Gewicht aus Hinterindien

Telefonbücher sind gewaltige Verzeichnisse. Sie waren es zumindest in Europa. Wir trennen uns in diesen Tagen vom letzten Telefonbuch in Thailand. Es ist acht Jahre alt. Wir gaben letzten Monat unseren Telefonanschluss auf. Seit Jahren bezahlten wir Gebühren. Leistungen wie Verzeichnisse, gab es keine mehr. Für Anrufe benutzen wir nur noch die drahtlosen Geräte.
Anfänglich benötigte ich den Telefon-Anschluss fürs Modem zum Internet. In Chiang Mai waren Telefon-Nummern absolute Mangelware. Weil ein Wahrsager einer Freundin der gehobenen Klasse verkündete, ihre Nummer sei schlecht für ihr Karma, durfte ich erben! Doch kurz darauf gehörten solche Verbindungen zur Vergangenheit. Modems waren out und wurden gegen schnellere Router getauscht.
Telefonbücher in Thailand lesen war speziell, weil die Nummern nach Vornamen, umgekehrt polnisch – kompliziert wie alte HP-Rechner, sortiert sind. Was helfen Vornamen, wenn nur die Rufnamen wie Moo, Nok, Lek oder Dick bekannt sind?

Mowgli leidet zur Zeit als alternder Teenager an Masern. Die hoch ansteckende Infektionskrankheit betrifft vor allem Kinder. Es können zusätzlich lebensbedrohliche Komplikationen wie Lungen- und Hirnentzündungen auftreten. Darum bat ich den Jungen regelmässig die Temperatur zu messen. Mowgli kümmerte sich nicht um Komplikationen. Er war zum Messen schlicht zu faul. Im zarten Kindesalter machte ich sehr schlechte Erfahrungen.

Ich war keine zehn Jahre alt, als wir unseren ersten Telefon-Wandapparat erhielten. Er war etwas hoch montiert. Mit einem Schemel unter den Füssen konnte ich 064 246 88 wählen. Das war der Anschluss meiner Grosseltern.
Ich erholte mich von den Masern. Als letztes Kind erwischte es meine Schwester. Unsere Eltern gingen trotzdem abends in den Ausgang. Ich wusste nicht, wohin. Möglicherweise in die Stadt Bern in eine Kneipe oder ein Kino.
Das kleine Mädchen fieberte, hatte grosse Schmerzen und begann zu schreien. Stundenlang. Ich sass hilflos an ihrem Bett. Wir hatten ein Kilogramm schweres Telefonverzeichnis. Kein Mensch zeigte mir, wie man es benutzt. Die Alten lasen täglich Zeitungen und illustrierte Hefte. Nur für das Telefonverzeichnis fehlte das Interesse. Die hätten weder Feuerwehr noch Polizei rasch aufbieten können. Mit den notwendigen Instruktionen hätte ich einen Arzt oder ein Spital anrufen können. So wartete ich ungeduldig auf die Rückkehr der Eltern.
Meine Schwester erwischte es gewaltig – Hirnentzündung. Gedächtnis und Erinnerungsvermögen sind gut, besser als das meiner Nachbarn im Dorf. Aber die Beherrschung der Sprache, von Armen und Beinen, wurde erheblich gestört. Sie erholte sich nie mehr und leidet noch heute an den Folgen. Ich bedaure es ausserordentlich. Mowglis stumpfsinniges Verhalten kickte mich erneut in den überempfindlichen Hintern.

https://de.wikipedia.org/wiki/Masern

Süssholz

Als Kind mochte ich Reisen in die Stadt Bern. Sie fanden statt, wenn wir drei Sprösslinge Schuhe benötigten. Für diese Exkursionen benutzten wir erst das legendäre blaue Bähnli (1), nach einigen Wohnungswechseln das Tram.
Schuhgeschäfte waren interessant. Da gab es Maschinen, mit welchen man die in neuen Schuhen steckenden Füsse, betrachten konnte. Wenn man genau hinsah, konnte man mit den wissenschaftlich als gefährlich klassierten Strahlenschleudern, auf kleinen Bildschirmen sogar Knöchelchen ausmachen. Diese Maschinen waren offenbar spottbillig, denn kein Geschäft verzichtete darauf.
Mein Grossvater besass eine unvergessliche Anleitung, wie man sich mit leeren Zigarrenkisten Röntgengeräte bauen konnte. (2) Erst holten sich unsere Vorfahren beim Rauchen Lungenkrebs. Anschliessend betrachteten sie ihre Leiden mit selbstgebauten Aggregaten.

