Herren Professoren G.Riva und sein Nachfolger H. Keller vom Tiefenauspital Bern nahmen sich immer Zeit für meine Anliegen.
Nach erfolgter Physiotherapie besuchte ich Herrn Keller öfters in seinen Arbeitsräumen. Einmal hatte er ein Treffen mit anderen Medizinern. Trotzdem durfte ich mein Anliegen vorbringen:
„Zeitweise habe ich Gefühlsstörungen in meiner linken Hand.“
Einer der Mediziner klaubte in seinem Geldbeutel und sagte zu mir:
„Halten Sie ihre Hand auf den Rücken.“ Dann legte er eine Münze darauf und fragte:
„Was ist es?“
„Ein Zwanziger!“
Grinsend zeigte er das „Zwänzgi“. Die Anwesenden, ganz in weiss, schmunzelten. Meine Sitzung war beendet.

Einige Monate darauf besuchte ich Doktor Keller und meldete mich erneut wegen dieser Hand. Diesmal überwies er mich an die Neurologen des Inselspitals. Es gab einige Untersuchungen. Darunter eine sehr schmerzhafte Serie mit elektrischen Stimulationsimpulsen in die Hand. Wegen der in Kinderschuhen steckenden neuen Digital-Technologie waren nur Serien mit 32, 64 oder 128 Impulsen möglich. Die Signale wurden am Kopf und am Rücken erfasst. Die Spezialisten entdeckten mit verschiedenen Methoden keine verräterischen Symptome.

Während Jahren konnte ich danach trotzdem beinahe ungestört hochsensible Arbeiten verrichten. Ich spielte mit unberührbaren Ionenquellen. Demontieren, Reinigen, Zusammensetzen und im Gerät erneut anschliessen benötigten fünf Tage höchster Aufmerksamkeit. Die Quelle arbeitete im Ultra-Hochvakuum. Die Maschine musste entsprechend dicht sein.
In den USA benötigte ein Texaner im Labor eines Nachts unbedingt frischen Prärieduft, (green green grass of home 1). Ungeachtet des offenen Quellenraums, riss er ein Fenster auf. Wir schlossen das Gerät und starteten die Vakuumpumpen.
Bei 10E-4 Torr (Zehn hoch minus vier Torr), stand die Anzeige still. Mein Freund sagte: „Da ist sicher ein Insekt im Quellenraum.“ Nach dem er die gefriergetrocknete Präriefliege entfernte hatte, wanderte der Zeiger gegen 10E-8 Torr. Anstatt Uran-Isotope zu messen, ermittelten wir den Dampfdruck einer Fliege.
Das Laden von Substanzen wie Strontium oder Uran im Nanogramm-Bereich ohne Schlottern und Zittern führte ich problemlos aus. Heutzutage gehört das Verspeisen von Kuller-Erbsen zu den unmöglichen Tätigkeiten.

Gegen Ende des Jahrtausends wurden die Wintermonate in Europa problematisch. Vor allem die Schmerzen in den Handgelenken wurden unerträglich. Meine Tätigkeiten wurden eingeschränkt. Reparaturen, inklusive Lötarbeiten, erledigte ich meist rasch. Bundesordner, gefüllt mit Zeichnungen und Informationen, konnte ich den Gestellen nicht mehr entnehmen.

Anstatt mehr oder weniger nutzlos herumzusitzen, versuchte ich mein Glück mit einer Reise nach Chiang Mai. Das milde Wetter wirkte innerhalb weniger Tage. Da ich nur noch zu fünfzig Prozent arbeitete, dachte ich daran, in Zukunft einige kalte Wintermonate in Thailand zu verbringen und in der warmen Periode mein Pensum in der Schweiz entsprechend zu erhöhen.

