Feiertags-Vorbereitungen

Für uns ist praktisch jeder Tag ein Feiertag. Wir stecken dauernd in Fest-Vorbereitungen. Dick flocht streng nach alter Emmentaler-Bauernfrau-Tradition am Samstag eine schöne Anken-Züpfe.* Das ganze Haus duftete nach Hefe- und Butter.
Ich dagegen war der Handwerker und werkelte an einem formschönen Kerzenständer. Nicht nur meine Hände, sogar der Mund wurden tatkräftig eingesetzt. Dick wünschte sich mehrere Ständer. Bereits nach dem getesteten Prototypen fehlten weitere Kapazitäten der Leber zwecks Flaschen-Aussaugen. Mein Kopf brannte wie eine alte Glühbirne – kein neuartiges, kaltes LED Zeug – beduselt wie vom billigen Glühwein von Europas Weihnachtsmärkten.
Die Kerzenständer können sie an Hand der Abbildung kopieren. Für den Zopf folgt das Rezept. Weil wir bloss zu zweit sind, genügt die 250 Gramm Version, sonst müssten wir mit gefrässigen Ameisen teilen. Ich bin zu alt, um rabiaten Tieren Zopf aus dem Rachen zu reissen.

Kleiner Berner Butter-Zopf (Satun Version)

Zutaten

250 g Weissmehl
150 g Milch
30 g ungesalzene Butter
10 g Trockenhefe
½ EL Salz
1 TL Zucker
1 Ei biologisch, vom Bauern aus Bodenhaltung. Hühner-Ei geht auch.

In die zimmerwarme Milch Zucker und Hefe geben. Später die restlichen Zutaten beifügen. Die Maschine während zwanzig Minuten langsam kneten lassen.
Die Teigschüssel mit feuchtem Tuch bedecken und eine Stunde warten. Die Hefe arbeitet. Danach den Teig halbieren. Zwei lange Würste rollen. Beide Würste übers Kreuz legen – zum Zopf flechten.

Das Eigelb separieren. Mit Flachpinsel – Modelle Gauguin oder Van Gogh – den Zopf künstlerisch bearbeiten. Mindestens zwanzig Minuten warten.
Danach in den kalten Ofen schieben. Ungefähr fünfunddreissig Minuten bei 180 °C, später 160 °C backen. Diese Werte gelten für unseren kleinen House Worth Backofen.

*Anken-Züpfe = Butter-Zopf
Flechten: https://www.youtube.com/watch?v=AOMrlBe-u3U

Das Dorf im Norden ist ein Irrenhaus

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Irren ist menschlich. Das Dorf im Norden ist ein Irrenhaus. Niemand ist normal. Keinem kannst du trauen. Das war meine Aussage in Satun. Während fast drei Monaten wurde dies beinahe täglich bestätigt.
Die zubetonierten Nachbarn haben ein Problem mit unserem Garten. Wie kann man nur umgeben von vielen Bäumen und Gras leben? Das muss ja ungesund sein, all die Abluft von den duftenden, farbigen Blüten und unterschiedlich geformten, getönten grünen Blättern. Die Vitamine der Früchte und das Gezwitscher der Vögel erzeugen sicherlich Kopfschmerzen.
Moderne Menschen benötigen nicht Sauerstoff. Deren Lungen bevorzugen den Qualm von halbverbranntem Diesel, oder das abenteuerliche Aroma von feuchtem Hundefell. Die sexanbietende Pflegerin – oder die pflegende Sexanbieterin für die Herren von Welt, hält gegenwärtig auf ihrem betonierten, knappen Platz gleich neun herrlich heulende Köter. Zum bereits bestbekannten Herrn Kleptomanewitsch gesellen sich nun vier weitere Schwerenöter.
Da ist der Polizist, der die Grundstücksmauer zur Begrenzung seines Wohnzimmers umfunktionierte. Wir dürfen dort kein Löchlein bohren. Die Gefahr ist gross, dass wir den gefälschten van Gogh am Ohr verletzen würden! (1)

