Tinnitus aurium, das Klingeln der Ohren

Ralf lag richtig mit seinem Spruch: … Low murmelt vor sich hin „früher war alles besser“.

Die Piloten, welche die Monsterdrachen steuerten, beeindruckten mich. Gekonnt nutzen sie jedes Lüftchen, um ihre teils vierzig Meter langen Objekte in der Luft zu halten. Anfänger dagegen bekundeten Mühe, ihre Drachen steigen zu lassen. Vor allem, weil die unüberlegte Konstruktion der Hangars am falschen Ort den wichtigen Bodenwind ausbremste.
Als wir zum Wagen zurückkehrten, erhielt ich klatschende, schmerzende Ohrfeigen durch die enormen Druckwellen der Lautsprecher. Es klirrte unangenehm in den Ohren. Ich erinnerte mich schnell daran, in welcher Schublade meine Gehörschutzpfropfen lagen. Die halfen kaum, denn sie waren im fernen Chiang Mai.

1990 kehrte ich von einer Asienreise in die Schweiz zurück. Irgend in einem schummrigen Getränkeschuppen, wo sich arme Frauen zwecks Wärmegewinnung, sie waren nackig, an verchromten Stangen Brüste und Unterleib rieben, holte ich mir ein Leiden. Es war keine Geschlechtskrankheit, sondern übles Ohrensausen, ausgelöst durch elektronisch erzeugte Lärmpegel der dritten Art.
Ich schmuggelte das Geräusch an nichts ahnenden Grenzbeamten vorbei in das gelobte Land, wo Greyerzer Käse und knusprige Rösti gedeihen.
Meine Kinderlein überraschten mich mit einem Willkommenslied und krähten aus vollen Hälsen. Schmerz lass nach! In meiner privaten Werkstatt standen ein Tongenerator und diverse Messgeräte, inklusive teurem Oszilloskop. Ich ermittelte Frequenz und Pegel meines Leidens und meldete mich in der Ohrenklinik.
Dem Arzt erklärte ich, ich höre dauernd eine Frequenz mit 825 Schwingungen pro Sekunde und teilte sogar die Lautstärke mit. Der Arzt fragte verwundert, wie ich auf solche Daten Zugriff habe.
Die Untersuchungen in der Klinik bestätigten meine Messungen. Nach einigen Tagen erklärten mir die Fachleute, ich hätte einen Tinnitus aurium. Behandlungsmöglichkeiten gebe es zur Zeit keine. Wenn es in sechs Monaten immer noch klingle, sei es ein chronisches Leiden.

Danach hielt ich mich von sämtlichen offensichtlichen Schallquellen, wie klirrenden Lautsprechern oder keifenden Weibern fern. Zusätzlich verzichtete einige Wochen auf jegliche Musik. Die Ohren beruhigten sich. Der Tongenerator im Kopf wurde schwächer und schaltete aus. Nach einem Jazzkonzert flötete es im Kopf für einige Stunden. Danach fand ich die Ruhe wieder.

Als wir am Flugfeld in Satun den Mitsubishi parkten, war es ruhig. Ich sass kaum im Rollstuhl, als Spezialisten der Zunft der Trommelfellzerstörungsakrobaten alle Lausprecher auf voller Leistung einschalteten. Wir fanden einen günstigen Platz am Flugfeld, weit weg vom hohen Pegel. Vor einem Jahr noch, hörte ich das Sirren, Pfeifen und Rauschen der Leinen und Flugkörper im Wind. Diesmal verschwanden die vertrauten Geräusche in einer Klangwolke aus verschiedenen Quellen.
Es pfeift noch im Kopf, nicht auf achthundert Hertz. Die Frequenz dürfte einige Kilo-Hertz betragen.

In Chiang Mai gibt es einige Kneipen mit extremen Schallwänden. Komischerweise sitzen immer wieder Gäste unmittelbar vor den stampfenden, körpervibrierenden Sub-Woofern. Entweder behandeln sie dort ihre Nierensteine durch Infra-Schall-Zertrümmerung, oder ihr halbverbranntes Wasserbüffelsteak wird durch die extremen Bässe weich und zart. (2,3)

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Tinnitus
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Subwoofer
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Infraschall

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