Hundert Tage

Mehr als hundert Tage in Hotels leben, schlägt irgendwann, irgendwo, irgendwie auf das Gemüt. Darum sind wir froh, wenn wir nun wieder unter einem eigenen Dach prügeln, kochen, lieben und schlafen dürfen.
Unsere Herbergen waren nicht billigst Absteigen, mit kiffenden Alkoholikern, leichten Mädchen und schweren Jungs. Dennoch prägen nicht nur das Personal, sondern ebenfalls die Gäste die Hotels.
Heutzutage können sich Menschen mit Geld, ohne Spuren von Manieren, anstelle von Bildung bloss Einbildung, in exotischen Edelherbergen einquartieren. Sie demonstrieren stolz ihre Empfindung, die Gegenwart sei vor Allem eine Frage des verfügbaren Kapitals. Sie erlauben sich alles. Häufig duften Nichtraucherzimmer nach Tabak, in Ausnahmefällen nach gefälschtem, französischen Parfum, vermischt mit dem Mief von heissem, hauchdünnem Latex!

Gediegene Restaurants mit Selbstbedienungs-Buffets werden zu schmutzigen, lärmigen Markthallen. Tücher, Besteck, Essen, Zigarettenstummel, malerische farbige Sorbet Resten, neben Bier-, Schnaps und weiteren Getränkepfützen, zieren die Böden. Tische und Stühle sind mit streng riechenden Saucen wie Sambal Blachang, Knoblauch-Ketchup, oder klebrigen Süssigkeiten verschmiert. Die Unterseite der Tischblätter sind bunte Alben diverser Kaugummi-Marken.
Auf Tischen türmen sich halbvolle Teller und Gläser, während rülpsende Gäste erneut frisch zubereitete Delikatessen heranschleppen. Das überforderte Personal, durch abstossendes Verhalten abgebrüht, leistet nur noch Notfalldienste. Verstreuter Zucker, kullernde Pfefferkörner, vermanschte Gurken und Peperoni, sind noch lange kein Grund, reinigend einzuwirken. Schmutziges und sauberes Besteck geraten in der Hektik durcheinander. Messer werden beim Bereitstellen an den Klingen angefasst. Fade Suppen werden durch ungewaschene Finger gestresster Kellner in der Brühe nicht aromatischer.
Sämtliche Fenster, Spiegel und glänzenden Flächen, in jedem öffentlich begehbaren Raum, in Einkaufsparadiesen und auf Flughäfen, sind mit reizvoll schmierigen Fingerabdrücken übersät. Kinder bearbeiten die Flächen meisterhaft vom Boden bis auf etwa hundertfünfzig Zentimeter Höhe. Erwachsene schaffen daumenpressend, händeringend auf Zehenspitzen das Doppelte.
Menschen, welche keine freien Flächen für Schmutz und Bakterien finden, besitzen als Sammelobjekte dafür, glücklicherweise Smartphones. Eines Tages könnten diese Dinger aus hygienischen Gründen verboten werden.Satun401 Seit letzter Woche lebten wir wieder in einem äusserst bescheidenen Häuschen auf dem Lande, fünf Zimmer, zwei Küchen, drei Badezimmer und spärlichen Fingerabdrücken.
Echtes Vogelgezwitscher aus reichlich Natur hob die nicht vorhandene, vorweihnachtliche Stimmung. Irgendwie wurden wir abhängig. Am Mittag, es war finster wie im Magen eines, mit geschlossenen Augen dösenden, südthailändischen Wasserbüffels und es goss aus Milcheimern, reisten wir freiwillig ins Hotel nach Kuah zurück – für zwei Nächte.

Fassungslos, erschüttert

Möglicherweise wiesen meine Beiträge in den letzten Wochen mehr Fehler auf als üblich und waren weniger Verständlich formuliert. Mein Internet Freund, Kommentator und Korrekturenspezialist aus Deutschland, teilte mir Anfangs November mit, er sei krank. Leider vernahm ich nichts mehr von ihm. Nachtfalter22

„Lieber Freund,
ich danke Dir für Deine Hilfe und Unterstützung während vielen Jahren.
Ich vermisse Dich.“

Ein schwerer Schlag. Hinterindien verlor fünfundneunzig Prozent der qualifizierten Mitarbeiter.

