Über Low

Versehentlich erblickte ich das Licht der Welt in Bern. Als Kind futterte ich zähe Enten, welche mein Vater eigenhändig vom Teich am Weltpostdenkmal mietete. Trotz Prügeln und anderen Schicksalsschlägen baute ich Häuser, pflanzte Bäume und zeugte mindestens zwei Kinder. Seit über 10 Jahren lebe ich in einem Dorf in Nordthailand und beobachte mit einheimischen Assistentinnen aufmerksam, wie der Reis wächst. Darüber berichtete ich in den "Geschichten aus Hinterindien", http://www.forumthailandtip.com/index.php?topic=1225.0 und neu in hinterindien.wordpress.com. Low, Geschichten aus Hinterindien. Zenos Verlag, Segnitz bei Würzburg, 2011, 416 Seiten, 29.80 Euro, ISBN 978-3-931018-22-1

Ich wollt ich wär ein Huhn

Am Ende des Tagewerks legte ich geschwind ein Ei. Danach wälzte ich mich ins Bett. Hüpfen kann ich als Paraplegiker nicht. Es war um Mitternacht, also Geisterstunde. Offenbar hatte ich Besuch von einem besonders bösartigen, unsichtbaren Gast. Ich versuchte, meine Beine so zu lagern, dass sich keine Knochen auf Knochen rieben. Denn das führt zu Dekubitus-Geschwüren, welche schlecht heilen. Beim Zurechtbiegen der Beine knallte es in meinem rechten Oberarm. Eine Riesendetonation mit Feuerwerk – Zerrung.
Diese war besonders schmerzhaft. Ich schrie, volle Lautstärke, geschätzt während einer halben Stunde. In Wirklichkeit waren es einige Sekunden. Meine Helferin räkelte sich bloss wenige Meter entfernt in der Badewanne. Sie hörte mich nicht. Ich hätte ihr Smartphone aktivieren müssen. Nur darauf sind die Sinne heutiger Generationen geschärft, – eine zeitgemässe Abart selektiver neurodegenerativer Krankheiten. Althergebrachte Kommunikationsfähigkeit ist bei jungen Menschen meist nicht mehr vorhanden. Sie verspeisen lauwarmes Zeugs, meist mit einem technischen Gerät, einem Mikrowellengenerator, in der Nähe ihres Nahrungseinwurfs. Diese Menschen könnten mit Infusionen überleben, beispielsweise mit Ovomaltine im Mastdarm.

Der nächste Morgen lächelte mir unfreundlich ins Gesicht. Mein rechter Arm war gelähmt, unbrauchbar. Dick half mir den extrem langen Weg, die wenigen Zentimeter, vom Bett in den Rollstuhl zu überwinden.
„Ich habe zwei Haltegriffe – am Kopf, die Ohren. Oder reiss mich am Sack! Aber bitte, berühre meinen Arm nicht, der ist wie ein Behälter voller stichbereiter Wespen.“
Dann fand ich heraus, dass ich einarmig weder Laptop noch Smartphone benutzen konnte. Irgendwie musste ich mich im Rollstuhl festhalten. Weitere Unfälle durfte ich mir nicht erlauben. Getränke mischen, Dosen öffnen – unmöglich. Dick mixte schmerzmildernde Maracuja-Cocktails.
Ich lernte schnell, einhändig im Haus zu rollen. Kalkulierte zickzack-Kurse wie ein Segelboot, leider ohne Wind, erlaubten beinahe beliebige Ortswechsel. Im Badezimmer bemerkte ich, einarmiges Händewaschen ist leider Illusion. Ich folgerte, die nächsten Tage wäre es wohl unmöglich, mich aufs WC zu setzen. Karge Mahlzeiten mussten entsprechend angepasst werden.
In der Schweiz gibt es problemlos Pflegemöglichkeiten für solche Patienten und Situationen. Meine Unfallversicherung hätte die hohen Kosten, ungefähr 1‘500 Fr. pro Pflegetag, diskussionslos vergütet. In Chiang Mai haben sogar private Krankenhäuser keine Spezialmatratzen für Paraplegiker. Ich hätte sie, die Matratze, mitbringen müssen. Meine angepasste, verpisste Unterlage wurde durch geistige Armleuchter, meist nicht eingeladene Besucher, zerstört.