Der krönende Abschluss der Stadtbesuche waren jedoch nicht die neuen Schuhe, sondern die Ballone, welche an uns Kinder verteilt wurden. Mancher Flugkörper verabschiedete sich schnell Richtung Himmel. Andere platzten beim unvorsichtigen Kraulen der empfindlichen Gummihaut.
Noch heute, fern der alten Heimat im exotischen Thailand, fühle ich gerne sanfte, ballonförmige Rundungen, besonders in der Nacht. Sie erkennen sofort, wie an sich harmlose Schuhkäufe im zarten Kindesalter, meinen Charakter verdarben.

(1) https://www.youtube.com/watch?v=Xqzlm4mr-uA
(2) http://cox-radiology.org/sites/cox-radiology.org/content/e1653/e1541/e2052/e2061/e2067/addon2068/roentgentechnik-studentenkurs_ger.pdf

Überraschungen und Herausforderungen

Unsere Lebensweise in Thailand fordert uns dauernd neu heraus. Es gibt kein Zurücklehnen und Ausruhen. Dick wird andauernd von Mutter und Kindern gerupft, wie ein geschlachtetes Huhn. Die Geschwister beteiligen sich nicht an der Pflege. Geldgierig warten sie auf ihr baldiges Erbe, das jedoch vor langer Zeit öffentlich verprasst wurde. Dicks eigene Bedürfnisse und Wünsche haben keine Priorität. Sofern die Alte plötzlich Lust auf Fisch hatte, fing Dick Fische. Eine halbe Stunde später verlangte die Tochter telefonisch, Dick sollte Goon von der Schule abholen. In Satun sind wir weit weg. Forderungen, beispielsweise für getrocknete Garnelen, erfolgen nur fernmündlich.
Die Regierung der Generäle erlässt regelmässig neue Verordnungen und Verfügungen, welche drei Tage später ersatzlos verschwinden. Das Weinangebot wird im Süden bewusst verknappt. Antibiotika, Dulcolax, Heftpflaster, sowie die meisten Produkte aus Apotheken sind kriegswichtige Erzeugnisse, welche nicht in die Hände von Bombenbauern fallen sollen. Das erschwert den Einkauf von wichtigen Hilfsmitteln bedeutend. In hartnäckigen Fällen bestellte ich die benötigte Ware in Chiang Mai.

Vor beinahe einem Jahr retteten wir Dicks Mutter vor dem bevorstehenden Tod. Später organisierte Dick Pflegerinnen. Sie brachte diesen Frauen die Zubereitung von Magenschondiät bei, ohne den Ausdruck auch nur zu erwähnen. Vor einigen Monaten ging es der Alten so gut, dass sie in ihre angestammte Heimat verreisen wollte, um dort zu leben und später dort zu sterben. Die Pflegerin, eine entfernte Verwandte aus der Region, hatte keine Einwände gegen die Reise. Dick freute sich bereits auf baldige unbeschwerte Tage in Nordthailand.
Vor Jahren verletzte sie sich an der Schulter. Aus der kleinen Verletzung entstand eine unschöne Geschwulst. Ärzte begutachteten den Schaden und meinten: Abwarten. Anscheinend leidet sie nun zeitweise unter Schmerzen. Sie möchte die Schwellung in Chiang Mai entfernen lassen. Eine alte Freundin sollte sie danach betreuen und gleichzeitig den Schönheitssalon wieder aktivieren. In der langfristigen Planung war ich nicht inbegriffen.