Endlose Plackerei (mit Rosinen)

Im Dorf an den Reisfeldern versuchte ich, Selbständigkeit zurück zu gewinnen. Physiotherapeuten im Spital, Masseusen aus der näheren Umgebung, unterstützten mich.
Mit der linken Hand konnte ich keine Dart-Pfeile werfen. Die Distanz war zu lang, das Ziel zu hoch. Ich übte während Monaten. Bevor mir die Zielscheibe samt Pfeilen gestohlen wurden, traf ich wieder. Leider keine ausgewählten Ringe.

Im November sass ich im Wohnzimmer bis zu den Knien in den Fluten einer ortsüblichen Überschwemmung. Ernsthaft stellte ich mir die Frage, wie verrichten Damen von Welt, oder Gentlemen, in dieser Situation die Notdurft, denn die ganze Wohnung hat Badezimmer-Pegel. Besitzer eine Flügels von Steinway & Sons könnten ihr Geschäft diskret hinter dem Instrument verrichten. (1)
Einige Wochen zuvor dachte ich daran, das Häuschen auszubauen, ein rollstuhltaugliches Badezimmer und eine kleine Terrasse als Esszimmer zu errichten. Nach der Flut plante ich einen Neubau, mindestens einen Meter über dem Strassenniveau. Ich zeichnete Pläne und konstruierte ein behindertenfreundliches Gebäude mit leichten Steigungen, ohne Schwellen und verkehrsbremsende Türen. Für die Fussgänger gab es unvermeidliche Treppen. Für mich dreissig Meter Umweg. 2004 Haus 141 Das Haus steht und ist seitdem meine bevorzugte Unterkunft, das beste Hotel Asiens.
Weil ich nun fast während des ganzen Jahres in Chiang Mai lebte, litt ich zunehmend unter dem kühlen Winterwetter. Die Temperaturen fallen nachts manchmal im Garten unter zehn Grad Celsius. Mit elektrischen Heizkörpern, konnten wir bloss ein kleines Zimmer wärmen.

Letztes Jahr verreisten wir nach Sabah, bevor es grimmig kalt wurde. Danach wollte ich eigentlich im Raum Singapur – Malaysia überwintern. Kurzfristig konnte ich die notwendige Medizinaltechnik nicht erwerben. Zwangsläufig reisten wir am 19. Januar nach Chiang Mai zurück. Am 20. Januar erlebte ich ein böses Erwachen. Die Kälte lähmte mich. Die Schmerzen waren unerträglich. Ich begann den grössten Fehler meines Lebens: Ich schonte mich. Innerhalb weniger Wochen waren meine Muskeln verschwunden. Ich schaffte die lebenswichtige Strecke vom WC in den Rollstuhl nicht mehr. Ich konnte weder Flaschen noch Getränkedosen öffnen.
Masseusen verschlimmerten meine Leiden, weil sie versuchten, die Gelenke zu behandeln. Die Beste und Teuerste versuchte es mit heissen Umschlägen, bis ich sie in die Wüste schickte. Sechs Monate arbeitete ich daran, die Kraft zurück zu gewinnen und riss mir dabei verschiedentlich den Hintern auf. Zusätzlich waren die Hüften vom Liegen und Anprallen von Dekubitus-Geschwüren dekoriert. (2)
Mein Bruder war schwer krank. Ich wollte ihn besuchen und war unfähig zum Reisen. Ich hasste mich.