Soweit kam es nicht mehr. Ich wurde in Bern im Rollstuhl von einem Auto angefahren. Ende der Berufstätigkeit. Ende der Selbständigkeit, erstmaliges Übernachten in der Badewanne und ähnliche Spässe waren vorprogrammiert.
Ich überlebte in Thailand. Viel Physiotherapie im Spital, Massagen zu Hause, Köchinnen, Raumpflegerinnen, Schamlippenvirtuosinnen beziehungsweise Seniorenentsafterinnen, halfen mir, das Beste aus der verzwickten Situation zu holen. Fast Alles war erträglich.
2005 lernte ich Dick kennen. Sie zog für bloss einen Tag zu mir. Wir kannten keine Langweile.
Nach unserer abenteuerlichen Rund-Reise in Borneo, schlug die Kälte in Chiang Mai im Januar 2014 unbarmherzig zu. Anstatt mich in den nächsten Flieger nach Singapur zu setzen, legte ich mich ins warme Bett und litt wie selten zuvor. Meine Armmuskulatur schmolz dahin, wie Butter an der Sonne.
Da waren sie wieder, die Gefühlsstörungen in der linken Hand. Diesmal sehr ausgeprägt. Die Temperaturempfindlichkeit war gestört, die Hand schien in einer Art Schlafzustand mit ausgeprägtem Zittern, vor allem bei oder nach Anstrengungen.
Die rechte Hand zittert wacker mit. Die Kraft in den Armen pfiff weg, wie die Luft in einem defekten Reifen. Dafür spreizt sich der Gesellschaftsfinger, wie bei englischen Tee-Tanten üblich, weit ab. (2) Zum Ausgleich wandert der kleine Finger der linken Hand langsam unter den Ringfinger.

Nun suche ich nur eines, etwas mehr Kraft im rechten Arm. Sobald ich die Transfers vom WC in den Rollstuhl schaffe, könnten wir wieder reisen. Überschwemmungen und Kraftmangel behindern unseren Wegzug nach Satun. Es wird kalt in Chiang Mai. Am 31. Oktober war es am frühen Morgen draussen nur 16 °C. Meine Gelenke reagierten. Kennen sie ein Mittel wie: Dr. Armstrong macht ihren Arm strong? Mein Schwiegervater, Zahnarzt in Singapur, hiess Armstrong. Der erste Mensch auf dem Mond war ein Armstrong. Der grosse Trompeter aus New Orleans hiess Louis Armstrong.

Low Armweak, Chiang Mai

(1) https://www.youtube.com/watch?v=nYjBpgz2lus
(2) http://blogs.faz.net/stuetzen/2009/08/06/der-gesellschaftsfinger-lob-eines-aussterbenden-distinktionsmerkmals-590/

Ausgang am frühen Abend

Eine Banküberweisung wartete. Nach sechs unlesbaren Formularen erstellte ich zu Hause nach einem Glas Maracuja mit viel Wachholder ein lesbares Blatt. Waren es die Vitamine oder der Alkohol? Es war eine Sternstunde angewandter Chemie, weil sich zu dem Zeitpunkt sämtliche Planeten am richtigen Ort befanden. In Satun beispielsweise wäre das gemischte Getränk nutzlos gewesen. Das ist mein Leben. Deines auch. Wahrsager, Kaffeesatzleserinnen und geldgierige Zigeunerinnen würden Dich gerne persönlich überzeugen – von der Allmacht des Glaubens an Scheissdreck. Die dürfte nach meinen neuesten Erkenntnissen weltweit proportional ähnlich verbreitet sein.

Wir fahren nicht zu Big C. Die Wartezeit in der Bank dürfte annähernd eine Stunde betragen. In Promenada müsste der Andrang weit geringer sein. Promenada ist ein überdimensioniertes Einkaufszentrum. Etwa dreissig Prozent der Ladenfläche fanden keine Mieter. Promenada lernte ich zwangsmässig kennen, denn die Chiang Mai Immigration befindet sich dort. Ich entdeckte ein kleines italienisches Restaurant. Die Köche kochen Spaghetti al dente – unglaublich! Nur meine Bolognese schmeckt mir besser. Die Cocktail Bar arbeitet nach Rezepten. Die Weine sind gut und preiswert. Die Bedienung ist vorbildlich.