Erlebten sie bereits die Annehmlichkeiten von Luxus-Wohlfühloasen? Da gibt es weder Wasserknappheit, noch Stromausfälle. Notstromgeneratoren und Ersatzpumpen sind genau so vorhanden, wie Heerscharen von Technikern, Köchen, Servicepersonal und freundlich assistierenden Managern, geschult und trainiert für sämtliche denkbaren Ereignisse wie Weltuntergang. Für diese Berufsgattung, wandelnde Kleiderständer von Armani, Boss, an solchen Orten kein Problem. „Madame, darf ich ihnen auf Kosten des Hauses ein Glas Champagne anbieten?“

Meine Oase hat Ersatzteile. Ganze Pumpen und Generatoren fehlen, weil es keine Service-Techniker gibt. Der beste Generator müsste regelmässig benutzt und gewartet werden. Ohne elektrischen Strom, fliesst kein Wasser, denn die Pumpe streikt.

Ich klärte meine irdischen Heerscharen, bestehend aus drei Personen, auf:
„Am späteren Nachmittag am Samstag muss ich unbedingt aufs WC. Der Kot steht bereits am Pegelmesser, dem Halszäpfchen. Da gibt es im Garten keine Wasserspiele oder Experimente mit Elektrizität. Wenn ihr euch unbedingt umbringen müsst, benutzt Seile. Nach mehreren überaus schmerzhaften Tagen, möchte ich mich in aller Ruhe reinigen und duschen.“

Die Sklaven waren mit dem Entfernen von Ästen im Garten beschäftigt, während ich langsam genüsslich meinen Darm entleerte. Ein halber Baum krachte gezielt auf einen Wasseranschluss ausserhalb des Hauses und entfernte durch einen einzigen Schlag eine ganze Batterie von weiteren Anschlüssen. Wasserspiele, Springbrunnen. Dick musste die Wasserpumpe ausschalten. Ich sass sauber eingeseift, die Haare lagerten in biologischem Aktiv-Schaum, auf dem WC und wartete gespannt auf einige Tropfen Wasser.
Irgend ein möchtegern Farb-Spezialist bekleckerte die Wasserleitung mit möglichst viel Anstrich. Andernfalls wäre das Anleimen eines provisorischen Verschlusses in Minuten erfolgt.
Wohlgeseift, Low, gackernd.

Gift in Lebensmitteln

Es gibt romantischere Gefühle im Leben, als sich mit Bauchkrämpfen und Durchfall zu verlustieren.
Vor fünfzig Jahren waren Kühlschränke noch nicht so verbreitet wie heute. Dennoch durfte man ohne Befürchtungen an den meisten Orten herzhaft futtern, sich den Magen vollschlagen.

Meine Grosseltern lebten ein ganzes Leben ohne Kühlschrank. Grossmutters Küche war so berühmt, wie Grossvaters Blauburgunder, auch wenn ihre Kinderlein nach genossenen Festessen darüber im Versteckten schnödeten.
Filet Wellington, ein Fleischgericht, das angeblich vom Schweizer Küchenchef Charles Senn anlässlich der Zürcher Internationalen Kochkunstausstellung 1930 kreiert wurde, kannte Grossmutter nicht. Hamburger, Hot Dogs und Hummer stellte sie nie auf den Tisch.

Vor einem halben Jahrhundert durfte man sich in Indonesien das warme Bintang Bier mit den wenigsten Schleiern und Fäden in der Flasche persönlich aussuchen. (1) Probleme mit dem fremdartigen exotischen Getränk kannte ich nicht. Heute ertrage ich die meisten Biere in Thailand nicht mehr. Chemische Hilfsmittel mag mein Magen nicht.