Dick arbeitete, nach dem sie mich frisch gepflastert hatte, im Salon. Es war gut so, denn auf diese Weise musste sie sich nicht den ganzen Tag lang mein gequältes Stöhnen anhören. Eine Schwierigkeit war, dass sie um fünf Uhr nachmittags kurzfristig zu abendlichen Sitzungen der Gemeinde aufgefordert wurde. Dort wurden Probleme nur gewälzt, nie gelöst. Anstelle feiner Häppchen gab es geisttötendes Palaver.
Sofern die Gemeinde keine dringenden Anliegen hatte, waren es Nachbarn und endlos die Familie, drei erwachsene Kinder, deren Kinder, Onkel, Tanten, am Häufigsten – die Mutter. Weitere Abwesenheiten waren Geburtstagsfeiern, Hochzeiten und unvermeidlich, unplanbar – Kremationen. Wenn Dick nach zehn bis vierzehn Stunden Abwesenheit ermüdet vom Tagewerk zurückkam, vergass sie die Einkäufe. Es gab kein Futter im Haus.
Mein Ziel war klar: Ich wollte dringend weg. Zwecks Umgehung der neunzig Tage Regel verreisten wir üblicherweise spätestens alle neunzig Tage. Nun war ich seit Januar gefangen, in meinem selbst gebauten Verlies. Ende August war es soweit, ich schaffte den Badezimmer-Transfer und reiste in die Schweiz. Mein Bruder verstarb am Tag der Abreise.2012 Haus  März Seit September suchten wir in Malaysia eine Unterkunft an der Wärme.
Auf Lankawi, Kuah, fasste ich Mitte Oktober einen überflüssigen Dünnpfiff. Der schwächte mich. Erneut fehlte die Kraft zum Stützen. Bei Transfers vom WC in den Rollstuhl riss ich wieder den Hintern auf. Ich war allein. Dick besuchte ihre Mutter in Chiang Mai und litt später an Dengue Fieber.
Meine Wunden eiterten. Dick war zur Stelle. Wattestäbchen, Betadine und sechs Meter Pflaster halfen etwas. Das Zeug ist zugeflickt, nicht ganz dicht, dafür immer noch schmerzhaft. Weil Dick nur dreissig Tage in Malaysia bleiben kann, pendeln wir zwischen Langkawi und Satun.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Steinway_%26_Sons
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Dekubitus

Nicht nur Kälte attackierte die Gelenke

Eine leichte Hose genügte im warmen Chiang Mai. Schweizer Sommer entsprechen ungefähr dem Winterwetter in Chiang Mai. Der grosse Unterschied ist, es regnet während dieser Zeit selten in Nordthailand. Hausarbeiten und Einkäufe erübrigten sich. In den Lokalen des Hotels und dessen Umgebung liess ich mich verwöhnen. Die Entlastung war spürbar. Der Arm besserte sich zusehends. Nach knapp drei Wochen reiste ich mit den ausgearbeiteten Plänen der perfekten Logik einer Vakuumpumpensteuerung im Gepäck zurück.
Ich war ahnungslos: Das war bloss der bösartige Beginn ein stetig fortschreitenden Einschränkung meiner Lebensqualität. Spätestens um Ostern stellte ich fest, der Arm blieb geschwächt. Nach wie bisher üblichen Stürzen auf den Boden, war es mir unmöglich, ohne Hilfsmittel wie Schemel oder Personen, zurück in den Rollstuhl zu gelangen. Abanok Die Anstrengungen lokaler Physiotherapeuten blieben erfolglos. Ich reiste auf meine Kosten nach Abano, Kärnten und Ungarn zu Kuren. Ich lag im heissen Heilschlamm und schwamm im Thermalwasser. Zwischen den Kuren, teilweise mit Kurschatten, arbeitete ich, entwickelte neue Einheiten mit hoch integrierten Schaltungen, wie multiplizierenden Digital-Analog-Konvertern und führte anfallende Reparaturen an bestehenden Geräten aus. Das war nicht immer ganz einfach, denn mittlerweile wurden achtzig Lötstellen pro Quadratzentimeter normal. Zittern war nicht erlaubt.
Einmal begleitete mich die Tochter nach Abano. Auf der Rückreise verletzte ich in einem malerischen Städtchen den überempfindlichen Arm erneut. Ich bat die Begleiterin, das Fahrzeug zu lenken. In der Nähe von Verona krachte es auf der Autobahn. Ein Lastwagen schleuderte einen Stein auf unsere Windschutzscheibe. Die junge Frau war geschockt und zitterte am ganzen Leib. Ausser einem Loch in der Scheibe war nichts zu sehen, Fahrerwechsel.