Nach Fahrplan hätten wir um fünf in der Promenada ankommen sollen. Wegen des Gedränges auf der Strasse 108 wurde es halb sechs. Das Bankgeschäft wurde innerhalb fünf Minuten erledigt. Danach marschierten wir frohen Mutes nach Italien.
Die Cocktails mit der Vorspeise schmeckten. Der Hauptgang mit einer Flasche Primitivo aus Salento war bereits zuviel für uns alten Leute. Das stetige Befeuchten der Gurgel benötigte viel Zeit. Wir kauften in der Kneipe Gorgonzola und Würste. Danach suchten wir den Lift. Es war kurz nach neun Uhr. Die Lifte waren bereits ausser Betrieb! Promenada ist echte Provinz. Saufen vor fünf Uhr ist amtlich verboten. Nach neun musst du Treppen benutzen – ideal für den Rollstuhl.

Ein herbeigerufener Wachmann wies einen besonderen Weg. Wir fanden unseren Wagen und die exquisiten Würste landeten Minuten später ungestresst im Kühlschrank.

Treibholz

Bedaure, ich liess regelmässige Leser sitzen. Der Grund war ein erneuter Angriff meines Erzfeindes auf die Kontrolle meiner Hände und Finger. Ich konnte kaum Mails lesen. Ein kleines Teufelchen in der Finger-Steuerung liess mich Mails und Nachrichten löschen, bevor ich sie gelesen hatte. Mühsam gelang es mir, die meisten Texte zu retten. Vor einigen Jahren war ich ahnungslos, dass es solche Viren ebenfalls gibt.
Aus einer relativ aktiven Person, wurde ein mühsamer, fast passiver Lebenspartner. Das einzige, zu was der alte, stinkende Fleischhaufen noch taugt, ist reine Umweltverschmutzung. Dies beelendet mich wenig, denn parasitäre Lebensformen sind unter der Bevölkerung weit verbreitet.
Getränke führe ich zweihändig zum Mund. Letzthin in der Kneipe mampfte ich Finger-Food. Ich scheute mich, wegen unnütz lautem Geklapper Gabel und Messer zu benutzen.
Erinnerungen wurden wach. Ich dachte an das Buch: Lady Chatterley’s Lover, Lady Chatterleys Liebhaber. (1)
Dick ist glücklicherweise wirklich beschäftigt. Sie bedient alte Kundinnen im Salon. Sie repariert und lackiert unter meiner Regie, alles – von Elektronik bis zu aufwändigen Restaurationen. (3) Todesfälle und gesellschaftliche Einladungen gibt es zu Hauf. So ist sie oft von acht Uhr morgens bis um Mitternacht unterwegs. Mittagessen gibt es im Dorf, von frisch gezuckerten Nudeln bis zu Klebreis.
Selbst kleinste Besorgungen benötigen viel Zeit. Sie benötigte einen ganzen Tag, um ihre Versicherung zu bewegen, endlich eine Gutschrift für eine bevorstehende Operation auszustellen. Die amtliche Organisation, die ihr im Falle einer Krebsbehandlung problemlos 350‘000 Baht vorgaukelte, wurde pingelig und bezahlt für einen kleinen Eingriff nicht einmal eine Jahresprämie. Das erlebte sie doch schon mit AIA, vier Krankenhausaufenthalte – keine Leistungen! Aber für den Prämienbezug waren die Angestellten stets pünktlich zur Stelle.

Vor zwanzig Jahren war ich stolzer Kapitän meines Lebensschiffes und bestimmte den Kurs. Mittlerweile wurde ich zum vergammelnden, langsam absaufenden Stück Treibholz. Dessen Weg wird von andern Mächten bestimmt. Ich wurde zum passiven Zuschauer. Schaffe ich den Weg noch einmal nach Satun? Zur Zeit eher nicht.

