Reisewege nach Singapur

An einem trüben, nasskalten Wintertag Ende 1949, stand Professor Parkinson mit Schirm, Koffer und Melone in Londons Nebel auf der Strasse. Er war unterwegs nach Singapur, in die berühmte Raffles Universität. Ob er als Marinehistoriker eine mehrwöchige Seereise durch den Sues-Kanal nach Britisch-Malaya unternehmen durfte, oder ob er sich die Seekrankheit in wenigen Tagen in der Luft holte, ist mir nicht bekannt.
Ich weiss nur, wie er nicht reiste: mit dem Fahrrad.
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Ein junger Angestellter der schweizerischen diplomatischen Vertretung in Singapur trat seine Stelle in den 1960er Jahren per Fahrrad an. Er reiste über die Türkei, Pakistan und Indien in sechs Monaten, teils pedalend, von Zürich nach Löwenstadt. Für angehende Diplomaten ist Radfahren eine inspirierende Quelle. Gut schmieren, nach oben buckeln, nach unten treten!
Derzeitige Radler von Europa nach Südostasien verfassten bereits mehrere Berichte. (1)

Im Gegensatz zu heute war der Flugverkehr in den frühen 1950 er Jahren nicht sehr populär. Flugzeuge wurden von Propellern angetrieben. Druckkabinen waren rar. Flugreisen waren laut und wetterbedingt holprig. Häufige Zwischenlandungen zwecks Tanken verlängerten die Reisen. Fliegen war teuer. Nicht jeder konnte sich das verlockende Vergnügen leisten.
Wer das nötige Kleingeld hatte, buchte einen Sitzplatz bei BOAC. (2) Der Flugplan vom August 1952 nach Australien mit BA 704 und einer Maschine des Typs Canadair Argonaut, zeigte: (3)

London 0930 Day 1
Zurich 1200/1300
Beirut 2130
….Nightstop
Beirut 0945 Day 2
Karachi 2030/2300
Calcutta 0530/0645 Day 3
Singapore 1545
….Nightstop
Singapore 0800 Day 4
Jakarta 1030/1130
Darwin 2000/2245
Sydney 0700 Day 5 BOAC_C-4_Argonaut_Heathrow_1954 Der Landeplatz war Singapur-Kallang. (4) Der 1937 eröffnete Flughafen war eine Augenweide. Er bot beides, lange Piste für rollende Maschinen und Ankerplätze für Flugboote. Ein einziges, geniales Abfertigungsgebäude diente dem gesamten Luftverkehr. Ab 1955 wurde Kallang durch den internationalen Flughafen Paya Lebar ersetzt.
Die Alternative: BA 780

London 2130 Tu
Rome 0150/0250 We
Cairo 0930/1030 We
Basra 1600/1700 We
Karachi 0035/0235 Th
Delhi 0650/0750 Th
Calcutta 1140/1240 Th
Rangoon 1645 Th
…. nightstop
Rangoon 0800 Fr
Bangkok 1025/1125 Fr
Singapore 1600 Fr

1953 führte BOAC am 3. April Verbindungen mit einem vielversprechenden Jet namens Comet nach Tokio ein. Die Reisezeit verkürzte sich damit von 86 auf 33 Stunden. Das Unternehmen blieb von schweren Rückschlägen nicht verschont. 1954 explodierten am 10. Januar und am 8. April zwei COMET Jets in der Luft. Minutiöse Untersuchungen zeigten Materialermüdung an den Tragflächen. Die Comet Flotte blieb nach den Unfällen am Boden.

1959 nahmen Queensland and Northern Territory Aerial Services, QANTAS, den neuen Boeing Jet 707 in Betrieb. Diese Maschine war schneller als alles, beförderte mehr Passagiere und flog über turbulentem Wetter. Qantas wurde bereits am 16. November 1920 in Winton, Queensland von Paul McGinness, Hudson Fysh, Fergus McMaster und Arthur Baird, gegründet. (5) 2013 feierte Qantas den Beginn der Flugbootverbindungen
mit Singapur vor 75 Jahren.

Seitdem wurde der Luftverkehr nur noch schneller, komfortabler und preisgünstiger. Es gibt selbst-kasteiende Reisende mit fast pseudoreligiösem Hintergrund. Anstelle eines komfortablen Nonstop-Fluges, oder arschaufreibenden Tretens auf einem Sattel, suchen die Herrschaften geistige Selbstverstümmelung. Ihre Warterei ist Heldentum. Sie sind ahnungslos, dass vor Jahrzenten eine Flugreise nach Singapur annähernd eine Woche dauerte.
Wir alle leiden natürlich mit den plattfüssigen Schreiberlingen und unterbelichteten Verfassern von Reiseblogs. Sie fliegen unter dem Motto, Geiz ist grausam, über die Emirate. Pro eingesparten Euro gibt es eine Stunde Aufenthalt. Diese Zeit wird dazu benutzt, exotisch arabische Speisen wie Hamburger und amerikanische Pizza zu verschlingen. Die unter Strapazen schmachtenden, von Verstopfungen geplagten Wesen werden danach in den diversen Metropolen Hinterindiens abgesetzt. Nach Erholungsphasen von einigen Wochen starten sie ihre ganz individuellen Abenteuer gemäss Standard-Reiseführer. Den Rest dürfen sie in hunderten sich ähnelnden Blogs nachlesen.
„Unsere Reise geht so schnell und dauert gleichzeitig so lang, daß ich gar nicht mehr weiß, worüber ich berichten soll.“ (t)