Zu Hause genossen wir feine Weine. Frühling, Sommer und Herbst waren mehr als erträglich. Den gemütlichen Gartensitzplatz unter Reben benutzte ich abends nie mehr.
Zwei weitere harte Winter quälten mich mit Kälte und Mehrbelastung der Gelenke durch das Anziehen dicker Schichten. Die Pein wurde arg. Am Arbeitsplatz konnte ich Aktenordner kaum den Schränken entnehmen. Die Feinmotorik der Hände war gestört. Lötarbeiten wurden unmöglich. Ich sass nutzlos herum und instruierte im Notfall freundliche Assistenten oder unseren stets hilfsbereiten Mechaniker. Mitte Januar sprach ich mit meinem Vorgesetzten:
„Meine Anstellung beträgt bloss noch fünfzig Prozent. Im Moment bin ich eine anwesende Abwesenheit. Ausser kreativen Ideen liefere ich nichts. Wenn ich mich jetzt an die Wärme absetze und dann in im Frühling und Sommer voll arbeite, könnte ich die Zeit leicht kompensieren. Beim Ausfall einer Maschine helfe ich gerne telefonisch, per Mail, oder fliege auf meine Kosten zurück. Für einige Tage wäre ich wahrscheinlich voll verfügbar.“
Der Chef nickte. Erschiessen konnte er mich nicht. Ich flog vollgepumpt mit Schmerzmitteln nach Chiang Mai, besuchte Ärzte, liess mir Physiotherapie verordnen und fand nach kurzer Zeit eine Unterkunft in einem Dorf an den Reisfeldern.
Die Wärme wirkte Wunder. Es ging aufwärts. In der Nähe meiner Wohnung fand ich, abseits vom Verkehr, ein Häuschen mit knapp sechzig Quadratmetern Wohnfläche. Ich wusste, der nächste Winter würde mich zurück in die Provinz Chiang Mai treiben. An Ostern unterschrieb ich den Kaufvertrag. Am Ostermontag flog ich wohlgemut zurück zur Arbeit, die ich vermisste. Den Geräten für Spurenanalysen im Bereich von mikro- bis pico-Gramm (10E-6 bis 10E-12 g) zur genauen Bestimmung von Isotopen-Verhältnissen galt mein voller Einsatz. HausOstern2002 Ich machte meine Rechnung ohne den gnadenlosen Wirt. Wahrscheinlich ist er mit dem Sensenmann verwandt. Im Juni wurde ich in der Nähe des Arbeitsortes durch das Fahrzeug eines schwatzenden, rückwärtsfahrenden Dozenten aus dem Rollstuhl auf die Strasse katapultiert. Das bedeutete das Ende meiner beruflichen Tätigkeit. Der Unfall beschädigte die linke Schulter und den Oberarm. Eine Operation war ausgeschlossen. Der Arm hätte nach dem Eingriff für mehrere Wochen ruhig gestellt werden müssen – Blasenentleerung, Stuhlgang und die restliche Muskulatur – ade! Unkontrollierbare Spasmen hätten die erfolgreiche Arbeit der besten Chirurgen in Sekundenbruchteilen zerstört. (1)
Als ich nach einigen sommerlichen Tagen abends im Bad Abkühlung suchte, genoss ich unfreiwillig zwölf Stunden Badewanne. Zuvor schimpfte ich über Langstreckenflüge. Dort wurden wenigstens Erfrischungen und warme Mahlzeiten angeboten. In der Wanne war der einzige Luxus heisses Wasser. Morgens um acht hörte meine Nachbarin meine Hilferufe und reagierte. Verdurstet wäre ich nicht.
Pflege und Betreuung waren Mangelware. Mitarbeiterinnen der Spitex halfen während der Woche täglich eine Stunde. Die Wochenenden hatte ich zur freien Verfügung. Später unterstützte mich eine nette Afrikanerin. Es dauerte Monate, bis ich die Reise nach Thailand antreten konnte. Im Häuschen an den Reisfeldern würden mich Ladies problemlos während vierundzwanzig Stunden betreuen.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Spastik