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Lady_Chatterley
(2) vergleiche Mai 2013, https://hinterindien.files.wordpress.com/2013/05/root2.jpg
(3) Arbeit von Dicks Sohn Dei, 2013, lackiert August 2017

Alkohol trinkende Ameisen attackieren Cocktails

Während Jahrzehnten verdünnte ich Süssgetränke zur Hälfte mit Sprudelwasser. Dann gab ich einen Schuss Wachholder, Rum, oder Whiskey dazu, um allfällige Ameisen zu verscheuchen. Spätestens nach drei Minuten, hätten die flinken Tierchen sonst mein Cogaaa-cola als Schwimmbad benutzt. Schon alte Schlager priesen Rum und Cogaaa-cola, Cuba Libre, als bekömmliches Mixgetränk an. Es war also nicht meine Erfindung.
Glücklicherweise sind die durstigen Ameisen sehr klein. Sie saufen in dreissig Minuten keine Flasche Schnaps. Sie sind schlecht zu entdecken, weil sie kürzer als einen Millimeter sind. Zusätzlich sind sie aussergewöhnlich schnell. In einer Sekunde bewältigen sie bis zu zehn Zentimetern. Zudem sind sie Fuzzy-Logik gesteuert. Fuzzylogik ist eine Theorie, welche vor ungefähr fünfzig Jahren, in der Mustererkennung zur präzisen Erfassung des Unpräzisen entwickelt wurde. Diese klugen Tierchen laufen nicht direkt von A nach B. Wie Hasen schlagen sie haken und entgehen so lebensbedrohenden Fingerkuppen. Die zurückgelegte Strecke ist folglich A-C-D-B!
In Thailand gibt es zur Ausbildung in praktischer Anwendung der Fuzzy Theorie ausreichend alkoholisierte Automobilisten. Sie fahren selten gerade aus, sondern schlagen Zickzackkurse ein. Zusätzlich variieren sie ihre Fahrgeschwindigkeit dauernd. Solche Kenntnisse helfen ihnen später, die kleinen Ameisen mit flinken Fingerkuppen erfolgreich auszumerzen.

Vor etwa drei Jahren entdeckte ich in Satun Ameisen, die Hong Thong Flaschen zwecks naschen bestiegen. Im Dorf verkauften die Läden keinen Sang Som oder andere Schnäpse. Hong Thong hat nur fünfunddreissig Prozent Alkohol und ist stark süss. Preislich ist Hong Thong günstiger.
Vor einigen Wochen enterten Ameisen in Chiang Mai erstmalig unseren Kokoswasser-Cocktail mit Barbados Rum. Experten dürfen sich streiten: Ist es das Kokoswasser – oder der Rum?

Dick klagte ihr Leid einer Nachbarin. Die Frau erzählte Dick, auch sie wurde beim Essen dauernd von Ameisen gestört. Abhilfe brachte angeblich eine Latex-Unterlage auf dem Tischblatt. Sie überreichte Dick einen entsprechenden Gummi-Schutz. Sie verwendet Latex-Matten ebenfalls erfolgreich im Bett. Lange benutzte ich im Bett die Tütenform, ohne zu wissen, dass ich damit lästige Ameisen abwehre.

Der erste Abend verlief erfolgversprechend. Einen Tag darauf waren die kleinen Säufer durstiger als je zuvor. Die Hälfte des Cocktails wimmelte innerhalb weniger Minuten derart von Ameisen, dass Dick ihn wegschüttete.
Es gibt Lösungen: keine Longdrink-Gläser, sondern kleine Sherry-Gläser, zusätzlich die Mixtur im Kühlschrank lagern. Ein jeglicher Verzicht auf seichte Unterhaltung fördert das schnelle Schlucken.

Einen kleinen Trost gibt es. An der Bar kann ich mir die kleinen Drinks ohne Attacken weiterhin problemlos mischen – spätestens, bis die gemeinen Viecher den Weg vom Tisch zur Bar erschlossen haben.

https://de.wikipedia.org/wiki/Cuba_Libre