Als ich bauen liess, lautete die Vorschrift: Zwei Meter Abstand zur Mauer. Ich hielt mich als Einziger daran. Thais bauen so gedrängt, dass der Regen von ihren Dächern auf die Trenn-Mauern strömt. Mir machte das nichts aus. Unsere Rosenstöcke dagegen krepierten. Garten2573
Nachbarn reklamierten:
Ihre Bäume machen Schatten bei uns, bitte schneiden! Wir schnitten. Ihr eigener, halb abgerissener, dadurch äusserst dekorativer Tuchfetzen stört sie seit Jahren nicht.
Garten2574
Den Höhepunkt der Forderungen erlebten wir vor wenigen Tagen. Da erschien ein wichtiger, ein höherer Funktionär und sagte zu Dick:
„Ich habe kein Licht im Haus. Fällen sie ihre Bäume!“
Der Mann liess ein Vordach bis zur Mauer errichten. Zwischen Mauer und Vordach schützt ein Maschendrahtzaun vor allfälligen Eindringlingen. (2) Dick besichtigte mit der Haushälterin des Beschwerdeführers das betreffende dunkle Zimmer und staunte. Vor den Fenstern stand ein hohes, fast fünf Meter langes, schrankähnliches Regal. Da kam kein Lichtstrahl durch. Gute Nacht.

(1) http://www.spiegel.de/einestages/van-goghs-ohr-verlor-der-maler-es-im-wahn-oder-im-streit-mit-gauguin-a-951336.html
(1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/ausstellung-im-vincent-van-gogh-museum-in-amsterdam-14352769.html
(2) https://www.youtube.com/watch?v=yxwXozLR2IA

Kunstunterricht an einer LanNa Schule

In ‘Thales von Milet war mit Venus von Milo verheiratet‘ schrieb ich: „Die einzigen Stunden, in welchen sich Kinder entfalten konnten, Malen und Zeichnen, wurden wegen exponentieller Alkoholabhängigkeit des Meisters ersatzlos gestrichen.“
Über diesen Unterricht machte ich im Mai 2010 Notizen und publizierte sie als Forenbeitrag. (*)

Während der ersten Schulwochen sammelten wir Eindrücke. Trotz einigen Minuspunkten ist die Schule wesentlich besser als alles, was wir aus der Provinz kannten. Die Musikanlage lärmte dauernd im Hintergrund. Der erste Schultag verlief etwas chaotisch. Die Hausaufgaben waren es auch. Die knapp Dreizehnjährigen wurden ohne jegliche Einführung, Literaturangaben oder Hinweise gefragt:
„Was ist Kunst?
Wie ist deine Einstellung zur Kunst?
Was weisst Du von der Farbenlehre?
Unter welchem Gesichtspunkt betrachtest du Kunst?
Kunst und Politik?
Was benötigst du, um ein Kunstwerk zu schaffen?“
Die Antworten sollten bereits am nächsten Morgen abgeliefert werden.

Einerseits faszinierte mich der Lehrer, der offenbar versuchen wollte, den Kindern eine neue Dimension des Lebens zu vermitteln. Das wäre in einer von digitalen Informationen durchfluteten Gegenwart eine echte Bereicherung. Andererseits störte mich die plumpe Anmache, der überspitzte Intellekt einer fast perfiden Fragerei ohne vorgängige einfühlsame Unterweisung, wie ich sie meinen Feriengästen zu vermitteln versuchte.

Aquarell, Mowgli, April 2010, Heimarbeit

Aquarell, Mowgli, April 2010, Heimarbeit


Kennt ihr Thais und ihre bescheidenen Unterkünfte in den Dörfern? Stehen denn unter Blaudächern Designer Möbel von Le Corbusier oder von Marcel Breuer entworfene Sessel? Verwenden die Bewohner edles Porzellan von Wedgwood, Rosenthal oder Keramiken von Siam Celadon? Die Verbreitung von unzerbrechlichen Kunststoffartikeln und gepresstem, bunt gemustertem Melamin, mit von gestressten Rauchern versehenen Brandzeichen, dürfte einen hohen Verbreitungsgrad aufweisen. (1)
Hängen hier üblicherweise Picasso, Gainsborough, Klimt, Sompop Buttarad oder van Gogh, eventuell als Kopien oder bloss als Drucke an den Wänden? Liegen Magazine ähnlich wie ‚artefact‘, ‚Du‘ oder ‚Global Art Magazine‘ auf? Das sind ja schlussendlich Wohnungen und keine biokompatiblen Zahnarztpraxen der Spitzenklasse.