Erinnerungen – Kälte

Ein alter Egoist ist seit fünfzehn Jahren auf der Flucht aus seiner Heimat. Doch nicht genug. Vor drei Monaten ergriff er wieder geplanten Reissaus aus seinem bloss zehnjährigen Haus im Dorf an den Reisfeldern.
1964, nach sieben Jahren Krankenhaus, Abteilung Absonderung, bezog ich eine Mietwohnung. Die grosse, uneingeschränkte Freiheit war es nicht. Baden nach zweiundzwanzig Uhr war nicht gestattet. Rücksichtnahme auf die weiteren Mieter war vertraglich gefordert. Es drohte eigentlich jederzeit ein Rausschmiss. Uneingeschränkt war der grossartige Blick auf die Berner Altstadt mit der gotischen Kathedrale, dem Münster.
Meine Eltern zogen in zwanzig Jahren acht Mal um. Dem sinnlosen, wiederholten Ein- und Auspacken, wollte ich nicht ausgeliefert sein. Ich fand eine Baugrube auf dem Lande, in der Nähe von Äckern, Kühen, Jaucheduft, Wald, mit freier Sicht auf Gurten und Voralpen.
Dort pflanzte ich kurz danach Bäume, verwirklichte erfüllbare Träume und füllte im Laufe der Zeit leere Räume. Ähnlich wie uralte Vorfahren wurde ich zum Jäger und Sammler.
Für mein Weib jagte ich nach Nahrung. Im Winter verlangte ihr zarter Körper nach wärmenden Fellen. Ich erlegte keine zähnefletschenden Wölfe oder listige, langschwänzige Füchse. Als trippergefährderter Trapper stellte ich keine Biberfallen. Wozu gab es Kürschner? Als Dank für Verpflegung und Kleidung wurden mir zwei Kinder geschenkt.
Daneben sammelte ich, ich war kein vermögender Fürst mit eigenem Hoforchester – kein Mafioso mit eigener Big Band, Musikkonserven in allen denkbaren Formen. Die Wände des Hauses bedeckten Batikbilder aus Indonesien, Ölgemälde von den Bernern Lindi und Paolo, Holzschnitte von Freunden.
In Asien kauften wir alte Möbel, Skulpturen und Teppiche gegen die Kälte. Weil wir öfters reisten, teils beruflich, teils ferienhalber, ergab sich mit den Jahren eine beachtliche Büchersammlung mit Berichten von Ibn Battuta, (1) Kolumbus,
Sven Hedin, Richard Katz und Rene Gardi. Gardi, die Inhalte seiner Bücher stammten anfänglich aus Skandinavien, später aus den Regionen des Tschadsees, lebte in der Nähe des Spitals.
Nach der beglückenden Arbeit mit neuesten elektronischen Errungenschaften, verbrachte ich die Feierabende in einer erlesenen Sammlung ausgesuchter Objekte in der Gesellschaft der lieben Familie mit zwei lebhaften Kindern.fig Trotz Gold, Lammfell und Rotfuchs, dachte die offenbar enttäuschte Gattin an Scheidung. Sie wollte mehr: innerhalb eines Vierteljahres, ein grösseres Haus und einen sportlich aktiven, reichen Mann.
Der behinderte Schlucker hatte das Nachsehen. Als Anhänger der Lehre Buddhas lernte ich das Einsehen, mich an Verluste zu gewöhnen.
Zehn Jahre später erwischte mich die eidgenössische Kälte. Ich trug fünf Schichten Beinkleider und Moonboots an den Füssen. Es kostete mich annähernd drei Stunden schweisstreibende Arbeit, mich anzuziehen. Sobald ich sämtlichen Schichten trug und mich ins Auto setzen wollte, meldete sich die Harnblase: „Sir, pissen – dringend.“
Der Schöpfer versah mich nicht mit einem dreissig Zentimeter langen Schlauchwerk zur Notentwässerung. Ich strampelte mich also wegen einigen Kubikzentimetern Urin aus sämtlichen Schichten, nur um mich danach schweisstreibend und mühevoll wieder einzukleiden.
Der Beamte kam verspätet zur Arbeit. Da ich während der Mittagszeit im Labor blieb, wurde die verlorene Zeit kompensiert. Nach einigen Jahren fiel ich im Februar morgens vor dem Laboratorium auf Glatteis beim Transfer vom Auto in den Rollstuhl, schmerzhaft auf die Schnauze. Ein Bluterguss im linken Arm, vom Bereich Oberarm bis in die Hand, erschwerte mein Leben und speziell das Ankleiden. Deshalb flüchtete ich zur Genesung in das mir bekannte, sommerlich warme, Chiang Mai.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Ibn_Battuta