Ein unerwarteter Paukenschlag erfolgte letzte Woche, als Mutters Pflegerin im Nachbarhaus in der Provinz Phitsanulok, eine besser bezahlte Anstellung fand. Sie kündigte ihre Stelle auf Ende Monat. Eigentlich hätte sie gerne zwei alte Weiber mit zwei Gehältern betreut. Sie kochte bereits bei den Nachbarn und brachte das Essen über die Gasse. Ein Problem ist das Trink-Wasser. Die Nachbarn pumpen mit Fäkalien und Schmutz aus der eigenen Möbelproduktion verunreinigtes Wasser. Sie benutzen keine Filter. Väter und Mütter benötigten diesen neumodischen, teuren Plunder ebenfalls nicht. Aber ihre Vorfahren hatten weder WC, TV noch Smartphones. Doch so weit zurück denken heutige 4G+ Thais nicht.

Seit dem Dicks Mutter Speisen aus der Küche der Nachbarn verzehrt, zeigen sich wieder Blutgerinnsel in den Armen und angeblich neu in einer Schulter. Heute reist sie, sofern keine inneren Organe betroffen werden, zurück in den Norden. Demnächst unbeschwerte Tage in Chiang Mai dürfen wir vergessen. Dicks zukünftige Betreuung sorgt glücklicherweise demnächst für die Mutter. Dick wird, wie in der Vergangenheit, kaum zehn Stunden pro Tag, eher bei Nacht, bei mir anwesend sein.

Mir fehlen Lust und Vergnügen, die lange Reise in das Dorf mit Alkoholikern, Denunzianten, Dieben, Drogenabhängigen, Lügnern, Mördern, Nutten, Spitzeln und Verrätern zurück zu kehren. Anfänglich war das Dorf-Leben sehr angenehm. Einige liebe Einwohner verstarben. Andere Familien zogen weg. Die Neuankömmlinge machten die Situation zusehends unheimlicher. Alt eingesessene, aalglatte, praktisch unantastbare Funktionäre eigneten sich Besitz an. So vergrösserte ein Richter sein Grundstück, indem er kurzerhand eine Wendeschleife beschlagnahmte und überbaute. Unsere selten anwesenden Nachbarn im Süden demonstrieren, wie eine echte Dorfgemeinschaft funktioniert. Das gab es vor zwanzig Jahren auch im Norden.

Paarungsversuche, – wenn das schnelle Geld lockt

Längere Zeit berichtete ich nichts über Goon. Das Knäblein ist jetzt sechs Jahre alt und sorgt allerorts für Aufsehen. Er wurde tonangebender Lego Experte und gewann in Chiang Mai viele Wettbewerbe. Er besiegte selbstverständlich zahlreiche ältere Teilnehmer.

Der Kleine musste zum Zahnarzt. Der Arzt hatte einen jungen Hund in der Praxis. Goon vergnügte sich während des Wartens wiederholt mit dem Welpen. Der Doktor freute sich, wie die beiden zusammen spielten. Nach der dritten, endgültigen Sitzung schenkte der Zahnarzt Goon den teuren Rassehund, weil der noch drei weitere Geschwister zu Hause hatte.
Goon schaute gut zum neuen Gefährten und brachte das kaum drei Monate alte Tier bei uns im Garten unter.

Im Dorf gibt es eine neue, besonders geldgierige, rein bahtistisch orientierte Familie: Mutter, Vater, elfjährige Tochter und ein Köter, eventuell mit Stammbaum. Er bepisst jedenfalls sämtliche Stämme, Bäume und Zäune.
Eines heissen Abends erschienen Mutter und Tochter bei Goons Mutter und verlangten Geld. Scheine, verziert mit Bildern des verehrten Monarchen, Baht.
„Wofür?“ fragte Goons Mutter.
„Goons minderwertiges Tier paarte sich mit unserem kostbaren Rassenhund“, behaupteten die Weiber laut keifend. „Das kostet!“
Goons Hündchen ist noch nicht aufgeklärt, lernte aber einige Tricks. Bei nicht angemeldeten Eindringlingen zerreisst es ohne langes Bellen Kleidungsstücke. Nur fliegen kann der treue Wächter nicht. Deshalb konnte das Tier das Grundstück nie verlassen. Ausgang gibt es nur in Begleitung seines Meisters. Darum wurde die freche Forderung abgewiesen. Die unbefriedigten Weiber wollten nun ihre finanziellen Ansprüche der angeblich stinkreichen Grossmutter in Satun übermitteln.