Im Norden verdaue ich die meisten Gemüse schlecht, weil zu viele Chemikalien zum Anbau verwendet werden. Dick geht es ähnlich. Im Süden ist es besser, sofern wir Grünzeug nicht in Grossmärkten erwerben.
Aus Profit-Gründen werden vielen Lebensmittel Schönmacher-Chemie beigefügt. Fisch, Fleisch und Gemüse werden mit hochgiftigem Formol bespritzt. Auf zahlreichen Fischkuttern gibt es nicht nur Eis und Kühltruhen. Trotz Kälte-Technik wird zu oft zur Formol Flasche gegriffen. Selbst in Australien erkrankten Menschen nach dem Genuss von Dosen-Thunfisch aus Thailand. (2)

Ich litt öfters nach Fisch-, oder Garnelen-genuss. Die Gemüse des Nordens lösen Blaskonzerte aus, letztmals teure japanische Gurke. Wir sahen zu, wie Chemie in verkäferte Reissäcke gespritzt wurde.
Nach dem Verzehr von Brot von RimPing, damals aus der Nim City, war mir mehrmals übel. Wahrscheinlich spritzten hirnlose Hilfskräfte Chemie in von Motten und Würmern verunreinigtes Mehl. RimPing schloss die betriebseigenen Bäckereien.

Als wir von Satun nach Chiang Mai kamen, durfte ich bei der Immigration in Promenada schnellstens meine Adressänderung melden. Da wir keine grösseren Vorräte im Haus hatten, benutzten wir die Gelegenheit zusätzlich für einige Einkäufe bei RimPing.
Ich erinnere mich an meinen ersten Thailand Aufenthalt. Jeder Tag brachte neue, teilweise duftende Erlebnisse. Ganz neu für mich war damals der Duftreis, Hom Mali, ein überwältigendes Erlebnis. In den letzten zehn Jahren fanden wir keinen guten Duftreis in Thailand, oder es war importierter Basmati Reis aus Indien.
Wir benötigten Reis. Die Auswahl war nicht besonders vielfältig. Eine Marke war, „Königlicher Schirm“ – Hom Mali. Die füllten nur Reis in den Sack und vergassen den Duft. Das Kochen erregte die Geschmacksknospen nicht. Einige Stunden nach dem Genuss wurde mir übel. War es das Fleisch, war es das Gemüse, der Salat oder gar der Wein?
Am Tag darauf verarbeiteten wir die Reste zu Bratreis. Wir gaben feingeschnittene Omelette-Julienne, angebratene Fleischstücklein, Gemüse und Kräuter in die Bratpfanne mit dem Reis. Wieder wurde mir schlecht danach. Dick zeigte ähnliche Symptome. Das Badezimmer hatte starken, vor allem schnellen Zulauf. Fortan ernährten wir uns von Kartoffeln, Mais und Pasta. Wir vergassen den Reis im Schrank. Wir konnten es kaum glauben, verseuchter Reis, eine grosse Marke, aus einem angesehenen Geschäft – vergiftet?

Anfangs Woche brachte Dick unsere Vorratsdose mit dem zweifelhaften Reis der Hilfskraft im Schönheitssalon. Gleichzeitig warnte sie die Empfängerin, der Reis könnte Bauchgrimmen auslösen, etwa im Tonfall, in welchem ich in der Schweiz jeweils Fliegen- oder Knollenblätterpilze verschenkte. (3,4) Innerhalb weniger Stunden erkrankte die Köchin. Sie erbrach und hatte Durchfall. Einerseits war mein Forschergeist befriedigt. Andererseits bedauerte ich die Erkrankte und spendete grosszügig Medizin. In der Schweiz dagegen hätte eine Probe beim Kantonschemiker einen Skandal ausgelöst.
Der Nicht-Duftreisfabrikant hätte mir einen Lamborghini oder Maserati vors Haus stellen müssen. Im LOS pfeife ich – nein – scheisse ich, auf oder in Lamborghini oder Maserati und fahre demonstrativ Mitsubishi.