Technik stellt Regeln ins Abseits

Mein Grossvater hatte vor sechzig Jahren eine Kamera, ein optisches Wunderwerk.
Der Hinterteil entsprach ungefähr einem dicken, aufgedunsenem sechs Zoll Smartphone. Vorne war ein langer Faltenbalg, wie bei einer eine Ziehharmonika. Daran war eine Qualitätsoptik mit Compur-Zentralverschluss montiert. (1) Der Name hatte nichts mit Computer zu tun, sondern setzte sich aus den Begriffen Compound und Uhr zusammen.
Die Möglichkeit der Selfies von heute war bereits damals gegeben. Eine mechanische
Zeitverzögerung, ein kleines Uhrwerk, löste Aufnahmen verzögert aus. Einstellen, in den Aufnahmebereich hüpfen, lächeln und das Selfie mit Familie stand.
Heutige Smartphoneselfieenthusiasten laufen mit ein- bis zweimeterlangen Teleskopstangen um den Globus, um sich in jeder Gegend selbst zu beweisen, was man bequem mit Software wie Photoshop vom Schreibtisch aus erledigen könnte. Die lange Stangen-Hardware ist an sich sinnlos. Die meisten Smartphones haben einen elektronischen Selbstauslöser eingebaut. Als Stativ könnten Tische, Stühle, Mauern und leere Bier- oder Spirituosenflaschen dienen. Wer aus religiösen Gründen oder wegen Allergien weder Bier- noch anderes Glas berühren darf, könnte Aluminiumdosen, tote Katzen oder Steinbrocken verwenden. Die Steinbrocken sollten aus persönlichen Sicherheitsgründen nicht von antiken sakralen Bauwerken stammen.

Für meine ersten Reisen in den Osten oder nach Nordafrika erhielt ich Warnungen. Im Islam gilt ein Bilderverbot. Bedingt durch das islamische Bilderverbot entwickelte sich im vorderen Orient unter spätantikem Einfluss eine für die islamische Kunst typische, flächig stilisierte Ranke aus sich gabelnden Blättern, Arabesken oder Mauresken genannt. (2,3) Arabesken unterscheiden sich von Mauresken, von denen sie nicht immer eindeutig auseinandergehalten werden können, durch größere Naturnähe und geringeren Abstraktionsgrad. Sie füllen in schwingender Bewegung Felder gleichmäßig. Eindrucksvolle Arabesken fand ich in den Sälen der Alhambra in Granada.
Viele Menschen fürchten sich noch heute vor Fotografen. Sie denken, sie verlieren ein Stück Seele, sofern ein Bild geknipst würde. Steinwürfe waren und sind üblich, sofern Fremde mit Kameras hantieren. Compur- oder Schlitzverschluss unterscheiden die sich sträubenden Opfer nicht. In Afrika lernte ich, dass viele Menschen Abbildungen, wie Fotos, nicht erkannten. Einfache Strichzeichnungen dagegen identifizierten sie.

Wenn strenggläubige Menschen neuzeitliche Technik erwerben, dringen plötzlich Teufel in eine an sich abgeschirmte, heile Welt. In Smartphones sind bösartige Kameras eingebaut. Kopftuchtragende, tiefverhüllte Damen knipsen gedankenlos Bilder der Familien im Urlaub. Nicht nur das. Auch im intimen Rahmen der Familien wird eifrig fotografiert. Drei- oder vierjährige Knirpse bedienen diese amerikanischen Höllenmaschinen “Made in China“. Sofern sie bloss knipsen, ist bis morgens um sechs die Welt in Ordnung. Wenn diese Kinder dann in der Öffentlichkeit Bildchen anschauen, die das hochgeheime Liebesleben im häuslichen Harem zeigen, erblassen und erröten sogar abgebrühte, schielend zuschauende Pfadfinder. So mancher Schuss mit diesen Spielzeugen ist unbeabsichtigt und ging total daneben, wie das Beispiel zeigt.Daneben

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Compur-Verschluss
(1) http://www.kl-riess.dk/compur.html
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Bilderverbot_im_Islam
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Arabeske

Meine Langkawi SIM Karte

In den Bereichen von Rezeption und Bar bietet das Hotel gratis WIFI an. Im Zimmer wird es teuer. Pro Stunde kostet Surfen zehn Ringgit. Deshalb sind in Spitzenzeiten sämtliche Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum von Menschen mit Smartphones besetzt.
Meist junge Chinesinnen, das gefärbte Haar modisch geschnitten, plappern, spielen und fingern – in reizenden, neu erstandenen duftigen Röcken – mit den letzten technischen Wunderdingern. Sie setzen knallige Farbtupfer gegen dunkel verschleierten Muslimas. Mit ihrem Fleiss in den Ferienberichterstattungen, verunmöglichen sie einem alten Knacker, seine Beiträge fristgemäss auf WordPress zu publizieren.