Wenige Tage später standen die zwei Weiber an der Tür zum Schönheitssalon. Mowgli, das Hirn war wie üblich ausgeschaltet, liess die zwei Frauen eintreten, ohne sich nach dem Grund des geschätzten Besuches zu erkundigen. Die beiden Damen kamen schnell zur Sache.
„Wir wollen Geld. Goons Hund fiel meine Tochter an und verletzte sie“, klagte die bescheuerte Alte.
Unterdessen fand die unverletzte, mit einem Prügel bewaffnete Tochter, das Hündchen. Sie schlug wuchtig mit dem Stock auf das kleine Tier ein. Der Hund jaulte und winselte vor Schmerz. Goon sah, wie sein Hündchen unbarmherzig misshandelt wurde.
„Unmöglich“, sagte Goon. „Mein Hund kann ohne mich den Garten nicht verlassen. Das muss ein anderer Köter gewesen sein.“
Ungerührt griff das Mädchen wieder zu ihrem Prügel und wollte erneut zuschlagen. Goon trainiert seit längerer Zeit Tae-Kwon-Do. (1) Mit einem gezielten Fussstoss nach einer rasanten Drehung, fällte der Kleine die fünf Jahre ältere, hirnlose Bohnenstange. Mowgli wurde aus seinen Tagträumen gerissen und bemerkte nur: „Goon ist noch schneller als Bruce Lee und Jackie Chan zusammen“. (2)
Die Welpenprüglerin verletzte sich beim Sturz am Kinn. Jetzt schrie sie erst recht erfolglos nach Geld. Das Duo besuchte dramatisch blutend den Dorfvorsteher. Sie wollten den bösartigen Buben verklagen. Er verursachte eine lebensgefährliche Wunde, denn im Hals sitzen ja die Schläuche für Blut, Luft, Nahrungsmittel und Stimme.
Der Mann kannte den kleinen Goon und glaubte die Geschichte nicht. Im Spital wurde die Verletzung unter dem Kinn mit vier Stichen genäht. Wir warten auf die nächsten Forderungen. 
(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Taekwondo
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Bruce_Lee

Tinnitus aurium, das Klingeln der Ohren

Ralf lag richtig mit seinem Spruch: … Low murmelt vor sich hin „früher war alles besser“.

Die Piloten, welche die Monsterdrachen steuerten, beeindruckten mich. Gekonnt nutzen sie jedes Lüftchen, um ihre teils vierzig Meter langen Objekte in der Luft zu halten. Anfänger dagegen bekundeten Mühe, ihre Drachen steigen zu lassen. Vor allem, weil die unüberlegte Konstruktion der Hangars am falschen Ort den wichtigen Bodenwind ausbremste.
Als wir zum Wagen zurückkehrten, erhielt ich klatschende, schmerzende Ohrfeigen durch die enormen Druckwellen der Lautsprecher. Es klirrte unangenehm in den Ohren. Ich erinnerte mich schnell daran, in welcher Schublade meine Gehörschutzpfropfen lagen. Die halfen kaum, denn sie waren im fernen Chiang Mai.

1990 kehrte ich von einer Asienreise in die Schweiz zurück. Irgend in einem schummrigen Getränkeschuppen, wo sich arme Frauen zwecks Wärmegewinnung, sie waren nackig, an verchromten Stangen Brüste und Unterleib rieben, holte ich mir ein Leiden. Es war keine Geschlechtskrankheit, sondern übles Ohrensausen, ausgelöst durch elektronisch erzeugte Lärmpegel der dritten Art.
Ich schmuggelte das Geräusch an nichts ahnenden Grenzbeamten vorbei in das gelobte Land, wo Greyerzer Käse und knusprige Rösti gedeihen.
Meine Kinderlein überraschten mich mit einem Willkommenslied und krähten aus vollen Hälsen. Schmerz lass nach! In meiner privaten Werkstatt standen ein Tongenerator und diverse Messgeräte, inklusive teurem Oszilloskop. Ich ermittelte Frequenz und Pegel meines Leidens und meldete mich in der Ohrenklinik.
Dem Arzt erklärte ich, ich höre dauernd eine Frequenz mit 825 Schwingungen pro Sekunde und teilte sogar die Lautstärke mit. Der Arzt fragte verwundert, wie ich auf solche Daten Zugriff habe.
Die Untersuchungen in der Klinik bestätigten meine Messungen. Nach einigen Tagen erklärten mir die Fachleute, ich hätte einen Tinnitus aurium. Behandlungsmöglichkeiten gebe es zur Zeit keine. Wenn es in sechs Monaten immer noch klingle, sei es ein chronisches Leiden.