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Multi_Bintang_Indonesia
(2) https://www.news.at/a/thunfisch-dosen-soziales-elend
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Fliegenpilz
(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCner_Knollenbl%C3%A4tterpilz
(hinterindien) https://hinterindien.com/2016/04/14/qualitaet-der-lebensmittel/

Vorsicht: Elektrischer Strom, Lebensgefahr

Solche Warn-Schilder sind in Thailand Mangelware. Letzte Woche gab es vermehrt tödliche Unfälle mit elektrischem Strom. Anlässlich der Ordination eines Mönchs trugen vier Personen abgestufte, fünf Meter hohe Schirme. Starke Windstösse führten zu Kontakten mit Stromleitungen. Zwei Menschen starben sofort.
Low kann nicht genug auf die Gefahren hinweisen, denn die Installationen werden nur selten durch Fachleute ausgeführt. Da kommt es häufig vor, dass Steckdosen falsch angeschlossen sind und zusätzlich der Erdleiter fehlt. Lebensgefährlich sind Durchlauferhitzer in Badezimmern, sofern diese Geräte nicht geerdet sind. Sollte die ewige Liebe nicht bestand haben, sind eine Badewanne und ein Haartrockner oft wesentlich schneller und preisgünstiger, als eine Scheidung. Ich benutzte in Thailand vor zwanzig Jahren Lüsterklemmen, um Leitungen zu verbinden. Der Thai-Standard ist noch heute: Verdrillen der Leiter und mit viel, möglichst farbigem, Isolierband umwickeln.

Bauarbeiter benutzen ihre Maschinen häufig ohne Stecker. Stecker brechen beim Draufstehen mit schweren Schuhen, oder beim Fallen lassen aus grosser Höhe. Das Anschrauben von Steckern an die Kabel der Werkzeuge wird als mühsam empfunden. Die Drähte werden lieber lose in die Verteilerdosen gesteckt. Eine weitere Untugend dieser Überlebenskünstler ist das Abändern drei-poliger Schutzkontakt-Stecker. Die Erdverbindung wird gedankenlos entfernt. Dann passt der Stecker ebenfalls in alte, zweipolige Steckdosen.

Eine Skizze mit drei Elementen, wie Stecker, Lüsterklemme und Lampe zeigt, wie die Einheiten richtig verdrahtet werden. Im ersten Fall besteht auch ohne Lampe in jedem Fall ein Kurzschluss. Das war einst ein Meisterstück meines Vaters. Dass das nicht funktionieren würde, begriff ich schneller als Einsteins Relativitätstheorie.

Das morsche Brett vor dem Haus mit den Strom- und Telefonanschlüssen löst sich vom Mast. Wir reklamierten vor drei Jahren. Nichts geschah. Die Drahtquerschnitte sind ungenügend. Wir bezahlen den Spannungsabfall und die resultierende Verlustleistung.

Blumen, Gurken, Einbrecher und Spezial-Ermittler

Auf der letzten Etappe der Reise von Satun nach Chiang Mai erhielt Dick den Anruf einer Nachbarin aus der Gegend des Gästehauses. Die Frau berichtete, Einbrecher hätten in der Nacht die Wand über den Küchenfenstern zerstört und seien auf diesem Weg in das Haus eingedrungen. Ich lachte kurz und erklärte Dick:
„Die müssten ja total blöd oder besoffen sein, um über den Fenstern ins Haus einzusteigen, wenn sie mit einem einzigen Hammer-Schlag das gesamte Glas entfernen können!“
Nachforschungen ergaben, im Haus fehlte nichts. Die Decke war unversehrt. Die Fassade war eindeutig beschädigt.

Es gab eine ums Haus rankende Pflanze. Nach einem Jahr erfreute sie uns mit wunderschönen Blüten. Einige Jahre später gediehen aus den Blumen gurkenartige Früchte. Kein Mensch wusste, was es war. Während unserer Abwesenheit rankte sich das Pflänzchen über die Küchenfenster empor und fixierte sich an der Verkleidung darüber. Starke Sturmwinde rissen des Nachts die Pflanze samt Gemüse und Fassade hinunter. Eine Holzkonstruktion, sie hielt die Teile einst zusammen, war teils verfault, teils von Insekten gefressen. Dick war mit der Krankenpflege einer anspruchsvollen Patientin mehr als beschäftigt. Die zusätzliche Bauüberwachung war ein angenehmer Zeitvertrieb.