Zum Preis von drei Stunden Hotelinternet, bieten mehrere Firmen dreissig Tage unbeschränkten Zugriff auf Ihre Netze an. Leider verkauft in Cenang niemand SIM Karten des führenden Anbieters in Malaysia. Sofern man glücklicherweise eine Karte besitzt, lässt sie sich beliebig aufladen.
Wir wanderten während Stunden und suchten einen Chip des gelben Anbieters. Gegen den Durst tranken wir Kokoswasser. Den Rum zur Veredelung des isotonischen Getränks führte Dick in ihrer Tasche spazieren. Ein junger Gast aus Neuseeland kratzte mit einem Schaber Fruchtfleisch aus seiner trockenen Nuss. Er fiel fast vom Hocker, als er meinem Bar-Girl beim Mischen der Flüssigkeiten zusah. Ich erklärte dem Neuseeländer, zu viel Isotonie würde monoton wirken.
Der braune Rum aus Barbados weckte mein Erinnerungsvermögen. Plötzlich wusste ich, wo das Geschäft mit dem Schriftzug auf gelbem Grund zu finden war. Im schummrigen Abendlicht kaufte ich meine SIM Karte. Ich bemerkte nicht, dass die gelbe Karte in Wirklichkeit orange war.
Im Hotel steckte ich die Karte in einen Dongle. Dann schaltete ich das Ultrabook ein.
Voilà, ich hatte Verbindung mit dem Internet, etwas langsam zwar. Dann entdeckte ich,
dass das Ding im Roaming-Verfahren über Thailand arbeitete. Rasch schaltete ich das Gerät aus und steckte die Karte in das Zenfone.
Das Aktivieren der SIM-Karte mit der angegebenen Telefonnummer funktionierte
nicht. Ich erhielt nur Fehlermeldungen und wusste nun, das Produkt war nicht vom gelben Anbieter.
Ich rief den Kundendienst per Telefon mit einer SIM Karte der Konkurrenz an. Der Mann sprach für teures Geld lange Zeit auf mich ein.
„Sie benötigen ein APN/AVN Setting!“
Er diktierte eine Seite Code. Ich wusste, eine falsche Zahl, Gross- anstatt Kleinschreibung, ein fehlender Beistrich – meine Eingaben würden nicht funktionieren. Ich bat den Herrn, mir doch ein Mail mit den Instruktionen zu senden. Er wollte nicht, er sträubte sich. Er murmelte: „Kundendienst, Verkaufsstelle“.
Wir besuchten den Laden. Der Internetspezialist an der Kasse war nicht erfreut über meine Reklamation. Ich war nicht der erste enttäuschte Kunde. Er versuchte sogleich, die Firma anzurufen. Es war Freitag. Niemand beantwortete das Telefon. Wir kauften Haarwaschmittel und einige Getränke. Die Getränke wurden uns geschenkt.Stilleben mit Bier Zurück im Hotel suchte ich im Internet die Mailadresse des Anbieters. Nach geraumer Zeit fand ich die gut getarnte Anschrift. Ich bat höflich um den Code des Instruktionssatzes. Am Montagnachmittag erhielt ich das gewünschte Email. Ich vertippte mich etwa eine halbe Stunde lang, dann stand die Verbindung. Smartphones sind für zarte Frauenhände, nicht für die zitternden Pranken eines alten Kranken.

Warum druckt die Firma ihre Werbung auf Format A4 Hochglanzpapier und hinterlässt bloss eine Telefonnummer wie *088.88.8#, die dann doch nicht funktioniert. Es hätte dort genug Platz für genaue Installationsanweisungen. Kundennähe fand ich ebenfalls auf der Homepage nicht.
Wir besuchten die freundlichen Menschen im Laden. Während ich die erfolgreiche Installation meldete, erledigte Dick einige Einkäufe. Wieder wurden Waren geschenkt.

Als Dick neulich einige Dosen Getränke besorgte, gab die Chefin eine Stange der dreieckigen Schokolade aus der Schweiz mit. Die guten Leute ruinieren sich und das Geschäft durch den Verkauf dieser SIM-Karten.

http://de.wikipedia.org/wiki/SIM-Karte