Ich besuchte einige Häuser und Aufenthaltsorte. Die Kleider hingen nicht in handgefertigten Schränken aus deutscher Eiche, einheimischem Rosenholz oder Teak, sondern an quer durch den Raum gespanntem Draht oder lagen als bunte Haufen auf Sofa, Stühlen oder in einer Ecke. In einer andern Ecke stapelten sich wertvollere Gegenstände, wie bunte Kataloge von Lotus/Tesco und Big C, eine verirrte Bibel, defekte schwarz-weiss Fernseher aus dem vergangenen Jahrhundert, eine Wanduhr ohne Zeiger, zufällig durchmischte CD und DVD, meist hüllenlos, dafür mit Fingerabdrücken! Ganz edel – ein unbenutzter, verstaubter Laptop. Smartphones machten aus dem einst teuren Gerät Schrott, den keiner wegräumte. Selten stand irgendwo ein tausend Baht Schrank von Winner, dessen Echtheit durch einen stechenden Formaldehyd Geruch bestätigt wurde. (2)

Der Wandschmuck bestand mehrheitlich aus gedruckten Fotografien der Königlichen Familie und deren berühmten Vorfahren. Weiter hingen einige alte Kalender herum, einfach weil man zu faul war, das Zeug am Jahresende abzuhängen, oder weil sich dahinter pfundweise Geckokegel verbargen.
Den einzigen Kunstgegenstand, welchen ich je in einer reisbäuerlichen Wohnung entdeckte, war ein geschickt mit Draht zusammengeflickter alter Holzstuhl, dessen Erwerb ich eigentlich dem ‚Museum of Modern Art‘ in Chicago empfehlen wollte.

Kinder aus diesem Umfeld ohne Einführung mit beinahe sinnlosen Fragen aus der Welt der Kunst zu belästigen, betrachte ich als reinen Hohn.
Die grösste Kunst für die Kinder war es, einen Platz an der öffentlichen Schule zu erobern. Für 400 Plätze gab es damals über 600 Kandidaten.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Melamin
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Formaldehyd
(3) Mein Tagebuch / Kunst und Gunst in Hinterindien « Antworten #1135 am: 16. Juli 2010, 11:15:00 »

Der Schutzumschlag

Eine Beschreibung des Schutzumschlags der Geschichten aus Hinterindien:

Professor ‚triple u‘ sandte mir einst ein Foto aus Wettingen. Einen Schnappschuß, durch ein Schaufenster geblitzt. Trotz kleiner Mängel faszinierte mich das Bild. Die Arbeitsweise erinnerte an Arbeiten von Henri de Toulouse- Lautrec. (1)  Die Vergrößerung am Bildschirm zeigte, es ist eine Lithographie. Den Titel: “Odeon“ konnte ich entziffern. War es Abzug 142 von 300? Der Name des Künstlers blieb ein Rätsel.

Eine attraktive Frau im rückenfreien Schwarzen prägte sich sogleich ins Auge. Die herausfordernde, schwungvolle Darstellung regte meine Phantasien an. Vier bescheuerte Typen, sie lungern mit trockenen Lebern im Odeon herum, erfaßte ich erst später. Links neben der Frau, etwas im Hintergrund an der Theke, sitzt ein sich entwickelnder Glatzkopf – mit Säufernase, Schnauz und rotweissen Ringelsocken – am Abgrund. Sein Glas hält er krampfhaft am Kelch fest, nicht am Stiel. Hat er, verursacht durch reichlichen Alkoholgenuß, waren es dämliche Weibergeschichten – ebenfalls denkbar wäre eine Kombination von Bräuten und hochprozentigem Alkohol, ein übles Leiden und muß nun diskret sein Getränk aufwärmen? In Hinterindien würde ich keine Gedanken darüber verschwenden.