(1) http://www.trittumtritt.com/2013/03/schweiz-singapur-17509-km-per-velo-wir.html
(1) http://uni.de/redaktion/Mit+dem+Rad+nach+Singapur
(2) http://en.wikipedia.org/wiki/British_Overseas_Airways_Corporation
(2) http://www.britishairways.com/travel/history-1950-1959/public/en_gb#
(2) http://forum.keypublishing.com/showthread.php?107572-1950-s-Archive-Part-11-BOAC
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Canadair_North_Star
(4) http://en.wikipedia.org/wiki/Kallang_Airport
(5) http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_Qantas
(5) http://www.qantas.com.au/travel/airlines/history-jet-age/global/en
(t) http://wp.me/p2ljyL-1jO
(flugrevue) http://www.flugrevue.de/zivilluftfahrt/airlines/qantas-feiert-den-beginn-der-flugbootverbindung-nach-singapur-vor-75-jahren/518740
Filme:
(f) http://www.youtube.com/watch?v=WHU6X29z-xw BOAC promo film
(f) http://www.youtube.com/watch?v=6H2ol6SY3Ts Flying boats document
(f) http://www.youtube.com/watch?v=lIcltyMwJRg Flugboot Sunderland

Hinterindien rückte ab 1869 näher an Europa

Das Vereinigte Königreich war einst mit seinem Britischen Weltreich, dem British Empire, die größte Kolonialmacht der Geschichte. 1922 wies das Britische Reich eine Bevölkerung von 458 Millionen Menschen auf, einem Viertel der damaligen Weltbevölkerung. Es erstreckte sich über eine Fläche von ungefähr 34 Millionen km², fast einem Viertel der Landfläche der Erde.

Am 17. November 1869 wurde der Sueskanal, auch Suezkanal, ‏قناة السويس‎, Qanāt as-Suwais, eröffnet. Das ist ein Schifffahrtskanal zwischen den Hafenstädten Port Said und Port Taufiq bei Sues in Ägypten. Er verbindet das Mittelmeer über den Isthmus von Sues mit dem Roten Meer. Damit wurde der Seeweg nach Indien bedeutend kürzer. Afrika und das Kap der Guten Hoffnung mussten nicht mehr umschifft werden.
Der Seeweg von Singapur nach Rotterdam reduzierte sich um 30 Prozent. Anstelle von 11‘758 Seemeilen verkürzte sich die Distanz um 3‘457 auf 8‘301 Seemeilen.

Heutige Tiger in Singapur

Heutige Tiger in Singapur

Ausgerechnet Großbritannien übte diplomatischen Druck aus, um den Kanalbau zu verhindern. Der französische Jurist und Diplomat Ferdinand de Lesseps sah sich aus finanziellen Gründen gezwungen, die Flucht nach vorne anzutreten. Er gründete am 15. Dezember 1858 die ‚Compagnie universelle du canal maritime de Suez‘, eine ägyptische Gesellschaft mit Sitz in Alexandria. Die Hauptverwaltung befand sich jedoch in Paris.

Der Kanalbau war das größte Bauprojekt seiner Zeit. Arbeitsort war die Wüste, weitab von jeglicher Infrastruktur. Um notwendiges Material und Geräte zur Baustelle zu bringen, mussten am Strand Landungsstege, Leuchtturm, Lagerplätze und Baubaracken geschaffen werden. Trinkwasser und Verpflegung wurden mit bis zu 1‘800 Lastkamelen antransportiert. Alles Material, sämtliche Werkzeuge, Maschinen, Kohle, Eisen und jedes Stück Holz stammten aus Europa. Maschinen für den Aushub gab es noch nicht. Sie mussten erst konstruiert werden. Der Aushub im Trockenen erfolgte von Hand. Bis zu 34‘000 Arbeiter füllten Binsenkörbe und brachten sie über Menschenketten zur Böschungskrone.

De Lesseps wurde mit dem Großkreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet. Von Königin Victoria erhielt er das ‚Grand Cross of the Star of India‘ und er wurde zum ‚Freeman of the City of London‘ ernannt.

Zwischen 1815 und 1914 dominierten Briten auf See praktisch uneingeschränkt. Neue Technologien, aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie Dampfschiff und Telegrafie stützten die imperiale Macht Großbritanniens. Sie erleichterten die Koordination, Kontrolle und Verteidigung des Empire. Bis 1902 waren sämtliche Kolonien durch Telegrafenkabel miteinander verbunden.
Das Königshaus erhielt zusätzliche Aufgaben. Königin Victoria wurde 1877 zur Kaiserin von Indien gekrönt.

Am 24. Mai 1819 wurde Alexandrina Viktoria als einziges Kind des Herzogs Eduard von Kent und der Prinzessin Marie Louise Viktoria aus dem Hause Sachsen-Coburg-Saalfeld im Kensington-Palast geboren. Nach dem Tod ihres Onkels König Wilhelm IV. 1837 wurde Viktoria britische Königin.
Im Januar 1901 starb Königin Viktoria in Osborne House bei Cowes auf der Isle of Wight. Sie prägte den Namen einer ganzen Epoche.

(t) http://de.wikipedia.org/wiki/Sueskanal
(t) https://www.bimco.org/Reports/Market_Analysis/2010/0423_Need_for_rethinking.aspx
(t) http://de.wikipedia.org/wiki/Viktorianisches_Zeitalter