Die ungestümen Arbeiter, mit mehr Kraft als Hirn, mussten überwacht werden. Die hätten gleichzeitig mit dem schadhaften Holz zusätzlich problemlos das halbe Dach entfernt. Ein Stück Wasserleitung mit Ventil, dazu eine Gartenbeleuchtung wurden geopfert. Während vier Tagen wurde sorgfältig Holz entfernt. Danach schweissten die Spezialisten Stahlprofile an, ohne dass die Hütte Feuer fing!

Zufälle gibt es kaum. Am Tage, als unsere unzufriedene Kranke freiwillig verreiste, feierten die Arbeiter abends an den Steintischen im Garten des Gästehauses mit Lao Khao. Der Grund war nicht der Abgang der Alten, aber am folgenden Tag würde die Reparatur abgeschlossen. Nach unserem obligaten Kokoswasser-Cocktail sagte Dick:
„Ich gehe zum Gästehaus, schmeisse die Säufer hinaus und schliesse ab.“ Danach begann für mich eine endlose Wartezeit.

Dick war kaum bei den fröhlich Feiernden, als vier uniformierte Militärpolizisten eintraten. Sie grüssten und meldeten: „Drogenkontrolle!“
Dick wurde einmal mehr des Handels bezichtigt. Die Einsatztruppe kontrollierte Ausweise. Jeder pinkelte. Die Analysen waren negativ. Gründlich Spurensuchen im ganzen Haus verliefen ergebnislos. Die Beamten waren freundlich und schenkten den Feiernden zusätzliches Bier.
Dick fragte: „Wer machte die Anzeige?“
Der Leiter der Spezialisten aus Bangkok sagte grimmig ein Wort: „Familie.“

ASEAN – Strassenverkehr, nette Verpackung ohne Inhalt

Was da schon alles diskutiert wurde ist phantastisch. Beispielsweise: ein einziges Visum für mehrere Länder. Die Realität zeigt das Gegenteil. Thailandbesuche wurden in den letzten Monaten härter reglementiert. Terrestrische Reisen werden gedämpft, ja bekämpft. Der Luftverkehr ist bevorzugt.
Im eigenen Fahrzeug nach Singapur zu reisen, ist kaum empfehlenswert. Das Fahrzeug spätestens in Johore Bahru stehen lassen!
Ich kannte die Strassen und Länder Europas während fünfzig Jahren. Die grüne Haftpflichtversicherung war in den meisten Ländern gültig. Nur einmal sassen wir am Ende der sechziger Jahre wartend an der Grenze zwischen Jugoslawien und Ungarn. Der Einreiseentscheid fiel in Budapest.

In Hinterindien sieht es anders aus. Grenzübertritte mit Fahrzeugen benötigen viel Zeit und Geld für Kleinigkeiten wie Versicherungen. Es gab, gibt, sogar Grenzübergänge, die kannten Nachtruhe und Mittagspause. Erst gestern verordnete die Regierung Thailands die Schliessung von sechs Grenzübergängen in Sungai Kolok nach Malaysia.
In Satun wohnen wir zwanzig Minuten von Malaysia entfernt. Wir querten die Grenze öfters für Einkäufe im Niemandsland. Darum bemühten wir uns für internationale Reisedokumente fürs Fahrzeug. Es gab sogar internationale Nummernschilder. Sie wurden uns nach Satun nachgesandt. In Malaysia werden schlechter vorbereiteten Thais bedruckte Kleber als Nummernschilder abgegeben.

Was wir nicht wussten war, es ist in Thailand nicht gestattet, mit einem internationalen Thaischild herum zu fahren. Ganz nach Schildbürgerart müssen die Nummernschilder nach jeder Rückkehr ins Land gewechselt werden. In Satun kümmerte sich niemand um Nummernschilder. Wir reisten problemlos über eintausendsiebenhundert Kilometer in den Norden. In Chiang Mai wurde Dick in der Nähe der Airport Plaza geblitzt. Sie erhielt einen eingeschriebenen Brief mit Bild. Sie wurde gebeten, die Schilder zu wechseln und für das anstössige Vergehen gegen die amtlichen Verkehrsregeln zweitausend Baht zu bezahlen. Das Schild konnte trotz aller Schwierigkeiten von instruierten Fachleuten gelesen werden und führte zur Ermittlung der Fahrzeughalterin. Aber es hätte ebenfalls zu einem schweren Verkehrsunfall führen können…..