Zwei Herren stehen auf der rechten Seite, einer davon mit augenbeschattendem Fedora. (2) Der Hut kombiniert mit Mantel könnten auf einen Schnüffler oder Zuhälter hindeuten. Sie diskutieren wie professionelle Viehhändler am Langnauer Markt im Emmental. Thema: Vorzüge und Mängel des Objekts. Erlernte Körperkonditionsbeurteilung wie Euter, Milchleistung und Gebärfreudigkeit des Beckens. Nur der sitzende Gast rechts, läßt sich außer dem Genuß eines Glimmstengels, zwischen hinterindischem Joint bis ‚Villiger* mild‘ ist alles möglich, durch nichts ablenken. Es ist aber offen, ob er durch die Brille getarnt, gebannt auf ihr bemerkenswertes Fahrwerk starrt.

Ein flüchtiger Blick auf den Kellner, er hantiert kaltblütig am heißen Kaffeeautomaten, erinnerte mich an einen Herrn, welchen wir von Briefmarken und Banknoten kennen. Nur seine Kamera fehlt. Die Ähnlichkeit fiel mir erst beim Schutzumschlag auf, weil diese Person durch den Buchrücken vom Rest getrennt wird. (3)

Ganz rechts auf einem Tischchen steht ein Cocktailglas, in Seitenansicht ein dreieckiger Kelch, mit einer typisch grell-roten Flüssigkeit. Es löste in unserer Zweisamkeit eine Campari-Soda-Manie aus. Wir besorgten uns den Low-Alkohol-High-Preis Aperitif und fanden die entsprechenden Gläser in Chiang Mai. Auf youtube entdeckte ich die Campari Hymne mit Stephan Eicher. (4) Der minimale Unterschied:  durchs Fenster sehe ich keine zwei Turbinen, sondern die heiße Biene auf der unglaublichen Litho.

Bei der Durchsicht einiger Bilder meinte hmh, das sei der ideale Schutzumschlag für die Geschichten. Die Suche nach dem Künstler war nicht einfach. Profuuu wanderte auf meine Bitte zur einstigen Galerie. Er fand sie nicht mehr. Anstelle ewig währender Werke, bot man kurzlebige Schnittblumen, Rosen und Orchideen an. Bevor ihr teures Geld in welkendes Gemüse investiert, kauft wohlfeil ein Gemälde – wie van Goghs Sonnenblumen. Die halten erstens lange und gewinnen bereits während des Betrachtens an Wert. (5)

Ich suchte im Internet nach Galerien und Künstlern in Wettingen. Einige Adressen, darunter der unbekannte Gesuchte, sandte ich an hmh in Deutschland, der die Künstler brieflich anfragen wollte. Das war nicht mehr nötig. Nompang kannte das Bild, kannte den Künstler und war uns außerordentlich wohlgesinnt. Für mich wurde die Korrespondenz schwierig, weil ich in der Angelegenheit plötzlich drei mal Hans unterscheiden mußte, nämlich Fitze, hmh, und Nompang. (6)

Besten Dank an Hans Fitze,  Profuuu,  nompang und Hans M. Hensel.

Es wäre natürlich wissenswert, was Hans Fitze selbst über sein Werk erzählt. Vor langer Zeit befragte ich als denkfauler Ruheständler einen wortkargen Illustrator über ein Bild. Seine karge Antwort: “Wenn ich reden wollte, würde ich anstatt malen schreiben.“

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Henri_de_Toulouse-Lautrec 
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Fedora_(Filzhut)
(3)
http://www.siamstamp.com/catalogue/index.php?id=962&PHPSESSID=1eb8abb4690ecaec0471559df70bf4b5
(4)
http://www.youtube.com/watch?v=cl9DJNdteGo
(5)
http://www.youtube.com/watch?v=hFxwFGaw4wg
(6)
http://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenblumen_(van_Gogh)
(7)
http://www.hansfitze.ch/

* Familie Villiger, erfolgreiche Stumpenfabrikanten, seit 1888 weltweitem Nikotinhandel, (Die Dinger sind besser als ihr Ruf. Ich rauchte das Zeug und überlebte.) ebenfalls im Fahrradgeschäft tätig. Herr Villiger, ex. Bundesrat, schob danach schweren (Tabak)Nebel im rufgeschädigten Direktorium einer Universellen Bank der Schweiz.

Odeon
http://www.odeon.ch/de/geschichte.php