Danach hielt ich mich von sämtlichen offensichtlichen Schallquellen, wie klirrenden Lautsprechern oder keifenden Weibern fern. Zusätzlich verzichtete einige Wochen auf jegliche Musik. Die Ohren beruhigten sich. Der Tongenerator im Kopf wurde schwächer und schaltete aus. Nach einem Jazzkonzert flötete es im Kopf für einige Stunden. Danach fand ich die Ruhe wieder.

Als wir am Flugfeld in Satun den Mitsubishi parkten, war es ruhig. Ich sass kaum im Rollstuhl, als Spezialisten der Zunft der Trommelfellzerstörungsakrobaten alle Lausprecher auf voller Leistung einschalteten. Wir fanden einen günstigen Platz am Flugfeld, weit weg vom hohen Pegel. Vor einem Jahr noch, hörte ich das Sirren, Pfeifen und Rauschen der Leinen und Flugkörper im Wind. Diesmal verschwanden die vertrauten Geräusche in einer Klangwolke aus verschiedenen Quellen.
Es pfeift noch im Kopf, nicht auf achthundert Hertz. Die Frequenz dürfte einige Kilo-Hertz betragen.

In Chiang Mai gibt es einige Kneipen mit extremen Schallwänden. Komischerweise sitzen immer wieder Gäste unmittelbar vor den stampfenden, körpervibrierenden Sub-Woofern. Entweder behandeln sie dort ihre Nierensteine durch Infra-Schall-Zertrümmerung, oder ihr halbverbranntes Wasserbüffelsteak wird durch die extremen Bässe weich und zart. (2,3)

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Tinnitus
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Subwoofer
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Infraschall

Gesteuerte Abhängigkeiten

Kleinkinder haben selten Wünsche. Die Wunschlosigkeit ist teilweise durch fehlende Kommunikation gegeben. Deshalb pflegen Eltern für ihren Nachwuchs Dinge zu erwerben, die sie eigentlich selbst begehren. Vor allem luxuriöse Dinge, die in der Nachbarschaft Neid erwecken sollten.
In meiner Kindheit baute mein Vater ein Tretauto. Es erforderte viel Kraft, den schweren Wagen anzutreiben. Nach kurzer Zeit überliess ich meinem jüngeren Bruder Lenkung und Pedale gerne.
Das erste Tretauto wurde 1853 in New York vorgestellt. In Deutschland dauerte es zusätzliche fünfzig Jahre, bis solche Wagen gebaut wurden. Sie waren realen Automodellen nachempfunden. Sie verfügten über Handbremse, Hupe, Blinker und Polstersitze.
Als Goon im Dorf ankam, besass er gleich zwei elektrische Fahrzeuge. Da war nichts für gesundes Strampeln und Treten vorhanden. Diese Automobile hatten zusätzlich eine Fernbedienung. Beim seltenen Ausgang auf den Strassen lenkten die Eltern das Fahrzeug. Stolze Kinder wurden in überteuerten chinesischen Lackkarossen sitzend ahnungslos manipuliert.

Goon durfte sich seine Bausätze mehr oder weniger selbst aussuchen. Durch das Fernsehen geschädigt, wählte er zuerst grimmig bunte Weltraummonster als Spielzeuge. Da winkte ich entschieden ab.
Er konzentrierte sich dann auf Fahrzeuge und erhielt als Geschenk der Firma zusätzlich einen Tiger. Ein Instruktor führte den Knaben mit nummerierten Bauanleitungen in die logische Konstruktion der Bausätze ein. Dafür bin ich dankbar. Mit mangelnden Sprachkenntnissen und zusätzlich klammen, zitternden Fingern hätte ich kaum helfen können. goon-lego
Aus aktuellem Anlass entschieden sich die Behörden in Chiang Mai auf Festlichkeiten wie Loi Krathong, sowie Sonntags- und Nachtmärkte zu verzichten. Hohe Einbussen im Gastgewerbe sind absehbar. Zahlreiche selbständig erwerbende Handwerker und Marktfahrer verlieren ersatzlos ihre wirklich kargen Einkommen. Vielleicht wechseln sie in den einträglicheren Drogenhandel. Dort sind die meisten Kunden ohnehin abhängig.