Wir sandten die Hausschlüssel in den Süden und baten Freunde, uns die gebräuchlichen Thai-Schilder zuzustellen. Am Montag oder Dienstag werden sie montiert. Danach muss der Wagen von Beamten der Dienststelle neu begutachtet werden.

Als das Fahrzeug neu war, hatte es rote Nummernschilder des Verkäufers. Wir wollten nach Nong Khai reisen. Dafür durften wir eine offizielle Genehmigung des Amtes einholen! Grenzenlose Freiheiten für Schildbürger.

Das war’s dann wohl… Misstritte

Während Jahren organisierten wir Betreuung und Pflege für Dicks Mutter. Ich finanzierte das Ganze, um den Seelen-Frieden in Satun geniessen zu können.
Alleine die letzten drei Wochen war die Frau dreimal in Krankenhäusern. Mowgli, Dicks Freundin und Dick selbst setzten sich rund um die Uhr, ebenfalls im Spital, für die Alte ein. Die anderen vier Kinder hatten weder Interesse oder Geld, noch Zeit für ihre Mutter.
Am Dienstagnachmittag wurde die Patientin entlassen. Der Arzt erklärte, die Umstellung von Spritzen auf Pillen könne Erbrechen auslösen. In der Nacht war Dick beschäftigt, Mütterlein von Rotz, Kotz und Scheisse zu säubern. Gegen Mitternacht kam sie erschöpft zurück.
Zwölf Stunden später war alles anders. Mutter schrie lauthals, sie wolle sofort nach Hause. Sie habe genug vom minderwertigen Gesindel in ihrer unmittelbaren Umgebung. Man betrüge und bestehle sie. Anstatt in eine Erstklasse-Klinik wie Chiang Mai RAM, bringe man sie in ein drittklassiges Provinzspital. Dick fehle jeglicher Respekt, vor allem Finanzen für ihre schwerst kranke Mutter. Jeder bekam sein Fett weg, die Betreuerin, sogar Enkel Mowgli, der wirklich sein Bestes, vor allem lange -schlaflose Nächte, für die launige Alte gab.
Dick war tief getroffen. Sie verlor die Kontrolle über ihre Blase. Sie wollte sich umbringen. Ich war erschüttert, obwohl mir die heimtückischen Attacken der bösartigen Hexe bekannt waren. Diese jahrelange Gehirnwäsche war perfide. Dick litt anfänglich gemäss Schwester und Schwager unter Migräne-Anfällen. Migräne war es nicht. Ich brachte meine neue Partnerin während mehr als einem Jahr regelmässig in psychiatrische Behandlung. Sie hatte grosses Glück, denn die Chef-Ärztin behandelte persönlich.

Ihre Mutter vergass, dass die chirurgischen Eingriffe im RAM Spital durchgeführt wurden. Von diesem Krankenhaus wurde sie dann an das Nakornping Hospital überwiesen. Die Ärzte waren dieselben. Nakornping entschied später, die Patientin nach Hang Dong zu überweisen.

Wenn ein Kranker aus sämtlichen Löchern übel duftenden Ausscheidungen von sich gibt, ist es weitaus klüger, die nächstgelegene Hilfsstelle anzupeilen, als Stunden im Fahrzeug im Verkehr zu stecken, nur um eine renommierte Klinik aufzusuchen.

Eine Tochter lebt in der Nähe von Phitsanulok. Sie vergiftete Mutter zweimal – mit von Laien hergestellten Natur-Heilmitteln. Das zweite Mal brachte sie die Sterbende eigenhändig in das Krankenhaus in Hang Dong. Als es schlussendlich ans Bezahlen ging, fehlten der ehrbaren Tochter viertausend Baht. Sie borgte sich die Summe von unserer zufällig anwesenden Erzfeindin. Danach setzte sie sich schnellstmöglich nach Phitsanulok ab. Wir erfuhren diese Geschichte grinsend in Satun. Zähneknirschend überwiesen wir die Summe in den Norden.

Diese liebenswürdige Tochter bereitete nun Mutters schnelle Abreise vor. Vor etwa einem Jahr sollte Dicks uraltes Fahrzeug in Phitsanulok verkauft werden. Die Käufer wollten das Fahrzeug eigentlich, nur bezahlen wollten sie nicht. Deshalb wurden die Ausweise nie übertragen.
Ein wohlgeratenes Söhnchen dieser Tochter benutzte seither ohne jegliche Erlaubnis den Wagen. Er sollte mit dem fast dreissig jährigen Klapperkasten Grossmutter abholen. Der Sohn hat keine Fahrbewilligung. Es gibt keine Versicherung für das Fahrzeug. Seit Jahren wurden keine Steuern bezahlt. Wartungsarbeit ist für den Knaben ein Fremdwort. Arbeit sowieso.

Der Fahrer setzte sich mit Familie, hochschwangere Frau, in kürze dürfte sie zwanzig sein, mit drei jähriger Tochter, in Bewegung. Wie er die zahlreichen Kontrollstellen umging, dürfte sein Geheimnis bleiben. Es wäre für Dick sehr teuer geworden. Als erstes nahm sie dem Fahrer nach der Ankunft den Fahrzeug-Schlüssel ab und versteckte den noch fahrbaren Untersatz im Dorf. Zwei Tage später reiste die Familie per Bahn zurück. Ein weiser Spruch aus der Schweiz heisst: Der Kluge reist im Zuge!

Die unfreundliche Alte lebt nun für einige Tage bei einer andern Tochter in Chiang Mai. Aus Trotz liess sie ihre Medikamente bei uns liegen. Benötigt sie die teure Chemie wirklich nicht?
Sie verhöhnte unsere Fürsorge und kaufte vor dem Schönheits-Salon demonstrativ Klebreis und andere Delikatessen von einer Lieferantin auf einem Motorrad. In zwei Tagen soll sie in ihre Heimat gefahren werden. Hoffentlich schafft sie es! Von mir gibt es jedenfalls keine Hilfe, Unterkunft, Satang oder gar Baht mehr.

Luftgetrocknetes Fleisch

Vergessen sie die an der tropischen Sonne röstenden, importierten Fleischmassen aus aller Welt, von Hua Hin, Pattaya , Phuket und an all den unbekannten, dennoch vorhandenen Stränden Thailands.
Zurück im Dorf in Nordthailand schätze ich vor allem die Ruhe vor dem Verkehrslärm, nur unterbrochen vom Bellen und Heulen zahlreicher Hunde. Unsere Nachbarin, die Krankenpflegerin und eifühlsame* Allein-Unterhalterin älterer, zahlungskräftiger Herren in gediegener Umgebung, besitzt vierzehn Köter. Die Ärmsten sitzen gedrängter als Legehennen in Batterien, ich meine nicht die geilen Alten.

Weiter lobe ich, ja ich singe einen Psalm, auf die verschiedenen Schinken aus Italien. Da gibt es ebenfalls die edlen, luftgetrockneten Varianten. In der Schweiz kannte ich früher nur das Bündnerfleisch, luftgetrocknetes Rindfleisch, mehrheitlich importiert von Südamerika, aus dem Bergkanton mit viel frischer Luft. Seit Jahren wird industriell dünne, trocknende Gebirgsluft mit Hilfe von Vakuumpumpen erzeugt. Gestern liess ich mir einen Hauch von zartem, aromatischem Trocken-Fleisch auf der Zunge zergehen. Dabei erinnerte ich mich an eine banale, alte Geschichte.

In der Nähe meines Arbeitsplatzes an der Universität gab es eine Metzgerei. Eines Tages stand eine Tafel neben dem Eingang. Mit Kreide war darauf gekritzelt: Rohess-Speck. Das war offenbar luftgetrocknetes Schweinefleisch.
Damals arbeitete ein Student aus Ungarn im Labor. Seine deutsche Sprachfähigkeit war umwerfend komisch, beinahe operettenhaft. Dem jungen Mann fiel die Anzeige des Metzgers ebenfalls auf. Er meinte zu mir:
„Ich nichd gewust chaben, das man rohess Speck mit drei S schreibt!“*

*Beabsichtigte Schreibfehler