Blüten eines jungen Notenfälschers

Meistens fälschen junge Menschen beim Lernen eines Instrumentes unfreiwillig klassische Kompositionen. Das Notenpapier hat eine jedoch derart aussergewöhnliche Qualität, dass die Werke sämtliche Torturen von Generationen übender Musikanten unbeschadet überstehen.
Erste Werksverzerrungen erlebte ich mit annähernd zehn Jahren, als der Knabe des Nachbarn den Schneewalzer auf einer Handharmonika in Schneematsch verwandelte. (1) Später zerhackte eine Freundin, sie hiess nicht Elise, auf einem Piano Beethovens „für Elise“. (2) Solche Musikanten beginnen ihre Karrieren nicht nur als Notenfälscher, sondern auch als Falschspieler. Meine Kinder machten als geborene Künstler beim Üben keine Fehler, oder ich erinnere mich schlecht daran.

Neulich belästigte der kleine Goon mein Gehör. Er beschwatzte mich während eines lieben langen Nachmittags. Er sah beim Big C ein Lego Haus. Das sei mindestens einen halben Meter hoch und die Farbe: Lila! Kein Mensch kümmere sich um seinen Wunsch und würde dieses Haus für ihn kaufen. Er kniff und tätschelte mich.
Seine Aussagen stimmen. Seine Mutter ist Karrierefrau und kümmert sich nicht um ihre Knaben. Sie lebt nur für ihre Geschäfte.
Tischmanieren kannte der Kleine nicht mehr. Er stopfte sich den Mund voll. Danach begann er irgend etwas zu erzählen, während er, wie van Gogh in Frankreich, mit einem Messer aus rostfreiem Stahl, sein Ohr bearbeitete. Kein Wunder, weil die vorbildliche Mutter als Multitalent mit einem halben Hamburger zwischen den Zähnen, ihre teuren Smartphones der Extraklasse, kauend sprechend mit gehacktem Fleisch und Zwiebeln garniert.
Der knapp Sechsjährige brät sich Eier ganz alleine, wenn seine Betreuerin keine Zeit findet, nach Hause zu gehen und gesunde Mahlzeiten auf den Tisch zu stellen. Mama Beutelsuppen isst der Bedauernswerte mittlerweile als Trockenfutter. Das sind üble Zustände. Nicht vorhandene Behörden sollten rasch schützend eingreifen und solche Spiele verunmöglichen.​

Nach einigen Recherchen fanden wir heraus, Goon sah sein Traumhaus im Central Festival. Ich überlegte, sobald das lila Haus gebaut ist, wäre das Spiel leider zu Ende und verstaubt unbenutzt.
Dann erzählte ich dem Knaben, ich sei knapp bei Kasse. Ich hätte ihn zu einem bewaffneten Banküberfall überreden können. Aber ich war bescheiden und begnügte mich mit der Aufforderung, ein paar Scheinchen zu zeichnen, möglichst mit Werten in Millionenhöhe. Tags darauf übergab er mir fünf Scheine zu tausend Baht.
Seine Banknoten sind unzweifelhaft gut geraten. Jeder durchschnittlich ausgebildete Banker erkennt den erlauchten, heute leider verstorbenen Herrscher mit Brille. Einzig das ungewöhnliche Format, A4, verrät den Fälscher als Anfänger. Das gesammelte Papier investierten wir in Lego. note2

Den wichtigsten Arbeitsschritt unterliessen wir. Professionelle hinterindische Notenfälscher patinieren ihre Erzeugnisse mit schmutzigen Schweissfüssen. note1

(1) https://www.youtube.com/watch?v=a-G9DakCe5M
(2) https://www.youtube.com/watch?v=hsi0i1jIzIM